Horst Bingel
Horst Bingel (* 6. Oktober 1933 in Korbach; † 14. April 2008 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Schriftsteller, Lyriker, Grafiker und Herausgeber.
Leben[Bearbeiten]
Bingel verbrachte seine Kindheit in Thüringen und im Ruhrgebiet. 1947 zog er nach Hessen. Nach dem Besuch der Hohen Landesschule in Hanau<ref>Horst Bingel: Horst Bingel. In: Barbara Bingel: Wir waren Schüler der Hohen Landesschule. Was sie sind, was sie erinnern. Hanau 1989, ISBN 3-7684-0915-5, S. 49–55.</ref> und einer Buchhändlerlehre (1948) studierte er von 1954 bis 1956 Malerei und Bildhauerei an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau.<ref>Horst Bingel – vom Buchhändler zum Schriftsteller (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive), Nachruf auf hr-online.</ref>
Von 1956 bis 1957 war er Redakteur des Deutschen Büchermarktes und dann von 1957 bis 1969 Redakteur und später auch Herausgeber der Streit-Zeit-Schrift.<ref>Veröffentlicht wurden die insgesamt 16 Hefte der Streit-Zeit-Schrift ab 1956 von der Eremitenpresse, 1960–1964 von der Europäischen Verlagsanstalt für die Emeriten-Presse, 1966 ff. vom Scherz Verlag und 1968 ff. vom Heinrich-Heine Verlag, bei dem Horst Bingel gleichzeitig auch wenigstens fünf Bände Streit-Zeit-Bücher und zwei Streit-Zeit-Bilder Bücher herausgab.</ref>
1965 gründete er das Frankfurter Forum für Literatur, „um […] einer breiteren Schicht von Lesern Zugang [zur Literatur] zu ermöglichen.“<ref>Horst Bingel (1933–2008) – Schriftsteller: Frankfurter Forum für Literatur auf www.horstbingel.de.</ref> Im Zuge dessen wurde er in Frankfurt am Main eine prominente Erscheinung: „Horst Bingel kannte damals jeder, weil er in der Straßenbahn Gedichte vorlas.“<ref>So Karl Heinz Bohrer in: Jürgen Kaube: Die Ungeheuerlichkeit des täglichen Erlebens. Karl Heinz Bohrer über seine intellektuelle Biographie. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. März 2017, Nr. 57, S. 9/11, hier S. 9.</ref> – Der Film Die Koffer des Felix Lumpach wurde nach Texten von Horst Bingel von dem Regisseur Gerd Winkler gedreht und am 13. Oktober 1966 in Berlin mit dem Hauptdarsteller Hanns Dieter Hüsch uraufgeführt.
Bingel gab mehrere Lyrik- und Prosaanthologien heraus. Er war an der Organisation und Veranstaltung zahlreicher internationaler Autorentreffen beteiligt und Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland. Für den Verband deutscher Schriftsteller (VS) – heute in ver.di – leitete er 1974 in Frankfurt am Main den VS-Kongress Phantasie und Verantwortung und wurde im selben Jahr zum Bundesvorsitzenden gewählt. 1976 trat Horst Bingel nach heftigen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Dieter Lattmann und Martin Gregor-Dellin ihre Vorstandsämter aufgaben, zurück.<ref>Uwe Wittstock: Schriftsteller Horst Bingel gestorben. In: Die Welt vom 16. April 2008.</ref> Außerdem war er von 1971 bis 1974 und nach der Aufgabe des Bundesvorsitzes von 1977 bis 1978 Vorsitzender des VS-Landesverbands Hessen. Im Juni 1977 nahm er in Hamburg am Lyrikfestival teil.
Von 1983 bis 1985 wurde er zum Stadtschreiber in Offenbach am Main berufen.
Ab 1954 lebte er als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. Dort starb Horst Bingel am 14. April 2008.
Horst Bingel war seit 1985 mit Barbara Bingel (* 1953) verheiratet. Die Witwe hat 2009 die Horst Bingel-Stiftung für Literatur e.V. errichtet<ref>Homepage der Stiftung. Abgerufen am 28. Juli 2026.</ref>, die seit 2010 die Hochstädter Lyriknacht veranstaltet und seit 2014 den Horst Bingel-Preis für Literatur vergibt. Der Nachlass soll dem Universitätsarchiv Frankfurt am Main übergeben werden.<ref>Florian Balke: Barbara Bingel: Lyriknacht und Horst-Bingel-Preis in Frankfurt. In: FAZ.net. 23. Juli 2026, abgerufen am 24. Juli 2026.</ref>
Wirken[Bearbeiten]
Horst Bingel verfasste zumeist knappe, saloppe und überraschende Gedichte und Geschichten, die von Witz, Ironie, Pointe und Skurrilität und Vertracktheit geprägt sind. Themen waren die Stadt, die Liebe, die Natur, die Politik, die Gesellschaft und der Tod.
Seine politische Lyrik ähnelte Liedern, die das Groteske und Paradoxe unverschleiert ausdrücken. Der Schriftsteller Karl Krolow bezeichnete seine Gedichte als „auf den Augenblick und für den Augenblick geschrieben“,<ref>Karl Krolow: Nachwort zu: Lied für Zement (siehe Werke).</ref> trotzdem bleibe sein Werk aktuell.
Seine lakonischen Ausführungen waren Kürzel mit der Aufgabe, gegen konventionelle Denkschemata zu rebellieren und das Lesepublikum damit zu desillusionieren.
Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]
- 1983: Bundesverdienstkreuz am Bande
- 1984: Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen für sein Lebenswerk
- 2001: Lyrikpreis der Weltbilder Kosmopolitania der Brücke in Saarbrücken
Werke (Auswahl)[Bearbeiten]
Gedichte
- Kleiner Napoleon. Eremitenpresse, Stierstadt im Taunus, 1956.
- Auf der Ankerwinde zu Gast. Eremitenpresse, Stierstadt, 1960.
- Wir suchen Hitler. Scherz, München, 1965.
- Lied für Zement. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-06787-7.
- Den Schnee besteuern. Orte-Verlag, Oberegg, 2009, ISBN 978-3-85830-156-7.
- Stafettenlauf, mit Holzschnitten von Johannes Vennekamp, Nachwort von Guntram Vesper, Corvinus Presse 2011
Erzählungen
- Die Koffer des Felix Lumpach. Insel, Frankfurt am Main 1962.
- Herr Sylvester wohnt unter dem Dach. Deutscher Taschenbuchverlag, München, 1967 (dtv 445).
als Herausgeber
- Zeitgedichte: Deutsche politische Lyrik seit 1945. Piper, München, 1963.
- Literarische Messe 1968: Handpressen, Flugblätter, Zeitschriften der Avantgarde. Metopen Verlag, Frankfurt am Main 1968. Bibliographie, Katalog.
- als Redakteur, danach als Hrsg.: Streit Zeit Schrift, 1956–1969, verschiedene Verlage u. Orte.
- (als Redakteur, Hrsg. v. V. O. Stomps): Bd. 5, Nr. 1, Gottfried Benn heute. Europäische Verlagsanstalt für die Emeriten-Presse, Frankfurt am Main 1964.
- Bd. 6, Nr. 2, Ernst Jünger: Fakten. Heinrich-Heine Verlag, Frankfurt am Main 1968.
- Bd. 7, Nr. 1, Pornografie: Dokumente, Analysen, Fotos, Comics. Heinrich-Heine Verlag, Frankfurt am Main 1969. Das war das letzte Heft der Zeitschrift.
- Phantasie und Verantwortung (Dokumentation, 3. Schriftstellerkongress d. VS i. d. IG Druck u. Papier). Fischer, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-436-02163-6.
Beiträge
- Mitarbeit an tandem: Ein Buch. Pawel-Pan-Presse, Dreieichenhain, 1975 (Grafiken).
Literatur[Bearbeiten]
- Aufs Rad geflochten. Sonderheft Horst Bingel der Literaturzeitschrift orte. orte-Verlag, Zelg-Wolfhalden/Schweiz, August 2000, ISSN 1016-7803
- Bingel, Horst (Ps. Hobi). In: Deutsches Literaturlexikon. 20. Jahrhundert. Biographisches–bibliographisches Handbuch. Band 2., Hrsg. von Konrad Feilchenfeldt. K. G. Saur, Bern / München 2001, ISBN 3908255023, Sp. 657 f.
Film[Bearbeiten]
- 1972: Horst Bingel. Eine Produktion des Saarländischen Rundfunks/Fernsehen (14 Minuten). Buch und Regie: Klaus Peter Dencker
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Horst Bingel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- http://www.autorenhessen.de/autoren/bingel
- https://www.horstbingel.de/
Anmerkungen[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Bingel, Horst |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Schriftsteller, Lyriker und Grafiker |
| GEBURTSDATUM | 6. Oktober 1933 |
| GEBURTSORT | Korbach |
| STERBEDATUM | 14. April 2008 |
| STERBEORT | Frankfurt am Main |
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