Gutleuthof
Der Gutleuthof war ein im 13. Jahrhundert entstandenes Lepra-Spital und der ehemals größte landwirtschaftliche Wehrhof vor den Toren von Frankfurt am Main. Nach umfangreichen Brandschäden durch einen Großbrand im 19. Jahrhundert und einer darauffolgenden längeren Zeit des Verfalls wurden die letzten Überreste der Bauten des Hofes im Jahr 1978 abgerissen.
Geschichte[Bearbeiten]
Ein Hospital der Guten Leute (domus leprosorum) wurde in Frankfurt erstmals 1283 erwähnt, jedoch ist unklar, ob sich diese Erwähnung bereits auf den Gutleuthof bezog. Sicher gemeint ist damit ein 1302 und 1303 erwähntes Aussatzhaus extra muros Frankenvordenses, das heißt außerhalb der Mauern der Stadt gelegen. Hier wurde Leprakranken Unterkunft, Verpflegung sowie Behandlung gewährt; Lepra war im 13. Jahrhundert in Europa weit verbreitet. Die Aussätzigen galten als „Sondersieche“, die nicht im Hospital zum heiligen Geist aufgenommen werden konnten, sondern sich außerhalb der Stadt aufhalten mussten. Wie das Hospital verfügte auch das Aussatzhaus über eigenes, aus Spenden und Stiftungen wohlhabender Bürger hervorgegangenes Geld- und Grundvermögen, welches die vom Rat der Stadt ernannten Pfleger zu den Guten Leuten verwalteten. Für die Bewirtschaftung des Hofes und die Pflege der Kranken sorgten ein Meister und seine Frau, die mit den Pflegern abzurechnen hatten. Die medizinische Behandlung oblag den Stadtärzten, Seelsorge und Gottesdienst einem Stiftsgeistlichen, der die Pfründe der Gutleutkapelle innehatte. 1329 stiftete Albrecht von der Hochstadt ein Altarbild für die Kapelle, die sicher schon von Anfang an mit dem Lepraspital verbunden war. Darüber hinaus waren die Bewohner des Hofes teilweise auf Almosen angewiesen, jedoch gab es auch wohlhabende Sieche, die sich auf eigene Kosten Quartier und Verpflegung im Gutleuthof verschaffen durften.
Der Gutleuthof lag am Alten Mainzer Weg von Frankfurt nach Mainz. In seiner Nähe, auf dem Gelände des heutigen Frankfurter Westhafens befand sich die „Grindbrunnen“-Quelle,<ref>Wolfgang Klötzer, Wilfried Ehrlich: Sachsenhausen – 1885 und heute. Herausgegeben von der Frankfurter Sparkasse von 1882 (Polytechnische Gesellschaft), Frankfurt am Main 1985. Vorderes Vorsatzblatt: Plan von Sachsenhausen aus einem Ravensteinführer. 4. Auflage 1885</ref> deren schwefelhaltigem Wasser eine heilende Wirkung zugesprochen wurde. Sie wurde im 19. Jahrhundert ans Nizza-Ufer verlegt und ist dort versiegt beziehungsweise wegen Verunreinigung geschlossen worden.
Nach ihrer Niederlage in der Kronberger Fehde 1389 begann die Stadt ihre Feldmark mit der Frankfurter Landwehr zu sichern. Nach dem Bau des Galgentors 1391 verlief die Mainzer Landstraße durch das Galgenfeld. Zu seinem Schutz entstand nördlich des Gutleuthofs die Galgenwarte, zunächst als Holzbau, 1414 als steinerne Warte. Vom Hellerhof über die Galgenwarte zum Gutleuthof wurde eine Landwehr mit einfachem, ab 1414 mit doppeltem Graben errichtet. Anders als sonst in Frankfurt lag diese Landwehr nicht in der Nähe der Stadtgrenze, die eine halbe Wegstunde westlich bei Griesheim verlief, sondern weit auf Frankfurter Territorium. Hätte man die Landwehr unmittelbar an die Stadtgrenze verlegt, wäre sie etwa viermal länger geworden. Ihre Überwachung und Verteidigung wäre also wesentlich aufwendiger geworden, zumal das Gebiet westlich der Galgenwarte damals noch im Wesentlichen aus Wald bestand.<ref>Eduard Pelissier: Die Landwehren der Reichsstadt Frankfurt am Main. Topographisch-historische Untersuchung. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Band 8. Völcker, Frankfurt am Main 1905, S. 24 (Digitalisat).</ref>
Auch der Gutleuthof war in die Stadtbefestigung eingefügt und markierte ihre westlichste Ausdehnung. Er war von einer Ringmauer umschlossen, besaß eine schmale Mainpforte und je ein Haupttor auf der Frankfurter und auf der nördlichen, der Galgenwarte zugekehrten Seite.<ref name="Pehl42">Pehl: Als sie einst die Stadt schützten – Frankfurts befestigte Gutshöfe, S. 42</ref> Besonders sorgfältig versuchte man die Landwehr zum Main hin zu sichern. So liefen von der Südwest- und der Südostecke der Ringmauer zwei trockene Gräben zum Main. Auf der Innenseite des westlichen Grabens hatte man dichtstehende Bäume gepflanzt und dahinter zusätzlich einen Staketenzaun errichtet. Trotzdem konnte man bei niedrigem Wasserstand diese Schutzvorrichtung durch den Main umfahren. Um das zu verhindern, ließ der Rat 1419 die Landwehr durch Planken und Pfähle bis in den Main verlängern, um zumindest Fuhrwerke und Reiter abzuhalten.<ref>Eduard Pelissier: Die Landwehren der Reichsstadt Frankfurt am Main. Topographisch-historische Untersuchung. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Band 8. Völcker, Frankfurt am Main 1905, S. 28 (Digitalisat).</ref>
Im April 1531 wurde der Gutleuthof dem neu gegründeten städtischen Allgemeinen Almosenkasten übergeben. Der Hof und die Grundstücke wurden verpachtet. Seine Einnahmen flossen dem Almosenkasten zu, der nun das Spital finanzierte. Es diente noch bis 1619 sowie nochmals vorübergehend 1664 seinem ursprünglichen Zweck. Ansonsten war der Gutleuthof nun ein reines Wirtschaftsgut. 1614 diente der Hof vorübergehend als Gefängnis, um die Revolutionäre des Fettmilch-Aufstands um Vincenz Fettmilch festzusetzen.<ref>Pehl: Als sie einst die Stadt schützten – Frankfurts befestigte Gutshöfe, S. 41 f.</ref>
Die Kapelle des Hofes war 1520 mit Hilfe der Spende eines Frankfurter Hutmachers hergerichtet worden. Sie erhielt 1532 einen protestantischen Prediger. Nach der Schließung des Spitals diente die Kapelle den Protestanten der Dörfer Griesheim und Niederrad, Ende des 18. Jahrhunderts rund 670 Personen. Auf dem Kirchhof wurden neben Gemeindeangehörigen auch Selbstmörder und Hingerichtete bestattet.<ref>Rudolf Jung, Julius Hülsen: Die Baudenkmäler in Frankfurt am Main. Band 3. Privatbauten. Architekten- und Ingenieur-Verein/Völcker, Frankfurt am Maini 1914, S. 327, doi:10.11588/diglit.25633.</ref> Goethe beschrieb den Hof in Dichtung und Wahrheit und berichtete über Feste auf den Weiden, die „mit mancherlei Lust und Ungezogenheit“ gefeiert wurden.
Im Jahr 1801 vernichtete ein Feuer fast den ganzen Hof; Scheune, Branntwein-Brennerei und das Herrenhaus bis auf den ersten Stock wurden zerstört.<ref name="Pehl42" /> Der Gottesdienst in der baufälligen Kapelle wurde eingestellt und diese 1828 abgerissen. In der Folgezeit hatte das Gebäude wechselnde Besitzer. 1870 löste die Waisenhausstiftung die Erbpacht des Allgemeinen Almosenkastens für 70.000 Gulden ab, verkaufte den Hof aber bereits drei Jahre später für 2.150.000 Goldmark an die Hessische Ludwigsbahn weiter.<ref>Hans-Otto Schembs (Hrsg.): Der Allgemeine Almosenkasten in Frankfurt am Main 1531–1981. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt 1981, ISBN 3-7829-0243-2, S. 136.</ref>
Im Jahr 1940 erwarb die Getränkefirma Jöst den Hof, legte dort 1952 einen „Frankfurter Weinberg“ an, gab den Hof aber im Jahre 1971 mit ihrem Konkurs auf.<ref>Pehl: Als sie einst die Stadt schützten – Frankfurts befestigte Gutshöfe, S. 43</ref> Der Hof wurde daraufhin von einem Tochterunternehmen der Neuen Heimat ersteigert, blieb jedoch ungenutzt. 1978 wurde der verfallene Gutleuthof trotz der Proteste des Ortsbeirates abgerissen. Ein Jahr später kaufte die Stadt Frankfurt das Gelände, um die Werner-von-Siemens-Berufsschule zu bauen.
Der Gutleuthof gab dem Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Stadtteil Gutleutviertel seinen Namen. Außerdem erinnern die Straßen Gutleuthofweg und Gutleutstraße an den einst größten landwirtschaftlichen Hof Frankfurts.
Literatur[Bearbeiten]
- Helmut Bode: Frankfurter Sagenschatz. Sagen und sagenhafte Geschichten nach den Quellen und älteren Sammlungen sowie der Lersner’schen Chronik neu erzählt von Helmut Bode. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt a. M., zweite Auflage 1986, S. 158–161 ISBN 3-7829-0209-2.
- Rudolf Jung, Julius Hülsen: Die Baudenkmäler in Frankfurt am Main. Band 3. Privatbauten. Architekten- und Ingenieur-Verein/Völcker, Frankfurt am Maini 1914, S. 326–335, doi:10.11588/diglit.25633.
- Siegfried Nassauer: Burgen und befestigte Gutshöfe um Frankfurt a. M. Frankfurt am Main, 1919
- Ursula Neeb: Die Siechenmagd. 1. Auflage. Societäts-Verlag, 2006, ISBN 978-3-7973-0991-4 (Romanhafte Beschreibung des Lebens auf dem Gutleuthof und in Frankfurt im Jahre 1506).
- Hans Pehl: Als sie einst die Stadt schützten – Frankfurts befestigte Gutshöfe. Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1978. ISBN 3-7820-0411-6.
- Eduard Pelissier: Die Landwehren der Reichsstadt Frankfurt am Main. Topographisch-historische Untersuchung. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Band 8. Völcker, Frankfurt am Main 1905 (Digitalisat).
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Koordinaten: 50° 5′ 49,6″ N, 8° 38′ 52″ O
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Frankfurter Stadtbefestigung: Affentor | Allerheiligentor | Anlagenring | Bockenheimer Tor | Eschenheimer Tor | Fahrtor | Friedberger Tor | Fronhofturm | Galgentor | Kuhhirtenturm | Mönchsturm | Rententurm | Salmensteinsches Haus | Staufenmauer | Ulrichstein | Wallanlagen | Wallservitut • Frankfurter Landwehr: Bockenheimer Warte | Friedberger Warte | Galluswarte | Gutleuthof | Kühhornshof | Riederhöfe | Sachsenhäuser Warte
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- Abgegangenes Bauwerk in Frankfurt am Main
- Frankfurter Stadtbefestigung
- Frankfurt am Main im Mittelalter
- Erbaut im 13. Jahrhundert
- Bauwerk in Frankfurt-Gutleutviertel
- Zerstört in den 1970er Jahren
- Gutshof in Hessen
- Gesundheitswesen (Frankfurt am Main)
- Ehemaliges Unternehmen (Frankfurt am Main)