Franz Winterer
Franz Winterer (* 11. Jänner 1892 in Wien; † 8. November 1971 ebenda) war ein österreichischer Politiker (SPÖ) und Unterstaatssekretär für Heerwesen in der provisorischen Staatsregierung Renner 1945.
Biographie[Bearbeiten]
Habsburgermonarchie (bis 1918)[Bearbeiten]
Franz Winterers Vater Franz (1862–1912) stammte aus dem Waldviertel und war zuletzt Laternenwärter bei den Wiener Gaswerken, die Mutter hieß Amalie (1862–1945). Als Sohn „kleiner Leute“ wuchs er im Wiener Stadtbezirk Hernalsauf. Nach Volksschule und Bürgerschule besuchte er zwei Jahre lang eine private Untermittelschule und anschließend zwei weitere Jahre das Konservatorium. Darauf folgten zwei Jahre Meisterschule für Geige. Eine Matura erwarb Winterer indes nie. Dass er später ein Jura-Studium begann oder sogar abschloss, gehört wohl zu den diversen von Winterer selbst gestrickten biographischen Legenden.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 16.</ref>
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Winterer zum Landsturm assentiert. Vier Monate später überstellte man ihn zum Infanterie-Regiment „Hoch- und Deutschmeister“. 1915 an der Ostfront mehrfach verwundet und einmal verschüttet, erhielt er die bronzene Militär-Verdienstmedaille und im Dezember 1915 die Verwundetenmedaille. Nach seiner Genesung erfolgte Anfang 1916 eine Ausbildung zum MG-Schützen. Im Juli 1916 wurde er zum Titular-Gefreiten befördert, die Definitiv-Beförderung geschah im Februar 1917, im November des Jahres avancierte Winterer schließlich zum Titular-Korporal. Als solcher erlebte er das Kriegsende an der Italienfront. Bis dahin hatte er zur bronzenen Militär-Verdienstmedaille zwei Wiederholungsspangen erworben und das Karl-Truppenkreuz, für mindestens sechsmonatigen Fronteinsatz. Keine schriftlichen Belege finden sich, dass Winterer, wie von ihm behauptet, die silberne Militär-Verdienstmedaille sowie die silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse verliehen worden sein sollen.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 16–18.</ref>
Erste Republik Österreich (1918–1938)[Bearbeiten]
Anfang November 1918 meldete er sich freiwillig zur neu gegründeten Volkswehr. Er wurde Mitglied des Reichssoldatenrats und dann dessen letzter Vorsitzender. Winterer nutzte die von Julius Deutsch, (Unter-)Staatssekretär für Heereswesen, protegierte Öffnung der Offizierslaufbahn für verdiente Unteroffiziere und bewarb sich mit Erfolg um die zum 1. November 1919 ausgesprochene Ernennung zum „Volkswehrleutnant“. Anschließend versetzte man ihn zur Volkswehr-Maschinengewehr-Abteilung des Kreises B (Wien). Mitarbeiter von Deutsch, wie später behauptet, war er jedoch nicht.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 19.</ref>
Im Juni 1920 erfolgte, auf eigenen Wunsch und unter der Maßgabe, bis zu seinem 40. Lebensjahr beim Militär zu verbleiben, die Übernahme in das neu gegründete Bundesheer, das die Volkswehr als bewaffnetes staatliches Organ der Republik Österreich ablöste. Ende des Jahres absolvierte er eine, aus Vorbereitungs- und Hauptkurs bestehende, zweimonatige Offiziersausbildung an der Heeresschule Enns, mit sehr gutem Erfolg. Im Juli 1921 wurde er Oberleutnant, im Juni 1932 Hauptmann. In dieser Zeit entwickelte Winterer einen auch bei Nacht einsetzbaren Kompass („Winterer Bussole“), unterrichtete aber auch den Republikanischen Schutzbund, den paramilitärischen Verband der Sozialdemokraten.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 19–20.</ref>
1927 aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten, revidierte er diesen Schritt im Jänner 1934. Dies geschah vermutlich aus Opportunismus, im Zuge der von Dollfuß seit Frühling 1933 („Selbstausschaltung des Parlaments“) betriebenen schrittweisen Errichtung des österreichischen Ständestaats. Während des Schutzbund-Aufstands, im Februar 1934, blieb ihm ein Einsatz gegen die politischen Gefährten von einst erspart.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 20.</ref>
„Drittes Reich“ (1938–1945)[Bearbeiten]
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurde Winterer am 1. Juni 1938 als Ergänzungsoffizier zur Luftwaffe transferiert und noch am selben Tag zum Major befördert. Er fügte sich den neuen, nationalsozialistischen Machthabern, galt aber dennoch bei Vorgesetzten, noch im Jahr 1941, als politisch nicht hundertprozentig „zuverlässig“.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 21.</ref> Zunächst als stellvertretender Gruppenleiter im Rüstungskommando Mödling, ab 1945 dann als Sachbearbeiter für ARLZ-Maßnahmen, avancierte Winterer noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zum Oberstleutnant. Anonyme Vorwürfe, die ihn mit Schutzbund und SDAP in Verbindung brachten, hatte er zuvor noch erfolgreich – und wahrheitswidrig – leugnen können.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 22.</ref>
Zweite Republik Österreich (ab 1945)[Bearbeiten]
Nach der Unabhängigkeitserklärung Österreichs kam Winterer die Bekanntschaft mit dem früheren Heeresinspektor des Bundesheeres und General i. R. Theodor Körner zugute, indem ihn Karl Renner am 27. April 1945 innerhalb der provisorischen Staatsregierung zum Chef des sogenannten Heeresamts erhob.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 23.</ref> In seiner Funktion war er nicht nur mit der Wiederaufstellung eines Bundesheeres befasst, sondern auch mit der Abwicklung von Wehrmachtsdienststellen, -liegenschaften und -material sowie der Rückholung von rund 335.000 österreichischen Kriegsgefangenen;<ref>Heeresgeschichtliches Museum (Austria): Die Streitkräfte der Republik Österreich, 1918-1968, Katalog zur Sonderausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum Wien, Wien 1968, S. 299.</ref> von denen die letzten erst 1955, nach Abschluss des Staatsvertrages von 1955, heimkehrten.
Am 19. September des Jahres ernannte ihn der Kabinettsrat schließlich zum Generalmajor, als erstem österreichischen General der Nachkriegszeit überhaupt und dem ersten von insgesamt neun bis 1946 inaugurierten „politischen“ Generalen. Unter diesen befanden sich aber auch vor oder nach 1938 zwangspensionierte und jetzt reaktivierte Offiziere, wie der vormalige Oberst Franz Freudenseher (1885–1954), den man zum einzigen „Feldmarschalleutnant“ der Zweiten Republik, und damit allgemein letzten, beförderte (der Rang wurde bald obsolet).<ref>Rauchensteiner (2026), S. 28.</ref>
In offiziellen Verlautbarungen wurde der Nicht-Maturant Winterer schon vorher, allerdings unberechtigt, mit einem Doktortitel versehen („Dr. Winterer“), ohne dass dies moniert worden wäre; vielleicht ähnlich, wie später ein, nach Winterers Tod, im Namen des Bundespräsidenten Franz Jonas versandtes Beileidstelegramm ihn fälschlich als Staatssekretär (statt Unterstaatssekretär) und als Generaloberst (statt Generalmajor) titulieren sollte.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 24, 32.</ref>
Allgemeines Projekt war die Aufstellung eines 50.000 bis 100.000 Mann starken Heeres bis 1947.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 25, 27.</ref> Den österreichischen Planspielen bereitete der Alliierte Rat, als oberstes Organ der Alliierten Kommission für Österreich, ein vorzeitiges Ende, indem er am 30. November 1945 die Auflösung des Heeresamts bestimmte und am 10. Dezember jene aller anderen militärischen Dienststellen.<ref>Heeresgeschichtliches Museum (1968), S. 299</ref>
Nach den ersten Nationalratswahlen der zweiten Republik, im November 1945, zog Winterer als einfacher Abgeordneter in das Parlament ein. In dieser Zeit brachte er unter anderem das Toto (Sportwette)-Gesetz ein, das seitdem eine der Grundlagen der Finanzierung des österreichischen Sports darstellt.<ref>Manfred Pils: Franz Winterer – Visionärer Mitgestalter von Vorfeldorganisationen der SPÖ nach 1945. In: Peter Autengruber, Wolfgang Greif, Alexander Neunherz (Hrsg.): INS RAMPENLICHT – Persönlichkeiten der SPÖ zu Beginn der Zweiten Republik. 1. Auflage. Mandelbaum Verlag, Wien 2025, ISBN 978-3-99136-107-7, S. 271.</ref>
1949, nach einer Legislaturperiode, verlor Winterer sein Mandat und schied aus dem Nationalrat aus. Am 31. Mai 1950 folgte die, gegen seinen Willen, ausgesprochene Versetzung in den „zeitlichen Ruhestand“ als Generalmajor a. D. Damit endete Winterers politische und militärische Laufbahn. Völlig untätig blieb er anschließend aber nicht. So war Winterer, von 1945 bis 1968, Präsident des ASKÖ und als solcher auch im Vorstand des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC) vertreten. Von 1946 bis 1966 fungierte er als Bundesobmann der Naturfreunde und Präsident des Wiener Eislaufvereins.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 32.</ref>
Privatleben[Bearbeiten]
Winterer war dreimal verheiratet (davon zweimal geschieden). Aus diesen Verbindungen gingen vier Töchter hervor.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 15.</ref>
In seiner Jugend, bis 1914, war er als Violinist im Theater an der Wien, im Bürgertheater und in der Wiener Volksoper aktiv gewesen, als Bratschist im Tonkünstlerorchester.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 16.</ref>
Franz Winterer starb nach einer längeren, ab Beginn der 1960er Jahre einsetzenden, Phase des körperlichen Verfalls.<ref>Rauchensteiner (2026), S. 32.</ref> Er ist auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.
Sonstiges[Bearbeiten]
Franz Winterer war Konstrukteur verschiedener militärischer Vermessungsinstrumente für den Feldgebrauch und entwickelte die „Winterer-Bussole“.
Literatur[Bearbeiten]
- Manfried Rauchensteiner: Franz Lorenz Winterer. In: ÖMZ – Österreichische Militärische Zeitschrift. Bd. 62 (2024), Heft 4, S. 456–467.
- ders.: Sieben Soldaten und ein Todesfall. Schriftenreihe des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek. Böhlau Wien. Wien 2026. ISBN 978-3-205-22437-2
Weblinks[Bearbeiten]
- Franz Winterer auf der Website des österreichischen Parlaments
- Franz Winterer. In: dasrotewien.at – Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie. SPÖ Wien (Hrsg.)
- Beschreibung einer „Winterer-Bussole“
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Karl Renner | Leopold Figl / Johann Koplenig / Adolf Schärf
Karl Altmann | Johann Böhm | Rudolf Buchinger | Raoul Bumballa | Franz David | Josef Enslein | Ernst Fischer | Laurenz Genner | Josef Gerö | Karl Gruber | Ernst Hefel | Eduard Heinl | Oskar Helmer | Heinrich Herglotz | Franz Honner | Josef Kraus | Andreas Korp | Hermann Lichtenegger | Karl Lugmayer | Alois Mentasti | Otto Mödlagl | Ferdinand Nagl | Alfred Neumann | Helene Postranecky | Julius Raab | Franz Rauscher | Hans Rizzi | Max Scheffenegger | Heinrich Schneidmadl | Vinzenz Schumy | Josef Sommer | Karl Waldbrunner | Alois Weinberger | Ernst Winsauer | Franz Winterer | Georg Zimmermann
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Winterer, Franz |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichischer Politiker (SPÖ), Abgeordneter zum Nationalrat |
| GEBURTSDATUM | 11. Januar 1892 |
| GEBURTSORT | Wien |
| STERBEDATUM | 8. November 1971 |
| STERBEORT | Wien |
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- Abgeordneter zum Nationalrat (Österreich)
- Militärperson (Erste Republik Österreich)
- Oberstleutnant (Luftwaffe der Wehrmacht)
- Generalmajor (Zweite Republik Österreich)
- Person der Arbeiterbewegung (Österreich)
- SPÖ-Mitglied
- Sportfunktionär (ASKÖ)
- Österreicher
- Geboren 1892
- Gestorben 1971
- Mann