Zum Inhalt springen

Fleur Jaeggy

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Fleur Jaeggy (* 31. Juli 1940 als Annemarie Claude Fleur Jaeggy in Zürich) ist eine italienischsprachige Schweizer Schriftstellerin.

Leben[Bearbeiten]

Fleur Jaeggy hat einen Schweizer Vater und eine italienische Mutter. Ihr Vater war Besitzer einer Baumwollspinnerei in Rothrist. Die Tochter wuchs jedoch nicht bei ihren Eltern, sondern der Reihe nach bei einer Verwandten im Tessin, in einer Klosterschule, im Voralpinen Töchterinstitut Buser in Teufen, in einem Internat am Bodensee und schliesslich in einem römischen Institut auf.<ref name=linsmayer>Fleur Jaeggy. In: Autorenlexikon von Charles Linsmayer. Abgerufen am 21. Mai 2026.</ref> In Rom lernte Fleur Jaeggy unter anderem Ingeborg Bachmann kennen, die sie zum Schreiben ermutigte.<ref name=":0">Barbara Villiger Heilig: Fleur Jaeggy: Weltberühmt, nur nicht daheim. In: Die Zeit. 14. Juni 2024, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 21. Juni 2024]).</ref>

Jaeggy lebt seit 1968 in Mailand und war bis zu dessen Tod mit dem italienischen Schriftsteller und Verleger Roberto Calasso (1941–2021) verheiratet. Ihr Ehemann leitete den Mailänder Verlag Adelphi Edizioni. Im August 1968 reiste das Ehepaar gemeinsam mit Ingeborg Bachmann nach Klagenfurt.<ref name="AlbrechtGöttsche">Monika Albrecht, Dirk Göttsche: Leben und Werk im Überblick – eine Chronik. In: Monika Albrecht, Dirk Göttsche (Hrsg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 2., erweiterte Auflage. J. B. Metzler, Berlin 2020, ISBN 978-3-476-05666-5, S. 3–23;19.</ref> Im Spätsommer 1971 verbrachten die beiden Schriftstellerinnen einen Urlaub in der Toskana.<ref name=hartmann>Tina Hartmann: Miteinander konkurrierende Liebesobjekte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 111, 15. Mai 2026, S. 11.</ref>

Jaeggy war unter anderem auch mit Joseph Brodsky und Oliver Sacks näher bekannt.<ref>Julian Schütt: Wo wir wegschauen, schaut sie genau hin: Die Schweizer Autorin Fleur Jaeggy schreibt Weltliteratur – Zeit, dass wir sie endlich richtig entdecken. In: tagblatt.ch. 28. Juni 2024, abgerufen am 14. Februar 2025.</ref> Neben dem Schreiben war Jaeggy auch als Texterin und Diseuse für den Cantautore Franco Battiato, als Fotomodell für die Frauenzeitschrift Grazia und unter dem Pseudonym Fleur Mombelli als Malerin tätig.<ref name=":0" />

Werk[Bearbeiten]

Im Alter von 28 Jahren trat Fleur Jaeggy mit dem Roman Il dito in bocca an die Öffentlichkeit.<ref name=linsmayer/> Ihr bekanntestes Werk, die Novelle Die seligen Jahre der Züchtigung, in der das Leben in einem Mädchenpensionat im Appenzellerland in den 1960er Jahren beschrieben wird, erschien 1989. Es wurde 2006 in die zwanzigbändige Buchreihe «Schweizer Bibliothek» aufgenommen.

Jaeggys Sprache sei dicht, knapp, geprägt durch Reduktion und den Kunstgriff des scheinbar nicht reflektierenden «Eins-zu-eins»-Erzählens. Sie schreibt auf Italienisch, doch ihre Bücher werden ins Deutsche übersetzt und ihre Stoffe sind schweizerisch: Das Bürgertum wird kritisiert, die Enge und Kälte. Ihre Prosa wurde mit jener Robert Walsers<ref>Roman Bucheli: Robert Walsers stille Schwester. Die Schriftstellerin Fleur Jaeggy erhält den Grand Prix Literatur. In: Neue Zürcher Zeitung. 14. Februar 2025, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 14. Februar 2025]).</ref> oder mit Fritz Zorns Kultbuch Mars verglichen, wobei bei ihr im Unterschied zu letzterem «jede direkte Anklage» fehle.<ref>Stefan Zweifel: Eisblumen, gehaucht: Fleur Jaeggy lockt uns in Abgründe. In: Tages-Anzeiger. 22. Oktober 2024, abgerufen am 14. Februar 2025.</ref>

Jaeggy war auch als Übersetzerin tätig: 1972 hat sie Marcel Schwobs Vies imaginaires und 1983 von Thomas De Quincey The Last Days of Immanuel Kant sowie Robert Schumanns Musikalische Haus- und Lebensregeln ins Italienische übersetzt.

Ab 2024 erscheint im Suhrkamp Verlag eine Gesamtausgabe ihres Werks.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Prosa[Bearbeiten]

  • Il dito in bocca. Adelphi, Mailand 1968.
  • L’angelo custode. Adelphi, Mailand 1971.
  • Le statue d’acqua. Adelphi, Mailand 1980.
    • Deutsche Ausgabe: Wasserstatuen. Aus dem Italienischen übersetzt von Anna Wheill. Matthes & Seitz, München 1984, ISBN 3-88221-349-3.
  • I beati anni del castigo. Adelphi, Mailand 1989.
    • Deutsche Ausgabe: Die seligen Jahre der Züchtigung. Novelle. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 1996. Neuauflage: Suhrkamp, Berlin 2024, ISBN 978-3-518-47427-3.
  • La paura del cielo. Adelphi, Mailand 1994.
    • Deutsche Ausgabe: Die Angst vor dem Himmel. Erzählungen. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 1997. Neuauflage: Suhrkamp, Berlin 2024, ISBN 978-3-518-47428-0.
  • Proleterka. Adelphi, Mailand 2001.
    • Deutsche Ausgabe: Proleterka. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-8270-0481-0. Neuauflage: Suhrkamp, Berlin 2024, ISBN 978-3-518-47437-2.
  • Vite Congetturali. Adelphi, Mailand 2009.
    • Deutsche Ausgabe: Mutmaßliche Leben. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Suhrkamp, Berlin 2026, ISBN 978-3-518-22565-3.
  • Il velo nero di pizzo. Tageszeitung Corriere della Sera, Mailand 2014.
    • Deutsche Ausgabe: Der schwarze Spitzenschleier. Erzählung. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Villiger Heilig. In: Neue Zürcher Zeitung, 8. Dezember 2012. online
  • Sono il fratello di XX. Adelphi, Mailand 2014.
    • Deutsche Ausgabe: Ich bin der Bruder von XX. Erzählungen. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Suhrkamp, Berlin 2024, ISBN 978-3-518-43166-5.
  • Gli ultimi giorni di Ingeborg. Adelphi Edizioni, Mailand 2026, ISBN 978-8-84593866-5.
    • Deutsche Ausgabe: Die letzten Tage von Ingeborg. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Suhrkamp, Berlin 2026, ISBN 978-3-518-43329-4.<ref name=hartmann/>

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Marcel Schwob: Vite immaginarie. Französischer Originaltitel Vies imaginaires. Adelphi, Mailand 1972, ISBN 978-8-84590073-0.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein