Heyting-Algebra
In der Mathematik sind Heyting-Algebren spezielle partielle Ordnungen; gleichzeitig ist der Begriff der Heyting-Algebra eine Verallgemeinerung des Begriffs der Booleschen Algebra. Heyting-Algebren entstehen als Modelle intuitionistischer Logik, einer Logik, in der der Satz vom ausgeschlossenen Dritten im Allgemeinen nicht gilt. Vollständige Heyting-Algebren sind ein zentraler Gegenstand der punktfreien Topologie.
Die Heyting-Algebra ist nach Arend Heyting benannt.
Formale Definition[Bearbeiten]
Eine Heyting-Algebra <math>H</math> ist ein beschränkter Verband mit der Eigenschaft, dass es für alle <math>a</math> und <math>b</math> in <math>H</math> ein größtes Element <math>x</math> in <math>H</math> gibt mit
- <math> a \wedge x \le b.</math>
Dieses Element wird das relative Pseudokomplement von <math>a</math> bezüglich <math>b</math> genannt und <math>a \rightarrow b</math> geschrieben.
Eine äquivalente Definition kann mittels folgender Abbildungen gegeben werden:
<math>f_a\colon H \rightarrow H</math> definiert als <math>f_a(x) = a\wedge x,</math>
für festes <math>a</math> in <math>H</math>. Ein beschränkter Verband <math>H</math> ist eine Heyting-Algebra genau dann, wenn alle Abbildungen <math>f_a</math> Linksadjungierte einer Galoisverbindung sind. In diesem Fall ist der jeweilige Rechtsadjungierte <math>g_a</math> gegeben durch <math>g_a(x) = (a \rightarrow x)</math>, wobei <math>\rightarrow</math> wie oben definiert wird.
Eine vollständige Heyting-Algebra ist eine Heyting-Algebra, die ein vollständiger Verband ist.
In jeder Heyting-Algebra kann man das Pseudokomplement <math>\lnot x</math> eines Elements <math>x</math> definieren durch <math>\lnot x = (x \rightarrow \bot)</math>, wobei <math>\bot</math> das kleinste Element der Heyting-Algebra ist. Es gilt <math>a\wedge \lnot a = \bot</math>, und zudem ist <math>\lnot a</math> das größte Element mit dieser Eigenschaft. Jedoch gilt im Allgemeinen nicht <math>a\vee\lnot a = \top</math>, so dass <math>\lnot</math> nur ein Pseudokomplement und kein echtes Komplement ist.
Beispiele[Bearbeiten]
- Jede totale Ordnung, die ein beschränkter Verband ist, ist auch eine Heyting-Algebra mit <math>(a \to b) = \begin{cases}\top & a\leq b\\b & \text{sonst.}\end{cases}</math>
- Jede Boolesche Algebra ist eine Heyting-Algebra, mit <math>a \to b</math> definiert als <math>\lnot a \lor b</math>.
- Jeder vollständige Verband <math>A</math>, in dem für alle <math>x \in A, Y \subseteq A</math> gilt <math>x \land \bigvee Y \le \bigvee \{x \land y \mid y \in Y\}</math> ist bereits eine vollständige Heyting-Algebra mit <math>(a \to b) = \bigvee\{x \in A \mid a \land x \le b\}</math>. Endliche, beschränkte, distributive Verbände gehören in diese Klasse.
- Die einfachste Heyting-Algebra, die nicht schon eine Boolesche Algebra ist, ist die linear geordnete Menge mit dem Hassediagramm
- <math>\begin{array}{ccccc}
\top \\ \mid \\ M \\ \mid \\ \bot \end{array}</math>
- Man sieht, dass <math>M \lor\neg M = M \lor \bot = M</math> den Satz vom ausgeschlossenen Dritten verletzt.
- Der Verband der offenen Mengen eines topologischen Raums ist eine vollständige Heyting-Algebra. In diesem Fall ist <math>A \rightarrow B</math> die Vereinigung aller offenen Mengen <math>F</math>, die <math>F \cap A \subseteq B</math> erfüllen. Unter Verwendung klassischer Logik lässt sich zeigen, dass dies das Innere der Vereinigung von <math>A_c</math> und <math>B</math> ist, wobei <math>A_c</math> das Komplement der offenen Menge <math>A</math> bezeichnet. Nicht alle vollständigen Heyting-Algebren sind auf diese Weise erzeugbar. Damit zusammenhängende Fragen werden in der punktfreien Topologie untersucht, in der vollständige Heyting-Algebren auch Frames oder Locales genannt werden.
- Die Lindenbaum-Algebra der intuitionistischen Aussagenlogik ist eine Heyting-Algebra. Sie ist definiert als die Menge aller aussagenlogischen Formeln, geordnet durch die logische Folgerungsrelation: für zwei Formeln <math>F</math> und <math>G</math> sei <math>F \le G</math> genau dann, wenn <math>F \models G</math>. Dabei ist <math>\le</math> allerdings nur eine Quasiordnung, die eine partielle Ordnung induziert, welche dann die gewünschte Heyting-Algebra ist.
- Die globalen Elemente des Unterobjekt-Klassifikators <math>\Omega</math> eines Elementartopos bilden eine Heyting-Algebra; es ist die Heyting-Algebra der Wahrheitswerte der von dem Topos induzierten intuitionistischen Logik höherer Stufe.
- Die Heytingalgebra mit dem Hassediagramm
- <math>\begin{array}{ccccc}
&&\top \\ &&\mid \\ &&M\\ &\diagup&&\diagdown \\ L&&&&R \\ &\diagdown&&\diagup \\ && \bot \end{array}</math>
- ist ein minimales Beispiel mit Elementen <math>x</math>, für die <math>\lnot\lnot x \leq x</math> gilt, aber nicht <math>\top \leq x \lor \lnot x</math> (nämlich: L und R), wie auch ein minimales Beispiel mit Elementen <math>p,q,r</math>, für die <math>p \to q \lor r \leq (p \to q) \lor (p \to r)</math> nicht gilt (nämlich:<math>(p,q,r) = (M,L,R)</math>).
- Für eine natürlich Zahl <math>n \ne 0</math> ist der Teilerverband von <math>n</math> endlich, distributiv und beschränkt, und somit eine vollständige Heytingalgebra. Diese ist eine Boolesche Algebra gdw. <math>n</math> quadratfrei ist.
- <math>\mathbb N</math> mit Teilerrelation als Ordnungsrelation ist zwar ein vollständiger Verband (größtes Element ist 0, kleinstes Element ist 1, <math>\bigvee M = \mathrm{kgV}(M)</math>, bei unendlichen <math>M</math> ist das 0), jedoch keine vollständige Heytingalgebra, und somit auch keine Heytingalgebra, da die Distributivität von <math>\land</math> über <math>\bigvee</math> nicht gilt: <math>2 \land \bigvee \{3,5,7,9,\dots\} = 2 \land 0 = 2</math>, während <math>\bigvee \{2 \land 3, 2 \land 5, 2 \land 7, 2 \land 9, \dots\} = \bigvee \{1\} = 1.</math>
Eigenschaften[Bearbeiten]
Heyting-Algebren sind stets distributiv, d. h.
- <math>x \land (y \lor z) = (x\land y) \lor (x\land z)</math> und
- <math>x \lor (y \land z) = (x\lor y) \land (x \lor z)</math>.
Die Distributivität wird manchmal als Axiom postuliert, aber sie folgt schon aus der Existenz relativer Pseudokomplemente. Der Grund für das Gelten von 1) ist, dass <math>x \wedge -</math> als unterer Adjungierter einer Galois-Verbindung alle existierenden Suprema bewahrt. 1) ist aber nichts anderes als die Bewahrung binärer Suprema durch <math>x \wedge -</math>.
Mit einem ähnlichen Argument lässt sich folgendes infinitäres Distributivgesetz in vollständigen Heyting-Algebren zeigen:
- <math>x\wedge\bigvee Y = \bigvee \{\, x \wedge y \mid y \in Y \,\}</math>
für alle <math>x</math> aus <math>H</math> und Teilmengen <math>Y</math> von <math>H</math>.
Ein Verband <math>A</math> mit einer binären Operation <math>\rightarrow</math> ist eine Heyting-Algebra genau dann, wenn:
- <math>(a\rightarrow a) = \top</math>,
- <math>a\wedge(a\rightarrow b) = a\wedge b</math>,
- <math>b\wedge(a\rightarrow b) = b</math>,
- <math>a\rightarrow (b\wedge c) = (a\rightarrow b)\wedge (a\rightarrow c)</math>.
Nicht jede Heyting-Algebra erfüllt die beiden De Morganschen Gesetze. Allerdings sind folgende Aussagen über eine beliebige Heyting-Algebra <math>H</math> äquivalent:
- <math>H</math> erfüllt beide De Morganschen Gesetze.
- <math>\lnot(x \wedge y)=\lnot x \vee \lnot y</math>, für alle <math>x,y\in H</math>.
- <math>\lnot x \vee \lnot\lnot x = \top</math>, für alle <math>x\in H</math>.
- <math>\lnot\lnot (x \vee y) = \lnot\lnot x \vee \lnot\lnot y</math>, für alle <math>x, y\in H</math>.
Das Pseudokomplement eines Elements <math>x</math> aus <math>H</math> ist das Supremum der Menge <math>\{\, y \mid y \wedge x = \bot \,\}</math>, und es gehört zu dieser Menge (d. h. es gilt <math>x \wedge \lnot x = \bot</math>).
Ein Element <math>x</math> einer Heyting-Algebra <math>H</math> heißt regulär, wenn eine der folgenden äquivalenten Bedingungen gilt:
- <math>x=\lnot\lnot x</math>.
- <math>x=\lnot y</math> für ein <math>y</math> aus <math>H</math>.
Eine Heyting-Algebra <math>H</math> ist eine Boolesche Algebra genau dann, wenn eine der folgenden äquivalenten Bedingungen gilt:
- Jedes <math>x</math> aus <math>H</math> ist regulär.<ref name="Rutherford">Edward M. Patterson, Daniel E. Rutherford: Elementary Abstract Algebra. Oliver & Boyd, Edinburgh u. a. 1965, S. 78.</ref>
- <math>x\vee\lnot x=\top</math> für alle <math>x</math> aus <math>H</math>.<ref name="Rutherford" />
In diesem Fall ist das Element <math>a \rightarrow b</math> gleich <math>\lnot a \vee b</math>.
In jeder Heyting-Algebra sind das kleinste und das größte Element, $\bot$ und $\top$, regulär.
Die regulären Elemente einer Heyting-Algebra bilden eine Boolesche Algebra. Wenn nicht alle Elemente der Heyting-Algebra regulär sind, ist diese Boolesche Algebra kein Unterverband der Heyting-Algebra, weil die Supremums-Operationen verschieden sind.
Ist <math>H</math> eine Heyting-Algebra, so kann es sein, dass der dazu duale Verband <math>H^{\text{op}}</math> ebenfalls eine Heyting-Algebra ist. Falls das so ist, kann man zu einem Element <math>a\in H</math> in <math>H^{\text{op}}</math> das Pseudokomplement bilden und dieses als Element <math>\bar a</math> von <math>H</math> auffassen. Es gilt dann immer <math>\lnot a \leq \bar a</math>. In der anderen Richtung gilt die Ungleichung im Allgemeinen nicht: <math>\bar a \leq \lnot a</math> ist äquivalent zu <math>a \lor \lnot a = \top</math> und zu <math>a \land \bar a = \bot</math>.
Im Unterschied zu manchen mehrwertigen Logiken teilen Heyting-Algebren mit Booleschen Algebren die folgende Eigenschaft: Wenn die Negation einen Fixpunkt hat (also <math>\lnot a = a</math> für ein <math>a</math>), dann ist die Heyting-Algebra trivial: Sie besteht nur aus einem Element.
Bedeutung für intuitionistische Logik[Bearbeiten]
Arend Heytings Motivation, diesen Begriff einzuführen, war die Klärung der Bedeutung von intuitionistischer Logik für die Grundlagen der Mathematik. Das Peircesche Gesetz <math>((P\rightarrow Q)\rightarrow P)\rightarrow P</math> illustriert die Rolle, die Heyting-Algebren für die Semantik intuitionistischer Logik spielen. Das Peircesche Gesetz ist in klassischer Logik gültig, nicht aber in intuitionistischer Logik.
Eine Heyting-Algebra ist vom logischen Standpunkt aus gesehen eine Verallgemeinerung der üblichen Menge von Wahrheitswerten. Unter anderen entspricht dem größten Element <math>\top</math> einer Heyting-Algebra der Wahrheitswert wahr; das kleinste Element <math>\bot</math> entspricht falsch. Die übliche zweiwertige Logik ist das einfachste Beispiel einer Heyting-Algebra – sie besteht nur aus diesen beiden Elementen. Abstrakt gesagt ist die zwei-elementige Boolesche Algebra auch (wie jede Boolesche Algebra) eine Heyting-Algebra.
Klassisch gültige Formeln sind solche, die unter jeden möglichen Belegung der aussagenlogischen Variablen in der zweiwertigen Booleschen Algebra den Wert <math>\top</math> (wahr) ergeben, d. h. die üblichen aussagenlogischen Tautologien. (Äquivalent dazu können auch alle Belegungen in allen Booleschen Algebren betrachtet werden.) Intuitionistisch gültige Formeln sind hingegen solche, die für alle Heyting-Algebren und alle Belegungen den Wert <math>\top</math> ergeben. In der oben angegebenen dreielementigen Heyting-Algebra ist der Wert von Peirces Gesetz nicht immer <math>\top</math>: wenn man <math>P</math> mit <math>M</math> und <math>Q</math> mit <math>\bot</math> belegt, dann ist der Wert <math>((P\rightarrow Q)\rightarrow P)\rightarrow P</math> nicht <math>\top</math>, sondern nur <math>M</math>. Nach oben Gesagtem bedeutet das, dass das Peircesche Gesetz intuitionistisch nicht gültig ist – klassisch ist es aber schon gültig.
Literatur[Bearbeiten]
- Marcello Bonsangue, Bart Jacobs, Joost N. Kok: Duality Beyond Sober Spaces. Topological Spaces and Observation Frames (= Faculteit der Wiskunde en Informatica. Informatica Rapport. IR-350, ZDB-ID 777097-2). Vrije Universiteit – Faculteit der Wiskunde en Informatica, Amsterdam 1994.
- Francis Borceux: Handbook of Categorical Algebra. Band 3: Categories of Sheaves (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications. 52). Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1994, ISBN 0-521-44180-3.
- Gerhard Gierz, Karl H. Hofmann, Klaus Keimel, Jimmie D. Lawson, Michael W. Mislove, Dana S. Scott: Continuous Lattices and Domains (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications. 93). Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2003, ISBN 0-521-80338-1.
- Peter T. Johnstone: Stone Spaces. (= Cambridge Studies in Advanced Mathematics. 3). Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1986, ISBN 0-521-33779-8.
- Daniel E. Rutherford: Introduction to Lattice Theory. Oliver and Boyd, Edinburgh u. a. 1965.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />