Naive Kunst
Naive Kunst ist einerseits eine Sammelbezeichnung für künstlerische Arbeiten von nicht künstlerisch ausgebildeten Personen (Autodidakten) aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und unterschiedlichem Bildungshintergrund, vorwiegend in der Malerei (authentische Naive Kunst).
Andererseits wird mit Naive Kunst eine moderne Kunstrichtung der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart beschrieben, unabhängig davon, ob der Ausübende künstlerisch ausgebildet ist oder nicht und unabhängig davon, ob eine eigene künstlerische Handschrift erkennbar ist oder nicht, denn die Gestaltungen sind hier bisweilen stereotyp in bewusst kindlicher Darstellungsweise ausgeführt, also „im naiven Stil“, oft unter besonderer Betonung von Details. Hierdurch entsteht mitunter ein Wimmelbild-artiger Charakter.<ref>Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann; beyars.com</ref>
Definition[Bearbeiten]
Künstlertypus[Bearbeiten]
Die Frage, was Naive Kunst ist und welche Merkmale einen authentisch-naiven Künstler charakterisieren, wird von der Bödeker-Gesellschaft wie folgt beantwortet: Authentisch-naive Kunst hat entgegen ihrer Erscheinung kaum etwas mit Klischeevorstellungen wie „heiter“, „bunt“, „unbeschwert“ oder „problemlos“ gemeinsam. Der authentisch-naive Künstler arbeitet fast immer in der Isolation, isoliert nicht allein von der Kunstwelt. Oftmals waren es Randfiguren – Sonderlinge, Analphabeten, Nichtsesshafte – gewesen, wie z. B. der Landarbeiter, Jahrmarktsgehilfe und Tierwärter Carl Christian Thegen, der sich 1955 bei einem Sturz vom Heuboden das Genick brach und von der Öffentlichkeit unbemerkt beigesetzt wurde, obwohl sein Name in der Kunstwelt durchaus schon bekannt war.
Auch vereint der Begriff „Naive Kunst“ eine Vielzahl sehr individueller Äußerungen strukturell und ausdrucksmäßig heterogener Typen in sich, denen nach Thomas Grochowiak gemeinsam ist, dass sie „[...] in gleichsam franziskanischer Begnadung mit einer sorglosen und unerschütterlichen Selbstverständlichkeit so lebten und leben, wie sie malen: In beneidenswert genialer Einfalt, unbefangen, von geradezu kindlicher Unschuld und Gläubigkeit, mit verblüffendem Instinkt, dabei unangefochten von intellektuellen Einflüssen und immun gegen jegliche Verunsicherung. Bei ihnen ist alles im vollen Umfang identisch und in sich stimmend: Lebensphilosophie, Bewusstsein und Verhalten, Interpretation und Ausdrucksweise, insbesondere die technisch-unkomplizierte, vereinfachende, ja – gemessen an akademisch geschulter Malerei darf man es so nennen – primitive Darstellungsform.“ Und so ist das Schaffen der authentisch-Naiven im wirklichen Sinne des lateinischen Wortes „nativus“ = angeboren, instinktiv, natürlich, ursprünglich zu verstehen, also weit entfernt von allem, was mit Schulung, Kursen, Ausbildung und Reflexion zu tun hat.<ref>http://www.boedeker-gesellschaft.de/?seite=kunst</ref>
Motive und Malstil[Bearbeiten]
Charakteristisch für die Naive Kunst ist die Unbedarftheit in der Themenwahl der Künstler. Bei den Darstellungen handelt es sich häufig um die Wiedergabe der persönlichen Wunschträume des Kunstschaffenden, welche oft die so genannte „heile Welt“ widerspiegeln. Die Gestaltungen sind meist naturalistisch und nicht abstrakt. Charakteristisch sind ihre Detailfreudigkeit, eine harmonische Farbigkeit sowie eine gewisse künstlerische Ungeschicklichkeit bei der Ausführung wie das häufige Fehlen oder Nichteinhalten von Perspektive, anatomischer Proportionen und anderer Größenverhältnisse.<ref>beyars.com - Das große Kunstlexikon von P.W. Hartmann</ref><ref>https://www.suedwestgalerie.de/kunstlexikon/kunstgeschichte/naive-malerei#kunstgeschichte</ref>
Begriffsabgrenzung[Bearbeiten]
Der Begriff „Naive Kunst“ steht in Konkurrenz zu Begriffen wie Art brut, Outsider Art und Zustandsgebundene Kunst psychisch Kranker, die sich – wenn auch aus jeweils etwas anderer Perspektive – ebenfalls auf Bildwerke von Autodidakten beziehen. Bei der Bezeichnung „Naive Kunst“ liegt der Akzent stärker auf der Darstellungsweise, auf formalen und thematischen Gesichtspunkten, während bei den drei anderen Begriffen die soziale Stellung der Künstler oder ihr geistiger Zustand ausschlaggebend sind. Eine klare Abgrenzung der genannten Begriffe ist aber kaum möglich; die meisten Bilder von Autodidakten lassen sich mehreren dieser Kategorien zuordnen. Für die Begriffsdefinition ist es zudem unerheblich, ob die künstlerische Produktion beruflich erfolgte, d. h. zu einer (teilweisen) Finanzierung des Lebensunterhalts diente, ob sie gewissermaßen eine Freizeitbeschäftigung darstellte oder auch eine therapeutische Funktion erfüllte.
Der Tradition nach mit dem ländlich-bäuerlichen Lebensraum verhaftete Motive werden gewöhnlich der Volkskunst zugeordnet.<ref>Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann; beyars.com</ref> Die naive Kunst steht zwar wie die Volkskunst außerhalb der kunsthistorischen Stilrichtungen und Epochen, sie ist im Unterschied zu deren kollektiven Formen aber völlig durch die Individualität des Künstlers geprägt.<ref>https://www.suedwestgalerie.de/kunstlexikon/kunstgeschichte/naive-malerei#kunstgeschichte</ref>
Wortherkunft[Bearbeiten]
Das Adjektiv „naiv“ hat neben seiner abwertenden Übersetzung einfältig, töricht die neutrale bis positive Bedeutung natürlich, kindlich, unbefangen, arglos, treuherzig und ist als Entlehnung im 17. Jahrhundert von gleichbedeutend französisch „naïf“ (gebürtig, ursprünglich, natürlich, echt) entstanden, welches auf lateinisch „nātīvus“ (durch Geburt entstanden, angeboren, natürlich) beruht.
In der Literaturkritik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist „naiv“ besonders im Sinne von natürlich, ursprünglich, ungezwungen, ungekünstelt gebräuchlich (bei Schiller im Gegensatz zu „sentimentalisch“ (i.e. bewußt, reflektierend).<ref>https://www.dwds.de/wb/naiv</ref> Den Begriff „Naive Kunst“ benutzte 1928 erstmalig Wilhelm Uhde, als er in der Ausstellung Maler des heiligen Herzens mehrere Vertreter dieser Kunstrichtung vereinte. Es ist kaum vorstellbar, dass er als Förderer dieser Kunstrichtung mit dieser Bezeichnung eine negative Konnotation im Sinne hatte.
Geschichte[Bearbeiten]
Ursprünge und frühe Phase[Bearbeiten]
Da die Naive Kunst erst mit dem Aufkommen moderner Strömungen des 20. Jahrhunderts Beachtung fand, lassen sich ihre historischen Ursprünge schwer rekonstruieren. Eine ältere Tradition hat die naive Malerei in den USA und Kanada, wo sie aus der Malerei von Wanderkünstlern entstand, die sich der Porträtmalerei widmeten. In dieser Tradition der Volksmaler stand der bis 1849 lebende Quäker-Laienprediger Edward Hicks, dessen Lieblingsthema die friedliche Eintracht von Mensch und Tier, das sogenannte „Peaceable Kingdom“ („Das Königreich des Friedens“) darstellte.<ref>https://www.suedwestgalerie.de/kunstlexikon/kunstgeschichte/naive-malerei#kunstgeschichte</ref> Ab der Wende zum 20. Jahrhundert wurden erste Vertreter und Ausdrucksformen der Naiven Kunst in Paris von modernen Künstlern entdeckt, so 1885 der Zollangestellte Henri Rousseau durch Paul Signac und Maximilien Luce<ref>http://www.boedeker-gesellschaft.de/?seite=kunst</ref>, später durch Kunstkenner, wie dem Kunsthändler und Galeristen Wilhelm Uhde, so der seit 1889 künstlerisch tätige Postbeamte Louis Vivin, 1912 die Putzfrau Séraphine Louis, 1915 der Zirkusathlet Camille Bombois und 1927 der Gärtner André Bauchant.
Entwicklung seit den späten 20er Jahren[Bearbeiten]
1928 benutzte Wilhelm Uhde zum ersten Mal den Begriff „Naive Kunst“, als er in der Ausstellung Maler des heiligen Herzens Künstler wie Henri Rousseau, Louis Vivin, Séraphine Louis, Camille Bombois oder André Bauchant vereinte. Auch förderte Uhde den bekannten deutschen Autodidakten Adalbert Trillhaase (1858–1936). Der Erfurter Kaufmann und Maler wurde in der NS-Zeit als entartet gebrandmarkt und durfte nicht mehr ausstellen. Von Trillhaase stammt eines der wichtigsten Bilder: Der barmherzige Samariter. Die Predigt am See oder Die Verspottung Christi sind aber auch Bilder, in denen sich einfache, schicksalhafte Augenblicke für den einzelnen Menschen widerspiegeln. Trillhaase gilt heute als ein bedeutender autodidaktischer Maler in Deutschland. Er starb 1936 in Niederdollendorf (heute Stadtteil von Königswinter). Hier erinnert noch der Name des Parks Trillhaase, in dem einst seine Villa (1959 abgebrannt) stand, an den bedeutenden Künstler.
Die Naive Kunst erlangte große Bekanntheit mit einer umfangreichen Wanderausstellung, die 1937 unter dem Titel Maîtres populaires de la réalités (dt. Die populären Meister der Realität) in der Salle Royale, Paris – zeitlich parallel zur Weltfachausstellung Paris 1937<ref>Welche Moderne? In: Kunstsammlungen Chemnitz. Abgerufen am 21. Oktober 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> –, und im Kunsthaus Zürich zu sehen war und 1938 als Masters of Popular Painting in der Galerie Arthur Tooths & Sons, London, sowie dem Museum of Modern Art in New York.
Naive Kunst in Osteuropa[Bearbeiten]
Im Russischen Reich war der georgische Maler um die Jahrhundertwende Niko Pirosmani aktiv, dessen Werk erst nach seinem Tod 1918 eine grössere Bekanntheit erfuhr. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die jugoslawische volkstümliche Malerei im naiven Stil, insbesondere die aus Serbien, aus dem Ort Kovačica, große Popularität.<ref>Hamburger Abendblatt - Hamburg: Die Dörfer der malenden Bauern und Fischer. (abendblatt.de [abgerufen am 20. Dezember 2017]).</ref><ref>Ruth Dirx: „Wenn ich auf dem Feld arbeite, sehe ich so viele Bilder“: Malen - ein aufregendes Spiel. In: Die Zeit. 21. November 2012, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. Dezember 2017]).</ref> Es wurden verschiedene Bildbände in mehreren Sprachen veröffentlicht, und es fanden zahlreiche internationale Ausstellungen, u. a. in Zusammenarbeit mit der UNESCO, statt.<ref>Exhibition | Slovak naive painting in Serbia. 28. November 2014, abgerufen am 20. Dezember 2017.</ref> Erwähnenswerte Künstler sind zum Beispiel Zuzana Chalupová, Martin Jonaš, Jan Sokol, Zuzana Vereski und Ana Knjazović-Mijailović. Bilder von Zuzana Halupova wurden auch auf Grußkarten der UNICEF gedruckt und fanden in diversen Projekten Verwendung.<ref>In memorijam Zuzana Halupova" | Lokal | 92.1 Info. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 22. Dezember 2017; abgerufen am 11. Januar 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Kovačica - Svaka kuća atelje. Abgerufen am 8. August 2018 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Noch heute gilt Kovačica als zentraler Ort der Volkskunst im naiven Stil.<ref>Fenomen kovačičkog slikarstva istrajava - Hlas ljudu. In: Hlas ljudu. 6. Mai 2015 (hl.rs [abgerufen am 8. August 2018]).</ref> Unter anderem kauften Lady Di und Montserrat Caballé Bilder von Künstlern aus Kovačica.<ref>MOJE SLIKE KUPOVALA JE PRINCEZA DAJANA: Ispovest naše slikarke iz Kovačice! (FOTO) (VIDEO). Abgerufen am 8. August 2018 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Abgesehen von Ölgemälden werden auch andere Kunstgegenstände in Kovačica angefertigt, wie kunstvoll bemalte getrocknete Kürbisse und handgearbeitete Püppchen.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Archivierte Kopie ( vom 4. März 2016 im Internet Archive)</ref> Im Ort gibt es die Galerija Naivne Umetnosti, welche ihre Ausstellung monatlich wechselt.<ref>https://www.naivnaumetnost.com/</ref><ref>Glassrbije.org. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 22. Dezember 2017; abgerufen am 11. Januar 2022.</ref> Ein weiterer für diese Kunstgattung bekannter Ort in Serbien ist Jagodina. Die Exponate des ortsansässigen Museums wurden schon einige Male international ausgestellt. Ein bekannter Vertreter der Naiven Kunst aus Jagodina ist Janko Brašić.<ref>Srpska naivna umetnost na Malti | Kancelarija za saradnju sa dijasporom. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 22. Dezember 2017; abgerufen am 11. Januar 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
In Kroatien gilt Ivan Generalić gilt als der bekannteste Künstler dieser Stilrichtung. In Bulgarien ist es Radi Nedelchev. In Polen wurde der gehörlose Maler Nikifor 1949 im Alter von 56 Jahren spät entdeckt.
Weitere Vertreter[Bearbeiten]
In Italien erreichten die Künstler Orneore Metelli und Antonio Ligabue Bekanntheit. Grandma Moses und Bill Traylor sind die bekanntesten US-amerikanischen autodidaktischen Maler. Für die Bundesrepublik sind Erich Bödeker als Naiver Bildhauer bzw. Josef Wittlich und Minna Ennulat als signifikante Vertreter der authentischen Naiven Malerei zu nennen, für die (ehemalige) DDR "Albert Ebert und Erna Roder. In Österreich existierte die kurzlebige Künstlerinnengruppe die Gruppe "Salzburger Naive", welche im naiven Stil malte. Im Arabischen Raum war Ibrahim Ghannam ein Pionier des Malen im n aiven Stil.
Rezeption und Kritik[Bearbeiten]
In der jüngeren Vergangenheit wird von einigen Autoren eine zunehmend kritische Sicht auf die von diesen als diskriminierend empfundenen Begriffe (z. B. „Naive Kunst“, „Outsider Art“, „Laien- und Sonntagsmaler“) sowie die Trennung von nicht-akademischer und akademischer Kunst vertreten. Die Kunsthistorikerin Susanne Pfeffer führte dazu aus, dass es keine Entscheidung, sondern Bestimmung sei, Künstler zu sein. Jedoch seien einzig Herkunft, Geschlecht oder Klassenzugehörigkeit entscheidend dafür, ob jemand Kunst studieren könne und daher auch gesellschaftlich als Künstler anerkannt werde. Zudem werde Kunst, die nicht im anerkannten System stattfindet, meist von diesem abgelehnt. Aufgrund der Definitionshoheit, die beim System und nicht bei den Künstlern liege, würde eine Terminologie verwendet, die ausschließend sei und nicht auf Inklusion abziele.<ref>Susanne Pfeffer: Künstler*in sein. In: Susanne Zander (Hrsg.): 26 Künstler*innen. Arbeiten aus der Sammlung Zander. Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, Köln 2023, ISBN 978-3-7533-0380-2, S. 355.</ref>
