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Thioharnstoff

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(Weitergeleitet von Thiourea)
Strukturformel
Struktur von Thioharnstoff
Allgemeines
Name Thioharnstoff
Andere Namen
  • Thiocarbamid
  • Sulfoharnstoff
  • Sulfocarbamid
  • Thiourea
  • TH
Summenformel CH4N2S
Kurzbeschreibung

weißer geruchloser Feststoff<ref name="GESTIS" />

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer Vorlage:CASRN
EG-Nummer 200-543-5
ECHA-InfoCard 100.000.494
PubChem 2723790
Wikidata [[:d:Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1492: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)|Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1492: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)]]
Eigenschaften
Molare Masse 76,12 g·mol−1
Aggregatzustand

fest<ref name="GESTIS" />

Dichte

1,41 g·cm−3 bei 20 °C<ref name="GESTIS">Eintrag zu Thioharnstoff in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFAVorlage:Abrufdatum (JavaScript erforderlich)</ref>

Schmelzpunkt

176–178 °C<ref name="GESTIS" />

Siedepunkt

Zersetzung<ref name="GESTIS" />

Löslichkeit

137 g·l−1 bei 20 °C<ref name="GESTIS" />

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP),<ref name="CLP_100.000.494">Eintrag zu Thioharnstoff in der Datenbank ECHA CHEM der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA)Vorlage:Abrufdatum Hersteller bzw. Inverkehrbringer können die harmonisierte Einstufung und Kennzeichnung erweitern.</ref> ggf. erweitert<ref name="GESTIS" />
Gefahrensymbol Gefahrensymbol Gefahrensymbol

Gefahr

H- und P-Sätze H: 302​‐​351​‐​361d​‐​411
P: 201​‐​280​‐​301+310​‐​304+340​‐​310​‐​273<ref name="GESTIS" />
MAK

nicht festgelegt<ref name="GESTIS" />

Toxikologische Daten

125 mg·kg−1 (LD50, Ratte, oral)<ref name="GESTIS" />

Thermodynamische Eigenschaften
ΔHf0

−89,1 kJ/mol<ref name="CRC90_5_20">David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press / Taylor and Francis, Boca Raton FL, Standard Thermodynamic Properties of Chemical Substances, S. 5-20.</ref>

Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Thioharnstoff ist ein Derivat des Harnstoffs, dessen Sauerstoffatom durch ein Schwefelatom ersetzt ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Verbindung wurde erstmals 1869 durch den irischen Chemiker James Emerson Reynolds analog zur Wöhlerschen Harnstoff-Synthese aus Ammoniumthiocyanat hergestellt.<ref name="Reynolds">J. E. Reynolds in J. Chem. Soc.22 (1869) 1.</ref><ref name="Soukup_org">Rolf Werner Soukup: Chemiegeschichtliche Daten organischer Substanzen, Version 2020, S. 156 pdf.</ref>

Gewinnung und Darstellung[Bearbeiten]

Thioharnstoff kann aus Ammoniumthiocyanat gewonnen werden, wobei die Auftrennung von Produkt und Edukt in der Gleichgewichtsreaktion schwierig ist.<ref name="Ullmann" />

Gleichgewicht Ammoniumthiocyanat – Thioharnstoff
Gleichgewicht Ammoniumthiocyanat – Thioharnstoff

Die technische Synthese erfolgt durch das Einleiten von Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid in eine wässrige Suspension von Calciumcyanamid.<ref name="Ullmann" />

<math>\mathrm{CaCN_2 + 3\,H_2S \rightarrow Ca(SH)_2 + (NH_2)_2CS}</math>
<math>\mathrm{2\,CaCN_2 + Ca(SH)_2 + 6\,H_2O \rightarrow 2\,(NH_2)_2CS + 3\,Ca(OH)_2}</math>
<math>\mathrm{Ca(OH)_2 + CO_2 \rightarrow CaCO_3 + H_2O}</math>

Eigenschaften[Bearbeiten]

Physikalische Eigenschaften[Bearbeiten]

Thioharnstoff bildet farblose und geruchlose Kristalle. Die Verbindung zeigt keinen scharfen Schmelzpunkt, da ab 153 °C eine Umlagerung zum Ammoniumthiocyanat erfolgt.<ref name="Ullmann">Mertschenk, B.; Knott, A.; Bauer, W.: Thiourea and Thiourea Derivatives, in: Ullmanns Enzyklopädie der Technischen Chemie, Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 2013; doi:10.1002/14356007.a26_803.pub3.</ref> Die Literatur gibt Schmelzpunkte zwischen 167 °C und 182 °C an.<ref name="Ullmann" /> Thioharnstoff hat bei Raumtemperatur eine orthorhombische Kristallstruktur mit Raumgruppe Pnma (Raumgruppen-Nr. 62)Vorlage:Raumgruppe/62.<ref>M. R. Truter: Comparison of photographic and counter observations for the X-ray crystal structure analysis of thiourea. In: Acta Crystallographica. Band 22, Nr. 4, 1967, S. 556–559, doi:10.1107/S0365110X67001124.</ref> Das Kohlenstoff- und das Schwefelatom liegen auf einer Spiegelebene, sodass das Molekül die Punktgruppensymmetrie CS besitzt. Es ist beinahe planar und die Symmetrie somit näherungsweise C2v. Beim Abkühlen des Kristalls<ref>I. Takahashi, A. Onodera, Y. Shiozaki: Structural changes of thiourea in connection with its phase transitions: reappraisal of rigidity and libration of the molecule. In: Acta Crystallographica Section B. Band 46, Nr. 5, 1990, S. 661–664, doi:10.1107/S0108768190006012.</ref> oder bei hohem Druck<ref>T. Asahi, K. Hasebe, A. Onodera: Crystal Structure of the High Pressure Phase VI of Thiourea. In: Journal of the Physical Society of Japan. Band 69, 2000, S. 2895–2899, doi:10.1143/JPSJ.69.2895.</ref> entstehen durch Fest-fest-Phasenübergänge Kristallstrukturen mit anderer Symmetrie.

Chemische Eigenschaften[Bearbeiten]

Thioharnstoff ist eine organische Verbindung und ein Komplexbildner. Er tritt in zwei tautomeren Formen auf. In wässrigen Lösungen dominiert die Thionform (links):

Datei:Thiourea tautomerism.svg
Thion- und Thiolform von Thioharnstoff

Verwendung[Bearbeiten]

Im Jahr 1993 betrug die weltweite jährliche Produktion 10.000 Tonnen.<ref name="WHO">Concise International Chemical Assessment Document (CICAD) für ThioureaVorlage:Abrufdatum</ref> Als reine Verbindung wird Thioharnstoff hauptsächlich (25 % der Produktion) zur Extraktion von Metallen wie Gold und Silber aus Erzen eingesetzt. Außerdem wird er als Hilfsstoff in Diazo-Papier (16 % der Produktion) und als Katalysator zur Isomerisierung von Maleinsäure in Fumarsäure verwendet (12 % der Produktion). Als Reaktant dient Thioharnstoff vor allem zur Herstellung von Thioharnstoffdioxid (27,5 % der Produktion.<ref name="Herwig Hulpke, Herbert A. Koch, Reinhard Nießner">Herwig Hulpke, Herbert A. Koch, Reinhard Nießner: RÖMPP Lexikon Umwelt, 2. Auflage, 2000. Georg Thieme Verlag, 2014, ISBN 3-13-179342-2, S. 795 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>). Weitere wichtige Anwendungen sind:

  • Als Glanzzusatz in galvanischen Bädern<ref name="UllmannsEnzyklopädie">Ullmanns Enzyklopädie: Ullmanns Enzyklopädie der technischen Chemie, Wiley Verlag.</ref>
  • In der Analytik zum Nachweis von Bismut (Gelbfärbung in salpetersaurer Lösung)<ref name="JanderBlasius">Jander/Blasius: Lehrbuch der analytischen und präparativen anorganischen Chemie, S. Hirzel-Verlag Stuttgart, 1985.</ref>
  • Additiv in Sprengstoffen (Sprengschlamm)<ref name="WHO" />
  • Metallveredelung (Kupferveredelung)<ref name="WHO" />
  • Metallreinigung (Silberreinigung)<ref name="WHO" />
  • Modifikation von Harzen<ref name="WHO" />
  • Herstellung von Hilfsstoffen für die Textil- und Farbenindustrie<ref name="WHO" />
  • Herstellung von chemischen Zwischenstufen<ref name="WHO" />
  • Umsetzen zu Thiobarbituraten (Barbiturate, Arzneimittel wie etwa Thiopental) mittels Diethylmalonsäureesterderivate
  • Trennung von n-Alkanen und iso-Alkanen in der Harnstoff-Extraktiv-Kristallisation<ref name="asinger">Friedrich Asinger: Chemie und Technologie der Paraffinkohlenwasserstoffe. Akademie Verlag, 1956, S. 53–59.</ref>

Biologische Bedeutung[Bearbeiten]

Thioharnstoff kann die Enzyme Tyrosinase und Urease hemmen.

Sicherheitshinweise[Bearbeiten]

Thioharnstoff ist als krebserregend, Kategorie 2 (Verdacht auf karzinogene Wirkung beim Menschen) und reproduktionstoxisch, Kategorie 2 (Kann vermutlich das Kind im Mutterleib schädigen) eingestuft.<ref name="GESTIS" /> Er kann nur sehr schwer mit normalen Abwasserreinigungsmethoden aus Abwässern entfernt werden.

Weblinks[Bearbeiten]

Commons: Thiourea – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />