Friedenskaiser
Der Friedenskaiser war nach einer vor allem im Mittelalter verbreiteten eschatologischen Erwartung eine messianische Herrschergestalt aus der Reihe der fränkischen Könige bzw. römischen Kaiser, deren Erscheinen das Ende der Welt vorbereiten werde. Die Wurzeln dieser Vorstellung gehen bis auf die antike römische Prophezeiung der Herrschaft Saturns (aurea aetas) und den hellenistisch-jüdischen Messianismus zurück. Erstmals bezeugt ist sie in der syrischen Apokalypse des Pseudo-Methodius aus dem 7. Jahrhundert (auf Lateinisch erstmals im 8. Jahrhundert) sowie später unter anderem im Antichrist des Adso von Montier-en-Der (10. Jahrhundert). Ernst Bernheim zufolge erklärt sich diese Untergangserwartung mit der Verlagerung der endzeitlichen Verheißungen in die Gegenwart, die Gut und Böse, Friedenskaiser wie Antichrist zu diesseitiger Historie werden lässt und als ersehntes Gegenbild zur Wirklichkeit gleich einem Deus ex machina das Volk erlösend auftritt.
Das konkrete christlich-apokalyptische Szenario sah vor, dass der Friedenskaiser das Heilige Römische Reich – in der direkten Nachfolge und als Träger der dignitas des antiken Römischen Reiches – über die ganze Welt ausdehnen und die Heiden bekehren werde, bevor er seine Herrschaftsinsignien am Ölberg in Jerusalem niederlegen werde. Nach seinem Verzicht und dem damit einhergehenden Ende des Reiches werde die Schreckensherrschaft des Antichrist beginnen, die mit dem Weltgericht Gottes ende.
Ideengeschichte[Bearbeiten]

Kaiser Augustus galt dem spätantiken Historiker und Theologen Orosius wegen der Pax Augusta als Friedenskaiser, der Dank göttlicher Vorsehung ein Zeitgenosse des Friedensheilands Jesus Christus gewesen sei.<ref>Hans Erich Stier: Augustusfriede und römische Klassik. In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt: Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung. Band 2. De Gruyter, 1975, ISBN 3-11-004971-6, S. 14.</ref> Horaz hatte Augustus schon 13 n. Chr. in einem Loblied als Friedensbringer und Hüter der Welt (custos rerum) besungen. Die Prädikation Friedensbringer und Wächter des Weltfriedens ging dabei auf griechisch-hellenistische Konzepte aus dem 4. Jahrhundert vor Christus zurück.<ref>Monika Schuol: Augustus und die Juden: Rechtsstellung und Interessenpolitik der kleinasiatischen Diaspora. Verlag Antike, Berlin 2007, ISBN 978-3-938032-16-9, S. 283.</ref> Der erste christliche Kaiser, Konstantin der Große, ließ sich auf dem im Jahr 315 geweihten Konstantinsbogen als Friedenskaiser darstellen.<ref>Hartwin Brandt: Konstantin der Grosse: der erste christliche Kaiser ; eine Biographie. 2. Auflage. C.H.Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-54058-5, S. 67.</ref> Mit dem Gedanken der Pronoia (des heilgeschichtlichen Plans) und bezugnehmend auf Eusebius von Caesarea schaffte sich das Christentum daraus den Friedenskaiser Konstantin.<ref>Hartmut Leppin: Menschliches Handeln und göttliches Wirken in der christlichen Geschichtsschreibung. In: Sabine Föllinger (Hrsg.): Begründen und Erklären im antiken Denken. DeGruyter, 2025, ISBN 978-3-11-141311-2, S. 90.</ref> Der Gedanke vom Weltbeherrscher als Stellvertreter Christi, Friedensstifter und Friedenskaiser im Imperium Romanum entwickelte sich. Die Idee mit biblisch-christlich-byzantinischem Ursprung wurde später nur langsam in das weströmische Kaiserreich übertragen.<ref>Richard Newald: Nachleben des antiken Geistes im Abendland bis zum Beginn des Humanismus. Max Niemeyer, Tübingen 1960, S. 170.</ref> Nach der Erneuerung des westlichen Kaisertums durch die Karolinger wurde sie auch auf Karl den Großen (gekrönt im Jahr 800) und seine Nachfolger übertragen. Otto von Freising, ein Onkel von Friedrich I. (genannt Barbarossa), schrieb nach seiner 1148 erschienenen pessimistischen Weltchronik Chronica sive Historia de duabus civitatibus zehn Jahre später die verklärende Gesta Frederici Imperatoris über den neuen Kaiser Friedrich I., den Friedensstifter und Garanten kommenden Glücks. Der befürchtete Weltuntergang war nun für Otto aufgeschoben, den Streit zwischen Staufern, Welfen und Babenbergern erlebte er nicht mehr.<ref>Rainer Traub: Verklärung nach Mass: Otto von Freising, der größte Geschichtsdenker des Mittelalters, begründete die Saga vom Friedenskaiser und Reichseiniger Friedrich Barbarossa. In: Annette Großbongardt, Dietmar Pieper (Hrsg.): Die Staufer und ihre Zeit: Leben im Hochmittelalter - Ein Spiegel-Buch. Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-641-05203-4.</ref> Etwa 1312 veröffentlichte Dante Alighieri das De Monarchia, in dem er ein ideales Bild eines christlichen Weltstaats unter einem heiligen Friedenskaiser entwarf. Dante richtete seine Hoffnung auf Heinrich VII.<ref>Carl-Heinz Boettcher: Europas Weg in die Neuzeit: vom Weltstaat zur Staatenwelt. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2005, ISBN 3-86110-390-7, S. 440 f.</ref> Johannes Lichtenberger sah in dem jungen Maximilian I. (gekrönt 1508) den Friedenskaiser, der Einheit nach innen bringen und Kampf nach außen gegen die andersgläubigen Feinde Türken und Juden führen würde. Im Heiligen Römischen Reich sah er propagandistisch einen Vorläufer des ewigen Friedensreichs, des Reich Gottes auf Erden. Damit koppelte die Kaiserprophetie den habsburgischen Machtanspruch mit christlich-abendländischen Interessen. Die Gegner Habsburgs wurden zu Beförderern des Antichristen und Gegnern des göttlichen Heilsplans erklärt.<ref>Heike Talkenberger: Sintflut: Prophetie und Zeitgeschehen in Texten und Holzschnitten astrologischer Flugschriften 1488-1528. Niemeyer, Tübingen 1990, ISBN 3-484-35026-1, S. 77.</ref>
Mythische Rückkehrervorstellungen[Bearbeiten]
Später entwickelte sich auch die mythische Vorstellung, bei einem ersehnten Friedensherrscher handle es sich um einen Rückkehrer: Unter den westlichen Herrschern, deren Wiederkunft als Friedenskaiser erwartet wurden, waren Friedrich II., später sein Großvater Friedrich I. (genannt Barbarossa) und Karl der Große selbst. Bei den inhaltlich, zeitlich und lokal unterschiedlich entstandenen Sagen über die Wiederkunft der drei Herrscher schlug sich das literarisch-mythologische Motiv der Bergentrückung nieder, welches als Entrückungsmotiv vor allem im germanischen/deutschen Sprachraum zu finden ist. Bei Otto von Freising<ref>Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum. Chron. 2 17–22</ref> finden sich Anhaltspunkte, dass der Kaisername Friedrich wegen seiner Bedeutung den Glauben nährte, der letzte Kaiser erscheine in Gestalt eines der Namensträger. Im späten Mittelalter änderte sich diese Vorstellung; der Friedenskaiser würde nun nach verbreiteter Auffassung „aus dem Volk“ stammen. Hochstapler wie Dietrich Holzschuh, der elsässische Einsiedler Heinrich (beide 1285) und andere „falsche Friedriche“, die für sich reklamierten, sie seien der zurückgekehrte Kaiser, machten sich dies zu Nutze. Die Sage vom Friedenskaiser wirkt noch bis in die Zeit Kaiser Friedrichs III. (1415–1493), der selbst mit dem „Dritten Friedrich“ bzw. dem schlafenden Kaiser in Verbindung gebracht wurde, nach.<ref>Konstantin Langmaier: Kaiser Friedrich III. (1415–1493): des Reiches Erzschlafmütze? Der „schlafende Kaiser“ als Klischee. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Jahrgang 111, Graz 2020, S. 129–189.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Hannes Möhring: Der Weltkaiser der Endzeit. Entstehung, Wandel und Wirkung einer tausendjährigen Weissagung (= Mittelalter-Forschungen. Band 3). Thorbecke, Stuttgart 2000, ISBN 3-7995-4254-X (Digitalisat).
- Tilman Struve: Friedenskaiser. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 4. Artemis & Winkler, München/Zürich 1989, ISBN 3-7608-8904-2, Sp. 921–923.
- Tilman Struve: Die falschen Friedriche und die Friedenssehnsucht des Volkes im späten Mittelalter. In: Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongress der Monumenta Germaniae Historica, München, 16.–19. September 1986, Teil 1: Kongreßdaten und Festvorträge. (= MGH-Schriften. Band 33). Hahn, Hannover 1988, ISBN 3-7752-5156-1, S. 317–337.
Weblinks[Bearbeiten]
Siehe auch[Bearbeiten]
Deutscher Mythos der Idee des imperialen Friedenskaisertums
Anmerkungen[Bearbeiten]
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