Das Kunstkritikerehepaar Jerry Saltz und Roberta Smith tritt dafür ein, die Trennung von „Outsider Art“ und einer institutionalisierten, offiziellen Kunst aufzuheben und nicht-akademische Kunst in die Sammlungspräsentationen der großen Museen zu inkludieren. Sie fordern, dass autodidaktische Künstler in den akademischen Kunstkanon aufgenommen werden sollten, da durch ihren Ausschluss die Kunstgeschichte falsch erzählt werde.<ref>Jerry Saltz, New York’s senior art critic: Jerry Saltz on the Outsider Art Fair — and Why There’s No Such Thing As ‘Outsider’ Art. 1. Februar 2013, abgerufen am 5. Juni 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Roberta Smith: Curator, Tear Down These Walls. In: The New York Times. 31. Januar 2013, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 5. Juni 2025]).</ref>
Hinsichtlich der Wirkungsgeschichte Naiver Kunst zeigten das Sprengel Museum Hannover und die Kunstsammlungen Chemnitz in den Jahren 2023 und 2024 die Ausstellung Welche Moderne? In- und Outsider der Avantgarde, mit der Absicht die Betrachtung „naiver“ Künstler als „Outsider“ zu korrigieren und ihre engen Verbindungen zur Avantgarde aufzuzeigen.<ref>Frédéric Bußmann, Reinhard Spieler: Welche Moderne? In: Frédéric Bußmann, Reinhard Spieler (Hrsg.): Welche Moderne? In- und Outsider der Avantgarde. Distanz Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-95476-575-1, S. 15.</ref> Die Kuratoren der Ausstellung wiesen darauf hin, dass die Naive Kunst ein gleichberechtigtes Stilphänomen und Teil der Moderne war. Naive Künstler folgten ihrem eigenen Stil, beeinflussten dabei andere Künstler und wurden von anderen Künstlern beeinflusst.<ref>Les maîtres populaires de la réalité. In: Frédéric Bußmann, Reinhard Spieler (Hrsg.): Welche Moderne? In- und Outsider der Avantgarde. Distanz Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-95476-575-1, S. 51.</ref>
In Bezug auf eine ähnliche gelagerte Ausstellung im Essener Folkwang-Museum setzt Till Briegleb bereits 2015 einen Kontrapunkt gegen solche, als Vereinnahmung der Naiven Kunst durch den offiziellen Kunstbetrieb empfundenen Positionen. Er spricht hier von einer "[...] Thesenschau, die eines der hartnäckigsten Definitionsprobleme der modernen Kunstgeschichte behandelt: Was unterscheidet - vor allem nach der Abkehr von der akademischen Malerei Anfang des 20. Jahrhunderts - den Profi vom Amateur, die bewusste Reduktion von der vermeintlichen Unbeholfenheit, die hohe Kunst von der naiven Malerei? Und warum war es nach dem Bruch mit den Qualitätskriterien einer "realistischen" Abbildungskunst, der ab circa 1905 zu radikaler Abstraktion und Reduktion führte, so nötig, einen weiteren Bruch [i.e. Unterscheidung] zu den sogenannten "Primitiven" zu setzen? [Schon] diese wurden zwar als Inspiration, aber nicht als gleichrangige Künstler geschätzt. Spätestens seit die Pariser Maler der frühen Moderne im Trocadéro afrikanische Masken studierten, [...] diskutiert die Kunstwelt diese Werthierarchie zwischen erhabenen und instinktiven Ausdrucksformen. Und dabei wurde mit erstaunlicher Konsequenz immer wieder jene Kunst aus dem Kanon der Moderne aussortiert, die als intellektuell minderwertig galt. Als "Naive Malerei", "Volkskunst", "Art brut", "Dilettanten-" oder "Outsider-Kunst" bezeichnen seit über hundert Jahren Kritiker, Kuratoren und Ausstellungen jene Werke zweiter Klasse, die von Zöllnern, Psychiatriepatienten, schriftlosen Völkern oder Exzentrikern der arbeitenden Bevölkerung hergestellt wurden - bis irgendeine mies gelaunte Emanzipationsbewegung auf die Abschaffung dieser diskriminierenden Vokabeln drängt, so dass eine neue für die gefühlte Unterscheidung gefunden werden muss. [...]
