Andrew Holleran
Andrew Holleran (* 1944<ref name="Manivong" /> auf Aruba, gebürtig Eric Garber) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der als bekannter Vertreter der schwulen post-stonewall-Literatur gilt.
Leben[Bearbeiten]
Eric Garber alias Andrew Holleran wuchs auf den Karibikinseln Aruba und Curaçao auf, wo sein Vater in der Ölindustrie arbeitete.<ref name="Manivong">Mark Manivong: Andrew Holleran and the Violet Quill | Bibliomania. In: The Library of Congress. 4. Oktober 2024, abgerufen am 2. September 2025.</ref> 1965 schloss er an der Harvard University einen Bachelor in den Fächern Literatur und Amerikanische Geschichte ab,<ref>The Men of Lamont. In: The Harvard Crimson. Abgerufen am 3. September 2022.</ref> Anschließend studierte er Kreatives Schreiben an der University of Iowa, unter anderem bei Peter Taylor und Kurt Vonnegut, und erwarb dort einen Master. Ein anschließendes Jurastudium an der University of Pennsylvania unterbrach er für seinen Militärdienst. Er war in der Nähe von Ludwigshafen stationiert.<ref name=":0">Andrew Holleran interviewed by Don Shewey in 1983. Abgerufen am 3. September 2022.</ref> In der Zeit des Militärdienstes in Westdeutschland hatte er nach eigenen Angaben seine erste sexuelle Erfahrung mit einem Mann. 1971 gelang es ihm, eine erste Kurzgeschichte unter dem Titel The Holy Family im The New Yorker zu publizieren.<ref name="Manivong" />
Nach dem endgültigen Abbruch seines Jurastudiums zog Garber in den frühen 1970er-Jahre nach New York, wo sich nach Stonewall eine starke schwule Subkultur entwickelt hatte.<ref name="Manivong" /> Dort hegte er weitere literarische Ambitionen, musste sich aber einige Jahre auch mit Gelegenheitsjobs finanzieren. In New York gehörte er in den 1970ern und 1980ern zum sogenannten Violet Quill, einer siebenköpfigen homosexuellen Autorengruppe, die sich regelmäßig traf und gegenseitig ihre Werke diskutierte. Zum Violet Quill gehörten neben ihm die Schriftsteller Edmund White, Felice Picano, Christopher Cox, Robert Ferro, Michael Grumley und George Whitmore.<ref name=":1">Joshua Barone: Andrew Holleran’s Work Has Traced the Arc of Life. Now, He Takes on Death. In: The New York Times. 5. Juni 2022, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 3. September 2022]).</ref><ref name="Manivong" /><ref name="Manivong" /> Seit den Todesfällen von Picano und White im Jahr 2025 ist Holleran der letzte Überlebende der Schriftstellergruppe.
Für sein Schreiben wählte Garber das Pseudonym Andrew Holleran, da seine Eltern zum Zeitpunkt seiner ersten Veröffentlichungen in den 1970er-Jahren in einer konservativen Kleinstadt in den Südstaaten lebten und er diesen keine Unannehmlichkeiten bereiten wollte.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Sein 1978 veröffentlichtes Romandebüt Tänzer der Nacht (Originaltitel Dancer from the Dance) wurde ein Überraschungserfolg und gilt heute als Klassiker der schwulen Literatur.<ref name=":1" /> Seither veröffentlichte er vier weitere Romane sowie eine Kurzgeschichtensammlung und einen Essayband. Zudem publizierte er einige Kurzgeschichten in Kollektionen wie M2M:New Literary Fiction sowie fortlaufend Artikel (darunter Essays und Rezensionen) in der Zeitschrift The Gay and Lesbian Review.
