Nach einem einjährigen Aufenthalt in Paris im Jahr 1912/13 begegnete er Jules Pascin. Scharff wurde 1913 Gründungsmitglied der Münchener Neuen Secession.<ref>Edwin Scharff – Leben und Werk. In: Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm. Abgerufen am 13. April 2026.</ref> Danach wechselte er zur Bildhauerei, womit der Beginn seiner produktivsten Schaffensphase verbunden war. Im Ersten Weltkrieg diente er bei bayrischen Infanterie-Regimentern.<ref>Bayerisches Hauptstaatsarchiv; München; Abteilung IV Kriegsarchiv. Kriegsstammrollen, 1914-1918</ref> 1919 heiratete er die Schauspielerin Helene Ritscher (1888–1964);<ref>Vorlage:Deutsche Biographie/core</ref> aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Der Filmarchitekt Peter Scharff war eines seiner beiden Kinder.<ref>Sohn von Edwin Scharff gestorben. In: augsburger-allgemeine.de. 16. Januar 2014, abgerufen am 2. Januar 2026.</ref> Es entstanden Gemälde, Skulpturen und Graphiken zum Motiv Liebespaar und nach der Geburt des ersten Kindes zum Thema Mutter und Kind.
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde Scharff im April 1933 von seiner Lehrtätigkeit an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin beurlaubt. In einer Stellungnahme an den preußischen Kultusminister vom 2. Mai 1933 schrieb Scharff, seine Beurlaubung sei nach seiner Kenntnis auf den Vorwurf zurückzuführen, er habe sich während der Revolution 1918/19 in München „kommunistisch betätigt“. Er wies diese Anschuldigung zurück und bezeichnete sich selbst als unpolitisch.<ref name="AdK1102">Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Historisches Archiv, Bestand Preußische Akademie der Künste, Akte 1102, insbesondere Stellungnahme Edwin Scharffs vom 2. Mai 1933 sowie Eingaben zugunsten Scharffs vom 27. bis 30. April 1933, Digitalisat Objekt 2305734, PDF-S. 8–10 und 23–24.</ref> Wolfgang Ruppert zufolge reichten die gegen Scharff erhobenen politischen Vorwürfe im Frühjahr 1933 für seine umgehende Beurlaubung aus.<ref name="Ruppert2015">Wolfgang Ruppert: Künstler im Nationalsozialismus. Künstlerindividuum, Kunstpolitik und die Berliner Kunsthochschule. In: Wolfgang Ruppert (Hrsg.): Künstler im Nationalsozialismus. Die „deutsche“ Kunst, die Kunstpolitik und die Berliner Kunsthochschule. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2015, ISBN 978-3-412-22429-5, S. 26–29.</ref>
Mehrere Freunde, Kollegen und Institutionen wandten sich daraufhin mit Eingaben an die Hochschulleitung und das Kultusministerium. Sie bestritten eine kommunistische Betätigung Scharffs und hoben seine politische Zuverlässigkeit gegenüber den neuen Machthabern hervor. Der Kunstverein Ulm erklärte am 28. April 1933, Scharff sei bereits seit 1929 „politisch rechts gerichtet“ gewesen und habe „mit der NSDAP sympathisiert“. Der Münchner Akademieprofessor Karl Caspar schrieb am 30. April, Scharff habe ihm bereits 1931 erklärt, er stelle sich „aus innerer Überzeugung hinter die nationale Bewegung Adolf Hitlers“.<ref name="AdK1102" />
Zum 1. Mai 1933 trat Scharff in die NSDAP ein.<ref>Bundesarchiv, R 9361-II/883586.</ref>
Im November 1933 wurde er an die Kunstakademie Düsseldorf versetzt. Johnen zufolge übernahm er dort die „zuvor gesäuberte Stelle von Ewald Mataré“, der im Zuge der nationalsozialistischen personellen und kunstpolitischen Umgestaltung der Akademie sein Lehramt verloren hatte. Die Versetzung ermöglichte Scharff die Fortsetzung seiner Tätigkeit als Hochschullehrer.
Scharff blieb auch in den folgenden Jahren im öffentlichen Kunst- und Ausstellungsbetrieb präsent und war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Für die Zeit des Nationalsozialismus sind mehrere Ausstellungsbeteiligungen nachgewiesen; noch 1940 war er in Münster in der Ausstellung Der Deutsche Westen. Malerei und Plastik aus der Gegenwart. Junge Kunst im Deutschen Westen. Jahresschau 1939/40 vertreten.<ref>Martin Papenbrock, Gabriele Saure (Hrsg.): Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in deutschen Ausstellungen. Teil 1: Ausstellungen deutscher Gegenwartskunst in der NS-Zeit. Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar 2000, ISBN 3-89739-041-8, S. 544 und passim, doi:10.1466/20061109.28.</ref>
Für die Reichsausstellung Schaffendes Volk in Düsseldorf schuf Scharff ab 1936/37 die monumentalen Figurengruppen der Rossebändiger am Haupteingang des Ausstellungsgeländes. Bei der Eröffnung im Mai 1937 waren die Arbeiten noch nicht vollendet. Fotografien der Skulpturen wurden im selben Jahr zeitweise in der Münchner Ausstellung Entartete Kunst gezeigt, jedoch anschließend mit dem Hinweis entfernt, ihre Aufnahme sei irrtümlich erfolgt.<ref>Landeshauptstadt Düsseldorf, Kulturamt: Rossebändiger, Objektdatenbank d:kult online, Objekt KA.SB349, abgerufen am 17. September 2026.</ref>
Gleichzeitig wurden 1937 im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ zahlreiche ältere Werke Scharffs aus deutschen Museen beschlagnahmt. Drei seiner Arbeiten wurden in der Münchner Ausstellung Entartete Kunst gezeigt; 46 beschlagnahmte Arbeiten wurden später vernichtet.<ref>Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, Freie Universität Berlin.</ref>
Im März 1938 wurde Scharffs NSDAP-Mitgliedschaft wegen der teilweise jüdischen Abstammung seiner Ehefrau für nichtig erklärt.<ref>Bundesarchiv, R 9361-II/883586.</ref> Ruppert zufolge verlor Scharff 1939 sein Düsseldorfer Lehramt, konnte aber zunächst freiberuflich weiterarbeiten. 1940 untersagte ihm die Reichskammer der bildenden Künste die weitere berufliche Tätigkeit.<ref name="Ruppert2015" />
In den letzten Kriegsjahren diente das Bauernhaus der Familie in Kampen auf Sylt als Rückzugsort. Die Hamburger Landeszentrale für politische Bildung berichtet, das Ehepaar habe sich nach Scharffs beruflicher Ausgrenzung dorthin zurückgezogen.<ref>Rita Bake: Ein Gedächtnis der Stadt. Nach Frauen und Männern benannte Straßen, Plätze, Brücken in Hamburg. Band 3, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Hamburg 2015, S. 326–327.</ref>
Nach dem Ende des NS-Staats gehörte Edwin Scharff wieder dem Deutschen Künstlerbund an und war er dort von 1951 bis 1955 im erweiterten Vorstand als Jurymitglied tätig.<ref>Vorstände des Deutschen Künstlerbundes ab 1951. Deutscher Künstlerbund, abgerufen am 15. April 2024.</ref> 1955 wurde er als Mitglied in die Akademie der Künste (Berlin) berufen.<ref>vgl. Archiv der Akademie der Künste: Akademie der Künste (West), Personalnachrichten; Pers-AdK-W 229</ref> Ab 1946 unterrichtete Scharff an der Landeskunstschule in Hamburg.
Die Platten für die beiden sich gegenüberliegenden Grabstätten Edwin Scharffs und seiner Ehefrau Ilona auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf fertigte seine Schülerin Ursula Querner, vermutlich aus dem Material Trani Perlato.<ref>Die Grabstätte des Ehepaares Scharff, auf edwin-scharff.de, abgerufen am 9. November 2011.</ref>
Auf den Kunstausstellungen documenta 1 (1955) und documenta 2 (1959)<ref>documenta retrospective. In: documenta.de. Abgerufen am 13. April 2026.</ref> (1955) und documenta 2 (1959) in Kassel wurden auch seine Werke der internationalen Öffentlichkeit gezeigt. Der in seinem Todesjahr von der Stadt Hamburg gestiftete jährlich vergebene Edwin-Scharff-Preis erinnert an ihn.
In seiner Geburtsstadt Neu-Ulm wurde im Jahr 1999 das Edwin Scharff Museum eröffnet, das in seiner Dauerausstellung einen umfassenden Überblick über das Werk gibt. In seinem Besitz befinden sich auch zwei Bronzeplastiken der Eltern des Kunstsammlers Franz Moufang, eine Büste von Wilhelm Moufang senior und ein Hochrelief-Tondo von dessen Ehefrau Julie Stutzmann aus der Zeit um 1920.<ref>edwinscharffmuseum.de</ref>
Thematisch bestimmen neben Pferdedarstellungen humanistische Traditionen Scharffs Werk. Seine Formensprache liegt zwischen stilisierender, expressiver und kubisierender Darstellung.
1927/1928: Drei Musen – Terpsichore, Polyhymnia, Thalia, Terrakotta-Statuen für die Fassade des 1927 eröffneten Phoebus-Palasts in Nürnberg (seit 1974 GNM, Heuss-Hof)
1921–1939: Pastorale
1947: Quellnymphe
1947: Emil Nolde war zusammen mit Quellnymphe auf der ersten DKB-Ausstellung 1951 in der HdBK Berlin<ref>Deutscher Künstlerbund 1950. Erste Ausstellung Berlin 1951, Brüder Hartmann, Berlin 1951. Ausstellungskatalog (ohne Seitenangaben).</ref>
1952/1953: Drei Männer im Boot, Erstguss in Hamburg, Außenalster; Zweitguss in Neu-Ulm, Rathausplatz Datei:Max Brauer Portraitbüste.jpgMax Brauer Portraitbüste 1952
Im Hamburger Stadtteil Steilshoop ist die Straße Edwin-Scharff-Ring nach dem Künstler benannt.
In seiner Geburtsstadt Neu-Ulm erhielt das Kongress- und Veranstaltungszentrum an der Donau den Ehrennamen Edwin-Scharff-Haus.
Bronzemedaille Olympische Spiele 1928 in Amsterdam, Kategorie Bildhauerei<ref>Karl Lennartz: Kultur und Sport in der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung der Kunstwettbewerbe der Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam. In: Uwe Wick, Andreas Höfer (Hrsg.): Willibald Gebhardt und seine Nachfolger. Sport und Olympia in Deutschland bis 1933 (= Schriftenreihe des Willibald Gebhardt Instituts. Band14). Meyer & Meyer, Aachen et al. 2012, ISBN 978-3-89899-723-2, S.188f.</ref>
Edwin Scharff, Einführung von Gottfried Sello, Hamburg, Claassen 1956.
Ausstellungskatalog Edwin Scharff zur Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft Hannover vom 27. September bis 4. November 1962, Städtische Kunsthalle Mannheim 1962/63, Städtisches Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen 1963, Kunsthalle zu Kiel 1963, Städtisches Kunstmuseum Duisburg 1963.
Ludger Alscher et al.: Lexikon der Kunst. Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie. Band IV, Das europäische Buch, Westberlin 1984, ISBN 978-3-88436-112-2, S. 334 f.
Helga Jörgens-Lendrum: Der Bildhauer Edwin Scharff (1887–1955). Untersuchungen zu Leben und Werk, mit einem Katalog der figürlichen Plastik, Georg August-Universität, Göttingen 1994.
Helga Gutbrod, Edwin Scharff Museum Neu-Ulm (Hrsg.): Edwin Scharff 1887–1955. ‚Form muss alles werden‘, Wienand, Köln 2013, ISBN 978-3-86832-137-1.
Scharff, Edwin [Kurzbiografie]. In: Bernhard Purin, Lara Theobalt, Lilian Harlander (Hrsg.): Bildgeschichten. Münchner Jüdinnen und Juden im Porträt. Hentrich & Hentrich, Berlin 2024 (Katalog zur Ausstellung im Jüdischen Museum München vom 15. Mai 2024 bis 2. März 2025), ISBN 978-3-95565-643-0, S. 114.