Andrea Sansovino
Andrea Sansovino (auch Andrea Contucci oder Andrea dal Monte San Savino; * um 1466/67 in Monte San Savino; † zwischen dem 30. März und dem 11. April 1529, vermutlich am 10. April, ebenda) war ein italienischer Bildhauer und Architekt der Hochrenaissance.<ref name=":1"></ref>
Leben[Bearbeiten]
Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]
Sansovinos Jugend und Ausbildung sind überwiegend durch die Biografie Giorgio Vasaris überliefert, die in mehreren Punkten korrigiert werden muss. So beruht der von Vasari genannte Familienname Contucci offenbar auf einer irrtümlichen Wiedergabe des Namens Mucci, des Nachnamens seines Vaters. Entgegen Vasaris Angabe muss der Vater wohlhabend gewesen sein, da er seinen beiden Söhnen jeweils ein Haus vererbte. Aus der Hochzeit der Eltern im Jahr 1465 lässt sich das Geburtsjahr von Sansovino erschließen. Der in Dokumenten erwähnte Bruder ist laut Giancarlo Fattorini (2013) nicht älter, sondern jünger als Andrea.<ref name=":1" />
Eine erste Ausbildung erhielt Sansovino möglicherweise in der Werkstatt von Andrea Ferrucci in Fiesole, bevor er nach Florenz ging. Vasari nennt Antonio Pollaiuolo als Lehrer, der jedoch bereits 1484 in Rom lebte. Möglicherweise vollendete Sansovino seine Ausbildung bei Benedetto da Maiano in Florenz, dessen Werke ihn prägten. 1491 ist er erstmals in Florenz urkundlich nachweisbar: Er trat in die Zunft der Steinmetzen und Zimmerleute (pietra e legname) ein und wurde in die Kommission gewählt, die über das Projekt der Fassade des Florentiner Doms entscheiden sollte.<ref name=":1" />
Frühwerk und Portugal[Bearbeiten]
Für die Zeit vor 1491 nennt Vasari mehrere Arbeiten, von denen sich einige erhalten haben, deren Zuschreibung in der Forschung jedoch nicht einhellig beurteilt wird. Dazu gehören zwei Altarbilder aus glasierter Terrakotta für die Kirche S. Agata in Monte San Savino (heute in S. Chiara ebenda) sowie ein Terrakotta-Relief mit dem Kopf des römischen Kaisers Galba (Arezzo, Museo Casa Vasari). Im Jahr 1490 erhielt Sansovino eine Zahlung vom Kapitel der Kirche S. Spirito in Florenz. Ob er tatsächlich am Bau der dortigen Sakristei und des Vestibüls beteiligt war, ist umstritten. Als sein größtes Frühwerk wird der Corbinelli-Altar in S. Spirito (Giebel und Seitenteile 1642 ergänzt) angesehen, dessen Aufbau von einem Triumphbogen bestimmt wird.<ref name=":1" />
Am 9. Dezember 1492 schloss er mit den in Florenz lebenden Vertretern des portugiesischen Königs João II. einen Vertrag, in dem er sich verpflichtete, gemeinsam mit seinem Partner Bartolomeo d’Ilario mindestens acht Monate als Bildhauer in Portugal zu arbeiten.<ref></ref> In dem Dokument wird er als iuvenis Magister Andreas Nicolai de Mussiis de Florentia, scultor maximus bezeichnet. Die von Vasari erwähnten Bauten in Portugal konnten bisher nicht identifiziert werden. Sansovino scheint jedoch mit Unterbrechungen – Aufenthalte in Florenz sind für 1493 und 1495/96 belegt – tatsächlich in Portugal und möglicherweise auch in Spanien tätig gewesen zu sein. Dafür spricht unter anderem, dass im Jahr 1501 im königlichen Palast von Sintra eine nach dem Libro di machine des Benvenuto di Lorenzo della Volpaia (um 1520/24) von Sansovino erfundene hydraulische Säge zur Herstellung feiner Steinplatten in Betrieb genommen wurde. Das für König João II. geplante Grabmal wurde jedoch nicht ausgeführt. Sansovino könnte mit Andrés Florentín identisch sein, der 1500 in Toledo den Auftrag für die Skulpturen am Hochaltar der Kathedrale erhielt. Laut Fattorini (2013) lieferte er dafür jedoch nur die Entwürfe.<ref name=":1" />
Florenz, Volterra und Genua[Bearbeiten]
Als sein erstes urkundlich belegtes Werk vollendete Sansovino 1502 das marmorne Taufbecken für das Baptisterium von Volterra, das dort noch heute erhalten ist. Die ersten Zahlungen für das Material sind für April 1501 belegt, was einen Terminus ante quem für seine Rückkehr nach Florenz liefert. Im April 1502 erhielt er den Auftrag für die Gruppe der Taufe Christi über dem Ostportal des Baptisteriums in Florenz. Diese war 1505 noch nicht fertiggestellt; 1569 vollendete Vincenzo Danti die Christusfigur. Die Gruppe befindet sich heute im Museo dell’Opera del Duomo, am Baptisterium selbst steht eine Kopie. Spätestens im Jahr 1503 erhielt Sansovino den Auftrag für die annähernd überlebensgroßen Skulpturen des Johannes des Täufers und der Maria mit Kind für die Taufkapelle im Dom von Genua. Sie sind an den Sockeln mit der Signatur Sansovinus Florentinus Faciebat versehen. Im Januar 1504 bat er um die Erlaubnis, die Skulpturen auf dem Seeweg über Pisa nach Genua zu bringen. In dieselbe Zeit fällt seine Berufung in die Kommission, die einen Aufstellungsort für Michelangelos Kolossalstatue des David suchen sollte. Sansovino konnte daran jedoch nicht teilnehmen, da er sich auf dem Weg nach Genua befand. Nicht zur Ausführung kamen ein 1502 in Auftrag gegebener Christus Salvator für den Saal des Großen Rates im Palazzo Vecchio sowie ein 1504 vergebenes Sakramentstabernakel im Florentiner Dom. Für dieses lieferte er 1505 ein Holzmodell.<ref name=":1" />
Rom[Bearbeiten]
Im Jahr 1505 wurde Sansovino, der neben Michelangelo zu den bekanntesten Bildhauern in Florenz zählte, von Papst Julius II. nach Rom berufen. Er sollte das Grabmal für Kardinal Ascanio Sforza (gest. am 28. Mai 1505) in Santa Maria del Popolo ausführen. Kurz darauf wurde er auch mit dem Grabmal für Kardinal Girolamo Basso della Rovere (gest. am 1. September 1507) beauftragt. Wann er mit dem ersten Grabmal begann, ist umstritten. Die vermutlich 1509 vollendeten Gräber wurden im möglicherweise erst 1508–1510 ausgeführten Chorneubau aufgestellt. Ihr dreiachsiger Aufbau wird von einem Triumphbogen dominiert, der antikes Formenvokabular mit venezianischen Einflüssen verbindet, wie sie Tullio Lombardo im Vendramin-Grabmal (um 1495) entwickelt hatte. Ein vergleichbares Grabmal ist dem Kardinal Giovanni Michiel in San Marcello al Corso gewidmet und stammt von Andrea oder Jacopo Sansovino.<ref name=":1" />
Im Jahr 1512 beauftragte der Kleriker und Humanist Johannes Goritz (Corycius) Sansovino mit einer Anna-Selbdritt-Gruppe und Raffael mit einem Fresko des Propheten Jesaja für die Annenkapelle in S. Agostino. Beide Werke sind bis heute erhalten. Beide Werke sollten als Ensemble Goritz’ Grablege schmücken, doch aufgrund seines Todes in Verona wurde dies nicht realisiert. Sansovino sollte die Gruppe aus einem einzigen Marmorblock schlagen. Bei den anschließenden, von Goritz veranstalteten Annenfesten wurden etwa 120 lobende Beiträge italienischer und deutscher Humanisten über das Fresko, die Skulptur und den Auftraggeber verfasst. Diese wurden 1524 von Blasio Palladio in Rom unter dem Titel Coryciana veröffentlicht.<ref name=":1" /><ref></ref>
Loreto und Spätzeit[Bearbeiten]
Im Jahr 1513 ernannte Papst Leo X. Sansovino zum verantwortlichen Baumeister der Kirche und der Santa Casa in Loreto. Er war dort bis 1527 tätig, unterbrochen von Aufenthalten in seiner Heimat und in Rom. In Loreto wurde er erstmals als Architekt aktiv. Er ließ die Vierungspfeiler der Basilika verstärken und leitete Baumaßnahmen im Palazzo Apostolico. Für die Santa Casa entwickelte er ein Skulpturenprogramm, bei dem sich Reliefs zur Geschichte des Marienlebens mit Nischen für Statuen von Sibyllen und Propheten abwechseln. Eigenhändig schuf er die Verkündigung (1518–1522), eines seiner Hauptwerke, sowie die Anbetung der Hirten (1518–1524). Die 1525 begonnene Hochzeit Mariens wurde 1533 von Niccolò Tribolo vollendet. 1516 heiratete Sansovino in Monte San Savino. Zu seinen weiteren, überwiegend architektonischen Arbeiten zählen die Erneuerung und Erweiterung des väterlichen Hauses in Monte San Savino (1515–1520), der Entwurf des Hofes des Palazzo Comunale in Jesi (1519) sowie der Entwurf des Kreuzgangs von S. Agostino in seiner Heimatstadt inklusive Portal, Lettner und Kanzel (1523). Im Jahr 1524 bot er Michelangelo in Loreto seine Mitarbeit an der Biblioteca Medicea Laurenziana und der Neuen Sakristei von S. Lorenzo an. Von diesem Angebot zeugen drei Briefe Sansovinos an Michelangelo. Ab 1518 arbeitete er an einer Kolossalstatue des Königs Porsenna, von der lediglich der 1528 vollendete Terrakottakopf erhalten ist (Montepulciano, Sammlung Avignonesi). 1528 erhielt er von der Dombauhütte in Orvieto den Auftrag für den Altar der Heiligen Drei Könige im Dom von Orvieto, welcher jedoch nicht ausgeführt wurde. Sansovino starb 1529 in Monte San Savino und wurde in S. Agostino beigesetzt. Sein Grabstein mit der Inschrift Andreae Sansovino Sculptori wurde 1969 wiedergefunden.<ref name=":1" />
Werk[Bearbeiten]
Zu Beginn seiner Laufbahn stand Sansovino vor allem unter dem Einfluss von Benedetto da Maiano und Andrea Ferrucci. Ab 1502 zählte er zu den bedeutendsten Bildhauern in Florenz. Ein künstlerischer Einfluss Michelangelos, insbesondere durch dessen monumentalen David, ist anzunehmen. In der Grabmalsplastik führte Sansovino den Triumphbogen als Gestaltungsmotiv ein und stellte die Verstorbenen als schlafende Liegefigur dar. Die Reliefs für die Santa Casa in Loreto zeichnen sich durch Detailreichtum und individualisierte Figuren aus.<ref name=":1" />
Werkliste[Bearbeiten]
- Corbinelli-Altar, S. Spirito, Florenz (zugeschrieben, Frühwerk)
- Zwei Altarbilder in glasierter Terrakotta, S. Chiara, Monte San Savino (ursprünglich für S. Agata)
- Taufbecken, Baptisterium Volterra, 1502
- Taufe Christi, Baptisterium Florenz (begonnen 1502, Christusfigur 1569 von Vincenzo Danti vollendet; Original im Museo dell’Opera del Duomo)
- Johannes der Täufer und Maria mit Kind, Taufkapelle des Doms von Genua, vor 1504
- Grabmäler der Kardinäle Ascanio Sforza und Girolamo Basso della Rovere, Santa Maria del Popolo, Rom, bis vermutlich 1509
- Anna selbdritt, S. Agostino, Rom, 1512
- Skulpturenprogramm der Santa Casa, Loreto (u. a. Verkündigung, 1518–1522; Anbetung der Hirten, 1518–1524)
- Mutter mit Kind, Terrakotta, 1492/1502 (Florenz, Museo Nazionale del Bargello)
- Fassadenfigur Muttergottes mit zwei sie anflehenden Seelen, Santa Maria dell’Anima, Rom, 1511/12
- Hl. Rochus, polychrome Terrakotta, um 1528 (Battifolle bei Arezzo, S. Quirico e Giulietta)
- Madonna del Carmine, polychrome Terrakotta (Trequanda, Pfarrkirche)
- Kopf der Kolossalstatue des Königs Porsenna, Terrakotta, 1528 (Montepulciano, Sammlung Avignonesi
Werke (Auswahl)[Bearbeiten]
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Andrea Sansovino: Madonna mit dem Kind (Madonna del coniglio), 1492–1502, Terrakotta, Museo Nazionale del Bargello, Florenz, aus dem Palazzo Galletti in Monte San Savino
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Andrea Sansovino (zugeschrieben): Madonna mit dem Kind und zwei Putten, 1501–1535, Marmorrelief mit glasierter, polychromer Terrakottarahmung, Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon
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Andrea Sansovino: Verkündigung Mariens (Detail), um 1500–1510, glasierte Terrakotta, Chiesa della Santissima Annunziata (Misericordia), Lucignano
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Andrea Sansovino: Johannes der Täufer, 1503–1504, Marmor, Cappella di San Giovanni Battista, Kathedrale San Lorenzo, Genua
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Andrea Sansovino: Verkündigung Mariens, 1518–1523, Marmorrelief. Santa Casa, Basilica della Santa Casa, Loreto
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Andrea Sansovino: Heiliger Rochus, um 1528, polychrome Terrakotta, Chiesa dei Santi Quirico e Giulitta, Battifolle bei Arezzo
Literatur[Bearbeiten]
- Paul Schönfeld: Andrea Sansovino und seine Schule für Künstler und Kunstfreunde. Metzler, Stuttgart 1881.
- George Haydn Huntley: Andrea Sansovino, Sculptor and Architect of the Italian Renaissance. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1935; Greenwood, Westport, Conn. 1971, ISBN 0-8371-5609-2.
- Nicoletta Baldini und Renato Giulietti (Hrsg.): Andrea Sansovino. I documenti Maschietto & Musolino, Florenz 1999, ISBN 88-86404-94-8.
- Susanna Partsch: Sansovino, Andrea. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Band 101, De Gruyter, München/Leipzig 2018, S. 118.
- Sansovino, Andrea. In: Thieme-Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Band 29, Leipzig 1935.
- Contucci, Andrea. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 28, Rom 1983.
- George H. Huntley: Andrea Sansovino. Cambridge (Mass.) 1935.
- Cesare Girolami: Andrea Sansovino. Florenz 1936.
- Jörg Poeschke: Die Skulptur der Renaissance in Italien. Band 2, München 1992.
- Giancarlo Fattorini: Andrea Sansovino. Trento 2013.
- Paolo Refice u. a. (Hrsg.): Andrea Sansovino, profeta in patria. Ausstellungskatalog, Città di Castello 2016.
- Gabriele Fattorini: Andrea Sansovino. Temi, Trient 2013, ISBN 978-88-97372-46-2.
- Joachim Poeschke: Die Skulptur der Renaissance in Italien. Band 2: Michelangelo und seine Zeit. München 1992.
- Paola Refice, Secondino Gatta, Margherita Gilda Scarpellini (Hrsg.): Andrea Sansovino: profeta in patria. Icona, Città di Castello 2016.
- Sansovino, Andrea. In: Ulrich Thieme, Felix Becker (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Band 29, Leipzig 1935, S. 418–420.
- Contucci, Andrea, detto il Sansovino. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 28, Rom 1983.
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Sansovino, Andrea |
| ALTERNATIVNAMEN | Contucci, Andrea (Geburtsname); Contucci, Andrea di Domenico; Monte San Savino, Andrea dal; Sansovino, Andrea da |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Bildhauer |
| GEBURTSDATUM | um 1460 |
| GEBURTSORT | Monte San Savino bei Arezzo |
| STERBEDATUM | zwischen 30. März 1529 und 11. April 1529 |
| STERBEORT | Monte San Savino bei Arezzo |