Franz Brentano
Franz Clemens Honoratus Hermann Josef Brentano (* 16. Januar 1838 im damals schon aufgelösten Kloster Marienberg bei Boppard am Rhein; † 17. März 1917 in Zürich) war ein deutscher Philosoph, Psychologe und Begründer der Aktpsychologie. Ursprünglich katholischer Priester, verließ Brentano aus Protest gegen die Verkündigung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes die Kirche und hat dann als konfessionsloser Professor in Wien auf die junge Philosophengeneration nachhaltig eingewirkt. Zu seinen Hörern zählten unter anderem Edmund Husserl, Tomáš Garrigue Masaryk und Sigmund Freud.
Herkunft[Bearbeiten]
Die Familie Brentano stammte ursprünglich aus der Lombardei, lebte aber seit mehreren Generationen in Deutschland. Franz Brentanos Eltern waren der Schriftsteller Christian Brentano und dessen Ehefrau Emilie Brentano, geborene Genger. Ein Bruder war der Wirtschaftswissenschaftler und Sozialreformer Lujo Brentano. Clemens Brentano und Bettina von Arnim, die zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Romantik gezählt werden, waren Onkel und Tante väterlicherseits.
Leben[Bearbeiten]
Franz Brentano wuchs in Aschaffenburg auf und studierte in München, Würzburg, Berlin und Münster. Seine Dissertation über den Begriff des „Seienden“ bei Aristoteles legte er in Tübingen vor.
Nach seiner Habilitation in Würzburg 1866 lehrte Brentano dort Philosophie. Neben Philosophie hatte er auch Theologie studiert und wurde 1864 zum Priester geweiht. Im Vorfeld des Ersten Vatikanischen Konzils engagierte er sich auf höchster kirchlicher Ebene gegen die Kanonisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit; er hatte aber bereits 1870 wegen der Problematik der Dogmen der Trinität und der Inkarnation sowie der absoluten Forderung zu glauben den römisch-katholischen Glauben aufgegeben. Nach längerem Zögern, auch aus Rücksicht auf seine fromme Mutter, zog er die Konsequenz und legte 1873 sein Priesteramt nieder. Er beendete auch seine Lehrtätigkeit in Würzburg und wurde 1874 als Professor für Philosophie nach Wien berufen. Da er infolge seiner Priesterweihe nach österreichischem Recht nicht heiraten konnte, wurde er sächsischer Staatsbürger in Leipzig, um heiraten zu können. Er musste dennoch auf die Professur verzichten. 1879 trat er aus der Kirche aus. Das war in Österreich erst seit kurzem, nämlich durch Gesetz vom 25. Mai 1868 ermöglicht worden. 1880 trat er von der Professur zurück. Er blieb jedoch bis 1895 als Privatdozent in Wien.
Am 27. Juni 1888 wurde sein Sohn Johann Michael (Giovanni) geboren (gestorben 1969). Nach dem Tod seiner Gattin Ida Lieben (17. Mai 1852 bis 13. März 1894) aus der österreichischen Bankiersfamilie Ignatz Lieben (1809–1877) zog er aus dem Palais Todesco in Wien, Ringstraße, aus und übersiedelte 1895 nach Florenz. 1897 heiratete er in zweiter Ehe Emilie Rueprecht. Ab 1903 verlor er langsam sein Augenlicht. Er erwarb die Klostertaverne von Schloss Schönbühel in der Wachau als zeitweiligen Feriensitz. Nach dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg floh er 1915 nach Zürich, wo er nach zwei Augenoperationen erblindete und am 17. März 1917 an einer Blinddarminfektion starb. Zunächst in Zürich beigesetzt, wurden seine Gebeine auf Wunsch der Familie 1953 exhumiert, eingeäschert und seine Urne in der Familiengruft auf dem Altstadtfriedhof in Aschaffenburg (Unterfranken) beigesetzt.
Seit 1914 war er korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften.<ref>Mitglieder der Vorgängerakademien. Franz Clemens von Brentano. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 2. März 2015.</ref>
Werk[Bearbeiten]
Entwicklung seines Philosophierens
Brentanos Philosophieren lässt sich grob in vier Phasen einteilen:
1. Studium der Philosophie und Theologie in München, Würzburg, Berlin und Münster
In seinem Studium der Philosophie und Theologie hat sich Brentano von der romantischen Religiosität seiner Mutter Emilie, seines Onkels Clemens Brentano und seiner Tante Bettina von Arnim befreien können. Brentano wollte mit Hilfe philosophischen und theologischen Denkens die christliche Weltanschauung möglichst rational durchdringen und verstehen und den christlichen Glauben nicht nur wie Friedrich Schleiermacher und andere Romantiker nur als ein "Geschmack und Gefühl fürs Unendliche" auffassen. Die erste Phase von Brentanos Philosophieren endet mit seiner Dissertation an der Universität Tübingen "Über die mannigfache Bedeutung des Seienden bei Aristoteles" (1862) und gipfelt schließlich in seiner Habilitation an der Universität Würzburg über die "Psychologie des Aristoteles" (1866).
2. Gründerjahre als Professor an der Universität Würzburg (1866-1873)
Brentano hatte von Anfang an intuitiv verstanden, dass ein angemessenes Verständnis für die menschliche Psyche mit ihren Emotionen, Motivationen, Kognitionen und Reflexionen für ein erfolgreiches Philosophieren von entscheidender und grundlegender Bedeutung ist. Brentanos anfängliches Interesse für die menschliche Psyche führte ihn zu einer deskriptiven, primär introspektiven oder verstehenden Psychologie im Unterschied zur experimentellen, primär beobachtenden und erklärenden Psychologie von Wilhelm Wundt (1832–1920). Bei Brentanos Deskriptiver Psychologie handelte sich um einen methodischen Vorläufer für Husserls spätere Phänomenologie und sie führte ihn zu seiner "Psychologie vom empririschen Standpunkt" (1874). Daneben erarbeitete, verfasste und publizierte Brentano seine ersten Studien zur Psychologie des Aristoteles.
3. Jahre der Ausarbeitung und Erweiterung als Professor und Privatdozent an der Universität Wien (1874-1894)
Nach dem ersten Band seiner Psychologie vom empririschen Standpunkt (1874) forschte Brentano weiter zur Sinnes-psychologie und zur Klassifikation der psychischen Phänomene. Seine beiden Manuskripte zu diesen Themen wurden später als die Bände 2 und 3 seiner Psychologie vom empririschen Standpunkt herausgegeben. Daneben hat Brentano nur noch einige Vorträge zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Philosophie und einige Vorlesungen über die Geschichte der europäischen Philosophie selbst publiziert. An seine Untersuchungen zur Sinnespsycholgie und den psychischen Phänomenen knüpften dann seine Untersuchungen zu einer Allgemeinen Werttheorie an, die zu seiner einflussreichen Schrift Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis (1889) geführt hat. Thematisch und systematisch führten sie ihn zu seinen Vorlesungen über "Grundzüge der Ästhetik" sowie über "Grundlegung und Aufbau der Ethik", die später von einigen seiner Schüler publiziert wurden. In den Jahren 1868-1891 hat Brentano zuerst an der Universität Würzburg und dann auch wieder an der Universität Wien wiederholt metaphysische Vorlesungen über die Frage nach der Existenz Gottes und die Fragen nach der Möglichkeit und Stringenz der klassischen Gottesbeweise gehalten, die später in den Band Vom Dasein Gottes eingegangen sind.
4. Spätphase als Privatdozent in Wien, Florenz und Zürich (1895-1917)
Nach seinem Ausscheiden aus der Universität Wien veröffentlichte Brentano noch seine früheren Untersuchungen zur Sinnespsychologie und weitere Studien zu Aristoteles. 1911 erschienen seine beiden Aristoteles-Studien, Aristoteles und seine Weltanschauung und Aristoteles Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes. 1915 arbeitete und diktierte er seinen neuen Gedankengang beim Beweis für das Dasein Gottes, der später in den Band Vom Dasein Gottes aufgenommen wurde.
Seine letzten Untersuchungen und Manuskripte zum Inhalt des christlichen Glaubens, zu Pascals Pensees und zur Lehre und Weltanschaung Jesu sind zwar noch in den letzten Lebensjahren in Zürich entstanden, wurden jedoch erst posthum publiziert.
Bedeutung seiner Person und seines Werkes in der Geschichte der europäischen Philosophie
Mit den wichtigsten Stationen seines bewegten Lebens zuerst in Aschaffenburg, dann als Student in München, Würzburg, Berlin und Münster, weiterhin als Professor in Würzburg und Wien und schließlich als frei schaffender Philosoph in Florenz und Zürich war Franz Brentano wohl der erste europäische Philosoph in der Neuzeit.
In Deutschland hatten Brentano und sein Werk wegen der weitläufigen Dominanz der Kantianer, Hegelianer und der anderen Deutschen Idealisten immer einen schweren Stand. Das verhält sich in Italien, Großbritannien und Osteuropa anders. Obwohl er und sein Werk ein Geburtshelfer sowohl für die Phänomenologie im Anschluss an Edmund Husserl und Max Scheler als auch für die Sprachanalytische Philosophie im Anschluss an Bertrand Russell und George Edward Moore gewesen ist, wird er in Deutschland bis heute immer noch als ein "Österreichischer Philosoph" behandelt.
Brentano war jedoch kein Österreicher, sondern wurde in Deutschland, genauer in Boppard am Rhein geboren und stammte aus einer alten deutsch-italienischen Einwandererfamilie. Außerdem wurde er in Tübingen promoviert, an der Universität Würzburg habilitiert und erhielt dort eine Professor für Philosophie, bevor er auf eine Professur an die Universität Wien berufen wurde. Da er danach nach Florenz umgezogen war, um dort als "Privatdozent" weiter zu forschen und zu lehren und sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges für seinen Lebensabend in der Nähe von Zürich in der Schweiz niederließ, wäre es angemessener, ihn als einen Europäischen Philosophen zu verstehen. Dass er in der Zwischenzeit nicht nur in einigen Ländern Europas studiert wird, sondern auch in Nord- und Südamerika als bedeutender europäischer Philosoph studiert wird, erhöht seine internationale Bedeutung.
In Deutschland fürchten sich bis heute vor allem die Kantianer und Hegelianer vor ihm und seinen Werken, da er viel umfangreichere und zuverlässigere Kenntnisse der gesamten Geschichte der Europäischen Philosophie hatte, und da deren Auffassungen über die Geschichte der Philosophie immer zu stark durch ihre eigenen Überzeugungen geprägt waren. Außerdem sind Brentanos Schriften völlig frei von Vorurteilen gegenüber Frauen, Juden und "Negern". In seinen ganzen Schriften gibt es keine misogynen Bemerkungen gegenüber Frauen wie bei Kant, Schopenhauer und Nietzsche; keine Vorurteile über Juden wie bei Kant und Hegel, Fichte und Fries und keinerlei rassistischen Stereotype und Vor-urteile gegen Afrikaner und andere Ethnien wie bei Kant und Hegel. Marxisten und Nietzscheaner lehnen ihn jedoch ab, da er weder ein Atheist noch ein Materialist, sondern ein Christ und ein nachkantischer Metaphysiker gewesen ist.
Wolfgang Stegmüller schrieb im ersten Band seiner Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie (Stuttgart: Kröner 1960): "Die Bedeutung der Brentanoschen Untersuchungen für die Philosophie der Gegenwart wird immer noch außerordent-lich unterschätzt; es besteht ein merkwürdiges Mißverhältnis zwischen der großen tatsächlichen Auswirkung Brentanos auf die heutige Philosophie und der verhältnismäßig geringen Beachtung, die seine Theorien im gegenwärtigen Lehr- und Forschungs-betrieb finden. Und doch laufen bei Brentano die Fäden zusammen, die zu den verschiedenartigsten Richtungen führen ....".
Brentanos Zeit scheint daher noch gar nicht so recht gekommen zu sein. Denn mit dem Schwinden des ideologischen Einflusses der sog. Neuen Atheisten, deren Schriften immer nur nur ein schwacher Abklatsch der Religionskritik von Marx, Nietzsche und Freud gewesen ist, und die nie an das Niveau der epistemologischen Metaphysikkritik von Hume und Kant heran reichen konnten, hat Brentanos fundierte Kritik an der Metaphysikkritik von Hume und Kant eine neue philosophische Bedeutung bekommen, die durch die empirische Urknalltheorie in der Astronomie und Kosmologie und andere Entwicklungen in den Naturwissenschaften des 20. Jahrhunderts auf den Gebieten der Physik, Chemie und Biologie nur noch verstärkt wurde. Daher ist es an der Zeit, Brentanos philosophische Werke im Hinblick auf eine tragfähigere Philosophie für das 21. Jahrhundert zu studieren.
Die Philosophie Franz Brentanos in ihren Grundzügen
Brentano war nach der Publikation seiner "Psychologie vom empirischen Standpunkt" (1874) oft sehr zurückhaltend, seine weiteren Manuskripte zur Ausarbeitung und Erweiterung seiner grundlegenden philosophischen Ideen zu einer umfassenden systematischen Philosophie zu publizieren. Dennoch hat er nach seiner Habilitation im Jahr 1866 unermüdlich an einer einheitlichen und konsistenten Philosophie gearbeitet. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Philosophie, die immer möglichst nahe an den Phänomenen und an den damals bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen geblieben ist.
Als Philosoph des 19. Jahrhunderts, der von 1834 bis 1917 gelebt hat, war er anders als Kant (1724-1804) und als Hegel (1770-1834) bereits mit der Evolutionstheorie der Entstehung der natürlichen Arten von Charles Darwin (1809-1882) vertraut. Die damals noch üblichen atheistischen und materialistischen Deutungen der Evolutionstheorie hatten sein Philosophieren stark herausgefordert. Aus diesem Grunde hat er immer wieder an die Auffassungen von Aristoteles angeknüpft und sich kritisch mit ihnen auseinandergesetzt.
Dogmatische Systemzwänge wie bei Kant und Hegel hat Brentano aufgrund seiner phänomenologischen Einstellung bei der schrittweisen Entwicklung seiner Philosophie und der Durchführung seiner Untersuchungen vermieden. Neben seinen zahlreichen Schriften zur Philosophie des Aristoteles hat er nur wenige seiner systematischen Schriften selbst publiziert. Daher mussten die meisten seiner weiteren Schriften, seine unpublizierten Manuskripte und mehrere Vorlesungsmitschriften seiner Schüler später von seinen Schülern herausgegeben und posthum publiziert werden.
Dennoch lassen sich ohne allzu starke Spekulationen und dogmatische Systemzwänge die folgenden grundlegenden Ideen seiner systematischen Philosophie herausstellen:
1. Anknüpfung an das klassische Modell der systematischen Philosophie des Aristoteles, der Philosophie als Liebe zur Weisheit und zur Wissenschaft verstanden hatte, und an einige ausgewählte Auffassungen und Methoden des Aristoteles, wie z.B. an seine Psychologie in De Anima, wo er die menschliche Psyche in eine vitale Ebene der leiblichen Funktionen, eine thymotische Ebene der Emotionen und Motivationen und eine kognitive Ebene der Kognitionen und Reflexionen eingeteilt hatte. Brentano knüpfte dabei jedoch nie unkritisch an Aristoteles an, sondern unterschied immer zwischen dessen immer noch gültigen Auffassungen, wie z.B. in der Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik, und dessen nicht mehr gültigen Auffassungen, wie z.B. in der Biologie, Physik und Kosmologie.
2. Ergänzung des aristotelischen Modells durch einige Auffassungen von Descartes, Leibniz und Locke. Brentano verwirft zwar Descartes ontologischen Dualismus von ausgedehntem Körper (res extensa) und denkendem Geist (res cogitans) zugunsten eines Eigenschaftsdualismus von physischen Phänomenen ohne Intentionalität (aboutness) und psychischen Phänomenen mit Intentionalität (aboutness), zu denen die Emotionen, Motivationen, Kognitionen und Reflexionen gehören. Anders als bei Descartes hält er höhere Säugetiere und Vögel für keine bloßen Automaten, sondern für intelligente Lebewesen, die vitale Interessen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und sogar instinktive Kognitionen haben und also auch ein eigenes, artpezifisches psychisches Innenleben. Menschen sind zwar auch intelligente Lebewesen, sie zeichnen sich jedoch gegenüber allen Tierarten durch ihre angeborene Fähigkeit aus, eine bestimmte Sprache zu lernen und in dieser Sprache denken, schließen und urteilen und sich ausdrücken und kommunizieren zu lernen. Wie Leibniz unterschied Brentano zwischen empirischen Tatsachenwahrheiten und apriori-schen Vernunftwahrheiten, zweifelte jedoch am synthetischen Apriori Kants. Wie Leibniz und anders als Locke glaubte
er jedoch nicht, dass die menschliche Psyche und der menschliche Geist genetisch wie "ungeschriebene Blätter" ohne angeborene kognitive Strukturen und ermergente Dispositionen sind, die es ihnen ermöglichen, eine erste Sprache in der Regel von den Eltern, Geschwistern und anderen Sprechern zu lernen.
3. Grundlegend für seine ganze Philosophie ist seine Psychologie der Intentionalität, derzufolge die menschliche Psyche und der sprachliche menschliche Geist intentional (about someone or something) sind, d.h. die Fähigkeit haben, sich sowohl auf Gegenstände, Ereignisse, Personen und Situationen in der äußeren Lebenswelt als auch auf wechselnde Vorstellungen, Gedanken und Urteile, Emotionen und Motivationen, Erinnerungen und Antizipationen in der eigenen psychischen und geistigen "Innenwelt" zu beziehen. Menschen sind von daher zu einer gewissen Selbsttranszendenz fähig und daher kognitiv nicht an die Grenzen ihres Leibes gebunden. Sie können daher ein sprachliches Bewusstsein ihrer selbst entwickeln und ihres eigenen seelischen und geistigen Innenlebens entwickeln und sich daher auch in das ihnen nicht direkt zugängliche seelische und geistige Innenleben anderer Menschen einfühlen und es auch verstehen lernen.
4. Die Logik ist das Studium und die Systematisierung der impliziten logischen Strukturen des menschlichen Denkens, Schließens und Urteilens im stillen Selbstgespräch wie in der gemeinsamen sprachlichen Kommunikation. Die Prinzipien und Regeln des logischen Denkens, Schließens und Urteilens, wie z.B. das Prinzips des (auszuschließenden) Wider-spruches sind allgemeingültig und evident, denn sie lassen sich nicht weiter begründen, ohne sie bereits voraus-zusetzen. Sie sind daher keine psychischen Phänomene, sondern transzendentale Prinzipien und Regeln von normativer Gültigkeit für das Denken, Schließen und Urteilen aller möglichen intelligenten Wesen. Daher lassen sie sich logische Regelsysteme ebenso wie mathematische Regelsysteme in digitale Systeme aus anorganischer physischer Hardware ohne ein psychisches Bewusstsein implementieren.
5. Ähnlich wie Kant ist Brentano in der Erkenntnistheorie weder Empirist wie Locke und Hume noch Rationalist wie Descartes, Leibniz und Spinoza. Zwar werden alle Begriffe durch innere und äußere Wahrnehmung und Abstraktion erworben und Tatsachen werden zwar durch Empfindungen und Wahrnehmungen mit Hilfe der Sinnesorgane erkannt. Aber außer den empirischen Tatsachen der seelisch-geistigen Innenwelt und der natürlichen und kulturellen Außenwelt gibt es wie bei Leibniz noch verschiedene apriorische Vernunftwahrheiten wie vor allem in der Logik, Mathematik und Metaphysik. Was auch immer Menschen über Tatsachen in der Welt vermuten, kann immer nur für mehr oder weniger wahrscheinlich gehalten werden. Nur apriorische Vernunftwahrheiten sind notwendigerweise wahr.
Weitaus das Meiste, was Menschen über sich selbst, andere Menschen, Tiere, Pflanzen und Verhältnisse in der irischen Lebenswelt und im Universum denken und für wahrhalten, ist immer nur wahrscheinlich wahr, aber weder notwendig noch evident wahr. Dennoch gibt es auch einige wenige sinnliche und begriffliche Evidenzen. Wenn jemand heftige Zahnschmerzen hat, ist diese unmittelbare schmerzliche Empfindung für ihn oder sie so evident und gewiß, dass er oder sie kaum noch sinnvoll daran zweifeln kann. Es handelt sich um etwas, was sinnlich evident oder unmittelbar gewiß ist. Außer solchen sinnlichen Evidenzen der unmittelbaren Empfindungen und direkten Wahrnehmungen gibt es jedoch auch noch begriffliche Evidenzen, nämlich die apriorischen Vernunftwahrheiten der Logik, einfachen Mathematik und Metaphysik.
Der Satz vom Widerspruch ist apriorisch und evident gültig, da er nicht begründet werden kann, ohne ihn bereits voraus-zusetzen. Die formale Schlussregel des Modus Ponens in der Logik und das logische Prinzip der Identität sind apriori und evident gültig. Aber auch das metaphysische Prinzip des Grundes, das Alles in der Welt einen Grund bzw. eine Ursache hat, und das Prinzip des Ex nihilo nihil fit, dass nichts aus einem bloßen Nichts heraus entstehen kann, sind apriorische und evident gültige Prinzipien der Metaphysik.
6. Ästhetik
Die Ästhetik ist für Brentano nicht nur die psychologische Untersuchung der menschlichen Vorstellungen, sondern auch unserer diesbezüglichen Präferenzen und qualitativen Bewertungen. Intelligente Lebewesen wie Menschen und Tiere haben bestimmte Vorstellungen, solange sie lebendig sind, da sie Empfindungen und Wahrnehmungen, vitale Interessen, psychische Emotionen und Motivationen haben, träumen oder sich erinnern, etc. Ihre Vorstellungen sind intentional (about something or someone), d.h. sie beziehen sich auf jemand oder etwas in ihrer äußeren Lebenswelt oder auf Vorgänge in ihrer psychischen Innenwelt. Diese Vorstellungen haben einen sinnlichen Gehalt, der von Menschen nicht nur sinnlich wahrgenommen werden kann, sondern auch mit Hilfe von sprachlichen Wertbegriffen qualitativ bewertet und beurteilt werden kann. Ästhetische Präferenzen und Werturteile lassen sich nach den jeweils zuständigen Sinnen, Materialien und Methoden gruppieren und damit können die vielen verschiedenen Arten von Künsten von der Kochkunst über die Bildhauerei, Malerei, Musik, Oper und Theater bis zur Dichtkunst eingeteilt werden.
7. Allgemeine Werttheorie
In seiner kleinen, aber einflussreichen Schrift "Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis" (1889) stellt sich Brentano die Frage nach der kognitiven Quelle der sittlichen Erkenntnis der Menschen, aus der die allgemeingültige Erkenntnis des "natürlichen Sittengesetzes" entspringt, das allen geschichtlich wandelbaren Moralvorstellungen und positiven Rechts-setzungen vorausgeht und zugrundeliegt. Damit sucht er ähnlich wie Kant in seiner zweibändigen "Metaphysik der Sitten" (1797), eine allgemein und universal gültige kognitive Grundlage für das ideale Recht und eine rationale Moral. Mit Kant stimmt er nur darin überein, dass es wie in der Logik allgemeine und rational erkennbare Prinzipien gibt, sodass bloß subjektivistische und emotivistische oder gar materialistische und kulturrelativistische Positionen in der allgemeinen Ethik ausgeschlossen werden können.
Allerdings kommt Brentano zu einem anderen Ergebnis als Kant, da er zwar ähnlich wie Kant zwischen Mitteln und Zwecken unterscheidet und damit auch zwischen strategischem, pragmatischen und sittlichen Denken unterscheiden kann. Aber für Brentano ist nicht Kants Kategorischer Imperativ, sondern das allgemeine Prinzip der Klugheit das höchste Sittengesetz: "Wähle stets das Beste unter dem Erreichbaren!". Dieses Prinzip der rationalen Wahl gilt immer und überall unter allen konkreten Situationen und in allen praktisch relevanten Umständen, obwohl es rationale Dilemmata, nicht rational auflösbare Mittel- und Zielkonflikte und tragische Entscheidungssituationen geben kann.
Da Brentano in seiner "Psychologie vom empirischen Standpunkt" (1874) die psychischen Phänomene der Menschen etwas anders als Kant in Vorstellungen, Gemütsbewegungen (Emotionen und Motivationen) und Urteile eingeteilt hatte, spielen Emotionen für ihn auch in der sittlichen Erkenntnis eine entscheidende Rolle, zwar nicht auf der obersten kognitiven Ebene der rationalen Prinzipien, wohl aber auf der mittleren Ebene der psychischen Einstellungen, Dispo-sitionen und Präferenzen, wo sie konkrete Motivationen beeinflussen können. Emotionen können wie Motivationen pro oder contra sein, sie ermöglichen uns etwas oder jemanden entweder zu lieben oder zu hassen.
In seiner grundlegenden Schrift zur Werttheorie untersucht Brentano weiterhin alle Schlüsselbegriffe der sittlichen Erkenntnis, wie die Begriffe des intrinsischen und extrinsischen Guten, der Liebe und der Liebenswürdigkeit, der Kriterien und möglichen Erkenntnis des Guten, des blinden Gefallens im Unterschied zur rationalen Einsicht, der Unterschiede von moralischen und rechtlichen Geboten und Verboten, Pflichten und Sanktionen sowie von positivem Recht und idealem Recht, etc. Diese kleine Schrift hat vor allem für G.E. Moores Principia Ethica (1903) und dessen Kritik an der Möglichkeit einer naturalistischen Ethik und die darauf folgene Analytische Ethik eine große Rolle gespielt.
8. Ethik
In seinen Wiener Vorlesungen über "Praktische Philosophie", die erst 1952 aus dem Nachlaß als "Grundlegung und Aufbau der Ethik" herausgegeben wurden, hat Brentano auf den Grundlagen seiner allgemeinen Werttheorie eine umfassende Darstellung seiner Ethik und Rechtsphilosophie entwickelt, die alle relevanten Themen und Probleme behandelt, von seiner Konzeption der Willensfreiheit und Urteilskraft, der Entscheidungen, Dispositionen und Tugenden, der Rechts- und Liebespflichten, der sittlichen Konventionen, Traditionen und Institutionen bis hin zur Genealogie und Qualität des vorzüglichen Staatswesens.
In diesem bescheidenen Rahmen kann Brentanos differenzierte und umfangreiche Ethik freilich nicht angemessen dargestellt werden. Aber neben Moores Principia Ethica (1903) und William David Ross The Right and the Good (1930) und einigen anderen Schriften, gehört sie zu den wichtigsten neo-aristotelischen Abhandlungen zur Ethik nach Kant, Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Es handelt sich um eine rein philosophische Ethik, die nicht von religiösen oder theologischen Voraussetzungen wie etwa von der mosaischen Offenbarung des Dekaloges oder von den Evangelien abhängt. Wie bereits Sokrates im platonischen Dialog Eutyphron gezeigt hat, ist etwas nicht nur deswegen richtig oder gerecht, weil Gott, ein Prophet oder eine andere religiöse Autorität oder Institution es befürwortet, sondern Gott und die echten Propheten Gottes befürworten es, weil es an und für sich richtig oder (intrinsisch) gerecht ist.
9. Rechtsphilosophie
Auch Brentanos Rechtsphilosophie gehört in den Rahmen seiner Wiener Vorlesungen über "Praktische Philosophie", die erst 1952 aus dem Nachlaß als "Grundlegung und Aufbau der Ethik" herausgegeben wurden. Im Nachinein ist es besonders wichtig herauszustellen, dass Brentano an einer "naturrechtlichen" Konzeption der Rechts- und Liebes-pflichten festhält, sodass das geschichtlich entstandene, faktische oder positive Rechtssystem, das durch legislative Entscheidungen von Menschen gesetzt und institutionalisiert wurde, aus "naturrechtlicher" Sicht durchaus gerecht oder ungerecht sein kann, wie z.B. das Rechtssystem in Unrechtsstaaten wie der sozialistischen DDR (1945-1990) oder im national-sozialistischen Deutschland (1933-1945). Die modernen Bürger- und Menschenrechtskonventionen gehen auf solche "naturrechtlichen" Konzeptionen zurück, die jüdische, christliche und stoische Ursprünge haben.
10. Untersuchung über Raum, Zeit und Kontinuum
Im post-kantischen und post-hegelianischen 20. Jahrhundert haben sich die philosophischen und wissenschaftlichen Untersuchungen und Theorien von Raum und Zeit auseinander dividiert und getrennt weiter entwickelt. Auf der einen Seite stehen Philosophen, Psychologen und Psychiater, die die subjektive menschliche Erfahrung und das menschliche Verstehen räumlicher und zeitlicher Verhältnisse in der kulturell geprägten Lebenswelt erforschen. Auf der anderen Seite stehen Wissenschaftstheoretiker, Physiker und Astronomen, die die objektiven Strukturen, Verschränkungen und Verhältnisse von Raum und Zeit im gesamten Universum erforschen.
Brentanos Interesse galt beiden Seiten und er hielt daher wie Leibniz und Newton und anders als Kant Raum und Zeit nicht nur für apriorische "Formen der Anschauung". Menschen lernen zwar von Kindheit an, dass ihre subjektive und unaufhaltbare Zeit-erfahrung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft irreversibel ist und wie ein Pfeil nur eine Richtung zu kennen scheint, sodass die Zeit in Früher- und Später-Relationen wie ein Strom dahin zu fließen scheinen. Auch lernen sie schon früh, dass der Raum ihrer alltäglichen erfahrbaren Lebenswelt dreidimensional (oben-unten, vorne-hinten, links-rechts) zu sein scheint, aber es wäre kindisch und egozentrisch, subjektivistisch oder idealistisch daraus zu schließen, dass Raum und Zeit oder die kosmische Raumzeit der Relativitätstheorie von Einstein nicht real wären und unabhängig von unserern subkektiven Erfahrungen von ihnen existierten.
11. Metaphysik
Für Kant gab es drei dominante Themen der Metaphysik: Gott, Willensfreiheit und Unsterblichkeit. Brentano fand Kants Metaphysikkritik in der "Kritik der reinen Vernunft" (1781) jedoch nicht überzeugend, da sie auf dem empiristischen Dogma aufbaute, dass die Grenzen der menschlichen Erfahrung zugleich die Grenzen der menschlichen Vernunft seien. Aber in der Philosophie wie in den Einzelwissenschaften können und dürfen wir Menschen durchaus auch immer wieder über die engen Grenzen ihrer direkten und indirekten Erfahrung hinaus fragen und denken, schließen und urteilen. Nicht nur in den Formal- und Naturwissenschaften, sondern auch in den Geistes-, Kultur-, und Sozialwissenschaften sowie insbesondere in den Geschichtswissenschaften, die nicht mehr beobachtbares Vergangenes behandeln, ist das ganz normal. Warum dann nicht auch in der Philosophie, solange sie dabei rational und vorsichtig vorgeht und nicht wie Hegel und viele andere Metaphysiker wild darauf los spekuliert?
Brentano behandelte das Problem der Möglichkeit eines freien Willens angesichts der vielen Determinanten der menschlichen Motivationen hauptsächlich in seinen Vorlesungen über "Praktische Philosophie". Damit wurden die menschliche Seele bzw. Psyche und das Dasein Gottes zu den beiden wichtigsten Themen seiner Würzburger und Wiener Vorlesungen zur Metaphysik, die etwa drei Viertel des später edierten Bandes "Vom Dasein Gottes" ausmachen, der auch eine spätere Abhandlung "Gedankengang beim Beweise für das Dasein Gottes" (1915) enthält.
Anders als Kant und Hegel war Brentano bereits mit Darwins Theorie der Entstehung der Arten vertraut. Daher wurden für ihn auch die Entstehung des organischen Lebens und die Entstehung der menschlichen Intelligenz mit Sprache und logischem Denken zu einem wichtigen Thema. Obwohl Brentano noch vor der Entstehung der Relativiätsheorie und der Quantenphysik, der Entdeckung der kontinuierlichen Ausdehnung des raumzeitlichen Universums und der Urknall-hypothese vom Anfang des Universums vor ca. 13,8 Milliarden Jahren gestorben ist, ist seine rationale Kritik an der angeblichen Widerlegung der Gottesbeweise bei Hume und Kant nun viel aktueller und überzeugender als deren skeptische Vorbehalte.
Da moderne Astrophysiker herausgefunden haben, dass das raumzeitliche Universum einen absoluten Anfang hatte, bei dem Raum und Zeit, Materie und Energie überhaupt erst entstanden sind, ist es völlig rational zu fragen, was vor diesem absoluten Anfang gewesen ist und auch völlig völig rational anzunehmen, dass das Universum nicht aus einem bloßen Nichts heraus hat entstehen können. Damit kehren die beiden Hypothesen zurück, dass es vor diesem Anfang des Universums ein höheres intelligentes Wesen gegeben haben muss und dass das Universum das Resultat seines spontanen Schöpfungsaktes ist.
Ebenso scheint es wieder wahrscheinlich, dass auch organisches Leben nicht ohne ein höheres intelligentes Wesen aus anorganischer Materie hat entstehen können, da in jeder noch so einfachen Zelle ein genetischer Bauplan enthalten ist, der aus den komplexen Informationen der DNA besteht, die von einem intelligenten Informanten stammen müssen.
Schließlich ist es ausgeschlossen, dass das logische Denkvermögen und die sprachliche Kommunikationsfähigkeiten nur aufgrund eines angeblichen darwinistischen Survival-Values von vormenschlichen Primaten haben entstehen können, da sie transzendental sind und da sich eine menschliche Orientierung an Wahrheit, logischer Konsistenz, sprachlicher Mitteilung und anderen Werten wie dem Schönen und Guten immer nur auf Kosten von physischer Gewalt, egoistischer Selbstbehauptung und vitalen Überlebens-chancen entwickelt haben. Auch hier könnte ein höheres intelligentes Wesen als schöpferischer Ursprung und Quelle gewirkt haben.
12. Gottesbeweise
Brentanos Reflexionen der Metaphysik knüpften an die Entdeckungen von empirischen Naturwissenschaften wie der neueren Physik, Chemie und Biologie sowie von apriorischen Formalwissenschaften wie Logik und Linguistik an. Seine induktiven Schlüsse auf die wahrscheinliche Existenz eines höheren intelligenten Wesens, das wir gewöhnlich in den verschiedenen Sprachen der Menschheit "Gott" nennen basieren auf rationalen Mutmaßungen und sind bestenfalls Vermutungswissen, aber keine rationalen Konklusionen von deduktiven Beweisen vom Dasein Gottes. Nach Hume und Kant nahmen viele europäische Philosophen an, dass apriorische Gottesbeweise wie die klassischen Gottesbeweise von Aristoteles und Platon, Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin, Descartes und Leibniz, Mendelsssohn und Hegel nicht (mehr) möglich sind bzw. nicht (mehr) überzeugend sein können.
Brentano hat diese weit verbreiteten skeptischen Annahmen gegen apriorische Gottesbeweise infrage gestellt und kritisch diskutiert. Dann hat er vier dieser klassischen Gottesbeweise untersucht und die rationalen Argumente für das Dasein Gottes reformuliert und verteidigt: 1. Das teleologische Argument aus der Erfahrung teleologischer Strukturen in der (belebten) Natur, 2. das kinesiologische Argument aufgrund der Notwendigkeit eines ersten Bewegers, 3. das kosmologische Argument aus der Kontingenz aller Dinge und Verhältnisse in der Welt, 4. das psychologische Argument aus der Geistigkeit des vernünftigen Teils der menschlichen Psyche oder Seele (nous, mens, intellectus, Vernunft) auf einen geistigen Urheber oder ein intelligenten Schöpfer.
Gegen Ende seines Lebens in Zürich hat Brentano noch einen eigenen, neuen und originellen, aber komplizierteren Gottesbeweis im mehreren gedanklichen Schritten entwickelt, den "Gedankengang beim Beweise für das Dasein Gottes" (1915). Anders als Anselm von Canterbury, Descartes und Hegel hat Brentano ähnlich wie Kant und Thomas von Aquin nur den ontologischen Gottesbeweis für ungültig gehalten und daher aus bestimmten Gründen abgelehnt.
Im 21. Jahrhundert haben wir aufgrund der weiteren Entwicklung der modernen Naturwissenschaften in Physik, Chemie, Biologie sowie in den Formalwissenschaften von Logik, Informatik und Linguistik viele gute Gründe, die alte, von Hume und Kant im 18. Jahrhundert geförderte Skepsis gegenüber induktiven und deduktiven Argumenten für die Existenz Gottes zu überwinden und aufzugeben. Brentano hat neben anderen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts den Weg dafür frei gemacht.
13. Religionsphilosophie
Brentanos Metaphysik war frei von christlichen Voraussetzungen und ist daher auch für Juden und Muslime interessant. Seine Religionsphilosophie hingegen war dezidiert christlich bzw. christozentrisch und daher nicht mit den Glaubens-inhalten von Juden und Muslimen vereinbar. Denn seine posthum veröffentlichten religionsphilosophischen Manu-skripte "Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung" (1922) behandelten vor allem christlichen Themen wie 1. Die Sitten-lehre Jesu nach den Evangelien, 2. Die Lehre Jesu von Gott und Welt und seiner eigenen Person und Sendung nach den Evangelien, und 3. Pascals Pensees zur Apologie des christlichen Glaubens. Brentano erweist sich darin als ein gläubiger Christ, der sich mit den überlieferten Glaubensinhalten aus den Evangelien bestens ausgekannt hat und sie philo-sophisch reflektiert hat. Dabei hat er sich jedoch nicht mehr an der römisch-katholischen Lehre orientiert, sondern am biblischen Wortlaut der Evangelien selbst.
14. Brentano als christlicher Philosoph
Obwohl Brentano 1874 sein Priesteramt aufgegeben hatte und aus der Römisch-katholischen Kirche ausgetreten war, gibt es keine biographischen oder schriftlichen Indizien dafür, dass er seinen christlichen Glauben verloren hätte. Die Zweifel, die ihm zum Austritt aus der Römisch-katholischen Kirche bewegt hatte, betrafen hauptsächlich die beiden neuen Dogmen von der Unfehlbarkeit des Papstes (ex cathedra) und von der Aufnahme Mariens in den Himmel.
Für die gelegentlich kolportierte Behauptung, dass Brentano auch die biblisch begründbaren Lehren von der Trinität, der Messianität und der Gottessohnschaft Christi infrage gestellt hätte, gibt es hingegen weder biographische noch schriftliche Indizien in seinen religionsphilosophischen Manuskripten. Solche Versuche, ihn für agnostische und skeptische Positionen zu vereinnahmen, scheinen mir unhistorisch, unseriös und unwissenschaftlich zu sein.
Brentano ist daher weder ein christlicher Unitarier noch ein liberaler Protestant geworden, aber auch kein strenger Lutheraner oder Cavinist. Am nächsten kommt es seinem persönlich gelebten Verständnis des christlichen Glaubens, wenn man ihn als einen Vorläufer der "mere Christianity" von C.S. Lewis versteht, des englischen Mediavisten, christ-lichen Apologeten und Autors der "Chroniken von Narnia".
Werkauswahl in alphabetischer Reihenfolge[Bearbeiten]
- Aristoteles und seine Weltanschauung. (= Philosophische Bibliothek. Band 303). Meiner, Hamburg 1977, ISBN 3-7873-0401-0.
- Aristoteles und seine Weltanschauung. Leipzig 1911.
- Aristoteles’ Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes. Leipzig 1911.
- Das Genie. Vortrag gehalten im Saale des Ingenieur- und Architektenvereins in Wien. Verlag Duncker & Humblot, Leipzig 1892.
- Das Schlechte als Gegenstand dichterischer Darstellung. Vortrag, gehalten in der Gesellschaft der Litteraturfreunde zu Wien. Verlag Duncker & Humblot, Leipzig 1892.
- Die Abkehr vom Nichtrealen. Briefe und Abhandlungen aus dem Nachlaß. (= Philosophische Bibliothek. Band 314). Meiner, Hamburg 1966, ISBN 3-7873-0432-0.
- Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung. Meiner, Leipzig 1922 / Reprint on Demand, Meiner, Hamburg 2019, ISBN 978-3-78733535-0.
- Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre vom nous poietikos. Verlag Franz Kirchheim, Mainz 1867.
- Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblicklicher Stand. Stuttgart 1895.
- Geschichte der griechischen Philosophie. Hrsg. von Franziska Mayer-Hillebrand. 2., verbesserte Auflage. (= Philosophische Bibliothek. Band 313). Meiner, Hamburg 1988, ISBN 3-7873-0694-3.
- Geschichte der mittelalterlichen Philosophie. Hrsg. von Klaus Hedwig. (= Philosophische Bibliothek. Band 323). Meiner, Hamburg 1980. ISBN 3-7873-0499-1.
- Geschichte der Philosophie der Neuzeit. Hrsg. von Klaus Hedwig. (= Philosophische Bibliothek. Band 359). Meiner, Hamburg 1987, ISBN 3-7873-0678-1.
- Grundzüge der Ästhetik. Hrsg. von Franziska Mayer-Hillebrand. 2. Auflage. (= Philosophische Bibliothek. Band 312). Meiner, Hamburg 1988, ISBN 3-7873-0738-9.
- Kategorienlehre. Hrsg. von Alfred Kastil. (= Philosophische Bibliothek. Band 203). Meiner, Hamburg 1985, ISBN 3-7873-0011-2.
- Meine letzten Wünsche für Österreich. In: Neue Freie Presse. 2./5./8. Dezember 1894.
- Philosophische Untersuchungen zu Raum, Zeit und Kontinuum. Hrsg. und eingeleitet von Stephan Körner und Roderick M. Chisholm. (= Philosophische Bibliothek. Band 293). Meiner, Hamburg 1976, ISBN 3-7873-0356-1.
- Psychologie vom empirischen Standpunkt. Leipzig 1874, Neuauflage 1911. (Wiederauflage: Ontos, ISBN 978-3-938793-41-1)
- Psychologie vom empirischen Standpunkt. Zweiter Band: Von der Klassifikation der psychischen Phänomene, Hrsg. von O.Kraus, Meiner, Hamburg 1925, Nachdruck 1971, ISBN 3 7873 0015 5.
- Psychologie vom empirischen Standpunkt. Dritter Band: Vom sinnlichen und noetischen Bewußtsein. Hrsg. von O.Kraus und F. Mayer-Hillebrand, Meiner, Hamburg 1928, Zweite Auflage 1968, Nachdruck 1974, ISBN 3-7873-0017-1.
- Über Aristoteles. Hrsg. von Rolf George. (= Philosophische Bibliothek. Band 378). Meiner, Hamburg 1986, ISBN 3-7873-0631-5.
- Über die Zukunft der Philosophie. Hölder Verlag, Wien 1893.
- Ueber die Gründe der Entmuthigung auf philosophischem Gebiete. Ein Vortrag gehalten beim Antritte der philosophischen Professur an der k.k. Hochschule zu Wien. Verlag Braumüller, Wien 1874.
- Über Ernst Machs „Erkenntnis und Irrtum“. Mit zwei Anhängen, Kleine Schriften über Ernst Mach. Der Brentano-Mach-Briefwechsel. Rodopi, 1988, ISBN 978-90-6203-715-5.
- Untersuchungen zur Sinnesphysiologie. Hrsg. von Roderick M. Chisholm und Reinhard Fabian. 2. Auflage. (= Philosophische Bibliothek. Band 315). Meiner, Hamburg 1979, ISBN 3-7873-0444-4.
- Untersuchungen zur Sinnespsychologie. Leipzig 1907.
- Vom Dasein Gottes. Mit Einleitung und Anmerkungen hrsg. von Alfred Kastil. (= Philosophische Bibliothek. Band 210). Meiner, Hamburg 1929. (Nachdruck: 1968)
- Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. Verlag Duncker & Humblot, Leipzig 1889.
- Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles. Herder, Freiburg im Breisgau 1862.
- Wahrheit und Evidenz. Meiner, Hamburg 1974.
- Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht. Wien/Pest/Leipzig 1876.
Literatur[Bearbeiten]
- Albertazzi, L., Libardi, M. and Poli, R. (eds.), The School of Franz Brentano, Kluwer, Dordrecht: 1996.
- Antonelli, M., Seiendes, Bewusstsein, Intentionalität im Frühwerk von Franz Brentano, Alber, München 2001.
- Baumgartner, W., Vom Bemerken und: Wie man ein rechter Psychognost wird, Grazer Philosophische Studien, 28 1986, S. 235–252.
- Binder, T., Franz Brentano und sein philosophischer Nachlass. De Gruyter, Berlin / Boston 2019.
- Bollnow, O. F., Franz Brentano: Besprechung der philosophischen Schriften. Microsoft Word – Brentano.doc
- Brandl, J., Brentano’s Theory of Judgment. In: E. N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy 2022.
- Chisholm, R. M., Brentano and Intrinsic Value, CUP, Cambridge 1986.
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- Chrudzimski, A., Intentionalitätsthese beim frühen Brentano, Kluwer, Dordrecht 2001.
- Chrudzimski, A., Die Ontologie Franz Brentanos, Kluwer, Dordrecht 2004.
- Diehl, U., Franz Brentanos Philosophie. Eine Rekonstruktion für das 21. Jahrhundert, Alber, Baden-Baden 2026.
- Fisette, Denis. La philosophie de Franz Brentano, Vrin, Paris 2022.
- Fisette, D. and Fréchette G., (eds.), Themes from Brentano, Rodopi, Amsterdam 2013.
- Fisette, Denis, Guillaume Fréchette, and Hynek Janoušek (eds.). Franz Brentano’s Philosophy after One Hundred Years: From History of Philosophy to Reism, Springer Nature, Berlin 2021.
- Fisette, Denis, Guillaume Fréchette, and Friedrich Stadler (eds.) Franz Brentano and Austrian Philosophy, Springer Nature, Berlin 2020.
- Huemer, W., Franz Brentano . In: E. N. Zalta (Hrsg.): 2002. Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Ialenti, A., Franz Brentano und die Grundlegung einer Moralphilosophie des Gefühls. in: Dialeghestai. online Zeitschrift für Philosophie 2008.
- Jacquette, D., (ed.), The Cambridge Companion to Brentano, CUP, Cambridge 2004.
- Kastil, A., Die Philosophie Franz Brentanos. Eine Einführung in seine Lehre. Lehnen, München 1951.
- Oskar Kraus, Franz Brentano. Zur Kenntnis seines Lebens und seiner Lehre mit Beiträgen von Carl Stumpf und Edmund Husserl. Beck, München 1919.
- Kriegel, U., Brentano’s philosophical System, OUP, Oxford 2018.
- Kriegel, U., (ed.), The Routledge Companion to Brentano, Routledge, London, New York 2017.
- McAlister, L., The Development of Franz Brentanos Ethics, Rodopi, Amsterdam 1982.
- Russo, A., Franz Brentano – Heinrich Denifle. Studium, Roma 2014.
- Russo, A., (Hrsg.), Cornelio Fabro e Franz Brentano. Per un nuovo realismo. Studium, Roma 2013.
- Simons, P., Brentano’s Reform of Logic, Topoi 6, 1987, S. 25–38.
- Smith, B., Austrian Philosophy. The Legacy of Franz Brentano. Open Court Publishing Company, Chicago and LaSalle, Illinois 1994.
- Steiner, R., Von Seelenrätseln. Anthropologie und Anthroposophie. Max Dessoir über Anthroposophie. Franz Brentano: Ein Nachruf. Skizzenhafte Erweiterungen (GA 21) 1917.
- Stegmüller, W., Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Eine kritische Einführung. Bd. 1, Kap. 1, Philosophie der Evidenz: Franz Brentano, S. 2–48. Kröner, Stuttgart 71989.
- Zahavi, D., Back to Brentano, Journal of Consciousness Studies 11, 2004, S. 66–87.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Franz Brentano im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Franz Brentano in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Website zu Franz Brentano
- Letzte Ruhestätte im Aschaffenburger Altstadtfriedhof
- Franz Brentano Website (Texte auf English und Italienisch)
- Franz Brentano Archiv (Universität Graz)
- Website des Brentano-Instituts
- Franz Brentano Forschung auf der Website der Universität Würzburg, mit Nachlassliste
- Werkbibliographie
- Wolfgang Huemer: Franz Brentano. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Johannes L. Brandl: Eintrag in James Fieser, Bradley Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy.
- Nachlass in der Bayerischen Staatsbibliothek
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Brentano, Franz |
| ALTERNATIVNAMEN | Brentano, Franz Clemens (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph und Psychologe |
| GEBURTSDATUM | 16. Januar 1838 |
| GEBURTSORT | Marienberg bei Boppard am Rhein |
| STERBEDATUM | 17. März 1917 |
| STERBEORT | Zürich |
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- Philosoph (19. Jahrhundert)
- Philosoph (20. Jahrhundert)
- Psychologe
- Römisch-katholischer Geistlicher (19. Jahrhundert)
- Hochschullehrer (Universität Wien)
- Hochschullehrer (Julius-Maximilians-Universität Würzburg)
- Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften
- Familienmitglied des Adelsgeschlechts Brentano (Frankfurter Linie)
- Deutscher
- Geboren 1838
- Gestorben 1917
- Mann