Fichte Berlin
Der Arbeiter-Turn- und Sportverein Fichte Berlin war der größte und wettkampfstärkste Sportverein der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit und bestand von 1890 bis 1933.
Geschichte[Bearbeiten]
19. Jahrhundert[Bearbeiten]
Der Deutsche Turnerbund hatte nach dem Erlass des Sozialistengesetzes von 1878 viele Sozialdemokraten und ihnen nahestehende Arbeiter ausgeschlossen. Manche wechselten daraufhin in die Turnabteilungen von Handwerker-, Bildungs- oder anderen Vereinen. Weil sie ihre politische Gesinnung jedoch weiter äußerten, wurden sie dort ebenfalls vom Ausschluss bedroht. Ihren Wunsch, eigene sozialdemokratische Turnvereine zu gründen, verbot das Sozialistengesetz. Nachdem der Reichstag im Januar 1890 dessen Verlängerung mit Gültigkeit zum 30. September 1890 abgelehnt hatte, beratschlagten am 5. August 1890 12 junge Turner unter Wortführung von Franz Gentz, wie sie künftig Sport treiben könnten. Die Turnabteilung des Berliner Handwerkervereins hatte ihnen mit Ausschluss gedroht, weil sie als Sozialdemokraten nicht für die deutschen Fürsten zu deren 10. Deutschem Bundesschießen Spalier stehen wollten. Bereits am 6. August 1890, trafen sie sich mit sieben weiteren Turnern zur formellen Konstituierung des Vereins. Auf der Suche nach einem treffenden Namen verwarfen sie die Vorschläge Eiche und Turnvater Jahn und einigten sich auf den Namen Arbeiterturnverein Fichte. In der Namensgebung bezog sich der Verein auf den Philosophen Johann Gottlieb Fichte<ref>Vorlage:LuiseBMS</ref>. Das Vereins-Emblem war ein stilisiertes „F“. Die Sportler trugen es auf der Vorderseite ihrer kurzen Sporthosen und auch seitlich an den Sporthemden.<ref name=":2">Jörg Kuhn: Denkmal an den Sport- und Turn-Verein „Fichte“ und seinen Sportplatz – Bildhauerei in Berlin. In: bildhauerei-in-berlin.de. Abgerufen am 28. April 2026.</ref>
Die Berliner Behörden lehnten zunächst alle Gesuche auf Nutzung von Sportanlagen ab. Deshalb richtete er sich seine erste Sportstätte in einer Lichtenberger Laubenkolonie selbst her. Trotz politischer Kontroversen schloss sich der Verein der Berliner Turnerschaft an, um in deren Turnhallen üben zu können. Im Mai 1893 wurde der Arbeiter-Turn-Bund Deutschlands mit 42 Vereinen gegründet, wobei Fichte als erster, stärkster und aktivster galt.<ref name=":0">Günter Möschner: Arbeiterturnverein »Fichte«. In: Berlinische Monatsschrift Heft 8/1996. Abgerufen am 27. April 2026.</ref>
20. Jahrhundert[Bearbeiten]
Am 1. Juli 1900 hatte der Verein 1.197 Mitglieder: 642 Männer, 416 Lehrlinge von 14 bis 18 Jahren und 139 Frauen und war in neun Männer-, acht Lehrlings- und zwei Frauenabteilungen gegliedert, die Schulturnhallen und öffentliche Sportplätze nutzen konnten. Im Juli 1900 eröffnete der Verein im damaligen Treptower Ortsteil Baumschulenweg sein eigenes Sportgelände. Auf ihm befand sich ein Turnplatz mit 300-m-Laufbahn und dem Vereinsheim Fichte-Baracke. Auf dem Gelände befand sich auch das Fichte-Kaufhaus, in dem sich die Sportler günstig mit Sportartikeln versorgen konnten<ref>Streifzug über die Berliner Plätze des Arbeitersports. In: arbeiterfussball.de. Abgerufen am 27. April 2026.</ref> sowie ein genossenschaftlich geführtes Versandhaus in der Köpenicker Straße in Kreuzberg.<ref name=":1">Martin Krauss: Arbeiter in der Sportgeschichte: Hundert Jahre Zweisamkeit. In: Die Tageszeitung: taz. 17. Oktober 2021, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 28. April 2026]).</ref> 1910 führte Fichte als erster Berliner Arbeitersportverein das Fußballspiel ein und pachtete Nachbargrundstücke hinzu, um das Sportgelände um ein Fußballfeld und zwei Nebenfelder für Handball und Hockey, zu vergrößern und benannte sich in den 1920er Jahren in ASV Fichte Groß-Berlin um. Die Handballabteilung führte 1919 als erster Handballverein Deutschlands den Meisterschaftsbetrieb ein. In ganz Deutschland bestanden Fichte-Vereine. Zum Stammverein gehörten unter anderem Fichte Eimsbüttel Hamburg, Fichte Bielefeld, Fichte Hagen, Fichte Halle, Fichte Leipzig und Fichte Nord-Berlin. Fichte Ost-Berlin schloss sich 1924 mit Sparta Lichtenberg zusammen.<ref>Vorwärts, 9. September 1924.</ref>
Die Spaltung der Arbeiterbewegung in den 1920er Jahren hatte auch Konsequenzen für den Arbeitersport. Bereits 1919 wurde beschlossen, nur solche Mitglieder in den Vorstand und in die Verwaltungskommission zu wählen, die eingeschriebene Mitglieder der USPD oder KPD sind.<ref name=":1" /> Daraufhin traten die meisten Sozialdemokraten aus und schlossen sich der Freien Turnerschaft Groß-Berlin an. Trotzdem hatte Fichte durch ein reges Vereinsleben großen Zustrom der Berliner Bevölkerung. Es gab regelmäßige Übungsstunden in Turnhallen und auf Sportplätzen, Wettkämpfe an Sonntagen, Familienwanderungen und gemeinsame Ausflüge. Der Verein veranstaltete nationale und internationale Arbeiter-Spartakiaden und Aufmärsche mit eigenen Blaskapellen. Durch Vorträge und eine eigene Vereinszeitschrift wurden die Mitglieder über politische Fragen sowie über Körperkultur, Hygiene und Sexualität informiert.<ref name=":0" /> 1930 hatte der Verein 10.000 Mitglieder in ganz Berlin.<ref name=":2" />
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde der Gesamtverein mit der Reichstagsbrandverordnung als kommunistische Organisation verboten und am 2. Mai 1933 zwangsweise geschlossen.<ref>Arnd Krüger: The German way of worker sports. In: Arnd Krüger, James Riordan (Hrsg.): The Story of Worker Sport. Human Kinetics, Champaign IL 1996, ISBN 0-87322-874-X, S. 1–25.</ref> Zuvor hatten Vereinsmitglieder die Einrichtungen des Sportgeländes bereits abgerissen und das Material den Kleingartenkolonisten in der direkten Umgebung geschenkt, damit diese nicht von der SA beschlagnahmt werden konnten. Viele Mitglieder traten bürgerlichen Vereinen bei oder engagierten sich politisch im Widerstand gegen die NS-Diktatur. Das eingeebnete Fichte-Gelände an der Köpenicker Landstraße/Ecke Eichbuschallee wurde beschlagnahmt und mit Wohnblöcken bebaut.
Gedenken[Bearbeiten]
Zur Erinnerung an das Fichte-Gelände befindet sich seit dem 18. November 1978 an der Eichbuschallee 30 eine Stele mit dem Fichte-F Vereinszeichen der Bildhauerin Renate Stötzer aus Altglienicke. Rechts neben der Stele wurde am 22. Juni 2016 eine Bodenplatte mit folgender Inschrift eingeweiht:
„VON 1900 – 1933 BEFAND SICH HIER DER \ FICHTE TURN- UND SPORTPLATZ. \ ER WAR GLEICHZEITIG WIRKUNGSSTÄTTE DER \ REVOLUTIONÄREN BERLINER ARBEITER UND \ IHRER KLASSENORGANISATIONEN“.<ref>Denkmal - Fichte-Sportplatz. In: Museum Treptow-Köpenick. 15. Dezember 2021, abgerufen am 27. April 2026.</ref><ref name=":2" />
An der nahegelegenen Köpenicker Landstraße 186 befindet sich die Willi-Sänger-Sportanlage. Sänger war ein ehemaliger Fichte-Sportler, der von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. An ihn erinnert ein Gedenkstein mit dem Fichte-F-Zeichen.
Mitglieder[Bearbeiten]
- Bernhard Almstadt (1897–1944)
- Paul Becker (1897–1981)
- Margarete Beinlich (1913–1991)
- Martha Butte (1902–2000)
- Erich Dawideit (1909–1945)
- Paul Hirsch (1907–1945)
- Heinz Kapelle (1913–1941)
- Friedrich Klemstein (1893–1945)
- Clara Lehnig (1904–1991)
- Fritz Lesch (1898–1937)
- Walter Leu (1908–1944)
- Karl Maron (1903–1975), Vorsitzender
- Peter Neuhof (* 1925)
- Herbert Reinert (1906–1944)
- Fritz Riedel (1908–1944)
- Willi Sänger (1894–1944), Vorsitzender
- Elfriede Schaumann (1915–1942)
- Erwin Schulz (1912–2012)
- Rudolf Seiffert (1908–1945)
- Ilse Thiele (1920–2010)
- Helmut Wagner (1911–1944)
- Anna Wendel (1909–2002)
- Fritz Wildung (1872–1954)
- Paul Zobel (1891–1945)
Literatur[Bearbeiten]
- Herbert Dierker: „Größter Roter Sportverein der Welt“. Der Berliner Arbeitersportverein Fichte in der Weimarer Republik. In: Hans Joachim Teichler, Gerhard Hauk: Illustrierte Geschichte des Arbeitersports. J.H.W. Dietz, Berlin / Bonn 1987, S. 93–104.
- Lothar Skorning, Herbert Dierker: „Gleich sei alles, was Menschenantlitz trägt.“ Zum 100. Jahrestag der Gründung des Turnvereins Fichte Berlin. In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, 1990, Heft 2, S. 7–41
- Walter Giese, Herbert Dierker, Gerd Steins: „Frisch heran! Brüder, hört ihr das Klingen!“ Zur Alltagsgeschichte des Berliner Arbeitersportvereins Fichte; Erinnerungen des ehemaligen Fichtesportlers Walter Giese. In: Materialien zur Niedersächsischen Sportgeschichte. Band 3. Mecke, Duderstadt 1991, ISBN 3-923453-15-9.
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />