FSME-Impfstoff
Ein FSME-Impfstoff ist ein Impfstoff gegen das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus.
Eigenschaften[Bearbeiten]
FSME-Impfstoffe bestehen aus Formalin-inaktivierten FSME-Viren, die auf CEF-Zellen kultiviert wurden.<ref name=":1"></ref><ref name="WHO">Weltgesundheitsorganisation: Vaccines against tick-borne encephalitis: WHO position paper. In: Relevé épidémiologique hebdomadaire / Section d'hygiène du Secrétariat de la Société des Nations = Weekly epidemiological record / Health Section of the Secretariat of the League of Nations. Band 86, Nummer 24, Juni 2011, S. 241–256, PMID 21661276.</ref> In einer Dosis FSME-IMMUN für Erwachsene (ab 16 Jahren) sind 2,4 μg Antigen enthalten, bei Encepur 1,5 μg (ab 12 Jahren), bei Kindern jeweils die Hälfte.<ref name="WHO" /> Die in beiden Impfstoffen enthaltenen Viren basieren auf dem europäischen Subtyp (TBEV-Eu);<ref name="WHO" /> hierbei stammen Impfviren bei FSME-IMMUN vom Impfstamm Neudörfl, die bei Encepur vom Stamm K23 (K steht hierbei für „Karlsruhe“).<ref name=":2">Celine Müller: Encepur und FSME-Immun – austauschbar und gleichwertig? In: Deutsche Apotheker Zeitung. 25. März 2022, abgerufen am 27. Juni 2022.</ref> Die Impfstoffe wirken gegen drei Subtypen des FSME-Virus (europäischer, sibirischer und fernöstlicher Subtyp).<ref name=":1" />
Die Antigene der Impfstoffe sind am Adjuvans Aluminiumhydroxid absorbiert.<ref name=":1" /> Zudem enthalten sie Stabilisatoren und Konservierungsmittel wie Humanalbumin, Spuren von Saccharose, Protaminsulfat, Formaldehyd, Gentamicin und Neomycin (FSME-IMMUN) bzw. Saccharose, Spuren von Formaldehyd, Chlortetracyclin, Gentamicin und Neomycin (Encepur).
FSME-IMMUN und Encepur gelten als gleichwertig und austauschbar, im Bedarfsfall kann zwischen ihnen gewechselt werden.<ref name=":0" /> Ob eine der beiden Impfstoffe einen besseren protektiven Langzeittiter aufrechterhalten kann, bleibt Gegenstand der Untersuchung.<ref name=":2" />
In Russland sind ferner drei Impfstoffe in Verwendung: TBE-Moscow (bzw. TBE vaccine Moscow), Tick-E-Vac (auch Klesch-E-Vac) sowie EnceVir.<ref name="WHO" /><ref></ref> Alle basieren auf den fernöstlichen FSME-Subtyp (TBEV-FE), die ersten beiden auf den Sofjin-Impfstamm, letzterer auf Impfstamm Nr. 205.
Im Norden Chinas wird ein weiterer Impfstoff eingesetzt, der auf den Senzhang-Impfstamm (TBEV-FE) basiert.<ref name=":3">Joachim Hombach et al.: Tickborne Encephalitis Vaccines. In: Stanley Plotkin et al. (Hrsg.): Plotkin's Vaccines. 7. Auflage. Elsevier, Philadelphia 2017, ISBN 978-0-323-35761-6, S. 1087–1088, doi:10.1016/B978-0-323-35761-6.00059-6.</ref><ref></ref>
„Zecken-Impfung“[Bearbeiten]
Umgangssprachlich wird der Impfstoff teilweise auch ungenau als „Zecken-Impfung“ bezeichnet, da das FSME-Virus insbesondere durch die Zeckenart Gemeiner Holzbock übertragen wird. Die Bezeichnung ist aber irreführend, da die Impfung weder gegen einen Zeckenstich als solchen schützt noch gegen andere, durch Zecken übertragbare Krankheiten, wie z. B. die Lyme-Borreliose. Insofern bleiben auch nach erfolgter Impfung grundsätzliche Vorsichtsmaßnahmen gegen Zeckenbisse (wie etwa das Tragen langer Hosen, Repellents oder das Absuchen des Körpers nach einem Spaziergang im hohen Gras) notwendig.
Impfdurchführung[Bearbeiten]
Die beiden in der EU zugelassenen FSME-Impfstoffe werden bei einer Erstimmunisierung dreimal intramuskulär verabreicht.<ref name=":1" /> Hierbei soll nach der ersten Impfung die Zweitimpfung etwa 2 bis 12 Wochen danach erfolgen, im Anschluss daran die 3. Impfung nach 5 bis 12 Monaten.<ref name=":4">Antworten auf häufig gestellte Fragen zur FSME-Impfung. Wann kann man von einem vollständigen Impfschutz gegen FSME ausgehen (Impfschemata)? In: RKI. 26. Februar 2026, abgerufen am 14. April 2026.</ref>
Als Totimpfstoff ist die Immunität geringer als bei Lebendimpfstoffen, der Impfschutz ist nach Grundimmunisierung nicht lebenslang gegeben und muss daher in sogenannten Auffrischungsimpfungen erneuert werden.<ref name=":2" /> Die erste Auffrischungsimpfung wird in der EU nach drei Jahren empfohlen, ebenfalls von den Herstellern der beiden in der EU zugelassenen Impfstoffe. Die weiteren Auffrischungsimpfungen erfolgen in Deutschland und Österreich nach jeweils 5 Jahren bei Menschen unter 60 Jahren bzw. nach jeweils 3 Jahren bei Menschen über 60 Jahren.<ref name=":0" /><ref name=":1" /> Die Schweiz weicht davon ab, sie empfiehlt generell 10-Jahres-Auffrischintervalle. Nach Auffassung der EKIF soll der Impfschutz länger als 3 bis 5 Jahre nach der Grundimmunisierung anhalten; dies soll auch die Akzeptanz für die Impfung erhöhen.<ref name=":1" />
Neben den Standardimpfungen gibt es noch sogenannte Schnellimpfungen zur Etablierung einer Grundimmunisierung, die bei gegebener Dringlichkeit durchgeführt werden kann, beispielsweise wenn ein längerer Aufenthalt in einem Risikogebiet mit Freilandaktivitäten geplant, aber im Heimatland keine FSME-Impfung erhältlich ist.<ref name=":0" /> Hierbei erfolgt die Zweitimpfung bereits nach 14 Tagen (FSME-IMMUN) bzw. 7 Tagen (Encepur). Die Drittimpfung ist bei FSME-IMMUN wie bei der Standardimpfung 5–12 Monate später vorgesehen, bei Encepur weicht dieses Schema ab. Hier soll bereits 21 Tage nach der ersten Dosis die Drittimpfung erfolgen – außerdem wird eine Auffrischimpfung 12–18 Monate später empfohlen. Die übrigen Auffrischungsimpfungen folgen wieder den o. g. Schemata.<ref name=":4" />
Der FSME-Impfstoff befindet sich auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation.<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig WHO Model List of EssentialMedicines.] In: World Health Organization. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 22. April 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> Eine passive Immunisierung gegen das FSME-Virus ist aufgrund erschwerter Krankheitsverläufe seit 2003 in der EU nicht mehr zugelassen.<ref name=":0">Antworten auf häufig gestellte Fragen zur FSME-Impfung. In: Robert Koch-Institut. 23. März 2021, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 27. Juni 2022; abgerufen am 27. Juni 2022. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref>
Immunologie[Bearbeiten]
Die inaktivierten FSME-Impfstoffe erzeugen neutralisierende Antikörper, die nach drei Impfungen 99 % der Geimpften für drei Jahre vor einer Infektion schützen; bei zwei Impfungen tritt dieser bei 98 % auf, jedoch hält dieser nur etwa ein Jahr<ref name=":0" /> Seropositivität ist definiert als ein ELISA-Titer von 126 VIE (Vienna) U/ml oder ein NT-Titer von 1:≥10.<ref name=":0" /> Ein Titer von über 125 IU/ml wird als schützend bewertet.<ref>I. J. Amanna, M. K. Slifka: Contributions of humoral and cellular immunity to vaccine-induced protection in humans. In: Virology (2011), Band 411, Heft 2, S. 206–215. doi:10.1016/j.virol.2010.12.016. PMID 21216425. PMC 3238379 (freier Volltext).</ref> Dennoch wird das Zeitintervall vor einer Auffrischungsimpfung in der Praxis nicht durch eine serologische Kontrolle der Titer bestimmt, sondern folgt festen Zeitabständen.<ref name=":0" />
Impfstoffherstellung[Bearbeiten]
Die Herstellung des FSME-Impfstoffes erfolgt auf sogenannten PCEC-Zellen (primary chicken embryo cells).<ref name=":3" /> Dabei handelt es sich um eine primäre Zelllinie, die von embryonierten Hühnereiern ausgehend hergestellt wird. Hierzu werden die zehn bis zwölf Tage alten Eier geöffnet, der Embryo entnommen, zerkleinert und einer Trypsin-Behandlung unterworfen. In kleinen Fermentern werden die PCEC-Zellen mit dem FSME-Virus inokuliert. Nach Vermehrung des Virus sterben die PCEC-Zellen ab, der Überstand wird geerntet, es erfolgt eine Inaktivierung des Virus mit Formaldehyd. Anschließend wird eine Antigen-Reinigung mittels einer Fällungsstufe, Ultrafiltration und einem kontinuierlichen Saccharose-Gradienten durchgeführt.
Im Falle des Impfstoffes aus China wird der Impfstamm stattdessen mittels PHKC-Zellen (primary hamster kidneycells) produziert; es ist eine primäre Zelllinie aus Nierenzelle des Hamsters.<ref name=":3" />
Als Stabilisatoren werden Humanalbumin und/oder Saccharose eingesetzt.<ref name=":3" />
Nebenwirkungen[Bearbeiten]
Häufige Nebenwirkungen umfassen 1–4 Tage vor allem nach der ersten Teilimpfung Schmerzen an der Einstichstelle (45 %), Temperaturerhöhung (5–6 %), Kopfschmerzen, Mattigkeit, Unwohlsein, Magen-Darm-Beschwerden, Gelenk- und Gliederschmerzen.<ref name=":0" />
Schwerwiegende oder lebensbedrohliche Nebenwirkungen wurden nicht beschrieben.<ref name=":0" />
Handelsnamen[Bearbeiten]
Handelsnamen für FSME-Impfstoffe sind FSME-IMMUN (EU, Impfstamm Neudörfl), Encepur (EU, Impfstamm K23), TBE-Moscow (Russland), EnceVir (Russland). Daneben existieren niedriger dosierte Impfstoffe für Kinder wie FSME-IMMUN Junior und Encepur Children (bzw. Encepur Kinder).<ref>FSME-Impfstoffe. In: Paul-Ehrlich-Institut. 7. Mai 2021, abgerufen am 19. Mai 2021.</ref>
Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten]
Nach der Erstbeschreibung der Erkrankung durch den österreichischen Arzt Hans (Johann) Schneider 1931<ref>Hans Schneider: Über epidemische akute Meningitis serosa. Wr. Klin. Wochenschrift. 1931, 44, S. 350–352.</ref> und der Isolierung des FSME-Virus 1957 durch die beiden Österreicher Hans Moritsch und Josef Krausler<ref>Hans Moritsch, Josef Krausler: Die endemischen Frühsommermenigoencephalitis im Wiener Becken (Schneider’sche Erkrankung). In: Wr. Klin.Wochenschrift. 1957, 69, S. 921–926.</ref> gelang es 1973 Christian Kunz und Mitarbeitern vom Institut für Virologie der Universität Wien, einen kleinen Teil des Versuchsimpfstoffes FSME-Immun herzustellen.<ref></ref><ref name=":5">Stefan Schwarzwald-Sailer: Versteckter Impfstoff für die ganze Welt. In: Radio Niederösterreich. 5. August 2022, abgerufen am 14. April 2026.</ref> Die Arbeiten an dem Impfstoff haben er und James Keppie 1971 in Porton Down begonnen.<ref></ref> Die industrielle Produktion übernahm 1976 das Unternehmen Immuno AG in Orth an der Donau, mit dem von nun an geimpft wurde, anfangs nur Risikogruppen wie Land- oder Forstarbeiter. 1981 starteten in Österreich die erste breit angelegte FSME-Informationskampagne, wodurch die Durchimpfungsrate auf über 80 Prozent gesteigert wurde<ref name=":5" />. In Deutschland wurde der Impfstoff 1981 zugelassen.<ref></ref>
Ende der 1990er Jahre übernahm Baxter International, ein US-amerikanischer Pharmakonzern, die Immuno AG.<ref name="OnlineStandard">Wie gefährlich sind Zecken wirklich. Beitrag im Online-Standard</ref> Baxter brachte seinen eigenen Impfstoff namens TicoVac mit, doch fiel dieser durch häufige Nebenwirkungen (Fieber und Fieberkrämpfe bei Kindern) auf und wurde daher 2001 vom Markt genommen, woraufhin für kurze Zeit keine Impfung zur Verfügung stand. Die Zulassungsinhaber‑Rechte für FSME‑IMMUN wurden 2014 auf Pfizer übertragen.<ref name=":5" /> In den USA wurde am 13. August 2021 der FSME-Impfstoff von Pfizer (TicoVac, in Europa bereits als FSME-IMMUN bekannt) zugelassen.<ref name="CDC">FDA: TICOVAC. Abgerufen am 9. Sep. 2021.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- K. L. Mansfield, N. Johnson, L. P. Phipps, J. R. Stephenson, A. R. Fooks, T. Solomon: Tick-borne encephalitis virus – a review of an emerging zoonosis. In: The Journal of general virology. Band 90, Pt 8, August 2009, S. 1781–1794, doi:10.1099/vir.0.011437-0, PMID 19420159.
Weblinks[Bearbeiten]
- Antworten auf häufig gestellte Fragen zur FSME-Impfung. In: Robert Koch-Institut. 4. April 2025, abgerufen am 6. Mai 2025.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />