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Illusio

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Illusio (von lat.: ludus = das Spiel) ist in der Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu der Begriff für den unhinterfragten Glauben an den Wert eines sozialen Spiels und den Wert der Spieleinsätze. Mit Spiel sind dabei die sozialen Aktivitäten innerhalb von Feldern gemeint.

Bedeutung[Bearbeiten]

Begrifflicher Vorläufer von illusio ist Interesse.

„Eigentlich sollte das Wort Interesse in einem ersten Sinne genau das bedeuten, was ich unter diesem Begriff der illusio gefasst habe, also die Tatsache, daß man einem sozialen Spiel zugesteht, daß es wichtig ist, daß, was in ihm geschieht, denen wichtig ist, die in ihm engagiert sind und mit von der Partie sind.“

Laut Marietta Bönning im Bourdieu-Handbuch eigne sich der Terminus Interesse zwar um interessenspezifische Feldunterschiede deutlich zu machen, habe aber den Nachteil mit utilaristischem Denken in Verbindung gebracht zu werden.<ref>Marietta Bönning: Illusio (illusio). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 129–131, hier S. 130.</ref> Der Terminus illusio wurde von Bourdieu unter Bezugnahme auf Begriffsverwendungen im Werk Homo ludens von Johan Huizinga.<ref>Johan Huizinga: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Rowohlt (Rowohlts deutsche Enzyklopädie, Band 21), Hamburg 1956.</ref><ref name="PV" details="S. 140." /> entwickelt.

Illusio wird von Eva Barlösius mit „Wirklichkeitsillusion“ übersetzt. Jedes soziale Feld, ob das wissenschaftliche, das künstlerische, das bürokratische oder das politische, erzeuge eine illusio über das eigene Feld, die von denen, die darin verweilen, geteilt wird.<ref name="Bar" details="S. 100.">Eva Barlösius: Pierre Bourdieu. 2. Auflage, Campus, Frankfurt am Main / New York 2011, ISBN 978-3-593-39532-6, darin Das Feld als Spielfeld, S. 99–104.</ref>

Barlösius skizziert beispielhaft die illusio dreier Felder:

  • Das Feld der Bildung gründe auf der illusio, dass es allen gleiche Bildungschancen eröffnet und die von ihm vergebenen Zertifikate und Titel die Zugangschancen zu den anderen Feldern normieren und entsprechende Erwerbschancen garantieren. Eine Analyse des Feldes der Bildung zeige jedoch, dass dort Bildungsfähigkeiten vorausgesetzt und prämiert werden, die familial ungleich verteilt sind, dass die schulischen Zertifikate nicht immer den Wert beseitzen, den sie versprechen, und dass die individuellen Erwerbschancen nicht einzig – oftmals nicht einmal vorwiegend – von schulischen Zeugnissen abhängen.<ref name="Bar" details="S. 100." />
  • Das wissenschaftliche Feld basiere auf der illusio vom interessenlosen Interesse. Damit sei von Bourdieu gemeint, dass in der Wissenschaft die Täuschung aufgebaut und an den wissenschaftlichen Nachwuchs weitergegeben wird, dass die Positionen im Feld „einzig nach wissenschaftlicher Leistung, nach bedingungsloser, nicht auf eigene Vorteile schielender Hingabe an die wissenschaftliche Erkenntnis“ zugeteilt werden. Kaschiert werde dagegen, dass, wie in jedem anderen Feld, Macht- und Positionskämpfe über den beruflichen Erfolg mitentscheiden.<ref name="Bar" details="S. 100 f." />
  • Im künstlerischen Feld herrsche die illusio, dass nur ästhetische Kriterien über Erfolg und Anerkennung des Künstlers entscheiden. Der Einfluss von Rezeptionszirkeln, einflussreichen Verlagen und Marketing werde heruntergespielt.<ref name="Bar" details="S. 101." />

Die illusio bewirke, dass die sozialen Kämpfe in den Feldern meist unerkannt bleiben. Sie diene scheinbar nur der Durschsetzung feldspezifischer Sichtweisen. Auf diese Weise vollziehe sich die soziale Strukturierung des Feldes quasi „hinter dem Rücken der Akteure, weil sie von der Wirklichkeitsillusion übertüncht wird“.<ref name="Bar" details="S. 101." />

„Die illusio, diese umstandslose Willfährigkeit gegenüber den Geboten eines Feldes, hat um so weniger Aussichten, ins Bewußtsein zu dringen, als sie in gewisser Weise vor jeder Diskussion sicher ist: Als fundamentaler Glaube an den Wert der Diskussionsgegenstände und an die ihrem Diskutieren selbst immanenten Voraussetzungen ist sie die undiskutierbare Bedingung jeder Diskussion. Um Argumente diskutieren zu wollen, muß man glauben, daß sie dies verdienen, und vor allem, daß die Diskussion es verdient, geführt zu werden.“

– Die Seite Vorlage:Person/styles.css hat keinen Inhalt.Pierre Bourdieu<ref>Pierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Übersetzt von Achim Russer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-58307-7, S. 129.</ref>

Literatur[Bearbeiten]

  • Pierre Bourdieu: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, übersetzt von Hella Beister, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 978-3-518-11985-3.
  • Pierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Übersetzt von Achim Russer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-58307-7.
  • Marietta Bönning: Illusio (illusio). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 129–131.
  • Eva Barlösius: Pierre Bourdieu. 2. Auflage, Campus, Frankfurt am Main/New York 2011, ISBN 978-3-593-39532-6, darin Das Feld als Spielfeld, S. 99–104.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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