Gitter (Mathematik)
Ein Gitter (engl. lattice) in der Mathematik ist eine diskrete Untergruppe des euklidischen Raums. Gitter finden innermathematisch Verwendung u. a. in der Gruppentheorie, der Zahlentheorie<ref>Vgl. Beweis des Zwei-Quadrate-Satzes mit dem Gitterpunktsatz von Minkowski.</ref>, der Geometrie und bei Approximationsfragestellungen.
Die einzelnen Elemente eines Gitters heißen Gitterpunkte oder Gittervektoren.
Gitter im euklidischen Raum[Bearbeiten]
Es seien <math>b_1, b_2, \ldots, b_m</math> linear unabhängige Vektoren des euklidischen Vektorraums <math>\mathbb{R}^n</math>. Dann nennt man
- <math>\Gamma := \langle b_1,\dots,b_m \rangle_\mathbb{Z} := \left\{\left.\textstyle\sum\limits_{i=1}^m g_i b_i \ \right|\, g_i\in\mathbb{Z}\right\}</math>
ein Gitter mit Basis <math>\{b_1, b_2, \ldots, b_m\}</math> vom Rang <math>m</math>. Die aus den Vektoren <math>b_1, \dots, b_m</math> gebildete Matrix <math>B:=(b_1,\dots,b_m)\in\mathbb{R}^{n\times m}</math> heißt Basismatrix von <math>\Gamma</math>. Die Basis ist durch das Gitter nicht festgelegt. Jede Basis von <math>\Gamma</math> hat jedoch denselben Rang <math>m</math>. Als Untergruppe der additiven Gruppe von <math>\R^n</math> ist <math>\Gamma</math> eine freie abelsche Gruppe vom Rang <math>m</math>.
- <math>\mathcal{F}_\Gamma := \left\{\left.\textstyle\sum\limits_{i=1}^m r_i b_i \ \right|\, 0\leq r_i < 1\right\}</math>
heißt Grundmasche oder Fundamentalmasche von <math>\Gamma</math>. Sie spannt im <math>\mathbb{R}^n</math> einen <math>m</math>-dimensionalen Untervektorraum
- <math>R := \left\{\left.\textstyle\sum\limits_{i=1}^m r_i b_i \ \right|\, r_i\in\mathbb{R}\right\}</math>
auf und bildet darin ein rechtsoffenes <math>m</math>-dimensionales Parallelepiped. Die Basis <math>\{b_1, b_2, \ldots, b_m\}</math> des Gitters ist eine Basis dieses Vektorraums.
Durch das Gitter <math>\Gamma</math> wird auf <math>\mathbb{R}^n</math> eine Äquivalenzrelation <math>\sim_\Gamma</math> wie folgt definiert:
- <math>x\sim_\Gamma y \quad:\Leftrightarrow \quad y-x\in\Gamma</math>.
Jedes Element von <math>R</math> ist zu genau einem Element aus der Grundmasche äquivalent. Jede Äquivalenzklasse hat also genau einen Repräsentanten in der Grundmasche.
Zu einem <math>y \in \mathbb{R}^n \setminus R</math> gibt es kein <math>x \in R</math> mit <math>y - x\in\Gamma</math>. Da sich das Interessante also nur im Unterraum <math>R</math> abspielt und dieser isomorph zu <math>\mathbb{R}^m</math> ist, betrachten die meisten Autoren nur den Fall der Gleichheit <math>m=n</math> (Gitter mit vollem Rang).
In diesem Fall kann der ganze <math>\mathbb{R}^n</math> mit Maschen der Form der Grundmasche parkettiert werden. Jedoch sind auch Formen interessant, die kein Parallelepiped sind. Man spricht dann von einer Fundamentalregion.
Ein Gitter <math>\Gamma</math> heißt ganz, falls für alle <math>x, y \in \Gamma</math> das Skalarprodukt <math> \langle x , y \rangle </math> eine ganze Zahl ist. Ist sogar <math> \langle x , x \rangle \in 2\mathbb{Z}</math> für alle <math>x \in \Gamma</math>, so nennt man das Gitter <math>\Gamma</math> gerade (gerade Gitter sind automatisch ganz). Ein ganzes Gitter <math>\Gamma</math> heißt unimodular, wenn die Gitterdiskriminante (s. u.) im Betrag 1 ist. Ein ganzes Gitter heißt Wurzelgitter, falls <math>\Gamma=\langle \{v\in \Gamma : \langle v,v \rangle =2 \} \rangle_{\mathbb{Z}}</math>. Hierbei heißt <math>\{v\in \Gamma : \langle v,v \rangle =2\}</math> die Menge der Wurzeln <math>\Gamma</math>. Für ein Gitter <math>\Gamma</math> in <math>\mathbb{R}^n</math> heißt <math>\Gamma^*=\{x\in \mathbb{R}^n : \langle x,y\rangle \in \mathbb{Z}\, \forall y\in \Gamma\}</math> das duale Gitter.
Beispiele:
- Das Gitter in der Abbildung hat die Basisvektoren <math>b_1=\left(\tfrac{2}{3},\tfrac{1}{3}\right)</math> und <math>b_2=\left(\tfrac{1}{3},-\tfrac{1}{3}\right)</math>. Es ist weder ganz noch gerade.
- Das Gitter mit Basisvektoren <math>b_1=(3,1)</math> und <math>b_2=(1,-1)</math> ist sowohl ganz als auch gerade.
- Das duale Gitter von <math>\Gamma=\mathbb{Z}^n</math> ist <math>\mathbb{Z}^n</math>.
Eigenschaften[Bearbeiten]
- Sei <math>\Gamma</math> eine Untergruppe von <math>\mathbb{R}^n</math>. Dann ist <math>\Gamma</math> genau dann ein Gitter, wenn <math>\Gamma</math> diskret und kokompakt ist.
Gitter in der komplexen Zahlenebene[Bearbeiten]
Indem man die komplexe Zahlenebene <math>\mathbb C</math> als reellen Vektorraum auffasst, kann man von Gittern in <math>\mathbb C</math> sprechen; sie sind freie abelsche Gruppen vom Rang 2. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Theorie der elliptischen Funktionen (Periodengitter) und elliptischen Kurven.
Ist allgemeiner <math>g</math> eine natürliche Zahl, so stehen Gitter im reell <math>2g</math>-dimensionalen Raum <math>\mathbb C^g</math> in Beziehung zu komplexen Tori und abelschen Varietäten.
Gitter in Lie-Gruppen[Bearbeiten]
Eine Untergruppe <math>\Gamma\subset G</math> einer topologischen Gruppe <math>G</math> heißt diskrete Untergruppe, wenn es zu jedem <math>\gamma\in\Gamma</math> eine offene Umgebung <math>U_{\gamma}\subset G</math> mit
- <math>U_{\gamma}\cap\Gamma=\left\{\gamma\right\}</math>
gibt.
Wenn <math>G</math> eine lokalkompakte Gruppe mit Haarschem Maß <math>\mu</math> ist, dann heißt eine diskrete Untergruppe <math>\Gamma\subset G</math> ein Gitter, falls der Quotient <math>G/\Gamma</math> endliches Volumen (bzgl. des Haarschen Maßes) hat.
Ein Gitter heißt uniform oder kokompakt, falls <math>G/\Gamma</math> kompakt ist.
Gitter in Lie-Gruppen spielen eine wichtige Rolle in Thurstons Geometrisierungsprogramm.
Beispiele[Bearbeiten]
- Sei <math>\Gamma</math> das zur Basismatrix <math>\begin{pmatrix}1 & \tfrac{1}{2} \\ 0 & \sqrt{2}\end{pmatrix}</math> gehörige Gitter vom Rang 2. Dann ist <math>\det\Gamma = \sqrt{2}</math>.
- Sei <math>\Gamma:=\mathbb{Z}^n\subseteq\mathbb{R}^n</math>. Dann ist die Grundmasche von <math>\Gamma</math> der <math>n</math>-dimensionale Hyperwürfel <math>\mathcal{F}_\Gamma=[0,1)^n</math>, und es gilt z. B. <math>\left(\tfrac{3}{2}, 0, \dots, 0\right)\equiv_\Gamma \left(-\tfrac{7}{2}, 1, \dots, 1\right)</math>.
- Der Ring der gaußschen Zahlen <math>\mathbb{Z}[\mathrm{i}]</math> ist ein Gitter in <math>\mathbb{C}</math>.
- Der Ring der Hurwitzquaternionen ist ein Gitter im Schiefkörper <math>\mathbb{H}</math> der Quaternionen.
- Das Leech-Gitter ist ein besonderes Gitter im <math>\R^{24}.</math>
- Das E8-Gitter ist ein unimodulares Gitter im <math>\mathbb{R}^8</math>.
Gitterdiskriminante[Bearbeiten]
Eine Kenngröße zur Klassifikation von Gittern ist die Gitterdiskriminante. Sie berechnet sich als Volumen der Grundmasche.
- <math>d(\Gamma) = \operatorname{vol}(b_1,b_2,\ldots,b_m)</math>
Bei Gittern im euklidischen Raum mit der Basismatrix <math>B</math> entspricht dies der Formel
- <math>d(\Gamma) = \sqrt{\det\left(B^TB\right)}</math>
Hat <math>B</math> vollen Rang, so lässt sich dies zu folgendem Ausdruck vereinfachen:
- <math>d(\Gamma) = \left|\det\left(B\right)\right|</math>
Als Invariante ist der Wert der Gitterdiskriminante unabhängig von der gewählten Basis.
Gitterreduktion[Bearbeiten]
Die Gitterreduktion ist das Problem, aus einer gegebenen Gitterbasis eine Basis mit gewissen Eigenschaften zu berechnen, wie zum Beispiel eine Basis mit kurzen, nahezu orthogonalen Vektoren. Der LLL-Algorithmus (nach Lenstra, Lenstra und Lovász) berechnet in polynomieller Zeit eine sogenannte LLL-reduzierte Basis, mit deren Hilfe man beweisbar kurze Gittervektoren erhält. In der Tat liegt die Länge des ersten Vektors einer LLL-reduzierten Basis nahe an der Länge des kürzesten nichttrivialen Gittervektors.
Der LLL-Algorithmus hat zahlreiche Anwendungen in der Kryptoanalyse von asymmetrischen Verschlüsselungsverfahren wie dem RSA-Kryptosystem und dem Merkle-Hellman-Kryptosystem gefunden.
Codegitter[Bearbeiten]
Aus linearen Binärcodes können Gitter konstruiert werden. Dazu wird das Standardgitter <math>\mathbb{Z}^n\subset \mathbb{R}^n</math> und der Gruppenhomomorphismus <math>\rho : \mathbb{Z}^n\to (\mathbb{Z}/2\mathbb{Z})^n=\mathbb{F}_2^n, \, (a_1,...,a_n)\mapsto (a_1 \operatorname{mod} 2, ..., a_n \operatorname{mod} 2)</math> betrachtet. Sei <math>C</math> nun ein binärer <math>[n,k,d]</math>-Code. Da <math>\mathbb{F}_2^n/C\cong \mathbb{F}_2^{n-k}</math>, ist <math>C</math> eine Untergruppe von <math>\mathbb{F}_2^n</math> vom Index <math>2^{n-k}</math>. Man nennt <math>\Gamma_C=\tfrac{1}{\sqrt{2}}\rho^{-1}(C)</math> das zu <math>C</math> gehörige Codegitter. Aus dem erweiterten Hamming-Code kann das <math>E_8</math>-Gitter konstruiert werden.
Literatur[Bearbeiten]
- Gudrun Susanne Wetzel: Lattice basis reduction algorithms and their applications. Shaker Verlag, Aachen 1998, ISBN 3-8265-4543-5.
- John Horton Conway, Neil Sloane: Sphere packings, lattices and groups. Grundlehren der mathematischen Wissenschaften 290, Springer, 3. Auflage 1999, ISBN 0-387-98585-9.
- Phong Q. Nguyen, Jacques Stern: The two faces of lattices in cryptology. In: Joseph Silverman (Hrsg.): Cryptography and lattices (Proceedings CALC 2001), Lecture Notes Computer Science 2146, Springer 2001, S. 146–180
- Daniele Micciancio, Shafrira Goldwasser: Complexity of lattice problems. A cryptographic perspective. Kluwer Academic & Springer 2002, ISBN 978-0-7923-7688-0.
- Phong Q. Nguyen, Brigitte Vallée (Hrsg.): The LLL algorithm. Survey and applications. Reihe Information Security and Cryptography, Springer 2010, ISBN 978-3-642-02294-4.
- Ebeling, W. (2012). Lattices and Codes: A Course Partially Based on Lectures by Friedrich Hirzebruch (Advanced Lectures in Mathematics) (3rd ed. 2013 Aufl.). Springer Spektrum, ISBN 978-3658003593.
Weblinks[Bearbeiten]
- Noam Elkies: Lattices, linear codes, and invariants. Part I (PDF; 156 kB) Notices AMS 47 (2000), No. 10, S. 1238–1245 Part II (PDF; 176 kB) Notices AMS 47 (2000), No. 11, S. 1382–1391
- Hendrik Lenstra: Flags and lattice basis reduction. in Carles Casacuberta et al. (Hrsg.): European Congress of Mathematics. Barcelona 2000, Vol. I. Birkhäuser 2002, ISBN 978-3-7643-6417-5, S. 37–52. Online hier (PDF; 165 kB)
- Oded Regev: Lattices in Computer Science. Tel-Aviv University, 2004
- Daniele Micciancio: Lecture Notes on lattice algorithms and applications University of California, 2007
- Hendrik Lenstra: Lattices. in Joseph P. Buhler, Peter Stevenhagen (Hrsg.): Algorithmic Number Theory. MSRI Publications Vol. 44, Cambridge University Press 2008, ISBN 978-0-521-80854-5, S. 127–181. Online hier oder dort (PDF; 368 kB)
- Daniel J. Bernstein: Bibliography on Lattice-based public-key cryptography
- Keita Xagawa: Bibliography on Lattice-based Cryptosystems
Siehe auch[Bearbeiten]
- Raumgruppe
- Spezielle Gitter werden nach Dedekind bei der Untersuchung algebraisch ganzer Zahlen verwendet. Siehe dazu Ordnung (algebraische Zahlentheorie)
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />