Finkenmanöver im Harz


Das Finkenmanöver im Harz ist ein seit dem 15. Jahrhundert überliefertes Brauchtum, bei dem Buchfinken in einem Wettbewerb antreten, damit der schönste oder längste Vogelgesang prämiert werden kann. Heute findet das Finkenmanöver noch in acht Orten des Harzes statt. Es wurde 2014 von der deutschen UNESCO-Kommission als Immaterielles Kulturerbe in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.<ref name="unesco">Finkenmanöver im Harz. In: www.unesco.de. Abgerufen am 25. November 2015.</ref>
Geschichte[Bearbeiten]
Im deutschsprachigen Raum lassen sich bis ins 15. Jahrhundert Aufzeichnungen finden, welche die Haltung, Pflege, Aufzucht und die Gesangsschulung von Finken beschreiben. Aus Thüringen gibt es Überlieferungen, dass einst äußerst gut „schlagende“ Buchfinken im Gegenwert einer Kuh gehandelt wurden.<ref>Ernst Perzina: Vogelhandel und -Liebhaberei in Wien. In: Ornithologische Monatsschrift, Jahrgang 16 (1891): 455 - 465. (PDF 1,6 MB)</ref> In Deutschland fand im Jahr 2008 der letzte Gesangswettbewerb von Finken außerhalb des Harzes statt. 2014 pflegten noch 50 Personen, die sich in Vereinen organisiert haben, in acht unterschiedlichen Orten des Harzes das Brauchtum. Die Orte liegen in den Bundesländern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Ähnliche Wettbewerbe gibt es in Nordfrankreich, Holland und Belgien.<ref name="unesco" />
2011 schlossen sich die Vereinsgruppen „Südniedersachsen-Oberharz“ und „Buchfinken Ostharz“ zur „Buchfinkengilde Harz“ zusammen. In diesem Jahr fanden Wettbewerbe in Wieda, Altenau, Hasselfelde, Sankt Andreasberg, Thale, Hohegeiß, Benneckenstein und Tanne statt.<ref name="Volksstimme">Burkhard Falkner: Buchfinkengilde Harz gegründet – sie vereint Vogelfreunde aus Ost und West. In: www.volksstimme.de. Magdeburger Verlags- und Druckhaus, 16. Mai 2011, abgerufen am 15. November 2015.</ref> 2014 wurde das Finkenmanöver von der Landesregierung Sachsen-Anhalts zur Aufnahme in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit vorgeschlagen<ref>Dieter Spormann: Finkenwettstreit im Fokus der UNESCO. In: benneckenstein-im-harz.de. 9. Mai 2014, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 16. Dezember 2015; abgerufen am 6. Januar 2016.</ref> und im selben Jahr von der UNESCO aufgenommen.<ref name="unesco" />
Das Brauchtum, das auch während der DDR-Zeit ausgeübt wurde, fand beispielsweise in Thale bis 2003 in mindestens 135 Jahren statt.<ref name="Mitteldeutsche Zeitung ">Detlef Anders: Nach 51 Schlägen zum König gekrönt. In: Mitteldeutsche Zeitung. Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung, 9. Juni 2003, abgerufen am 27. Mai 2021.</ref>
Training und Ablauf des Wettbewerbs[Bearbeiten]
Ein Wettbewerb wird mit der Schönheitsklasse und der Kampfklasse in zwei verschiedenen Disziplinen ausgetragen, wobei in der Kampfklasse noch einmal zwischen der Starkklasse und dem Distanzsingen unterschieden wird. Nur männliche Buchfinken erkennen und erlernen Gesänge. Ausgetragen werden die Wettbewerbe in den Monaten April, Mai und Juni.<ref name="unesco" /> In Niedersachsen sind die Wettbewerbe durch einen Erlass der Landesregierung geregelt, der Bezug nimmt auf die Statuten der Buchfinkengilde.<ref>Tierschutz; Buchfinkengesangswettbewerbe im Oberharz. RdErl. d. ML v. 2.11.2004 – 204.1-42507/89-5 (E) – VORIS 78530. In: Niedersächsisches Ministerialblatt Nr. 39. 2. November 2004, S. 848, abgerufen am 6. Januar 2016.</ref> Die Wettkampfkäfige müssen dabei 50 cm lang, 30 cm breit und 40 cm hoch sein. In Niedersachsen beginnen die Wettbewerbe um 7:30 Uhr und in Sachsen-Anhalt um 6:00 Uhr morgens.<ref name="Volksstimme" /> Im Wettbewerb wird das Territorialverhalten der Buchfinken genutzt, da diese durch Gesang ihr Revier verteidigen.<ref name="Mitteldeutsche Zeitung " />
Schönheitsklasse[Bearbeiten]
Für das Schönheitssingen werden einem jungen Finken durch Lehrfinken oder Tonträger verschiedene vorbestimmte Gesänge vorgetragen, von denen dieser in der Regel zwei bis drei lernen kann, die er dann, solange er lebt, behält und wiederholt. Das Training ist schwierig und zeitaufwendig.<ref name="unesco" />
Im Wettbewerb wird dann das jeweilige Gesangsstück auf seine Vollständigkeit ohne Auslassung von Teilen der Eingangssilben, des Übergangs, des Mittelteils oder des Ausklangs bewertet. Die Sauberkeit des Gesangs und die richtige Tonlage aller Gesangsteile gehen während des vorgegebenen Zeitraums von Minuten in die Bewertung ein. Diese erfolgt anhand eines Punkteschemas, bei dem der Buchfink mit der höchsten Punktzahl gewinnt.<ref name="unesco" />
Kampfklasse[Bearbeiten]
Das Training für diese Klasse wird auf Freiflächen in der Natur oder im Wald während eines mehrwöchigen Zeitraums durchgeführt.<ref name="unesco" />
In der Unterklasse Distanzsingen werden im Wettbewerb die mit einem weißen Tuch bedeckten Käfige in einer Reihe auf einer aus Brettern erstellten 1,60 m hohen Ablage im Abstand von einem Meter abgestellt. Nach dem Startkommando werden die ausgesungenen Gesänge, die als „Finkenschlag“ bezeichnet werden, während einer halben Stunde gezählt. Gewinner ist der Besitzer des Buchfinks mit den meisten Gesängen. Dies können innerhalb der Wettkampfzeit bis zu 300 sein.<ref name="unesco" />
Beim Starksingen dürfen nur Tiere teilnehmen, die in den vorherigen drei Jahren gute Ergebnisse im Distanzsingen erzielt hatten, da dieses die Vögel stärker fordert. Dabei werden die Käfige im Abstand von einem Meter auf dem Boden abgestellt. Nach fünf Minuten werden Finken, die nicht mehr singen, aus dem Wettkampf genommen und scheiden aus, während die restlichen in einem engeren Kreis zusammengestellt werden. Dies wird fünfmal wiederholt, wobei der Abstand der Käfige zueinander jeweils verringert wird. Im letzten Kreis beträgt der Käfigabstand nur noch wenige Zentimeter und die voll ausgesungenen Gesänge werden gezählt. Sieger wird der Besitzer des Finken mit den meisten Gesängen.<ref name="unesco" /> Beim Wettbewerb in Thale hatte der Sieger in verschiedenen Jahren zwischen 20 und 71 Gesänge vorgetragen.<ref name="Mitteldeutsche Zeitung " />
Kontroversen[Bearbeiten]
Im MDR-Nachrichtenmagazin Exakt wurde Teilnehmern des Finkenmanövers vorgeworfen, bewusst Tiere von einem Wilderer zu kaufen. Die Vogelschutzrichtlinie untersagt das Fangen wildlebender Vögel.<ref>Sendung vom 19. August 2015 (noch bis zum 18. August 2016 abrufbar in der Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.ARD-Mediathek ( vom 25. November 2015 im Internet Archive))</ref> Die Tierschutzorganisation „Vogelschutz-Komitee“ wirft den Teilnehmern einen dauerhaften bewussten Gesetzesverstoß vor, da sich nach deren Aussage Buchfinken in Gefangenschaft nicht züchten lassen.<ref>Das Lügengespinst der Buchfinkenquäler. In: www.vogelschutz-komitee.de. Abgerufen am 25. November 2015.</ref>
Von Mitgliedern der Tierrechtsbewegung wurde zwischen 1994 und 2000 versucht, verschiedene Veranstaltungen durch Lärm zu stören oder zu verhindern. Dabei wurden von den Protestierenden mehrfach polizeiliche Auflagen missachtet.<ref>Tierquälerei aus Tradition – Von Gänsereiterei, Finkenmanövern und Zweifeln an der menschlichen Intelligenz. In: tierbefreiung.de. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 25. November 2015; abgerufen am 25. November 2015.</ref>
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Lutz Wille, Dieter Spormann (Hrsg.): Buchfink und Mensch. Geschichte der Finkenliebhaberei im Harz. 3. Auflage. Buchfinkgilde Harz, Altenau 2015, ISBN 978-3-00-048280-9.
- Friedel Knolle: Mensch und Vogel im Harz. Piepersche Druckerei und Verlagsanstalt, Clausthal-Zellerfeld 1980, DNB 810960230.
Weblinks[Bearbeiten]
- Finkenmanöver im Harz auf musikland-sachsenanhalt.de
- Video: Finkenmanöver im West-Harz. Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) 1991, zur Verfügung gestellt von der Technischen Informationsbibliothek (TIB), doi:10.3203/IWF/C-1787.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Internationale Verzeichnisse:
Repräsentative Liste: Genossenschaft (2016) | Falknerei (2016) | Orgelbau und Orgelmusik (2017) | Blaudruck (2018) | Flößerei (2022) | Moderner Tanz (2022) | Hebammenwesen (2023) | Bewässerung (2023) | Glasproduktion (2023)
Gute Praxisbeispiele: Bauhüttenwesen (2020)
Mündliche Überlieferungen, Sprache: Deutsche Gebärdensprache | Märchenerzählen | Poetry Slams | Rattenfänger von Hameln
Darstellende Künste, Musik: Choralsingen | Chormusik in deutschen Amateurchören | Demoszene | Instrumentales Laien- und Amateurmusizieren | Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung | Moderner Tanz | Mundarttheater in Deutschland | Niederdeutsches Theater | Oberammergauer Passionsspiele | Papiertheater | Posaunenchöre | Sächsische Knabenchöre: Thomanerchor, Kreuzchor, Dresdner Kapellknaben | Steigerlied | Sternsingen | Theater- und Orchesterlandschaft Deutschlands | Volkstanzbewegung | Zwiefacher
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Gute Praxisbeispiele: Amateurmusikpflege in Baden-Württemberg | Bauhüttenwesen | Bewahrung und Förderung von Kultur, Vielfalt und Qualität regionaler Spezialitäten in Oberfranken | Erforschung und Dokumentation von Flur- und Hausnamen in Bayern | Hochalpine Allgäuer Alpwirtschaftskultur in Bad Hindelang | Manufakturelle Schmuckproduktion | Pfingsttanz in Mansfelder Grund-Helbra