Gustav Stille
Gustav Wilhelm Bernhard Stille (* 21. November 1845 in Steinau, Landschaft Hadeln; † 7. Februar 1920 in Stade) war ein deutscher Mediziner und Schriftsteller, der neben Romanen und Theaterstücken in niederdeutscher Sprache bevölkerungspolitische und rassenideologische Schriften mit betont antisemitischen Tendenzen veröffentlichte.
Leben[Bearbeiten]
Am 21. November 1845 in Steinau als fünfter Sohn eines Pastors geboren, prägte das streng protestantische Elternhaus Stilles Kindheit. Er besuchte das Gymnasium Athenaeum in Stade, das er 1867 mit dem Reifezeugnis abschloss. Während seines Studiums wurde er 1867 Mitglied der Burschenschaft Germania Tübingen.<ref>Verzeichnis der Alten Herren der Deutschen Burschenschaft. Überlingen am Bodensee 1920, S. 238.</ref> Nach dem Studium der Humanmedizin an den Universitäten Tübingen und Kiel ließ Stille sich von 1872 bis 1903 als praktischer Landarzt in Ihlienworth in der Nähe seines Geburtsortes Steinau nieder. Er heiratete eine Pastorentochter, wurde Vater dreier Söhne und begann nebenbei mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit.
1879 wurde er nach Teilnahme am „Internationalen medicinischen Congress der Malthusian league“ in Amsterdam zu deren Vizepräsidenten gewählt. In seinem frühen schriftstellerischen Wirken erörterte Stille sozialpolitische Themen, darunter den Neo-Malthusianismus, das Heilmittel des Pauperismus (Berlin 1880). Erst nach der Bekanntschaft mit dem antisemitischen Publizisten Otto Glagau schrieb er mit antisemitischer Stoßrichtung zur Innen-, Außen- und Bevölkerungspolitik. Die Lösung der sozialen Frage meinte er im Kampf gegen die angebliche Verbindung von Kapitalismus und Judentum zu erkennen.
Einem großen Publikum bekannt wurde Stille mit seinem 1891 in Leipzig erschienenen Buch Der Kampf gegen das Judenthum, das bis 1912 acht Auflagen erlebte. Stille propagierte darin die Aufhebung der Judenemanzipation, Ausnahmegesetze gegen die „Fremdlinge“, den Kampf gegen „Rassenschande und Mammonsdienst“ sowie letztlich den „Kampf gegen die Judenmacht bis zu ihrer völligen Vernichtung“. Mit seiner Schrift Volkskraft und Weltpolitik forderte er 1897 die Abkehr von der traditionellen Kolonialpolitik, stattdessen Lebensraumerweiterung in Osteuropa und dessen „Germanisierung“.
1903 zog Stille nach Stade, wo er jedoch nur noch sporadisch als niedergelassener Arzt tätig wurde und sich ganz überwiegend publizistischen und politischen Aktivitäten widmete. Er gab nun das Antisemitische Jahrbuch heraus, das in Berlin erschien und für die antisemitische Deutschsoziale Partei eintrat. 1918 verlieh ihm Kaiser Wilhelm II. wegen seines Einsatzes als Arzt und für „Mäßigungsbestrebungen“ den Ehrentitel „Geheimer Sanitätsrat“. Am 7. Februar 1920 verstarb Gustav Stille in Stade an Arteriosklerose. Er wurde auf dem Horstfriedhof in Stade begraben.
In der Sowjetischen Besatzungszone wurde sein Stück Twee Feldgraue (Pockwitz, Stade 1919) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.<ref>polunbi.de</ref>
Noch 1949 wurde in Hamburg-Bergedorf eine Straße „nach dem Arzt und niederdeutschen Schriftsteller“ benannt und erst 2006 nach Recherchen des Historikers Hans-Jürgen Döscher zu den antisemitischen Schriften Stilles umbenannt.<ref>Über das Leben eines Stader Antisemiten. Historiker Döscher über Gustav Stille (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.) (PDF; 28 kB). In: Stader Tageblatt, 4. Februar 2009.</ref>
Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]
- Publizistik
- Der Abdominaltyphus im Reservelazareth Hamburg-Altona 1870. Druck von C. F. Mohr, Kiel 1872 (Digitalisat – Dissertation, Universität zu Kiel).
- Die Bevölkerungsfrage in ihrer Beziehung zu den sozialen Verhältnissen – vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet. Luckhardt, Berlin 1879 (Digitalisat).
- Der Neo-Malthusianismus, das Heilmittel des Pauperismus. Luckhardt, Berlin 1880 (Digitalisat).
- Die Bevölkerungsfrage in alter und neuer Zeit. Heuser, Berlin/Neuwied 1889 (Digitalisat – 2., unveränd. Auflage: Borggold, Leipzig 1900).
- Der Kampf gegen das Judenthum. Germanicus-Verlag, Leipzig 1891 (Digitalisat – 8. Auflage: Verlag der Deutschnationalen Buchhandlung, Hamburg 1912).
- Die deutsche Schule in Gefahr! Giese, Berlin 1899.
- Essbuch für Kopfarbeiter. 2. Auflage. Schweizer, Berlin/Leipzig 1911.
- Deutschlands Ernährung im Kriege. Diederich, Leipzig 1914 (Digitalisat).
- Die Ernährungslehre. Eine kurze Darstellung ihres gegenwärtigen Standes. Gmelin, München 1915.
- Professor Rubner und die Ernährungslehre. Dietze, Berlin-Lichterfelde 1916 (Sonderdruck aus: Natur und Gesellschaft. Band 3, Heft 11).
- Ernährungslehre und Kriegsernährung. Schweizer, Berlin 1917 (Digitalisat).
- Mikkel Hindhede: Teurungskost. M. Hindhedes „Dyrtidskost“. Holze & Pahl, Dresden 1919 (aus dem Dänischen übersetzt).
- Belletristik
- Ut’n Sietlann’. Landdokters Belewnisse. Hansen, Glückstadt 1906.
- Ut Landdokters Leben. Hansen, Glückstadt 1907.
- Marie. Schaumburg, Stade 1908.
- Nahberskinner. Hansen, Glückstadt 1910.
- Störmflot. Niederdeutsches Drama. Hansen, Glückstadt 1911.
- De Minschenfeend. Guttempler-Verlag, Hamburg 1911.
- Hadler Lüd’. Hansen, Glückstadt 1912.
- Twee Feldgraue. Biller ut den groten Krieg – ein vaterländisches Stück in 5 Aufzügen. Krause, Stade o. J. [um 1915].
- Osterworth. Quickborn-Verlag, Hamburg 1917.
- Bi Störm un Sünnschien. Vertelln ut’n Sietlann’. Lühr & Dircks, Garding 1918 (Digitalisat).
- Dörpkinner. Roman. Deutschnationale Verlagsanstalt, Hamburg 1918.
- Driew-Is. Niederdeutsches Drama. Krause, Stade 1919.
Literatur[Bearbeiten]
- Hans-Jürgen Döscher: „Kampf gegen das Judenthum“.Gustav Stille (1845–1920), Antisemit im deutschen Kaiserreich. Metropol, Berlin 2008, ISBN 978-3-938690-90-1. Eine positive Rezension von Michael Epkenhans in: FAZ, 2. Februar 2009.
- Hans Jürgen Döscher: Gustav Stille. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band 2: Personen. De Gruyter / Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-24072-0.
nationalsozialistische Rezeption:
- Werner Heinz Becker: Gustav Stille. Sein Leben, sein Wirken und sein nationalsozialistisches Streben. Starke, Görlitz 1938.
- Claus Tiedemann: Gustav Stille. Ein Beitrag zur Geschichte der niederdeutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hansa-Druckerei Stelzer, Stade 1935 (Dissertation, Universität Greifswald).
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Gustav Stille im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Gustav Stille in der Datenbank Die niederdeutsche Literatur
- Über das Leben eines Stader Antisemiten. Historiker Döscher über Gustav Stille (PDF) In: Stader Tageblatt, 4. Februar 2009.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Stille, Gustav |
| ALTERNATIVNAMEN | Stille, Gustav Wilhelm Bernhard (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Mediziner und Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 21. November 1845 |
| GEBURTSORT | Steinau (Niedersachsen) |
| STERBEDATUM | 7. Februar 1920 |
| STERBEORT | Stade |
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