James Mellaart
James Mellaart (* 14. November 1925 in London; † 29. Juli 2012 ebendort) war ein britisch-niederländischer Prähistoriker und Archäologe. Von 1959 bis 1961 amtierte er als stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA); anschließend wirkte er bis 1963 als Dozent für Prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul. 1964 wurde er Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des University College in London, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 tätig war. Mit seinen Entdeckungen in Hacılar, Beycesultan und Çatalhöyük erweiterte Mellaart den Kenntnisstand über die bronzezeitlichen und neolithischen Gesellschaften Anatoliens erheblich und prägte die Prähistorische Archäologie nachhaltig.
Im Verlauf seiner Karriere entwickelte Mellaart allerdings auch ein umfassendes System von Fälschungen, um seine oft spekulativen Deutungen zu stützen. Dabei gebrauchte er sein großes wissenschaftliches Ansehen gezielt, um diesen Konstruktionen den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen, wodurch in der Rückschau auch seine tatsächlichen Leistungen entwertet werden. Zwar führten seine Manipulationen unter Fachkollegen zu Misstrauen und behinderten punktuell auch seinen weiteren Karriereverlauf, doch wurde das volle Ausmaß bis zu seinem Tod – nicht zuletzt aufgrund systematischer institutioneller Verschleierung – nicht publik.
Biographie[Bearbeiten]
Herkunft, Ausbildung und frühe Prägungen[Bearbeiten]
James Mellaart wurde am 14. November 1925 in London geboren.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11. Da Mellaart in London geboren war, besaß er, wie auch seine Schwester, eine doppelte Staatsbürgerschaft; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 45.</ref> Sein Vater, Jacob Herman Jan Mellaart (1895–1972), Kunstspezialist niederländischer Herkunft, war kurz vor der Geburt seines Sohnes nach England übergesiedelt. Die Mutter, Apollonia Dingena (genannt Linn) geb. van der Beek (1886 oder 1899–1933), stammte aus Nordirland, verfügte jedoch ebenfalls über niederländische Wurzeln.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11.</ref> Mellaart hatte eine jüngere Schwester, die 1929 ebenfalls in London geboren wurde.<ref>Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 33.</ref> Später behauptete Mellaart, seine Familie stamme ursprünglich aus Schottland und sei mit dem MacDonald-Clan, genauer der Linie MacLarty, verbunden. Im späten 17. Jahrhundert sei die Familie nach Holland gelangt und habe ihren Namen in die niederländisch klingende Form Mellaart geändert.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 130.</ref> Diese Behauptung stieß nicht überall auf Glauben.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11.</ref> Der Vater sicherte der Familie ein gutes Einkommen, indem er Sammler beim Erwerb von Kunstwerken beriet, sodass sie ein komfortables Haus im Londoner Stadtteil Chelsea beziehen konnte. Mit der Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre brach der Kunstmarkt jedoch ein, sodass die Familie 1932 nach Amsterdam zurückkehrte, wo sich der Vater einen größeren Kundenstamm erhoffte.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 12.</ref> Nach dem frühen Tod der Mutter 1933<ref>Die Mutter starb an einer Gasvergiftung in der gemeinsamen Wohnung; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37.</ref> heiratete der Vater das Kindermädchen und zeugte mit ihr vier weitere Söhne.<ref>Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37.</ref> James und seine Schwester hegten zeitlebens eine tiefe Abneigung gegen ihre Stiefmutter; 1986 besuchte Mellaart nicht einmal ihre Beerdigung. Möglicherweise trug diese Feindseligkeit dazu bei, dass er seine Jugendzeit in den Niederlanden später weitgehend verdrängte, sich weigerte, mit niederländischen Kollegen Niederländisch zu sprechen, und sich zeitlebens als Schotte begriff, während er seine niederländische Herkunft leugnete.<ref>Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12, hier: S. 11; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 130; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 37, 81.</ref>
In den Jahren nach der Rückkehr in die Niederlande zog die Familie mehrfach um: zunächst von Amsterdam nach Rotterdam, später nach Den Haag und während der deutschen Besatzung nach Maastricht. Um dem Arbeitsdienst zu entgehen, nahm Mellaart – vermittelt durch einen Freund seines Vaters – eine Stelle am niederländischen Nationalmuseum für Archäologie in Leiden an. Ein von ihm verfasster Brief, gespickt mit den Namen zahlreicher Museumsmitarbeiter und Archäologen, beeindruckte den Museumsdirektor derart, dass er für den 18-jährigen, ungeübten Bewerber eigens eine Position schuf. Mellaarts spätere Behauptung, der Schweizer Konsul habe die Anstellung vermittelt, lässt sich nicht belegen. Während des Krieges will er zudem eine nicht detonierte V2 geborgen und später einem hochrangigen amerikanischen Militärangehörigen übergeben haben. Anfang September 1944 kehrte er ins Elternhaus im Süden der Niederlande zurück – zehn Tage bevor die Amerikaner in Maastricht einrückten. Nach der Befreiung nahm er sein Studium der Ägyptologie und Klassischen Altertumswissenschaften in Leiden auf und stimmte der Beendigung seines Museumsvertrags zum 1. Oktober 1944 zu. Sechs Monate später versuchte er jedoch vergeblich, die Vereinbarung rückgängig und Gehaltszahlungen bis Mai 1945 über ein Komitee geltend zu machen, das Probleme infolge der Besatzung regeln sollte. Dies führte zu Irritation im Museum und könnte seine studentische Laufbahn beeinträchtigt haben, da das Personal eng mit der Ägyptologie- und Klassikabteilung der Universität verbunden war. Bereits während seiner Tätigkeit im Museum soll er sich Kenntnisse zum Lesen ägyptischer Hieroglyphen angeeignet haben. Am Gymnasium hatte er Sprachkenntnisse in Deutsch, Englisch, Französisch, Latein und Altgriechisch erworben; von einem Onkel väterlicherseits erlernte er zudem das Gälische.