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Der Totenwald

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Der Totenwald ist ein dokumentarisches Prosastück von Ernst Wiechert, das – gegen Ende 1939 geschrieben<ref>im Nachwort der verwendeten Ausgabe auf S. 193, 17. Z.v.o. zitiert von Eike Middell aus Ernst Wiecherts Erinnerungen Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt."Jahre und Zeiten" (Memento vom 3. November 2013 im Internet Archive)</ref><ref group="A" name="A1" /> – erstmals 1946 in Zürich erschien. Der „Bericht“ wurde ins Englische, Amerikanische, Französische, Finnische, Holländische, Italienische, Polnische, Spanische und Schwedische übertragen.<ref> Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Der Totenwald (Memento vom 3. November 2013 im Internet Archive) bei ernst-wiechert.de</ref> Es existiert zudem eine japanische Ausgabe.<ref>https://d-nb.info/578344459</ref>

Mit dem Totenwald meint der Autor das thüringische Konzentrationslager Buchenwald<ref>Verwendete Ausgabe, S. 83, 11. Z.v.u.</ref>, in dem er im Sommer 1938<ref>Klappentext in der verwendeten Ausgabe, 18. Zeile</ref> als Häftling Nr. 7188<ref>Verwendete Ausgabe, S. 4, 10. Z.v.u.</ref> zwei Monate überlebte. Der schmale Band kann selbst dem distanziertesten Leser<ref group="A" name="A2" /> „Respekt vor dem Leiden der Leidenden“<ref>Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 203, 4. Z.v.u.</ref> abnötigen.

Ernst Wiechert bietet kein Stück Autobiographie, sondern erzählt zeitlich zusammenhängende Episoden aus dem Leben eines Intellektuellen namens Johannes, eines Kriegs­teilnehmers. Vor der Beschreibung der zirka zweimonatigen Haft im Konzentrationslager kommt noch einiges aus der Vorgeschichte zur Sprache – die Haussuchung durch drei Gestapo-Männer und die Haft im Münchner Gestapo-Gefängnis<ref>Verwendete Ausgabe, S. 19, 9. Z.v.u. sowie S. 59, 1. Z.v.o.</ref>.

Inhalt[Bearbeiten]

Deutschland zur Zeit der „Rückkehr Österreichs an das Reich“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 12, 14. Z.v.u.</ref>: Johannes gerät im März 1938 in den Fokus von Partei und Staat und wird vier Monate inhaftiert, nachdem er die Stimme gegen die Verschleppung eines Pfarrers<ref group="A" name="A3" /> „in ein Lager“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 11, 8. Z.v.o.</ref> erhoben hatte.

Während der oben genannten mehrstündigen Durchsuchung seines Arbeitszimmers darf Johannes den Raum nicht verlassen. Unbedachterweise hatte er zuvor weder Briefe noch Tagebücher vernichtet. Im oben genannten Gefängnis wird Johannes etwa sieben Stunden von Untersuchungsbeamten, die die Gesinnung erforschen und Andersdenken nicht tolerieren wollen, verhört. Der Haftbefehl „wegen betont staatsfeindlicher Gesinnung und Erregung öffentlicher Unruhe gegen Staat und Partei“ bleibt nicht aus.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 25, 14. Z.v.o.</ref> Nach sieben Wochen Haft wird Johannes von einem „Kulturpolitiker“ verhört, der ihm Baldur von Schirach vergeblich als poetisches Vorbild empfehlen möchte. Leider – so beschließt der Beamte die Vernehmung – könne nun die Überweisung in ein Konzentrationslager nicht ausbleiben. Die Fahrt dorthin führt am 1. Juli 1938 zunächst zum Münchner Polizeipräsidium und dann mit der Eisenbahn durch Ostbayern und über Hof, Leipzig, Halle nach Weimar. Johannes trifft unterwegs auf andere „Kritiker der Staatsführung“.

Anfangs hatte der Name „Buchenwald“ schön geklungen und der Ettersberg an Goethe erinnert. Sogleich folgt die Ernüchterung. Der „Unterlagerführer in SS-Uniform“ – das ist der Pfarrerssohn Hartmann<ref>Verwendete Ausgabe, S. 64, 7. Z.v.u.</ref> – droht den „Schweinen“, also den „Schutzhäftlingen“, bei etwaigem Widerstand mit Erschießung und empfiehlt, die „Schnauzen geradeaus zu nehmen“.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 62, 8. Z.v.o.</ref> Die Ankömmlinge müssen als Exempel „neuer Menschenerziehung“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 69, 9. Z.v.u.</ref> mitansehen, wie ein Häftling über den Bock<ref>Verwendete Ausgabe, S. 69, 2. Z.v.o.</ref> geht. Die Neuen müssen sich entkleiden. Im Freien wird ihnen alles Haar geschoren.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 70, 13. Z.v.u.</ref>

Johannes muss Schwerarbeit im Freien leisten und lernt den „Hochverräter“ Josef, zuletzt Straßenbahnführer in Saarbrücken, kennen. Der Schlosser Josef ist in den letzten Jahren durch mehrere Lager gegangen. Als bei Johannes, bedingt durch die schwere körperliche Arbeit, ernsthafte gesundheitliche Schäden nicht mehr zu übersehen sind, wird schlagartig der Wendepunkt erreicht: Johannes erfährt die Solidarität der Häftlinge. Josef vermittelt dem Kranken leichte Arbeit in einer Baracke.

Auf dem Weg in die Freiheit muss Johannes beim „Propagandaminister“ vorbei. Goebbels droht ihm, ein zweites Mal werde er ein Lager nicht lebend verlassen.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 131, 3. Z.v.u.</ref> Einträge in Goebbels Tagebüchern (4. August 1938, 30. August 1938) dokumentieren, wie er geplant und ausgeführt hat, sich Wiechert aus dem KZ vorführen zu lassen.<ref>Joseph Goebbels: Tagebücher 1924–1945. Herausgegeben von Ralf Georg Reuth. Piper, München und Zürich, 3. Aufl. 2003, S. 1247–1248 und 1263.</ref>

Form[Bearbeiten]

Im Untertitel steht Ein Bericht. Gewiss fehlt es dem Text nicht an Fakten. Johannes berichtet von 103 Toten im Juli 1938 im KZ Buchenwald<ref>Verwendete Ausgabe, S. 90, 1. Z.v.o.</ref> und schätzt dort „etwa achttausend Gefangene“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 71, 6. Z.v.o.</ref>. Johannes, der Bürgerliche, lernt Kommunisten – wie zum Beispiel Walter Husemann – kennen und respektieren.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 122 oben</ref>

Als Augenzeuge berichtet Johannes

  • Häftlinge werden von SS-Männern mit Füßen getreten oder ins Gesicht geschlagen.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 66, 4. Z.v.u. und S. 64, 8. Z.v.o.</ref>
  • „der Scharführer“
    • [schleudert dem Häftling] „einen kopfgroßen Stein mit voller Wucht in den Rücken“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 79, 19. Z.v.o.</ref>
    • [schlägt dem Häftling] „mit einem fingerstarken Stock … auf die Wangen, die Ohren, die Schläfen.“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 80, 15. Z.v.o.</ref>
  • Häftlinge müssen zur Strafe den ganzen Tag stehen und dürfen nicht austreten.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 108, 5. Z.v.u.</ref> Uniformierte Passanten schlagen die Unglücklichen gelegentlich.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 109, 8. Z.v.o.</ref>
  • ein Häftling hängt „an den auf dem Rücken zusammengeschnürten Armen … in einem Baume“.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 114, 14. Z.v.u.</ref>

Trotzdem ist der Text mehr Anklage als Bericht.

Manche Aussage ist Jahrzehnte nach der Niederschrift des Textes fast unverständlich geworden. Der Leser aus dem 21. Jahrhundert fragt zum Beispiel, was die Lobeshymne des Erzählers auf den Nationalsozialisten Wilhelm Hug bedeuten könne.<ref>Verwendete Ausgabe, S. 123, 3. Z.v.u.</ref><ref group="A" name="A4" />

Rezeption[Bearbeiten]

  • 1951: Reinhold Schneider: „Ernst Wiechert ist den Weg nach Buchenwald gegangen; wir werden ihm immer dankbar sein müssen dafür …“<ref>Reinhold Schneider: Ernst Wiechert in Buchenwald. Verwendete Ausgabe, S. 189, 3. Z.v.o.</ref> „Sowenig ein Dichter sich lösen kann von der Welt der Bilder … sowenig dürfen wir uns lösen von seinem Schmerz …“<ref>Reinhold Schneider: Ernst Wiechert in Buchenwald. Verwendete Ausgabe, S. 190, 2. Z.v.u.</ref>
  • 1977: Nach Eike Middell rangiert der Text zwar deutlich hinter „Nackt unter Wölfen“ und „Die Ermittlung“<ref>Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 192, 12. Z.v.u.</ref>, doch „Als Zeugnis auch im Schlimmsten nicht nur bewahrter, sondern auch bewährter Menschlichkeit bleibt Der Totenwald ein ergreifendes Dokument, ein schlichtes, anrührendes Gedenken an die Opfer des Faschismus.“<ref>Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 199, 16. Z.v.u.</ref>
  • 1994: Ausgehend vom Nachwort, in dem Ernst Wiechert mahnt und statuiert, der Text enthalte „die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ und die Schreibabsicht sei eine Verwandlung der Wirklichkeit „in eine höhere Wahrheit, eben in die der Kunst“<ref>Verwendete Ausgabe, S. 134</ref>, registriert Manfred Karnick „eine gewollte Manier der Schlichtheit und inhaltlich die Anlehnung an die Bibel.“<ref>Karnick in Barner (Hrsg.), S. 41, 1. Z.v.o.</ref> Zudem sei der Stoff „schon literarisch gefaßt“.<ref>Karnick in Barner (Hrsg.), S. 50, 10. Z.v.u.</ref>
  • 2008: Buchenwaldhäftling Nr. 7188: Ernst Wiechert. Wiederbegegnung mit Ernst Wiecherts KZ-Bericht „Der Totenwald“, berlinerliteraturkritik.de, Rezension der Suhrkamp-Ausgabe anno 2008

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Ernst Wiechert: Der Totenwald. Ein Bericht. Rascher Verlag, Zürich 1946. 170 Seiten (Erste deutschsprachige Ausgabe).
  • Ernst Wiechert: Der Totenwald. Ein Bericht. Mit einem Nachwort des Autors. Verlag Kurt Desch, München 1946. 196 Seiten (Erste deutsche Ausgabe).
  • Ernst Wiechert: Der Totenwald. Ein Bericht. Tagebuchnotizen und Briefe. Mit einem Nachwort von Eike Middell. Union Verlag Berlin, 1977 (Lizenzgeber: Verlag Kurt Desch, München 1957). 204 Seiten.<ref group="A" name="A5" />
  • Ernst Wiechert: Der Totenwald. Ein Bericht. Tagebuchnotizen und Briefe. Reclam Leipzig, 1989, ISBN 3-379-00429-4.
  • Ernst Wiechert: Der Totenwald. Ein Bericht. Mit einem Essay von Klaus Briegleb. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008 (Bibliothek Suhrkamp 1425), ISBN 978-3-518-22425-0. 184 Seiten.
  • Ernst Wiechert: Der Totenwald. Ein Bericht. Berlin, Sammlung Hofenberg im Verlag Henricus – Edition Deutsche Klassik, ISBN 978-3-7437-3909-3. 100 Seiten.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Manfred Karnick: Krieg und Nachkrieg, Erzählprosa im Westen, Kapitel II in: Wilfried Barner (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur. Band 12: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38660-1 Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen[Bearbeiten]

<references group="A"> <ref group="A" name="A1">Manche Stellen wurden jedoch nach 1939 editiert – zum Beispiel die Bemerkung über den Tod Husemanns im Mai 1943 (Verwendete Ausgabe, S. 123, 10. Z.v.u.).</ref> <ref group="A" name="A2">Zum Beispiel habe Thomas Mann den Bericht als „sehr mild und verschwiemelt“ abgetan (Thomas Mann, zitiert bei Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 201, 14. Z.v.u.).</ref> <ref group="A" name="A3">Ernst Wiechert meint Martin Niemöller (siehe zum Beispiel bei Hupka: „Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Den Kommenden zur Mahnung (Memento vom 3. November 2013 im Internet Archive) (PDF; 31 kB)“ (S. 127 oben)).</ref> <ref group="A" name="A4">Von seinem relativ sicheren Standort Schweiz oder auch USA aus machte 1938 mancher Emigrant zu solchen Vorgängen im Reich bittere Bemerkungen. Erika Mann soll zum Beispiel gesagt haben, Ernst Wiechert sei nach seiner Entlassung aus dem Lager ein „braver Junge“ (zitiert von Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 199, 4. Z.v.o.) geworden.</ref> <ref group="A" name="A5">Verwendete Ausgabe.</ref> </references>

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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