Arend Lang
Arend Wilhelm Lang (* 15. September 1909 in Loga, Ostfriesland; † 23. Februar 1981 in Aurich) war ein deutscher Mediziner, Nationalsozialist, Privatgelehrter und Kartograf.
Leben[Bearbeiten]
Lang war der Sohn eines Eisengießereifabrikanten.<ref name="DBE224">Lang, Arend. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Band 6: Kraatz-Menges. K. G. Saur, München 2006, ISBN 3-598-25036-3, S. Vorlage:VonBis (books.google.de – eingeschränkte Ansicht).</ref> Er trat 1928 in den Jungdeutschen Orden ein. Nach dem Abitur in seiner Heimatstadt studierte er ab 1930 Medizin an den Universitäten München, Wien und Bonn.<ref name=":1">Siehe: Walter Deeters: Arend Wilhelm Lang. (PDF) ostfriesischelandschaft.de, BLO III, Aurich 2001, S. 253–257.</ref><ref name="DBE224" /> Zum 1. September 1931 trat Lang der NSDAP (Mitgliedsnummer 607.741)<ref>Bundesarchiv R 9361-II/611247</ref> und im November der SS bei<ref name=":1" /> (SS-Nummer 24.178), wo er 1943 bis zum SS-Obersturmbannführer aufstieg. Als Angehöriger der SS-Standarte 11 nahm er 1934 maßgeblich am gescheiterten Juliputsch in Wien teil. Danach setzte er sich in die Tschechoslowakei ab und wurde von dort ins Deutsche Reich abgeschoben.<ref name=":1" />
An der Universität Bonn beendete er sein Medizinstudium und wurde dort 1936 zum Dr. med. promoviert.<ref name=":1" /> Für seine Dissertation über die „Wohn- und Wasserverhältnisse im Kreise Leer“ griff er auf Angaben aus einer von der NS-Volkswohlfahrt 1933 durchgeführten Befragung der Bevölkerung zurück.<ref name=":1" />
Nach seiner Bestallung erhielt er Anfang März 1937 als Hilfsarzt eine Anstellung am Gesundheitsamt Aurich, wo er eine Denkschrift zur „Lösung des Asozialenproblems durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (Dargestellt an dem Ort Moordorf, Regierungsbezirk Aurich)“ verfasste. Lang war an Zwangssterilisierungen beteiligt. Nach Angaben von Walter Deeters lassen sich „an die fünfzig Fälle nachweisen, wo er Personen aus dem Landkreis Aurich begutachtete und zur Sterilisierung empfahl, was etwa zur Hälfte von dem dafür vorgesehenen Erbgesundheitsgericht in Aurich, wo Hinrich Schoolmann gelegentlich Protokoll führte, bestätigt wurde.“<ref name=":1" />
Ab März 1938 war er für das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS tätig. Er leitete nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich von Anfang Oktober 1938 bis März 1941 die Abteilung „Erb- und Rassenpflege“ im Hauptgesundheitsamt der Gemeindeverwaltung des Reichsgaus Wien, wo das Amt unter seiner Leitung eine erbbiologische Kartei anlegte, in die rund 700.000 Menschen im Gau Wien aufgenommen wurden, die den Angaben zufolge als "minderwertig" galten. Für die Betroffenen hatte dies weitreichende Konsequenzen: Ihnen wurden soziale Unterstützungsleistungen entzogen, sie waren staatlichen Eingriffen wie Heiratsverboten und erzwungenen Sterilisationen ausgesetzt, konnten in Arbeitslager oder spezielle Jugendkonzentrationslager eingewiesen werden oder wurden im Rahmen der sogenannten „Kinder-Euthanasie“ ermordet.<ref>05 Selektion und Fürsorge | gedenkstättesteinhof.at. Abgerufen am 26. März 2026.</ref> In Personalunion übernahm er die stellvertretende Leitung im Rassenpolitischen Amt der NSDAP in Wien. Des Weiteren war er Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht Wien. Mitte Mai 1941 wurde er Referent für „biologische Volkstumsfragen“ im Reichsausschuss für Volksgesundheitsdienst beim Reichsinnenministerium.<ref name="Czech24">Herwig Czech: Erfassen, begutachten, ausmerzen: Das Wiener Hauptgesundheitsamt und die Umsetzung der „Erb- und Rassenpflege“ 1938 bis 1945. In: Heinz-Eberhard Gabriel, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Vorreiter der Vernichtung? Eugenik, Rassenhygiene und Euthanasie in der österreichischen Diskussion vor 1938. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien. Teil III; Böhlau, Wien 2005, S. 24.</ref>
Seit seiner Jugendzeit mit der Landeskunde Frieslands befasst, gehörte er 1938 zu den Mitbegründern der Friesischen Akademie Leeuwarden. Während des Zweiten Weltkrieges nahm er nach dem Westfeldzug in den deutsch besetzten Niederlanden Propagandaaufgaben wahr. Ab April 1942 war er Truppenarzt beim Heer der Wehrmacht.<ref name="DBE224" />
Nach Kriegsende befand sich Lang in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, aus der er im September 1945 entweichen konnte. Er tauchte in Nordfriesland unter und wandte sich der historischen Kartografie zu. Im Zuge der Entnazifizierung wurde gegen ihn jahrelang ermittelt. 1949 schließlich wurde gegen ihn als ehemaliges SS-Mitglied und Teilnehmer am Juliputsch ein Haftbefehl erlassen. Nach einer Vernehmung in Flensburg wurde er im Herbst 1949 schließlich auf freien Fuß gesetzt.<ref name=":1" />
Lang zog 1949 nach Juist, wo er sich als Privatgelehrter niederließ. Er wurde ein international „anerkannter Fachmann für Seekartografie und Experte für die Kartographie der friesischen Küste“<ref name="DBE224" /> und erhielt dafür öffentliche Aufmerksamkeit.<ref name=":0">NWZonline.de: Aufarbeitung der NS-Zeit in Moordorf: Historiker Wojak beleuchtet Arzt Lang. 27. Februar 2026, abgerufen am 26. März 2026.</ref> Neben entsprechenden Lehraufträgen an den Universitäten Göttingen und Berlin<ref>Lang, Arend Wilhelm, auf personen.niedersaechsische-bibliographie.de</ref> publizierte er in diesem Rahmen auch Fachliteratur.<ref name="DBE224" /> Er wurde Leiter des Küstenmuseums Juist.<ref>Kartographische Nachrichten, Bände 31–32, 1981, S. 157.</ref>
Als „internationale Kapazität auf dem Gebiet der älteren Kartographie, Nautik und Küstenkunde“<ref name=":0" /> erhielt er mehrere Auszeichnungen, ohne dass sein Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus thematisiert wurde.
Arend Lang war mit Carola (1925–2010), geborene Loose, verheiratet. Er starb 1981 und wurde auf dem Dünenfriedhof der Insel Juist beigesetzt.<ref>Grabsteine | Dünenfriedhof Juist (Ostfriesische Insel/Aurich), auf grabsteine.genealogy.net</ref>
Aufarbeitung der NS-Tätigkeit[Bearbeiten]
Bezogen auf die Ubbo-Emmius-Medaille, heißt es dazu von der Ostfriesischen Landschaft: „In der damaligen Laudatio werde zwar Langs Zeit als ‚Truppenarzt‘ erwähnt, aber alles Weitere habe ‚offenbar der Nachkriegs-Zeitgeist, der solche Biografien häufig ausblendete oder marginalisierte‘, in den Hintergrund treten lassen.“<ref name=":0" /> Walter Deeters schreibt in der von ihm verfassten Biografie: „Arend Langs Vergangenheit war kein Thema mehr; er sprach nicht von ihr, und man sprach nicht mit ihm darüber.“<ref name=":1" />
Seit 2026 diskutierten die Gremien der Ostfriesischen Landschaft darüber, Lang die Ubbo-Emmius-Medaille posthum abzuerkennen.<ref>NWZonline.de: Aberkennung von NS-Ehrung in Ostfriesland: Landschaft prüft Fall Arend Lang. 9. April 2026, abgerufen am 9. April 2026.</ref> Anlass dafür waren die Forschungen des Historikers Andreas Wojak, der als einer der ersten die NS-Zeit in Moordorf wissenschaftlich erforschte und dabei auch das Wirken Langs untersuchte. Dieser sei als Arzt im Gesundheitsamt Aurich „maßgeblich an rassenhygienischen Maßnahmen beteiligt“ gewesen, so Wojak. Am 18. April 2026 entzog das Landschaftskollegium Lang schließlich die Ubbo-Emmius-Medaille.<ref>NWZonline.de: Ubbo-Emmius-Medaille in Aurich: Ostfriesische Landschaft aberkennt Arend Lang die Ehrung wegen NS-Vergangenheit. 18. April 2026, abgerufen am 18. April 2026.</ref> Die Landschaftsbibliothek plane zudem, den von Wojak kritisierten Eintrag<ref name=":1" /> im Biographischen Lexikon für Ostfriesland über Lang zu überarbeiten.<ref name=":0" /> Auch die Inselgemeinde Juist will die Vergangenheit Langs aufarbeiten.<ref>Till Oliver Becker: Juist arbeitet NS-Vergangenheit von Museumsleiter Arend Lang auf. 27. März 2026, abgerufen am 28. März 2026.</ref>
Ehrungen[Bearbeiten]
- Ubbo-Emmius-Medaille der Ostfriesischen Landschaft (1973)<ref name="Heinze">Arend Lang, auf archiv-heinze.de</ref>. Posthum am 18. April 2026 entzogen.<ref>NWZonline.de: Ubbo-Emmius-Medaille in Aurich: Ostfriesische Landschaft aberkennt Arend Lang die Ehrung wegen NS-Vergangenheit. 18. April 2026, abgerufen am 18. April 2026.</ref>
- Michael Prestel Medaille der Naturforschenden Gesellschaft zu Emden (1976)<ref name="Heinze" />
Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]
- Über die Wohn- und Wasserverhältnisse des Kreises Leer, Bonn, Med. Dissertation, 1937.
- Zur Lösung des Asozialenproblems durch das Ges. z. V. e. N., dargestellt an dem Dorf Moordorf, Regierungsbezirk Aurich, Denkschrift 1938.
- Das Juister Watt : Entwicklung der Inseln und des Festlandes um das Wattengebiet von Juist bis Norderney seit dm, 16. Jahrhundert, Dorn, Bremen-Horn 1955 (Schriften der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft zum Studium Niedersachsens e. V., Band 57; Veröffentlichungen des Niedersächsischen Amtes für Landesplanung und Statistik).
- Gestaltungswandel des Emsmündungstrichters : Untersuchungen zur Entwicklung der Emsmündung von der Mitte des 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Dorn, Bremen-Horn 1958 (= Schriften der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft zum Studium Niedersachsens e. V., Band 58; Veröffentlichungen des Niedersächsischen Amtes für Landesplanung und Statistik).
- Kleine Kartengeschichte Frieslands zwischen Ems und Jade : Entwicklung d. Land- u. Seekartographie von ihren Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Norden / Soltau 1962 (Hrsg.: Kreis- u. Stadtsparkasse Norden).
- Geschichte des Seezeichenwesens. Entwicklung, Aufbau und Verwaltung des Seezeichenwesens an der deutschen Nordseeküste bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Bundesminister für Verkehr, Bonn 1965.
- Untersuchungen zur morphologischen Entwicklung des Dithmarscher Watts von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Freie Hansestadt Hamburg, Behörde f. Wirtschaft u. Verkehr, Strom- u. Hafenbau, Hamburg 1975 (= Hamburger Küstenforschung, Heft 31).
- Historisches Seekartenwerk der Deutschen Bucht. (6 Lfg., 1969–1981).
Literatur[Bearbeiten]
- Herwig Czech: Erfassen, begutachten, ausmerzen: Das Wiener Hauptgesundheitsamt und die Umsetzung der „Erb- und Rassenpflege“ 1938 bis 1945. In: Heinz-Eberhard Gabriel, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Vorreiter der Vernichtung? Eugenik, Rassenhygiene und Euthanasie in der österreichischen Diskussion vor 1938. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien. Teil III. Böhlau, Wien 2005, ISBN 3-205-77122-2.
- Lang, Arend. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Band 6: Kraatz-Menges. K. G. Saur, München 2006, ISBN 3-598-25036-3, S. Vorlage:VonBis (books.google.de – eingeschränkte Ansicht).
- Andreas Wojak: Moordorf – Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9, S. 112, 118–122, 313
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Arend Lang im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Walter Deeters: Arend Wilhelm Lang. (PDF) ostfriesischelandschaft.de, BLO III, Aurich 2001, S. 253–257.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lang, Arend |
| ALTERNATIVNAMEN | Lang, Arend Wilhelm (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Mediziner, Nationalsozialist und Kartograf |
| GEBURTSDATUM | 15. September 1909 |
| GEBURTSORT | Loga |
| STERBEDATUM | 23. Februar 1981 |
| STERBEORT | Aurich |
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