„Warum soll man diese ganzen widerspenstigen Positionen des Eigensinns überhaupt in den Kanon der Moderne eingliedern, wo sie doch so offensichtlich in Opposition zu deren Dogmen standen? Wäre ihnen nicht viel größere Wertschätzung entgegengebracht, wenn man ihre Dissidenz zu den Behauptungen von intellektueller Überlegenheit [...]betont [...]? [Denn] wenn irgendetwas all die hier präsentierten Ausdrucksformen verbindet, dann ist es eine Kritik an der Avantgarde, an der herrschenden Moderne und ihren ausführenden Mächten, sowie eine große Sehnsucht nach der sinnlichen, versponnenen Welt, in welcher der Verstand nicht immer recht hat. Wenn man diese Meister wirklich aus der Vergessenheit reißen möchte, dann wären sie als Feinde des rationalen Kanons [...] sehr viel besser für die Unsterblichkeit nominiert.“<ref>https://www.sueddeutsche.de/kultur/moderne-kunst-wie-man-eigensinn-eingemeindet-1.2676190</ref>
Museen (Auswahl)[Bearbeiten]
Belgien[Bearbeiten]
- Musée d’Art Spontané in Brüssel<ref>Website des Musée d’Art Spontané</ref>
- Art et Marges Musée in Brüssel<ref>Website des Art et Marges Musée</ref>
- Trinkhall Museum in Lüttich<ref>Website des Trinkhall Museum</ref>
Brasilien[Bearbeiten]
- Museu do Sol in Penápolis
- Museo Internacional de Arte Naïf de Brazil in Cosme Velho, Rio de Janeiro<ref>Website des Museo Internacional de Arte Naïf de Brazil</ref>
- Galeria Jacques Ardies in São Paulo<ref>Website der Galeria Jacques Ardies</ref>
Deutschland[Bearbeiten]
- Sammlung Zander in Köln
- Sammlung naiver Kunst im Vestischen Museum in Recklinghausen (seit seiner Schließung eingelagert)
- Abteilung für naive Kunst im Clemens Sels Museum Neuss in Neuss
- Sammlungsbereich zur naiven Kunst im Museum Europäischer Kulturen in Berlin
- Sammlung polnischer naiver Kunst (Sammlung Hans-Joachim und Christina Orth) in der Gemälde- und Skulpturensammlung der Stadt Nürnberg (als Dauerleihgabe bei den Berliner Museen)
- Museum Haus Cajeth in Heidelberg<ref>Website des Museum Haus Cajeth</ref>
Frankreich[Bearbeiten]
- Musée International d’Art Naïf Anatole Jakovsky in Nizza<ref>Website des Musée International d’Art Naïf Anatole Jakovsky</ref>
- Halle Saint Pierre in Paris
- Musée d’art naïf de Vicq en Île-de-France in Vicq<ref>Website des Musée d’art naïf de Vicq en Île-de-France</ref>
- Musée d’Art naïf et d’Arts singuliers in der Burg Laval in Laval
- Musée municipal d’Art Naïf et Populaires in Noyer-sur-Serein
- LaM – Lille Métropole, musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut in Villeneuve-d’Ascq
- M.A.N. Musée d’Art Naif in Béraut
Israel[Bearbeiten]
- GINA – Gallery of International Naïve Art in Tel Aviv<ref>Website der Gallery of International Naïve Art (gina)</ref>
Italien[Bearbeiten]
- Museo Nazionale delle Arti NaÏves Cesare Zavattini in Luzzara
Kanada[Bearbeiten]
- Le Musée International d’Art Naïf in Magog<ref>Website des Musée international d’art naïf de Magog</ref>
Kroatien[Bearbeiten]
- Kroatisches Museum für Naive Kunst in Zagreb
- Galerija naivne umjetnosti in Hlebine<ref>Website der Galerija naivne umjetnosti</ref>
Polen[Bearbeiten]
- Galerie d’Art Naif in Krakau<ref>Website der Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Galerie d’Art Naif ( vom 28. Dezember 2008 im Internet Archive)</ref>
Portugal[Bearbeiten]
- Museu De Arte Primitiva Moderna in Guimarães
Russland[Bearbeiten]
- Museum für russisches Lubok und naive Kunst (Музей русского лубка и наивного искусства) in Moskau<ref>Museum für russisches Lubok und naive Kunst auf der Website www.russianmuseums.info</ref>
Schweiz[Bearbeiten]
Serbien[Bearbeiten]
- Museum für naive Kunst und Grenzkunst (Muzej Naivne i Marginalne Umetnosti) in Jagodina<ref>Website des Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Muzej Naivne i Marginalne Umetnosti ( vom 22. Februar 2012 im Internet Archive)</ref>
- Galerie für naive Kunst in Kovačica (Галерија наивне уметности у Ковачици)<ref>Website der Galerie für naive Kunst</ref>
Spanien[Bearbeiten]
- Museum für naive Kunst in Figueres
Ukraine[Bearbeiten]
Ungarn[Bearbeiten]
- Museum ungarischer naiver Künstler (Magyar Naiv Művészek Múzeuma) in Kecskemét<ref>Magyar Naiv Művészek Múzeuma. museum.hu, abgerufen am 27. März 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
USA[Bearbeiten]
- American Folk Art Museum in New York City
- Anthony Petullo Collection in Milwaukee<ref>Website der Anthony Petullo Collection of Self-Taught & Outsider Art</ref>
- Croatian Naive Art Gallery & Museum collection in Saint Petersburg, Florida
Siehe auch[Bearbeiten]
- Liste von Künstlern der Naiven Kunst
- Appenzeller und Toggenburger Senntumsmalerei
- Neoprimitivismus
- Primitivismus (Kunst)
Literatur[Bearbeiten]
- Masters of Popular Painting. Museum of Modern Art, New York 1938 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung).
- Oto Bihalji-Merin: Die Kunst der Naiven. Themen und Beziehungen. München 1975 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Haus der Kunst, 1. November 1974 bis 12. Januar 1975).
- Oto Bihalji-Merin: Die Naiven der Welt. Rheingauer VG, Eltville 1986, ISBN 3-88102-071-3 (Nachdr. d. Ausg. Stuttgart 1971).
- Oto Bihalji-Merin und Nebojsa-Bato Tomasevic: Weltenzylopädie Naive Kunst. Hundert Jahre Naive Kunst. Parkland o. O. [Stuttgart] 1989 (Originalausgabe: Belgrad 1984), ISBN 3-88059-314-0.
- Nebojsa Tomasevic: Jugoslawische Naive über sich selbst. Langewiesche, Königstein i. Ts. 1974 (Original: Naivci o sebi, Beograd 1973), ISBN 3-7845-8030-0.
- Volker Dallmeier: Naive Kunst. Geschichte und Gegenwart. Bielefeld 1981 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Kulturhistorisches Museum, 8. März bis 10. Mai 1981).
- Otto A. Ehlers: Sonntagsmaler. Das Bild des einfältigen Herzens. Selbstverlag, Berlin 1956.
- Thomas Grochowiak: Deutsche naive Kunst. Verlag Bongers, Recklinghausen 1976, ISBN 3-7647-0253-2.
- Eva Karcher: Die Maler des Heiligen Herzens. Museum Charlotte Zander, Bönnigheim 1996, ISBN 3-926318-23-6.
- Katja Knicker: „Die malenden Kumpels von der Ruhr“. Thomas Grochowiaks Konzeption von „naiver Kunst“ und die Förderung von Laienkünstlern im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen., Dissertation, Düsseldorf, 2021.
- Wilhelm Uhde: Fünf Primitive Meister. Rousseau / Vivin / Bombois / Bauchant / Seraphine [Louis]. Atlantis, Zürich 1947.
- Wilhelm Wartmann (Mitarb.): Les Maîtres populaires de la réalités. Salle Royale, Paris 1937 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Musée de Grenoble, 4. bis 28. November 1937).
Weblinks[Bearbeiten]
- Erich Bödeker-Gesellschaft für Naive Kunst e.V. Hannover, einschließlich Künstlerlexikon
- Liste von Werken der naiven Kunst
- Verzeichnis autodidaktischer Künstler in der Sammlung Zander
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />