Heiliger Hain
Ein heiliger Hain (von althochdeutsch hagan „Dorngesträuch“: eingefriedeter Platz)<ref name="Duden-Hain">Worteintrag: Hain. In: Duden online. Abgerufen am 4. März 2022; Zitat: „Herkunft: mittelhochdeutsch (mitteldeutsch) hain < mittelhochdeutsch hagen, althochdeutsch hagan = Dorngesträuch = eingefriedeter Platz, zu Hag“.</ref> ist eine alte Bezeichnung für einen geheiligten kleinen Wald (Hain). In der Antike sind heilige Wäldchen in Griechenland und im Römischen Reich belegt, darüber hinaus auch im so genannten Barbaricum (in Nord-, Mittel- und Südosteuropa). Sie dienten dem Gebet und dem Opfer. In vielen ethnischen Religionen pflegen Dorfgemeinschaften in der Nähe ihres Dorfes einen heiligen Wald, teils auch in Zusammenhang mit Grabstätten und Ahnenverehrung oder anderen Ritualen (vergleiche Bestattungswald).
Antike[Bearbeiten]
Griechenland[Bearbeiten]
In Griechenland waren heilige Haine (άλσος) bestimmten Göttern, aber auch Nymphen<ref>Sappho, Patrick Bowe: The sacred groves of ancient Greece. In: Studies in the History of Gardens & Designed Landscapes. An International Quaterly. 29, 2009, 235.</ref> geweiht. In Dodona in Epirus weissagte Zeus aus einer heiligen Eiche.<ref>Homer: Odyssee 19, 296–299.</ref> Die ältesten Belege für heilige Haine stammen aus Homers Ilias und Odyssee. Hier werden Haine beschrieben, die Athena, Poseidon, Apollon, Aphrodite und Zeus geweiht sind. Der Hain kann aus Pappeln bestehen<ref>Homer, Ilias 23, 138.</ref> und enthält gewöhnlich eine Wasserquelle.<ref>Patrick Bowe: The sacred groves of ancient Greece. In: Studies in the History of Gardens & Designed Landscapes. An International Quaterly. Band 29, 2009, S. 235–245 (englisch).</ref> Sie scheinen nicht umzäunt gewesen zu sein. Nach Wickham symbolisierte die Quelle die Erdmutter Gaia und der umgebende Wald den Himmelsgott Uranos.<ref>Louise Wickham: Gardens in history, a political perspective. Oxford, Windgather Press, 2012, 16–17.</ref> Die seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesenen Lehr-Gärten der Philosophen am Stadtrand von Athen, deren bekanntester Platons Akademie war, scheinen diese heiligen Haine nachgeahmt zu haben; auch sie enthielten meist eine Quelle.<ref>Louise Wickham: Gardens in history, a political perspective. Oxford, Windgather Press, 2012, 17.</ref> Heilige Haine konnten zu Bestattungen genutzt werden, zum Beispiel nach der Schlacht bei Marathon.
Heilige Haine der Aphrodite sind auf Zypern archäologisch seit der späten Bronzezeit nachgewiesen, so in Kition.<ref>Maureen Carroll-Spillecke: The Gardens of Greece from Homeric to Roman Times. In: Journal of Garden History. 12, 1992, 85.</ref> Am Athener Hephaistos-Tempel wurden Pflanzlöcher für Bäume archäologisch nachgewiesen.<ref>Patrick Bowe: Civic and other public planting in ancient Greece. In: Studies in the History of Gardens & designed Landscapes. An International Quarterly. 31, 2011.</ref>
Römisches Reich[Bearbeiten]
Auf römischen Münzen wurde der Tempel einer Stadtgöttin manchmal zwischen zwei Bäumen abgebildet, was einen heiligen Hain (lucus oder nemus)<ref>R. Flasche: Wald und Baum in den Religionen. In: Forstwirtschaftliches Centralblatt. Band 113, 1994, S. 5.</ref> andeuten könnte.<ref>Maureen Carroll: Exploring the sanctuary of Venus and its sacred grove: politics, cult and identity in Roman Pompeii. In: Papers of the British School at Rome. Band 78, 2010, S. 63 (englisch).</ref> Diese Haine werden als schattig beschrieben (lucus a non lucendo). Einige Meilen vor den Grenzen Roms befand sich das Heiligtum der Dea Dia, dessen Zentrum ein Heiliger Hain für den von Augustus neu belebten Fruchtbarkeitskult bildete.<ref>John Scheid: Ad Deam Diam. Ein heiliger Hain in Roms Suburbium (= Spielräume der Antike. Band 5). Franz Steiner, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-515-12327-3.</ref> Aus Aricia ist ein rex Nemorensis als Priester im Heiligtum der Diana Nemorensis bekannt.<ref>Strabon: Geographika 5, 3, 12; Pausanias 2, 27, 24; Maurus Servius Honoratus: Kommentar zu Vergils Aeneis 6, 136.</ref>
Hadrian und Marcus Tullius Cicero ahmten die griechischen gymnasia in Hainen nach.<ref>Louise Wickham: Gardens in history, a political perspective. Oxford, Windgather Press, 2012, 17.</ref> Nach Ansicht von Maureen Carroll stand der Tempel der Venus in der Via Marina in Pompeji in einem heiligen Hain, archäologische Belege fehlen jedoch.<ref>Maureen Carroll: Exploring the sanctuary of Venus and its sacred grove: politics, cult and identity in Roman Pompeii. In: Papers of the British School at Rome. 78, 2010, 64.</ref>
Kelten[Bearbeiten]
Kelten und Briten bezeichneten heilige Haine als nemeton, was allgemein einen heiliger Ort bedeutet.<ref>Richard Dunn: Four possible “nemeton” place-names in the Bristol and Bath area. In: Landscape History. Band 27, Nr. 1, S. 17–30, hier S. 17 (englisch; doi:10.1080/01433768.2005.10594569; unter Berufung auf Rivet & Smith 1979: The Place-Names of Roman Britain).</ref><ref name="MacKillop 2004">James MacKillop: A dictionary of Celtic mythology. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 978-0-19-172655-2, S. ?? (englisch).</ref> Sie sind durch Inschriften und Ortsnamen überliefert.<ref>R. Flasche; Wald und Baum in den Religionen. In: Forstwirtschaftliches Centralblatt. Band 113, 1994, S. 5.</ref> Letztere finden sich in Frankreich, Spanien (Drunemeton), Schottland (Duneaves, Perthshire) und in der Türkei (Galatien<ref name="MacKillop 2004" />). Nach Richard Dunn kann sich in England die Nutzung solcher Stätten in einigen Fällen bis in die römische Zeit erstreckt haben.<ref>Richard Dunn: Four possible “nemeton” place-names in the Bristol and Bath area. In: Landscape History. Band 27, Nr. 1, S. 17–30, hier S. 29 (englisch; doi:10.1080/01433768.2005.10594569).</ref> In der Bretagne umgab ein Wald namens Nemeton die Benediktinerabtei bei Locronan.<ref name="MacKillop 2004" />
Germanen[Bearbeiten]
Tacitus erwähnt in seinem Werk Germania einen heiligen Hain der Göttin Nerthus auf einer Insel in der Ostsee, in dem Menschenopfer stattfanden.<ref>Tacitus, Germania 40.</ref> Auch in den Kapiteln 9 und 39 beschreibt er die Einrichtung heiliger Lichtungen und Haine, in dem von den Abgesandten mehrerer Stämme Tier- und Menschenopfer dargebracht werden. Der Hain dürfe dabei nur in Fesseln betreten werden, um als Untertan die Macht der Gottheit zu bekunden.<ref>Tacitus, Germania 39.</ref>
Die Germanen schmückten die Haine unter anderem mit Kriegsbeute. Der germanische Marserfürst Mallovendus zeigte im Jahr 16 dem römischen Feldherrn Germanicus den Legionsadler der Legio XVII, den die Germanen während der Varusschlacht erobert hatten, in einem benachbarten Hain.<ref>Tacitus, Annales 2,25 (online, mit deutscher Übersetzung).</ref> Der Legionsadler der Legio XVIII, der in der gleichen Schlacht verloren gegangen worden war, wurde 41 in einem Hain der Chauken von Aulus Gabinius Secundus gefunden.<ref>Cassius Dio, Römische Geschichte 60,8,7 (englische Übersetzung online).</ref> Des Weiteren berichtet Tacitus von Hainen, die der Göttin Tamfana und dem Gott Donar geweiht waren. Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden.
Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden. Weltweit[Bearbeiten]
Heilige Wäldchen sind aus vielen Gegenden der Welt bekannt. In der Geschichte Armeniens sind heilige Haine belegt.<ref>Arthur Hambartsumian: The sacred Aryan Forest in the Avestan and Pahlavi Texts. In: Iran and the Caucasus. Nr. 13, 2009, S. 125 (englisch).</ref>
In Afrika bilden heilige Haine häufig Inseln von unberührtem Wald inmitten einer ansonsten kultivierten oder degradierten Landschaft.<ref>Michael J. Sheridan: The Environmental and Social History of African Sacred Groves: A Tanzanian Case Study. In: African Studies Review. Nr. 52, 2009, S. 73–98 (Modul:JSTOR * Modul:JSTOR:170: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)).</ref> In Nigeria gibt es den heiligen Hain der Göttin Osun (eine Schutzgottheit). In der westafrikanischen Region Senegambia wird von der Volksgruppe der Mandinka der Initiationsritus Kankurang in heiligen Wäldern praktiziert, die anhaltend durch Umwandlung in Kulturland verloren gehen.<ref>UNESCO: Kankurang, Manding initiatory rite (Gambia and Senegal). In: UNESCO.org. November 2008, abgerufen am 4. März 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
In Nordostindien pflegen mehr als 100 Dorfgemeinschaften des indigenen, autonomen Volks der Khasi heilige Wäldchen für Dorfgottheiten und teils als Begräbnisstätten, die auch von staatlicher Seite als Naturwaldreservate anerkannt sind.<ref name="Khasi-HeiligeWälder">Staatliche Gesamtliste mit 105 heiligen Wäldern der Khasi (2018): Sacred Groves in Meghalaya. Envis Centre, Ministry of Environment & Forest, Government of India 2018, abgerufen am 28. Februar 2019 (englisch; mit Literatur von 1999 und 2006).
Literatur (2010): Rekha M. Shangpliang: Forest in the Life of the Khasis. Soziologische Doktorarbeit Universität Shillong. Concept Publishing, Neu-Delhi 2010, ISBN 978-81-8069-667-1 (Leseprobe in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Im indischen Bundesstaat Maharashtra wurde die fortbestehende Wichtigkeit von heiligen Wäldern untersucht.<ref>Chandrakant K. Waghchaure, Pundarikakshudu Tetali u. a.: Sacred Groves of Parinche Valley of Pune District of Maharashtra, India and their Importance. In: Anthropology & Medicine. Band 13, Nr. 1, 2006, S. 55–76 (englisch).</ref> Im südindischen Bundesstaat Kerala werden an Dorfschreinen, die von heiligen Hainen ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) umgeben sind, eine Reihe von hinduistischen Tempelritualen durchgeführt, darunter Teyyam und Nagamandala. Ein eigenes Genre bildet die Kavu-Ritualmusik, deren Gesänge unter anderem von den Saiteninstrumenten Pulluvan vina und Nanduni begleitet werden.
In völkischen und neu-heidnischen Kreisen im Deutschland der 1920er-Jahre wurden „Heilige Haine“ als Begräbnisstätten eingerichtet.<ref>Wolfgang Ribbe: Flaggenstreit und Heiliger Hain. Bemerkungen zur nationalen Symbolik in der Weimarer Republik. In: Dietrich Kurze (Hrsg.): Aus Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. Festschrift für Hans Herzfeld. Berlin/New York 1972, S. 175–188.</ref>
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
(chronologisch geordnet)
- Carl Boetticher: Der Baumkultus der Hellenen. Nach den gottesdienstlichen Gebräuchen und den überlieferten Bildwerken. Weidmann, Berlin 1856, S. 179 ff. (Digitalisat im Münchener Digitalisierungszentrum).
- Will-Erich Peuckert: Hain, hl. In: Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Bächtold-Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 3: Freen–Hexenschuss. Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe de Gruyter, Berlin/Leipzig 1930/1931. De Gruyter, Berlin/New York 1987, ISBN 3-11-011194-2, Sp. 1348–1353 (Digitalisat im Internet Archive).
- Susan Alcock, Robin Osborne: Placing the Gods: Sanctuaries and Sacred Space in Ancient Greece. Clarendon Press, Oxford 1992 (englisch).
- Maureen Carroll-Spillecke: The Gardens of Greece from Homeric to Roman times. In: Journal of Garden History. Band 12, 1992, S. 84–101 (englisch).
- Elisabeth Krenn: Heilige Haine im griechischen Altertum: Ursprung, Bedeutung und Funktion. In: Friederike Bubenheimer, Ioannis Mylonopoulos u. a. (Hrsg.): Kult und Funktion griechischer Heiligtümer in archaischer und klassischer Zeit. Deutscher Archäologen-Verband, Mainz 1996, S. 1–10.
- Fritz Graf: Hain. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 5, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01475-4, Sp. 82–83.
- Rod Barnett: Sacred Groves: Sacrifice and the Order of Nature in Ancient Greek Landscapes. In: Landscape Journal. Band 26, 2007, S. 252–269 (englisch; PDF: 6,7 MB).
- Patrick Bowe: The sacred groves of ancient Greece. In: Studies in the History of Gardens & Designed Landscapes. An International Quaterly. Band 29, 2009, S. 235–245 (englisch).
- Marte Zepernick: „Heilige Bäume“ in der antiken griechischen Religion. LIT, Berlin 2020, ISBN 978-3-643-14697-7, S. 25–38.
Weblinks[Bearbeiten]
- Heiliger Hain. In: Wissen.de
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />