Upekkhā
Upekkhā (Pali; Sanskrit: Upekṣā; wörtlich „Gleichmut“, auch „Gelassenheit“) ist ein zentraler Begriff der buddhistischen Geistesschulung. Der Terminus bezeichnet eine kultivierte innere Haltung ausgeglichener Nicht-Reaktivität, die von Weisheit getragen wird und sich von bloßer Gleichgültigkeit grundlegend unterscheidet.
Upekkhā nimmt im Lehrgebäude des Theravāda-Buddhismus eine herausragende Stellung ein: Es ist zugleich eines der Vier Unermesslichen (Brahmavihāra),<ref>Brahmavihāra-Sutta, in: Aṅguttara Nikāya; sowie Mettāsahagata Sutta, Saṃyutta Nikāya.</ref> eines der Sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhanga),<ref>Saṃyutta Nikāya, Bojjhanga-Saṃyutta.</ref> eine der zehn Vollkommenheiten (Pāramitā)<ref>Nyanatiloka: Buddhistisches Wörterbuch. Verlag Beyerlein-Steinschulte, ISBN 3-931095-09-6.</ref> sowie ein Glied der vierten meditativen Vertiefung (Jhāna).
Etymologie und Bedeutungsspektrum[Bearbeiten]
Das Pali-Wort upekkhā leitet sich von upa (Annäherung, Nähe) und ikkhati (sehen, schauen) ab und bedeutet wörtlich „aus der Nähe hinschauen“.
Das Bedeutungsspektrum des Begriffs umfasst:
- Gleichmut im ethischen Sinne: Die ausgeglichene, unvoreingenommene Haltung gegenüber allen Wesen.
- Gelassenheit: Das Freisein von Aufgewühltheit angesichts wechselnder Lebensumstände.
- Nicht-Anhaften: Die innere Unabhängigkeit von Gewinn und Verlust, Lob und Tadel.
- Nicht-Unterscheiden (tatra-majjhattatā): Das Einhalten der Mitte, das Nichtneigen zu einer Seite.
- Loslassen: Das Nicht-Festhalten an angenehmen wie unangenehmen Erfahrungen.
Upekkhā als Brahmavihāra[Bearbeiten]
Als vierter der Vier Unermesslichen stellt Upekkhā die Vollendung des Geistes in grenzenloser Ausgeglichenheit dar. Gleichmut soll die „Weisheit der Gleichheit“ zum Ausdruck bringen: die Fähigkeit, alle Wesen als gleich zu betrachten und keine Unterschiede zwischen sich selbst und anderen zu machen.
Direkter und indirekter Feind[Bearbeiten]
Die Kommentartradition unterscheidet für jeden Brahmavihāra zwei Arten von Hindernissen:
- Direkter Feind: Die Unruhe und Aufgeregtheit (uddhacca), die durch Gier und Unwillen entsteht.
- Indirekter Feind: Die dem Gleichmut täuschend ähnlich scheinende Gleichgültigkeit (aññāṇa-upekkhā, auf Unwissenheit beruhender Gleichmut).
Echter Gleichmut ist in Pañña verwurzelt, während Gleichgültigkeit aus Desinteresse oder Abneigung entspringt.
Upekkhā als Erleuchtungsglied (Bojjhanga)[Bearbeiten]
Als siebtes der Sieben Erleuchtungsglieder nimmt Upekkhā eine balancierende Rolle ein. Während die Achtsamkeit als vermittelndes Glied agiert, gehört Gleichmut zur beruhigenden Gruppe der Erleuchtungsfaktoren.
Upekkhā und die vierte Jhāna[Bearbeiten]
Upekkhā ist eine heilsame Geistesformation (saṅkhāra-kkhandha). Durch die Entfaltung von Gleichmut wird die vierte meditative Vertiefung (Jhāna) erreicht. In dieser Stufe sind lediglich Gleichmut und Sammlung (samādhi) anwesend. Sie bildet die Grundlage (pādaka-jjhāna) zur Erreichung der Höheren Geisteskräfte (Abhiññā).
Upekkhā als Vollkommenheit (Pāramī)[Bearbeiten]
Im Theravāda zählt Upekkhā als zehnte und letzte der Vollkommenheiten (dasa pāramī). In der Kommentartradition wird sie auf drei Ebenen unterschieden: als gewöhnliche, mittlere und höchste Vollkommenheit (upekkhā-paramattha-pāramī).
Upekkhā im Mahāyāna[Bearbeiten]
Im Mahāyāna entspricht Upekkhā dem vierten Brahmavihār. In der dortigen Liste der sechs Vollkommenheiten wird Gleichmut üblicherweise nicht als eigenständige Kategorie aufgeführt.
Literatur[Bearbeiten]
- Bhikkhu Bodhi (Übers.): The Connected Discourses of the Buddha. A Translation of the Saṃyutta Nikāya. Wisdom Publications, ISBN 0-86171-331-1.
- Nyanatiloka: Buddhistisches Wörterbuch. Kurzgefasstes Handbuch der buddhistischen Lehren und Begriffe. Verlag Beyerlein-Steinschulte, ISBN 3-931095-09-6.
- Buddhaghosa: Visuddhi Magga – Der Weg zur Reinheit. Jhana-Verlag, ISBN 978-3-931274-09-2.
Weblinks[Bearbeiten]
- Eintrag „upekkhā“ im Buddhistischen Wörterbuch von Nyanatiloka
- Visuddhimagga Kap. IX in der deutschen Übersetzung
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />