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Therianthropie

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(Weitergeleitet von Theriomorphie)
Die mittelalterliche Miniatur zeigt eine Frau in einem roten Kleid, die besorgt auf ihre sechs Spinnenbeine blickt.
Arachne, die in eine Spinne verwandelt wird (aus einer französischen Handschrift des 14. Jahrhunderts)

Therianthropie (von altgriechisch θηρίον therion „wildes Tier“ und {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) anthrōpos „Mensch“, auch Zooanthropie oder Theriomorphose) bezeichnet in Mythologie, Kunst und Kultur die Vorstellung oder das Motiv der Verwandlung eines Menschen in ein Tier oder ein Mischwesen aus Mensch und Tier („Tiermensch“). Solche Verwandlungen sind nicht real, sondern finden sich als Erzählungen, Symbole oder psychologische Phänomene in verschiedenen Kulturen weltweit.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff Therianthropie selbst ist im Deutschen mindestens seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt.<ref>Vgl. Wilhelm Heinrich Roscher: Das von der „Kynanthropie“ handelnde Fragment des Marcellus von Side. Leipzig 1896, S. 17 (digitalisiert auf archive.org).</ref>

Von der Therian-Subkultur wurde die englische Bezeichnung therianthropy in den 1990er Jahren übernommen und zunächst in Online-Foren genutzt,<ref>Vgl. Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.The Werelist Resource (englisch) (Memento vom 6. März 2001 im Internet Archive).</ref> um Personen zu beschreiben, die sich als Werwolf fühlen.<ref>Bricker, N. (2016). S. 8.</ref> Größere Verbreitung fand der Begriff erst in den 2010er Jahren, nachdem er von unterschiedlichen Personen adaptiert wurde, die sich selbst als nichtmenschlich – meist als reales Tier,<ref>Vgl. Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Speziesverzeichnis auf Otherkin.net mit verschiedenen Therian-Angaben (englisch) (Memento vom 16. Juni 2008 im Internet Archive).</ref> teils aber auch als fiktionales Wesen wie etwa ein Vampir<ref></ref> – identifizierten<ref></ref><ref></ref> und einzelne Forschungsartikel dazu erschienen waren.<ref>Überblick: Bricker, N. (2016). S. 11.</ref><ref>Vorstellung auf der jährlichen Konferenz der Association of Social Anthropologists (ASA) 2015: Helen Clegg und Elizabeth Roxburgh: Therianthropy; the integration of animal and human identities. In: ASA15: Symbiotic anthropologies: theoretical commensalities and methodological mutualisms. Abgerufen am 19. Februar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Mit Beginn des Jahres 2021 entwickelte sich, vor allem durch Social-Media-Plattformen wie TikTok,<ref>#Therian. In: TikTok. Abgerufen am 13. August 2023.</ref> ein Trend, der zur bislang weitreichendsten Verbreitung des Begriffs (vor allem in der Kurzform therian) führte.<ref>Therianthropie, Therian. In: Google Trends. Abgerufen am 10. Februar 2024.</ref>

Unterscheidung nach Tier (Theriotyp)[Bearbeiten]

Die Wahl des Tieres hängt davon ab, welchen Tieren in der jeweiligen Kultur Bedeutung zugesprochen wird.<ref>Petra Garlipp, Detlef E. Dietrich, Horst Haltenhof: Lykanthropie. In: Petra Garlipp, Horst Haltenhof (Hrsg.): Seltene Wahnstörungen. Psychopathologie – Diagnostik – Therapie. Steinkopff, Berlin 2010, S. 22, doi:10.1007/978-3-7985-1877-3_3. / P. Garlipp et al.: Lykanthropie/Zooanthropismus – Erörterung eines psychopathologischen Phänomens. In: Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie. Band 69, Nr. 5, 2001, S. 216, doi:10.1055/s-2001-13929.</ref> Eine bekannte Form der Therianthropie ist die vermeintliche Verwandlung in einen Werwolf, auch als Lykanthropie bekannt. Dieser Begriff wird in englischsprachigen Veröffentlichungen häufig auch auf andere Tiere ausgedehnt und damit gleichbedeutend zu Therianthropie verwendet.<ref>Vor allem im amerikanischen Englisch werden die Begriffe lycanthropy und zoanthropy oft synonym verwendet, vgl. J. Kräenbring, N. Zellner und J. Warninghoff: Seltener Wahninhalt Zooanthropie. In: Nervenarzt. Band 89, 2018, S. 92, doi:10.1007/s00115-017-0285-3. / P. Garlipp et al.: Lykanthropie/Zooanthropismus – Erörterung eines psychopathologischen Phänomens. In: Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie. Band 69, Nr. 5, 2001, S. 215, doi:10.1055/s-2001-13929.</ref> Weniger bekannt sind die Kynanthropie (Verwandlung in einen Hund, zu unterscheiden von Kynokephalen, einem fiktiven Volk hundsköpfiger Menschen), die Ailuranthropie oder Galeanthropie, also Verwandlung in eine Werkatze, die Boanthropie (Verwandlung in ein Rind),<ref>Vgl. </ref> die Tigroanthropie oder Tigranthropie (Verwandlung in einen Tiger)<ref></ref>, die Alopekanthropie (Verwandlung in einen Fuchs)<ref>Vgl. Wilhelm Heinrich Roscher: Ephialtes, eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des Klassischen Altertums. Leipzig 1900, S. 118, Fußnote 2 (digitalisiert).</ref> und die Ophidianthropie (Verwandlung in eine Schlange).<ref></ref>

Archäologie und Kunstgeschichte[Bearbeiten]

Mensch-Tier-Mischwesen in prähistorischen Darstellungen – wie beispielsweise in Höhlenmalereien in der Drei-Brüder-Höhle in Südfrankreich<ref>Vgl. Trois Frères. In: Britannica. Abgerufen am 6. Februar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>– werden in der Archäologie und Kunstgeschichte bisweilen als Therianthropen bezeichnet.<ref>Vgl. Gary A. David: The Celestial Birdman of the Ancient World. 2014, abgerufen am 19. Februar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Für Felsbilder vgl. </ref> Dass es sich um Verwandlungsdarstellungen handelt, ist jedoch nur eine mögliche Interpretation dieser Werke. Das Adjektiv therianthropisch wird insbesondere in ikonographischen Zusammenhängen auch generell für Abbildungen mit einer Mischung aus menschlichen (anthropomorphen) und tierischen (zoomorphen) Elementen verwendet.<ref>Für Teufelsabbildungen vgl. </ref><ref>Für Abbildungen von Yoginis vgl. </ref> Die Kombination aus menschlichem Körper und Tierkopf lässt sich präziser als Tierköpfigkeit oder Theriokephalie benennen.

Therianthropie in Literatur und Film[Bearbeiten]

Links winden sich einige Gestalten in flatternden Gewändern, aus deren Händen und Köpfen Zweige und aus deren Füßen Wurzeln wachsen; rechts ist ein Schwan mit menschlichen Beinen zu sehen, der ins Wasser eilt.
Cygnus (rechts) wird in einen Schwan verwandelt, wie von Ovid in den Metamorphoses beschrieben (Kupferstich von Hendrick Goltzius, 1590)
Die schwarz-weiße Illustration zeigt ein Wesen, dessen vordere Hälfte ein Esel mit einem Salatblatt im Maul ist, die hintere aber ein menschlicher Unterkörper mit Hose, Stiefeln und Tasche.
Der Krautesel (aus Grimms Märchen), ein Mensch, der sich durch Salatverzehr in einen Esel verwandelt (Illustration von Henry Justice Ford, 1894)

In der Literatur ist die Verwandlung eines Menschen in ein Tier ein beliebtes Motiv. Zahlreiche Beispiele sind in den Metamorphoses des Ovid aus der Antike zu finden, die Verwandlungen aus der griechischen und römischen Mythologie schildern. Ebenfalls aus der Antike stammt der Roman Metamorphoses (auch Asinus aureus oder „Der goldene Esel“) des Apuleius, in dem die Verwandlung in einen Esel zentral für die Handlung ist. Beschreibungen der Verwandlung von Menschen in Hunde sind sowohl in der altgriechischen<ref>Wilhelm Heinrich Roscher: Das von der „Kynanthropie“ handelnde Fragment des Marcellus von Side. Leipzig 1896 (digitalisiert auf archive.org).</ref> als auch in der klassischen chinesischen Literatur zu finden.<ref></ref> Letztere kennt überdies Verwandlungen in weitere Tiere wie Bären, Tiger, Füchse, Affen, Ratten, Vögel und Fische.<ref></ref> Ein Mann, der sich in einen Tiger verwandelt, ist der titelgebende Protagonist der indischen Volkssage Kabui Kei-Oiba.<ref></ref> Auch in einigen von Grimms Märchen spielen Verwandlungen in Tiere eine Rolle. Sehr bekannt ist zudem Die Verwandlung, eine Erzählung von Franz Kafka. Viele Gestaltwandler aus Fantasy- und Science-Fiction-Werken können eine Tierform annehmen.

Um die Verwandlung eines Menschen in einen Hund dreht sich beispielsweise die Filmkömodie The Shaggy Dog (1959), deren Vorlage der Roman Der Hund von Florenz (1923) war und zu der mehrere Fortsetzungen und Neuverfilmungen entstanden.<ref>Vgl. </ref> Ein thematisch ähnlich angelegter Film ist die Komödie Der Hund, der „Herr Bozzi“ hieß.

Mythologie und Religion[Bearbeiten]

Therianthropie ist aus verschiedenen mythologischen Überlieferungen weltweit bekannt.<ref>Vgl. </ref> In der griechischen Mythologie werden Menschen häufig als Strafe in Tiere verwandelt, zum Beispiel Lykaon in einen Wolf oder Arachne in eine Spinne, andere hingegen aus Mitleid, zum Beispiel Kyknos in einen Schwan.

Im frühneuzeitlichen Christentum war Therianthropie negativ konnotiert; so spielten insbesondere Vorwürfe der Lykanthropie und anderer Tierverwandlungen in einigen Hexenprozessen eine Rolle,<ref></ref><ref name="WB">Vgl. Wolfgang Behringer: Tierverwandlung. In: Friedrich Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit Online. 2019, doi:10.1163/2352-0248_edn_COM_365804.</ref> unter anderem in Schottland.<ref>Vgl. </ref> Dem russisch-orthodoxen Bischof Dimitri von Rostow (1651–1709) zufolge verwandelten sich Sünder in Tiere.<ref></ref>

Das Auftreten von üblicherweise in menschlicher Gestalt dargestellten Gottheiten als Tier, wie es aus dem altjapanischen Shintō bekannt ist, gilt als therianthropisches Element.<ref>Vgl. </ref> Die Darstellung von Gottheiten in Tiergestalt heißt Theriomorphie, Theriomorphismus, Zoomorphie oder Zoomorphismus.<ref>Evelyne Martin: Flügel und Hörner. Gottes Tiergestaltigkeit im Alten Testament. Kohlhammer, Stuttgart 2023, S. 19–23 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>

Die Identifikation mit einem und als real geglaubte Verwandlung in ein Tier spielt in verschiedenen schamanistischen Ritualen und für bestimmte totemistische Ideen eine Rolle.<ref name="WB" /> Bisweilen werden auch durch Drogeneinfluss entsprechende Wahnvorstellungen ausgelöst, sodass keine klare Abgrenzung zur klinischen Therianthropie besteht.<ref>Vgl. P. Garlipp et al.: Lykanthropie/Zooanthropismus – Erörterung eines psychopathologischen Phänomens. In: Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie. Band 69, Nr. 5, 2001, S. 217, doi:10.1055/s-2001-13929.</ref> Manchmal wird die kurzzeitige Übernahme tierischer Verhaltensweisen auch durch die Verbundenheit mit einem Tiergeist erklärt.<ref>Vgl. Michael Oppitz: Kultur-Tiger. In: Thomas Kaiser (Hrsg.): Tigermenschen. Texte zur Tigerwandlung der Khasi Nordostindiens. Völkerkundemuseum der Universität Zürich, 2003, S. 8 (online).</ref> In schamanistischen Ritualen symbolisiert die vermeintliche Verwandlung in ein Tier die spirituelle Aneignung von Fähigkeiten eines Geistwesens.<ref>Vgl. </ref> Andererseits gibt es auch Seelenreise-Theorien, denen zufolge ein schlafender Mensch den Körper eines Tieres kontrollieren<ref>Vgl. </ref> oder seinen eigenen Geist in Form eines Tieres aussenden kann.<ref></ref>

Subkultur[Bearbeiten]

Das Foto zeigt acht aufgereihte Fuchsschwänze in verschiedenen Farben sowie drei Masken und ein Hundehalsband.
Manche Personen, die der Therian-Subkultur angehören, tragen gerne Tiermasken oder ähnliche Ausrüstung.

Als Therianthropen, therian oder were bezeichnen sich Personen, die sich als Tier identifizieren.<ref></ref><ref>Thomas Lerner: Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.”Ibland får jag lust att yla som en varg” (DN.se, 7. April 2010) (Memento vom 9. September 2011 im Internet Archive) (schwedisch).</ref><ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.The WereLibrary (englisch) (Memento vom 7. November 2004 im Internet Archive).</ref> Sie bilden je nach Definition einen Teil der Otherkin-<ref>reporter (Funk): Sie sieht sich nicht als Mensch – Alice ist Teil der Otherkin Community. In: ZDF.de. 21. Januar 2022, abgerufen am 8. Februar 2024.</ref> oder Alterhuman-Subkultur.<ref>Kiera Ember: Alterhuman Dictionary. Abgerufen am 14. Januar 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Diese Identifikation geschieht meist im Rahmen eines esoterischen Weltbildes<ref>Bricker, N. (2016). S. 14.</ref> und kann auch als spiritual shapeshifting (spirituelles Gestaltwandeln)<ref>Vgl. Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.History of the Therian Community - 1999 (englisch) (Memento vom 11. Juli 2020 im Internet Archive).</ref> oder spiritual therianthropy (spirituelle Therianthropie) bezeichnet werden.<ref>Vgl. </ref> Es gibt aber auch Gruppen innerhalb der Therian- oder Otherkin-Subkultur, die sich dem Szientismus zuwenden,<ref></ref> sowie Überschneidungen mit der Furry-Subkultur.<ref></ref>

Eine andere Subkultur stellt die Petplay-Szene dar, in der Menschen zeitweise die Rolle eines Tieres einnehmen.<ref>Vgl. Katja Wollmer: Die wollen doch nur spielen! Einblicke in die Subkultur des Petplay. Gießen 2020, S. 131, doi:10.30820/9783837974553.</ref>

Psychopathologie[Bearbeiten]

Die wahnhafte Vorstellung, ein Tier zu sein oder in ein solches verwandelt zu werden, wird als klinische Zooanthropie bezeichnet. Es handelt sich um ein seltenes Symptom, das bei verschiedenen psychischen Störungen auftreten kann. Gängige diagnostische Kriterien sind die rückblickend oder in einem klaren Moment geäußerte Überzeugung, ein Tier zu sein, und die Nachahmung von tierischem Verhalten.<ref>Petra Garlipp, Detlef E. Dietrich, Horst Haltenhof: Lykanthropie. In: Petra Garlipp, Horst Haltenhof (Hrsg.): Seltene Wahnstörungen. Psychopathologie – Diagnostik – Therapie. Steinkopff, Berlin 2010, S. 22–26, doi:10.1007/978-3-7985-1877-3_3.</ref>

Literatur[Bearbeiten]

Historische Abhandlungen:

  • Wilhelm Heinrich Roscher: Das von der „Kynanthropie“ handelnde Fragment des Marcellus von Side. Leipzig 1896 (digitalisiert auf archive.org).
  • K. Voelkner: Von Werwölfen und anderen Tiermenschen. Leipzig 1924.

Studien zur Therian-Subkultur:

  • Natalie Bricker: Life Stories of Therianthropes: An Analysis of Nonhuman Identity in a Narrative Identity Model. Lake Forest College Publications, Lake Forest 2016, online auf Academia.edu (englisch).
  • Carole M. Cusack: Spirituality and self-realisation as ‘other-than-human’: the Otherkin and Therianthropy communities. In: Carole M. Cusack, Pavol Kosnáč (Hrsg.): Fiction, Invention and Hyper-reality. From popular culture to religion. Routledge, London / New York 2017, S. 40–57, online auf Researchgate (englisch).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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