Indianerkommune
Die Indianerkommune war eine antipädagogisch ausgerichtete Kommune, in der pädophile Erwachsene mit Kindern (zumeist Straßenkindern) zusammenlebten. Sie wurde 1975 in Heidelberg gegründet und war ab 1977 in Nürnberg ansässig; Nachfolgeorganisationen existierten noch 2013. Die Ideen der Indianerkommune waren getragen von einem großen Teil der damaligen radikalen Linken<ref name="taz_5143954">Nina Apin: Pädo-Aktivisten im linken Mileu: Kuscheln mit den Indianern. taz, 22. April 2010, Zugriff am 22. Juli 2019.</ref> und beeinflussten zeitweise die kinder- und jugendpolitische Programmatik der Partei Die Grünen.
Name[Bearbeiten]
Die Mitglieder der Kommune bezeichneten sich selbst als „Indianer“ nach den bedrohten Urvölkern und begriffen sich als von der Mehrheitsgesellschaft bedrohter „Stamm“. Entsprechend bunt bemalt und lautstark vertraten sie in der Öffentlichkeit ihre Forderungen.<ref name="taz_5143954"/>
Forderungen[Bearbeiten]
Die Indianerkommune war antipädagogisch orientiert und forderte faktisch die vollständige Abschaffung der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Einzelaspekte aus ihrem Forderungskatalog waren unter anderem die Streichung der Paragraphen 173 bis 176 und 180 des Strafgesetzbuches (also Beischlaf zwischen Verwandten, Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, Homosexuelle Handlungen, Sexueller Missbrauch von Kindern, Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger), ein Scheidungsrecht für Kinder von ihren Eltern, die Abschaffung von Kinder- und Jugendheimen und geschlossenen kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen, ein Verbot jeglicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und die Abschaffung der Schulpflicht.<ref>Stephan Klecha: Die Grünen zwischen Empathie und Distanz in der Pädosexualitätsfrage. Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-07580-4, S. 116 f.</ref>
Geschichte[Bearbeiten]
Die Indianerkommune entstand 1975 in Heidelberg im Umfeld des Sozialistischen Patientenkollektivs,<ref>Wolfgang Graf von Lüttichau: Gegen Entfremdung. Pfadfindereien um menschengemäße Wahrheit. Leipzig 2009, ISBN 978-3-923211-59-3, S. 156 (online).</ref> von dem sie antipsychiatrische Forderungen übernahm.<ref>Die Pädophiliedebatte bei den Grünen im programmatischen und gesellschaftlichen Kontext. Erste und vorläufige Befunde zum Forschungsprojekt. (PDF) Göttinger Institut für Demokratieforschung, 16. Dezember 2013, S. 36 f., archiviert vom Vorlage:IconExternal am 12. September 2023; abgerufen am 3. Juli 2017. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref> Sie bezeichnete sich selbst als Zusammenschluss „mehrere[r] Jugendliche[r] und Erwachsene[r] mit den gleichen Vorstellungen von Liebe, Leben und Überleben“.<ref>Klaus Schuster: Schrei in die Stille, in: Plärrer 6 (1981), S. 32, zitiert nach Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen innerhalb des Deutschen Kinderschutzbundes. Abschlussbericht des Forschungsprojekts. (PDF) Göttinger Institut für Demokratieforschung, 8. Mai 2015, S. 58, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 10. März 2018; abgerufen am 3. Juli 2017.</ref> Anführer der Kommune war der ehemalige Student Uli Reschke, dem die tageszeitung 1984 einen „autoritäre[n] Umgang wie auch eine pädophile Neigung“ bescheinigte.<ref>zitiert nach Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen innerhalb des Deutschen Kinderschutzbundes. Abschlussbericht des Forschungsprojekts. (PDF) Göttinger Institut für Demokratieforschung, 8. Mai 2015, S. 58, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 10. März 2018; abgerufen am 3. Juli 2017.</ref> Nach dem Abriss des von ihr besetzten Hauses in der Heidelberger Hauptstraße<ref>Micha Hörnle: Heidelberger Hauptstraße: Wie aus der Brauerei in den 1970ern der C&A wurde. In: Rhein-Neckar-Zeitung. 6. Dezember 2016, abgerufen am 3. Juli 2017.</ref> zog die Kommune 1977 in den Nürnberger Stadtteil Gostenhof um.
1980 verließ ein Großteil der weiblichen Mitglieder die Indianerkommune und gründete in Berlin die dezidiert weibliche Oranienstraßen-Kommune, aus der 1983 die ebenfalls mit der Indianerkommune kooperierende Kommune Kanalratten hervorging.<ref>Die Pädophiliedebatte bei den Grünen im programmatischen und gesellschaftlichen Kontext. Erste und vorläufige Befunde zum Forschungsprojekt. (PDF) Göttinger Institut für Demokratieforschung, 16. Dezember 2013, S. 86, abgerufen am 3. Juli 2017.</ref>
Anfang der 1980er Jahre wurde bei einer Hausdurchsuchung bei der Indianerkommune eine Adresskartei mit etwa 2000 Datensätzen sichergestellt. Diese diente „wohl in erster Linie als Empfängerliste für eigene Publikationen, allen voran des ‚Rundbriefs der Indianerkommune‘“, aber auch „als eine Art Schlafplatzbörse“, in der „auch pädophile Männer ihre Anschrift angegeben hatten“.<ref name="Friedrichs_259">Jan-Henrik Friedrichs: Die Indianerkommune Nürnberg. Kinderrechte – Antipädagogik – Pädophilie. In: Meike Sophia Baader et al. (Hrsg.): Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Böhlau, Köln 2017, ISBN 978-3-412-50793-0, S. 259. doi:10.7788/9783412508241-014</ref>
„Die eigentliche Tragik des Geschehens liegt darin, dass es für manche Jugendliche nur diese Alternativen gab: Leben in einem Heim oder einer Familie, in dem oder der sie permanenter Gewalt ausgesetzt waren; Unterschlupf in einem tendenziell grenzüberschreitenden und sexualisierten Umfeld; oder das Leben auf der Straße. Bis heute hat sich an dieser Gemengelage nur wenig verändert.“
Laut Christian Füller übernahm die Indianerkommune mit dieser Adresskartei eine zentrale Verteilerfunktion für schutzsuchende Jugendliche innerhalb der Pädophilenszene.<ref>Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen. Hanser, München 2015, ISBN 978-3-446-24726-0, S. 187–189.</ref>
1981 kam es zu einem Strafverfahren gegen Reschke wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern; Reschke war dreizehneinhalb Monate inhaftiert und wurde in zweiter Instanz freigesprochen, nachdem die jugendlichen Zeugen ihre ursprünglichen Aussagen teilweise zurückgezogen hatten.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Das böse Kapitel der Grünen. ( vom 10. Oktober 2013 im Internet Archive; Alexander Wendt, Jan-Philipp Hein im Focus vom 12. August 2013)</ref><ref>Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen. Hanser, München 2015, ISBN 978-3-446-24968-4, Indianer zu Päderasten (E-Book).</ref> In Tübingen wurde Reschke 1985 gemeinsam mit weiteren Angeklagten, darunter einem Mitglied der Grünen, wegen Kindesentziehung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.<ref>Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen innerhalb des Deutschen Kinderschutzbundes. Abschlussbericht des Forschungsprojekts. (PDF) Göttinger Institut für Demokratieforschung, 8. Mai 2015, S. 62, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 10. März 2018; abgerufen am 3. Juli 2017.</ref>
Politisches Engagement[Bearbeiten]
Die Indianerkommune engagierte sich in der Schwulen-,<ref>Christian Füller: Dieter Fritz Ullmann. Der pädokriminelle Cheflobbyist. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 3. Oktober 2013, abgerufen am 27. Juni 2017.</ref> der Anti-AKW- und der Alternativbewegung, wo sie wegen ihrer störenden Auftritte gefürchtet war.<ref name="Haunss" /> Im Jahr des Kindes 1979 führten Angehörige der Indianerkommune einen Hungerstreik durch.<ref>Katharina Trittel, Jöran Klatt: „Stück für Stück holen wir unsere Kindheit zurück!“ Antipädagogik und Paradoxien des Erziehungsdiskurses. In: Franz Walter, Stephan Klecha, Alexander Hensel (Hrsg.): Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-647-30055-9, S. 96.</ref> Organisationsmitglieder besetzten mehrfach Redaktionsräume der tageszeitung, um die Veröffentlichung ihrer Forderungen zu erzwingen.<ref name="taz" /><ref>Ann-Katrin Müller: Rosa Flieder. In: Der Spiegel. Nr. 22, 2013 (online).</ref>
Einflussnahme auf die Grünen[Bearbeiten]
Die 1972 vom späteren Grünen-Mitglied Uli Reschke gegründete Indianerkommune nahm in der Gründungsphase der Grünen Einfluss auf die Programmatik der Partei.<ref>Ann-Katrin Müller und Christian Teevs: Pädophilie-Debatte bei den Grünen. „Ignoranz und mangelnde Souveränität“. In: Der Spiegel. 12. November 2014, abgerufen am 27. Juni 2017.</ref> Obwohl sie damit beim Gründungsparteitag der Grünen am 13. Januar 1980 scheiterte, behauptete die Indianerkommune in einem Flugblatt, den Abschnitt zu „Kindern und Jugendlichen“ im ersten Parteiprogramm verfasst zu haben; er wurde am 22. Juni 1980 auf der Bundesversammlung der Grünen mit großer Mehrheit angenommen.<ref name="Schnieder" /> Werner Vogel, der 1983 für die Grünen in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, sein Mandat aber nicht annahm, unterstützte 1982 parteiintern die Anliegen der Indianerkommune.<ref>Grünen-Urgestein Werner Vogel unterstützte Pädophilen-Gruppen. In: Focus. Nr. 33/2013, 11. August 2013 (focus.de [abgerufen am 3. Mai 2014]).</ref> Im Herbst 1983 besetzten jugendliche Mitglieder der Indianerkommune vorübergehend die Bundesgeschäftsstelle der Grünen in Bonn.<ref name="Tscharnke" /> Gruppen der Indianerkommune störten Grünen-Parteitage, um ihre Forderungen nach straffreien Sexualkontakten zwischen Kindern und Erwachsenen zu verbreiten, darunter den Landesparteitag der Grünen in Nordrhein-Westfalen 1985.<ref>Matthias Drobinski: Tabu und Toleranz. Pädophilie-Vorwürfe gegen die Grünen. In: Süddeutsche Zeitung. 26. Mai 2013 (sueddeutsche.de [abgerufen am 12. August 2013]).</ref>
Diese Einflussnahme auf die Grünen wurde 2013, im Rahmen der Pädophilie-Debatte im Bündnis 90/Die Grünen, wieder in der Presse diskutiert.
Nachfolgeorganisationen[Bearbeiten]
2013 waren ehemalige Mitglieder im „Anti-Kinderklau Aktionsbündnis Kinderrecht“ (AKKAK), im „Forum für anarchistische Kinder und Jugendpolitik“,<ref name="Tscharnke" /> in der „Jugendselbsthilfe Nürnberg“ und in einem Fahrradladen tätig. Ihre Aktivitäten wurden von der Abteilung Kinder- und Jugendschutz im Jugendamt der Stadt Nürnberg und vom Kinderschutzbund Nürnberg beobachtet.<ref>Rüdiger Gollnick: Sexuelle Grenzverletzungen im Lehrer-Schüler-Verhältnis an staatlichen Schulen. Lit, Münster 2013. ISBN 978-3-643-11931-5. S. 200 f.</ref>
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Jan-Henrik Friedrichs: Die Indianerkommune Nürnberg. Kinderrechte – Antipädagogik – Pädophilie, in: Meike Sophia Baader et al. (Hrsg.): Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Böhlau, Köln/Weimar 2017, S. 251–282. doi:10.7788/9783412508241-014
- Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen. Hanser, München 2015, ISBN 978-3-446-24968-4, S. 173–263 (E-Book).
- Iris Hax, Sven Reiß: Programmatik und Wirken pädosexueller Netzwerke in Berlin - eine Recherche. (PDF) Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, 24. Februar 2021, S. 101–119, abgerufen am 23. März 2026.
Weblinks[Bearbeiten]
- Pädo-Aktivisten im linken Mileu: Kuscheln mit den Indianern. taz, 22. April 2010
- Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Das böse Kapitel der Grünen. ( vom 10. Oktober 2013 im Internet Archive; Alexander Wendt, Jan-Philipp Hein im Focus vom 12. August 2013)
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references> <ref name="Haunss">Sebastian Haunss: Identität in Bewegung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Heidelberg 2004, ISBN 3-8100-4150-5, S. 220; Online </ref> <ref name="Schnieder">Frank Schnieder: Von der sozialen Bewegung zur Institution? Die Entstehung der Partei DIE GRÜNEN in den Jahren 1978 bis 1980. Lit, Münster 1998. ISBN 3-8258-3695-9. S. 94 </ref> <ref name="taz">Nina Apin: Kuscheln mit den Indianern. Pädo-Aktivisten im linken Mileu. In: die tageszeitung. 22. April 2010 (taz.de [abgerufen am 12. August 2013]). </ref> <ref name="Tscharnke">Klaus Tscharnke: Die Nürnberger „Stadtindianer-Kommune“ gibt es noch. nordbayern.de, 23. Mai 2013, abgerufen am 12. August 2013. </ref> </references>
- Wikipedia:Seite mit Skriptfehlern
- Seiten mit TemplateStyles-Fehlern
- Wikipedia:Defekte Weblinks/Ungeprüfte Archivlinks 2025-07
- Historische Organisation (Nürnberg)
- Soziale Gruppe
- Organisation der Pädophilenbewegung
- Vereinsgründung 1972
- Sexualität in Deutschland
- Sexueller Missbrauch von Kindern
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