Als seine Mutter nach einem Sturz pflegebedürftig wurde, zog Holleran 1983 zu ihr nach Florida und betreute sie längere Zeit bis zu ihrem Tod. Ab 2001 war er für einige Jahre als Dozent für Kreatives Schreiben an der American University in Washington tätig.<ref>Adam Mazmanian: Rites of Survivorship. In: Washington City Paper. 16. Juni 2006, abgerufen am 2. September 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Heute lebt Holleran in einer Kleinstadt nahe Gainesville, Florida, in dem Haus, das seine verstorbenen Eltern 1961 gekauft hatten.<ref name=":1" /><ref>Tom Kingston: The Kingdom of Sand. In: Granta. 28. April 2022 (granta.com [abgerufen am 22. Juli 2026]).</ref>
Werk[Bearbeiten]
In Hollerans Debütroman Tänzer in der Nacht zieht die Hauptfigur Malone nach New York und lernt die schwulen Diskotheken von New York City und Fire Island kennen, wobei sich die Charaktere des Romans in dem hedonistischen Nachtleben mit Sex, Partys und Drogen gleichermaßen entfalten als auch schlussendlich verlieren. Einige Sujets wie auch der Stil des Werkes wurden häufiger mit F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby verglichen.<ref>Andrew Schopp: The Gay Great Gatsby: Andrew Holleran’s Dancer from the Dance and the Dismantling of Normative Cultural Frames. In: Lit: Literature Interpretation Theory. Band 27, Nr. 2, 2. April 2016, ISSN 1043-6928, S. 153–171 (tandfonline.com [abgerufen am 3. September 2022]).</ref> So schrieb Edmund White, Tänzer in der Nacht „hat für die 1970er Jahre das geleistet, was Der große Gatsby für die 1920er Jahre geleistet hat – die Glamourisierung eines Jahrzehnts und einer Kultur“.<ref>The Party's Over. In: The New York Times. 1999, abgerufen am 26. Mai 2026.</ref> Für Tony Kushner handelt Tänzer in der Nacht wie Der große Gatsby über Verlust und eine Welt, die bereits im Verschwinden begriffen sei – ein Zeitporträt der oft hedonistischen schwulen Kultur New Yorks zwischen Stonewall und AIDS. Ähnlich wie Gatsby zeigt Tänzer in der Nacht laut Kushner die Selbsterfindung von Menschen, die versuchen, ihre Vergangenheit mit ihren Schwierigkeiten hinter sich zu lassen und zu verbergen – in diesem Fall Schwule nach ihrem Coming-out.<ref name=":1" /> Holleran selbst beschrieb den Roman als kritische, wenn auch nicht unversöhnliche Satire über von Vergnügen und Ästhetik bestimmte Leben.<ref>Ali Glatow: Interview: Dancer from the Dance Author Andrew Holleran. In: RedBullMusicAcademy. Abgerufen am 22. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Hollerans zweiter Roman Nights in Aruba von 1983 ist – wie große Teile seines Werkes – autobiografisch geprägt<ref name="Manivong" /> und erzählt von schwuler Selbstfindung, Erwachsenwerden und Familienbindungen. Autobiografische Elemente prägen auch Hollerans spätere Romane infolge an die AIDS-Krise, die in melancholischer und leiser, aber nicht humorbefreiter Weise Themen wie Einsamkeit, Trauer, Altern und Sterblichkeit aufgreifen. Sein dritter Roman The Beauty of Men von 1996 erzählt von einem schwulen Mann mittleren Alters, der auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise aus New York weggezogen ist, um seine Mutter im ländlichen Florida zu pflegen. Seine Liebe zu einem jüngeren Mann bleibt unerwidert und führt zum Reflektieren über das eigene Altern. In dem Folgeroman Grief: a Novel aus dem Jahr 2006, der überwiegend in der Bundeshauptstadt Washington spielt, muss die Hauptfigur den Tod ihrer Eltern verarbeiten. In Hollerans fünftem Roman The Kingdom of Sand von 2022 lebt die schwule Hauptfigur zurückgezogen im Haus ihrer verstorbenen Eltern im ländlichen Florida und stellt sich der eigenen Sterblichkeit, als sein einziger enger Freund vor todkrank wird.<ref>The Kingdom of Sand. In: Macmillan. Abgerufen am 3. September 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Garth Greenwell schrieb 2022 im The New Yorker, dass sich nach dem romanhaften Debüt Tänzer in der Nacht die vier weiteren Romane Hollerans „am besten als eine umfassende Studie über das Leben eines Mannes lesen lassen“:
- „Auch wenn den Protagonisten manchmal andere Namen gegeben werden … sind die wesentlichen Fakten ihrer Biografien weitgehend identisch und werden mit dem Autor geteilt: eine streng katholische Kindheit auf einer Karibikinsel; Militärdienst und Einführung in das schwule Leben in Heidelberg; das junge Erwachsenenalter in New York, wo die Verheißung sexueller Freiheit mit der Angst konkurrierte, sein Leben möglicherweise zu verschwenden; dann ein größtenteils im Verborgenen gelebtes Leben in einer Kleinstadt, die Pflege eines behinderten Elternteils und die erdrückende Trauer nach dessen Tod. Ereignisse, Szenen, ja sogar Dialogzeilen tauchen in den Büchern immer wieder auf, und bestimmte Ereignisse erhalten eine symbolische Kraft: der Selbstmord eines Mitbewohners; ein Vater, der nach einem Schlaganfall um Hilfe ruft; eine Mutter, die ihren erwachsenen Sohn fragt, ob er schwul sei, und die panische Verleugnung des Sohnes.“<ref>Garth Greenwell: Andrew Holleran Chronicles Life After Catastrophe. In: The New Yorker. 6. Juni 2022, ISSN 0028-792X (newyorker.com [abgerufen am 26. Mai 2026]).</ref>
Vor allem in seinen Kurzgeschichten, die unter anderem 1999 in dem Band In September, The Light Changes erschienen, kehrt Holleran aber auch in andere Erzählperspektiven zurück. Beginnend mit dem Essay Nipples von 1980 trat er als Sachautor regelmäßig mit Essays, Rezensionen und Artikeln in Erscheinung. In der Essaysammlung Ground Zero setzte Holleran sich 1988 mit den Auswirkungen der AIDS-Krise auseinander.
Holleran selbst benannte Fitzgerald, Marcel Proust<ref name=":0" /> und Henry James<ref>Garth Greenwell: “Chronicle of a Plague, Revisited” and the Inner Life of Catastrophe. In: The New Yorker. 15. April 2020, ISSN 0028-792X (newyorker.com [abgerufen am 26. Mai 2026]).</ref> als größte Einflüsse auf sein Schreiben.
Rezeption[Bearbeiten]
Larry Kramer kritisierte 2015 stellvertretend für den amerikanischen literarischen Mainstream die New York Times. Viele große amerikanische Medien und Zeitungshäuser würden Hollerans Werk zu wenig beachten, was seiner Meinung nach Ausdruck einer „glühenden, omnipräsenten Homophobie“ ist. Zugleich lobte Kramer Holleran ausdrücklich:
- „Die Schönheit seiner Sprache, das Einfühlungsvermögen für seine Figuren und die Welt, über die er schreibt, sind von keinem anderen schwulen Autor unserer Zeit übertroffen … Er ist unser Fitzgerald und Hemingway, mit einem Unterschied: Er schreibt besser als beide.“<ref>Larry Kramer: Sour Times. In: Medium. 21. Oktober 2015, abgerufen am 26. Mai 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
2022 schrieb Joshua Barone für die New York Times ein längeres Porträt über Holleran und sein Werk, in dem er auch die Kritik von Kramer einband und weitere lobende Stimmen prominenter Schriftsteller und Kritiker aufzählt.<ref name=":1" />
Auszeichnungen[Bearbeiten]
1996 wurde The Beauty of Men mit dem Ferro-Grumley Award ausgezeichnet. 2007 erhielt Holleran den Stonewall Book Award für Grief: a Novel. Im selben Jahr erhielt er außerdem den Bill Whitehead Award der LGTB-Literaturorganisation Publishing Triangle für sein Lebenswerk als Autor.
Werke[Bearbeiten]
Romane[Bearbeiten]
- Dancer from the Dance (1978), Roman. ISBN 978-1-5291-1076-0.
- dt.: Tänzer der Nacht, Gmünder Verlag, Berlin 1985 (Neuauflagen 1997 bei Gmünder und 2011 bei Bruno Books). ISBN 3-86187-302-8. Übersetzt von Christian von Maltzahn.
- Nights in Aruba (1983), Roman. ISBN 978-0-06-093734-8,
- Nächte auf Aruba, Knaur, München 1986. ISBN 3-426-01363-0. Übersetzt von Christian von Maltzahn.
- The Beauty of Men (1996), Roman. ISBN 978-0-688-04857-0.
- Grief: a Novel (2006), Roman. ISBN 978-1-4013-0250-4.
- The Kingdom of Sand (2022), Roman. Verlag Jonathan Cape, ISBN 978-1-78733-404-5.
Weitere Werke (Auswahl)[Bearbeiten]
- The Holy Family, Kurzgeschichte und erste Veröffentlichung (The New Yorker vom 2. Januar 1971).
- Ground Zero (1988), Essaysammlung. ISBN 978-0-688-07557-6.
- In September, The Light Changes (1999), Sammlung von Kurzgeschichten. ISBN 978-0-7868-6461-4.
- Chronicle of a Plague, Revisited: AIDS and Its Aftermath (2008), Neuauflage von Ground Zero mit zehn zusätzlichen Essays und einer neuen Einleitung, 2008. ISBN 978-0-7867-2039-2.
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Andrew Holleran im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Interview mit Andrew Holleran von Paul Morton ( vom 1. November 2020 im Internet Archive), Bookslut, März 2007
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Holleran, Andrew |
| ALTERNATIVNAMEN | Garber, Eric (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Autor |
| GEBURTSDATUM | 1944 |
| GEBURTSORT | Aruba |
- Wikipedia:Seite mit Skriptfehlern
- Seiten mit TemplateStyles-Fehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Autor
- Literatur (20. Jahrhundert)
- Literatur (Englisch)
- Literatur (Vereinigte Staaten)
- Homosexualität in der Literatur
- Homosexualität in den Vereinigten Staaten
- Träger des Stonewall Book Award
- US-Amerikaner
- Geboren 1944
- Mann