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Jin-Dynastie (1125–1234)

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(Weitergeleitet von Dschurdschen-Dynastie)

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Gebiet der Jin-Dynastie (blau) und Nachbarreiche, 1142

Die Jin-Dynastie (chinesisch {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), Pinyin {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) des 12. und 13. Jahrhunderts war eine chinesische Dynastie im Nordosten Chinas, die 1125 auf den Ruinen des Liao-Reiches der Kitan einen eigenen Staat gründete. Danach eroberten die Jin einen Teil des Song-Reichs, mit dem sie 1142 einen längerfristigen Friedensvertrag schlossen. Das Herrscherhaus der Jin gehörte zum Volk der Jurchen und wurde mit der Zeit immer stärker sinisiert. Ab 1211 wurde das Jin-Reich vom aufstrebenden Volk der Mongolen unter deren Herrscher Dschingis Khan angegriffen und 1234 endgültig ausgelöscht. Ein Teil der Jurchen wurde später zu Vorfahren der Mandschu. Diese bezeichneten ihre Dynastiegründung im frühen 17. Jahrhundert zunächst als Spätere Jin-Dynastie (1616–1636).

Geschichte[Bearbeiten]

Datei:Luohan.jpg
Marmorstatue eines buddhistischen Mönchs, Jin-Dynastie, 1180 n. Chr.

Gründung des Jin-Reichs[Bearbeiten]

Die Jurchen waren ein in der östlichen Mandschurei siedelndes Hirten- und Jägervolk. Sie waren Nomaden und werden in den chinesischen Quellen ab dem 10. Jahrhundert erwähnt. Sie sprachen einen tungusischen Dialekt. Anfangs waren sie Untertanen der Kitan, denen sie Tribute zahlen mussten. Um 1100 erlebten sie einen rasanten Aufstieg. Ihr nordöstlich der heutigen Stadt Harbin residierender Stammesfürst Aguda stammte aus dem Clan der Wanyan und gründete 1115 die Dynastie Jin (auch Kin, d. h. „Gold“). Angeblich sollte der Dynastiename auf den goldhaltigen Sand dieses mandschurischen Gebiets anspielen. Als erster Jin-Kaiser erhielt Aguda den Tempelnamen Taizu. Er befreite sein Volk aus der Tributpflicht gegenüber den Kitan, indem er deren durch ökonomische Probleme und innere Zwistigkeiten geschwächtes Reich durch erfolgreiche Angriffe immer mehr zusetzte. 1120 verbündete er sich mit der Song-Dynastie gegen die Kitan. 1122 eroberten Jurchen-Armeen Peking. Der zweite Jin-Kaiser Taizong ließ sein nun selbständig gewordenes Reich 1124 von der Westlichen Xia-Dynastie und 1126 von Korea als nordostasiatische Großmacht anerkennen.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 211; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 304 f.</ref>

Expansion gegen das Song-Reich[Bearbeiten]

Nach der Zerschlagung des Liao-Reichs 1125 wandte sich Kaiser Taizong gegen seine bisherigen Verbündeten, die Song, deren Schwäche er erkannte. Seine Streitkräfte fielen in den Provinzen Henan und Shandong ein. Zu Beginn des Jahres 1126 umstellten die Jin Kaifeng, die Hauptstadt der Song-Dynastie, zogen aber gegen große Zugeständnisse der Song-Regierung wieder ab. Bereits im Januar 1127 kehrten ihre Armeen zurück, eroberten Kaifeng, nahmen den abgedankten Song-Kaiser Huizong und dessen Sohn Qinzong, der neuer Herrscher geworden war, gefangen und verschleppten sie in die Mandschurei. Reiterheere der Jin stießen in weiterer Folge bis zum Jangtsekiang und nach Nord-Zhejiang vor. Sie verwüsteten in dieser Gegend viele Städte, eroberten 1129 Nanjing sowie Hangzhou und drangen 1130 bis Ningbo vor. Dann zogen sie sich aber ein Stück nach Norden zurück.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 207; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305 und 608.</ref>

Die Jin vertrauten nicht auf ihre eigene Begabung zur Verwaltung des von ihnen gegründeten Reichs, sondern schufen zuerst politische Gebilde, die von zu ihnen übergelaufenen ehemaligen chinesischen Beamten der Song regiert wurden. Zur Vorbeugung gegen Rebellionen überwachten eigens aufgestellte bewaffnete Einheiten der Jin die Einwohner. Diese von den Jin völlig abhängigen Marionettenstaaten wurden aber rasch wieder beseitigt. So stand Zhang Bangchang dem südlich des Gelben Flusses gelegenen Reich Chu vor, das nur kurze Zeit im Jahr 1127 existierte. Liu Yu beherrschte mit Unterstützung der Jin ab 1130 das sich über die Provinzen Shandong, Henan und Süd-Shanxi erstreckende Reich Qi, dem die Jin indessen bereits 1137 ein Ende setzten.<ref name=Gernet-305>Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305.</ref>

Inzwischen hatten Feldherren der Südlichen Song-Dynastie, insbesondere Yue Fei, teils erfolgreiche Gegenoffensiven unternommen. Unter dem seit 1135 regierenden Kaiser Xizong schlossen die Jin mit dem Song-Kaiser Gaozong 1138 eine vorläufige Friedensvereinbarung. Die Mongolen griffen 1139 das Jin-Reich an. Unter dem Einfluss des Kanzlers Qin Hui neigte Gaozong zu einer Appeasement-Politik gegen über den Jin. So kam es im Winter 1141/42 zur Einleitung neuer Friedensverhandlungen. Der 1142 abgeschlossene Vertrag war für die Song sehr unvorteilhaft; sie mussten hohen jährlichen Tributzahlungen zustimmen, den Huai-Fluss als Grenze zum Jin-Reich anerkennen und ihren Vasallen-Status gegenüber den Jin akzeptieren.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 213 f.; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305 und 609.</ref>

Konsolidierte Herrschaft über Nordchina[Bearbeiten]

Die Hauptstadt des Jin-Reiches, das knapp vor der Mitte des 12. Jahrhunderts seine endgültige Ausdehnung erreichte, war zunächst Huei-ing (Huining, 1125-1153) bei Harbin in der Mandschurei, heute Acheng.<ref name=Gernet-305/> Um das große Reich, dessen Bevölkerung zu über 80 % aus Chinesen bestand, effizienter regieren zu können, ersetzten die Jin unter ihrem Herrscher Xizong ihr traditionelles administratives System von den Kaiser in politischen Fragen beratenden Stammeshäuptlingen durch das chinesische Verwaltungssystem mit einer regulären Bürokratie. Im Januar 1150 wurde Kaiser Xizong durch eine von seinem Cousin, dem Kanzler Wanyan Liang, initiierte Hofintrige ermordet.<ref name=Theobald>Ulrich Theobald: Political History of the Jurchen Jin Empire, in: Chinaknowledge – An Encyclopedia on Chinese History and Literature.</ref>

Die Sinisierung des Jurchen-Adels beschleunigte sich, als der nunmehrige, despotisch regierende Kaiser Wanyan Liang die Hauptstadt 1153 nach Zhōngdū ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) – „mittlere Hauptstadt“), dem heutigen Peking, verlegte.<ref name=Gernet-306/> Der neue Herrscher hatte zu Beginn seiner Regierungszeit, um sich möglicher Konkurrenz zu entledigen, mehrere Söhne und Enkelsöhne des Kaisers Taizong hinrichten lassen und berief mehr Nicht-Jurchen in hohe Staatsämter, um zu großen Einfluss der kaiserlicher Prinzen zu verhindern. Auch reformierte er die Zentralregierung und die Militärführung.<ref name=Theobald/> 1154 wurde im Jin-Reich erstmals Papiergeld ausgegeben. 1159 bereitete Wanyan Liang eine Invasion des Reichs der Südlichen Song zu Land und Wasser vor. Allerdings kam es damals im Jin-Reich zu Aufständen der dort ansässigen Chinesen. Der Kaiser unternahm 1161 dennoch einen groß angelegten Feldzug gegen die Song. Kurzzeitig wurde auch die Hauptstadt nach Kaifeng verlegt. Jin-Truppen überschritten die Huai-Grenze und stießen an mehreren Stellen zum Jangtsekiang vor. Unter der persönlichen Führung des Kaisers griffen sie die Song-Hauptstadt Lin'an (heute Hangzhou) an. Doch in einem am Jangtsekiang stattfinden Seegefecht, der Schlacht von Caishi, erlitten sie im November 1161 eine schwere Niederlage gegen die Streitkräfte der Song. Daraufhin kam es zu einer Meuterei der Heeresführung, die zur Ermordung von Wanyan Liang führte.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 214 f.; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 609.</ref>

Sein Nachfolger, Kaiser Shizong (regierte 1161–1189), brach den Feldzug gegen das Song-Reich wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg ab und schlug einen unter Führung von Yila Wowo im Nordosten des Jin-Reichs ausgebrochenen Aufstand nieder. Er war ein friedliebender und kulturell aufgeschlossener Herrscher. 1165 kam ein neuer Vertrag mit den Song zustande, der eine 40-jährige Friedenszeit zwischen den beiden Reichen einläutete. Zwar blieb der Grenzverlauf gleich, doch erreichten die Verhandler des Song-Kaisers Xiaozong, dass dieser nicht mehr der – wenn auch nur formellen – Oberhoheit des Jin-Kaisers unterstand. Nun wurde auch wieder beträchtlicher Handel zwischen den beiden Staaten über konzessionierte Grenzmärkte getrieben, wobei die Jin u. a. Textilien, Tee, handwerkliche Produkte und Luxuswaren aus dem Song-Reich einführten.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 215 f.</ref>

Beunruhigt über die zunehmende Sinisierung des Jin-Adels versuchte Shizong, die Bräuche, Traditionen und Sprache der Jurchen neu zu beleben. Er ordnete die Sammlung von Jurchen-Liedern und -Tänzen an und ließ chinesische Klassiker in die Jurchen-Sprache übersetzen sowie die Hauptstadt vorübergehend nach Huining in der Mandschurei zurückverlegen. 1173 wurde es den Jurchen verboten, chinesische Namen anzunehmen. Gleichzeitig wurde ihnen vorgeschrieben, die Beamtenprüfungen in ihrer angestammten Sprache abzulegen. 1186 unternahm der Kaiser erneute Anstrengungen gegen die Sinisierung der Jurchen-Aristokratie.<ref>Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 306 und 610.</ref>

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Chengling-Pagode, Zhengding, Provinz Hebei, gebaut 1161–1189 n. Chr.
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Jade-Schmuck, Jin-Dynastie
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Hölzerne Bodhisattva-Statue, Jin-Dynastie

Während der Regierung von Kaiser Zhangzong (1189–1208) verlagerte der Gelbe Fluss 1194 seinen Lauf nach Süden, wodurch es zu verheerenden Überschwemmungen kam. Auch traten Dürren und Heuschreckenplagen auf. Trotz Aggressionen seitens der aufstrebenden Mongolen bemühten sich die Jin, ihre Gebiete in der Ostmongolei zu halten. Sie unternahmen gelegentlich Strafexpeditionen in die Mongolei und verstärkten ab 1192 die Große Mauer. Zudem rebellierten die im zentralen Jin-Reich lebenden Kitan wiederholt. 1202 erließen die Jin einen neuen Strafkodex, den Taihe lüling.<ref>Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305 f. und 611.</ref>

Auf Initiative des einflussreichen Kanzlers Han Tuozhou griffen Heere der Song 1206 das Jin-Reich an, erzielten aber nur geringe Anfangserfolge. Die Jin gingen rasch zum Gegenangriff über und konnten das Blatt wenden, zumal der Song-Provinzkommandeur von Sichuan, Wu Xi, zu ihnen überging. Aber auch Kaiser Zhangzong neigte zu Friedensverhandlungen, da ihm durch das nun unter Dschingis Khan geeinte Mongolenreich eine gefährliche gegnerische Militärmacht erwachsen war. Nach der Ermordung von Han Tuozhou infolge eines Offiziersputschs im November 1207 kam im folgenden Jahr ein neuer Friedensvertrag zustande, der zwar den bisherigen Grenzverlauf gleichließ, die Song aber zu höheren Geld- und Warenlieferungen sowie zur Entrichtung einer Kriegsentschädigung nötigte.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 216; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 611.</ref> Die erhöhten Ausgaben infolge der Naturkatastrophen und Kriege führten zu wirtschaftlichen Problemen im Jin-Reich. Trotzdem war die Jurchen-Herrschaft am Vorabend des Mongolensturms äußerlich stabil. Nur innerlich sah man die Unzuverlässigkeit des Heeres, das zu einem Viertel aus Söldnern aus der Steppe bestand.

Niedergang durch den Mongolensturm[Bearbeiten]

1211 überwand Dschingis Khan mit seinem Heer kampflos die Große Mauer, fiel ins Jin-Reich ein, eroberte das Kernland der Jin, die Mandschurei, und brach in offenem Gelände rasch jeglichen Widerstand. Ab Herbst 1213 belagerte er Zhōngdū. In Verhandlungen erreichte der Jin-Kaiser Xuanzong, der nach der Ermordung seines Vorgängers Wanyan Yongji (September 1213) an die Macht gekommen war, dass die Mongolen gegen die Zahlung eines hohen Tributs im Mai 1214 wieder abzogen. Da Xuanzong daraufhin die Hauptstadt in das geschütztere Kaifeng verlegte, belagerten die Mongolen Zhōngdū erneut, zwangen die ausgehungerten Einwohner im Mai 1215 zur Kapitulation und massakrierten zahlreiche von ihnen.<ref>Reinhold Neumann-Hoditz: Dschingis Khan. 3. Auflage, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-50345-X, S. 76–79.</ref>

Durch die Erschütterung der Macht der Jin infolge des Mongoleneinfalls konnten sich in Shandong lokale Revolten ausbreiten. Der aus einer Familie von Lederfabrikanten stammende Yang Anguo, Vorsteher eines Dorfs in Ost-Shandong, plünderte 1213/14 Städte im Osten der Shandong-Halbinsel und ernannte sich im Sommer 1214 zum „Kaiser“ einer kleinen Küstenstadt. Der Aufstand wurde vom Jin-General Pusan Anchen im Spätherbst 1214 niedergeschlagen und Yang Anguo Anfang 1215 auf der Flucht getötet. Pusan Anchen besiegte 1215 auch zwei weitere Rebellenführer in Zentral-Shandong, doch die Unruhen in dieser Provinz hielten an. Die in ihrem jeweiligen Eigeninteresse handelnden Aufständischen führten in unzugänglichen Gebirgsregionen der Halbinsel einen Guerilla-Krieg und schlossen sich um 1215 zur Rebellengruppe der Rotjacken zusammen. 1217 verhinderte eine verheerende Überschwemmung des Gelben Flusses ein militärisches Eingreifen der Jin. Dies versuchte die Song-Regierung zu ihrem Gunsten auszunützen und bot den Rotjacken materielle Unterstützung an. Sie ernannte den Rebellenführer Li Quan 1218 zum Präfekten von Shandong, der aber unabhängig agierte. Bis 1219 hatte die Jin-Regierung die Kontrolle über Ost-Shandong völlig verloren.<ref>Herbert Franke: The Chin Dynasty, in: Denis C. Twitchett, John King Fairbank, Herbert Franke (Hrsg.): The Cambridge History of China, Bd. 6: Alien Regimes and Border States, 907–1368. Cambridge University Press, 1994, ISBN 978-0-521-24331-5, S. 215–320, hier: S. 256 f.</ref>

Kaifeng war die letzte Hauptstadt der Jin. Sie verbündeten sich 1224 mit Kaiser Xianzong von der Westlichen Xia-Dynastie gegen die Mongolen. Eine darauffolgende Strafexpedition Dschingis Khans bewirkte 1227 den Untergang der Xia-Dynastie. Während der Regierung des Jin-Kaisers Aizong begann ab 1230 ein neuer Einfall der Mongolen unter der Führung von Ögedei Khan, dem Sohn und Nachfolger des inzwischen verstorbenen Dschingis Khans. Aizong floh aus Kaifeng, ehe diese Stadt sich im Mai 1233 den mongolischen Belagerern ergeben musste. Der Kaiser flüchtete in der Provinz Henan von einer Stadt zur nächsten, bis die verbündeten Armeen der Mongolen und Südlichen Song ihn in Caizhou umzingelten und angriffen. Mit dem Selbstmord Aizongs im Februar 1234 endete die Herrschaft der Jin-Dynastie.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 223; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 306.</ref>

Bevölkerungsstruktur; Verwaltung, Wirtschaft[Bearbeiten]

Im Jin-Reich stellten die Jurchen das privilegierte Herrschervolk dar. Gegenüber den rund 50 Millionen Chinesen waren sie deutlich in der Minderzahl. Nach dem Zensus von 1183 machten die Chinesen etwa 85 % der Gesamtbevölkerung des Jin-Reichs aus, während zu den übrigen 15 % neben den Jurchen u. a. auch Kitan und Koreaner gehörten. An die Stelle der alten Stammesorganisation der Jurchen trat die weitgehende Übernahme der bürokratischen Verwaltungsstruktur der Song-Dynastie. Die höchste administrative Ebene bildeten die Sechs Ministerien, die den verschiedenen Ebenen der Provinzialverwaltung vorstanden. Bei den Beamtenprüfungen waren ethnische Jurchen durch das Erbrecht bevorzugt. Auf dem Gebiet des Militärs waren die Jurchen in Hundert- und Tausendschaften organisiert; diese Gliederung erstreckte sich bis zu einem gewissen Grad auch auf den zivilen Bereich. Wie bei den Kitan gab es im Jin-Reich mehrere Hauptstädte: Huining („Obere Hauptstadt“), in der bis 1153 der Kaiserhof residierte, Liaoyang („Östliche Hauptstadt“), Zhōngdū („Mittlere Hauptstadt“, das heutige Peking), das seit 1153 die Residenzstadt des Kaiserhofs war, und Kaifeng („Südliche Hauptstadt“), wo sich der Kaiserhof zuletzt ab 1214 niederließ.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 211 f.; Kai Vogelsang: Geschichte Chinas, Reclam Verlag, 7. Auflage, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-15-010933-5, S. 336.</ref>

Die Jurchen passten sich rasch an die chinesische Kultur an. Die Anwesenheit der sinisierten Kitan und der großen Anzahl an Chinesen im Jin-Reich begünstigte zudem dieses Vordringen des chinesischen Einflusses. Die erwähnte Verlegung der Residenz nach Zhōngdū, einem rein chinesischen Gebiet, beschleunigte die Sinisierung des Jurchen-Adels weiter. Nur die weiterhin in der Mandschurei siedelnden „rohen“ Jurchen blieben weitgehend bei ihrer eigenen Kultur und Sitte. Indessen verarmten viele der im Jin-Reich siedelnden, wirtschaftlich unerfahrenen Jurchen-Familien. Im Gegensatz zur ökonomischen Blüte in Süd- und Mittelchina unter der Südlichen Song-Dynastie war das Jin-Reich nämlich relativ arm. Hier existierten wenige Bodenschätze, und die chinesischen Bauern litten unter den regelmäßigen Überschwemmungen des Gelben Flusses. Wegen des Metallmangels wurde das Papiergeld als Zahlungsmittel verwendet; ein solches Währungssystem war aber selbst in einer prosperierenden Volkswirtschaft wie jener im Song-Reich nicht unproblematisch.<ref>Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 212; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 306.</ref>

Schrift; Literatur[Bearbeiten]

Laut der Geschichte der Jin wurde für die Sprache der Jurchen 1119 oder 1120 auf Anweisung des ersten Jin-Kaisers Taizu eine eigene Schrift in „großen Zeichen“, wohl in Nachahmung der Schrift der Kitan, geschaffen. 1138 kreierte der dritte Jin-Kaiser Xizong die „kleine Jurchen-Schrift“, die indessen erst 1145 offiziell verwendet wurde.<ref name=Gernet-306>Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 306.</ref> Allerdings sind alle noch vorhandenen Beispiele der Jurchen-Schrift, u. a. Inschriften, im Wesentlichen in derselben Schrift verfasst, die der Großschrift der Kitan ähnelt. So scheinen sich keine Manuskripte und Inschriften in der Kleinschrift der Jurchen erhalten zu haben.

Die meisten der in der Jurchen-Schrift verfassten Werke waren Übersetzungen chinesischer Bücher, u. a. geschichtlicher Schriften sowie konfuzianischer Klassier wie dem Lunyu. So wurden 1164 die chinesischen Dynastiegeschichten in die Jurchen-Sprache übertragen. Die Gelehrten der Jin betrachteten sich als Erben bedeutender Literaten der Nördlichen Song-Dynastie wie Sima Guang; über 5500 Gedichte von nahezu 400 Autoren sind aus der Jin-Ära tradiert. Insbesondere erfreute sich jedoch umgangssprachliche Volks- und Unterhaltungsliteratur großer Beliebtheit. So waren Burlesken, die Tanz und Musik beinhalteten, und satirische Balladen mit musikalischen und erzählerischen Einlagen populär.<ref name=Vogelsang-337>Kai Vogelsang: Geschichte Chinas, 2021, S. 337.</ref>

Religionspolitik[Bearbeiten]

Die Jin-Dynastie übte eine tolerante Religionspolitik aus und sah sich als Bewahrerin der chinesischen Tradition. Es gab beispielsweise staatliche Förderungen für die zum Buddhismus gehörigen, schon unter der Nördlichen Song-Dynastie maßgeblichen Schulen des Chan und Jingtu. Von 1148 bis 1173 wurde im Jin-Reich der gesamte buddhistische Kanon auf Chinesisch gedruckt. Eine jüdische Gemeinde etablierte sich in Kaifeng und errichtete hier 1163 eine Synagoge. Auch der Daoismus blühte während der Jin-Ära in Nordchina auf. Vertreter des Quanzhen-Daoismus lehrten Techniken der Askese und Meditation zur Erlangung himmlischer Reinheit.<ref name=Vogelsang-337/>

Kaiser der Jin-Dynastie (1125–1234)[Bearbeiten]

Tempelname Posthumer Titel Geburtsname Regierungszeit Regierungsdevisen
Taizu 太祖 Wanyan Aguda ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1115–1123 Shōuguó 收國 1115–1116
Tiānfǔ 天輔 1117–1123
Taizong 太宗 Wanyan Wuqimai ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) oder
Wanyan Sheng ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value))<ref>Lt. Xiàndài Hànyǔ cídiǎn 现代汉语词典 (Beijing, Shāngwù yìnshūguǎn 商务印书馆 1996), ISBN 7-100-01777-7, S. 1705 wird das Schriftzeichen 晟 hier nicht chéng, sondern shèng ausgesprochen.</ref>
1123–1134 Tiānhuì 天會 1123–1134
Xizong 熙宗 Wanyan Hela ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) oder
Wanyan Dan ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value))
1135–1150 Tiānhuì 天會 1135–1138
Tiānjuàn 天眷 1138–1141
Huángtǒng 皇統 1141–1150
— Hailing Wang ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) Wanyan Liang ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1150–1161 Tiāndé 天德 1150–1153
Zhènyuán 貞元 1153–1156
Zhènglóng 正隆 1156–1161
Shizong 世宗 Wanyan Yong ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1161–1189 Dàdìng 大定 1161–1189
Zhangzong 章宗 Wanyan Jing ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1189–1208 Míngchāng 明昌 1190–1196
Chéng'ān 承安 1196–1200
Tàihé 泰和 1200–1208
— Weishao Wang ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) oder
Weiwang ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value))
Wanyan Yongji ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1209–1213 Dà'ān 大安 1209–1212
Chóngqìng 崇慶 1212–1213
Zhìníng 至寧 1213
Xuanzong 宣宗 Wanyan Xun ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1213–1223 Zhēnyòu 貞祐 1213–1217
Xīngdìng 興定 1217–1222
Yuánguāng 元光 1222–1223
Aizong 哀宗 Wanyan Shouxu ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1224–1234 Zhèngdà 正大 1224–1232
Kāixīng 開興 1232
Tiānxīng 天興1232–1234
— Modi 末帝 Wanyan Chenglin ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value), {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value)) 1234 —

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich. (= Fischer Weltgeschichte, Band 19). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993 (Originalausgabe 1968), ISBN 3-596-60019-7, S. 211 ff.
  • Jacques Gernet: Die chinesische Welt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988 (französische Originalausgabe Paris 1972), ISBN 3-518-38005-2, S. 304 ff.
  • Frederick W. Mote: Imperial China. 900–1800. Harvard University Press, Cambridge MA u. a. 1999, ISBN 0-674-44515-5.
  • Ann Paludan: Chronicle of the China Emperors. Thames & Hudson, London 1998, ISBN 0-500-05090-2.
  • Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. C. H. Beck, München, 2008, ISBN 978-3-406-57066-7.
  • Jing-shen Tao: The Jurchen in Twelfth-Century China. A Study of Sinicization (= Publications on Asia of the Institute for Comparative and Foreign Area Studies. 29). University of Washington Press, Seattle WA u. a. 1976, ISBN 0-295-95514-7 (Publications on Asia of the Institute for Comparative and Foreign Area Studies, 29).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />

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