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 12f.; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 90f.; Alan Mellaart: The Live of James Mellaart. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 33–103, hier: S. 43; Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023.</ref>
Ab 1947 studierte er in London, wo er am University College ein Grundstudium der Archäologie aufnahm.<ref>Michael Balter: The Goddess and the Bull, New York u. a. 2005, S. 13.</ref> Während dieser Zeit wirkte er auch an Ausgrabungen mit – unter anderem unter der Leitung von Kathleen Kenyon in Sutton Walls – und entwickelte ein frühes Forschungsinteresse an den Seevölkern und ihrer Rolle im Zusammenbruch des bronzezeitlichen Mächtesystems im 12. Jahrhundert v. Chr. sowie an der Ausbreitung frühbronzezeitlicher Kulturen im östlichen Mittelmeerraum.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411.</ref> Ein Dissertationsprojekt zum Seevölkersturm, das er 1951 begonnen haben will, reichte er nie ein.<ref>James Mellaart: Letters to the Editors. In: Bulletin of the Anglo-Israel Society 12 (1993), S. 81f. Sein Sohn nach hätte Mellaart niemanden für würdig erachtet seine Arbeit richtig einzuschätzen; Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg, Zürich 2017, S. 205.</ref>
Wissenschaftliche Anfänge[Bearbeiten]
Nach seinem Abschluss 1951 erhielt Mellaart ein zweijähriges Stipendium beim British Institute of Archaeology at Ankara (BIAA). 1959 wurde Mellaart stellvertretender Direktor des BIAA unter Seton Lloyd, ein Amt, das er bis 1961 innehatte. Anschließend war er von 1961 bis 1963 Dozent für Prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul. 1964 wurde er zum Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des University College London, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 tätig war. Während seiner Zeit am BIAA kartierte er zahlreiche prähistorische Fundplätze in Südwestanatolien – meist zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da er über keinen Führerschein verfügte – und entwickelte sich zu einem herausragenden „Site-Spotter“, der in der Lage war, aus kleinen Erhebungen die unter der Erde liegenden prähistorischen Siedlungen zu erkennen. Während seiner Tätigkeit am BIAA entdeckte er Hunderte vorklassischer Fundplätze, darunter das bedeutende chalkolithische und bronzezeitliche Siedlungsareal Beycesultan.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411–13; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Januar 2016 [Zugriff am 21. Juni 2026]; David Stronach: Working with Jimmy and Arlette Mellaart, 1955 to 1958. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 271–275, hier: S. 271f.</ref>
In diese forschungsintensive Frühphase am BIAA fiel auch das Kennenlernen der Türkin Arlette Meryem Cenani<ref>Biographie: Alan Mellaart: Arlette Mellaart. A Journey to Archaeology. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 103–120.</ref> (1924–2013). Arlette wurde 1924 als Tochter der Jüdin Marie Rosenthal (1897–1976) – Angehörigen einer angesehenen Istanbuler jüdischen Familie mit italienischen Wurzeln – und des nicht praktizierenden rumänischen Juden Beno Coppelovici geboren; zwischen den Eltern bestand ein erheblicher Altersunterschied. Nachdem Beno sein Vermögen verloren hatte, verließ Marie ihn um 1932 für Kadri Cenani, einem türkischen Geschäftsmann und Kulturförderer aus einer einflussreichen türkischen Familie, die im Osmanischen Reich bedeutende Staatsmänner hervorgebracht hatte. 1939 heirateten Marie und Kadri in Marseille, nachdem Marie zuvor zum Islam konvertiert war. Im Anschluss an die Eheschließung nahm sich Coppelovici das Leben; 1941 adoptierte Kadri Cenani Arlette.<ref>Zu ihrem Stammbaum vgl. Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 14f.</ref> Seit 1939 lebte die Familie im Savfet-Pascha-Yalı in Kanlıca am Bosporus, wo zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft verkehrten. Anfang der 1950er Jahre hörte Arlette; gefördert durch ihren Stiefvater, der Zeitweilig im Archäologischen Museum Istanbul tätig gewesen war; an der Universität Istanbul Vorlesungen über die Hethiter bei Kurt Bittel und nahm 1952 an dessen Ausgrabungen in Fikirtepe teil, wo sie auf Mellaart traf. In den folgenden Jahren wurde sie zu einer wichtigen Mitarbeiterin seiner archäologischen Unternehmungen und übernahm unter anderem die Aufgaben einer Übersetzerin, Fotografin und Organisatorin des Grabungslagers. Im April 1954 heiratete das Paar im Sommerhaus der Familie Cenani; 1955 wurde ihr gemeinsamer Sohn geboren.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 411f.; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Januar 2016 [Zugriff am 21. Juni 2026]; Alan Mellaart: Arlette Mellaart. A Journey to Archaeology. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 103–120.</ref>
In seiner Zeit am BIAA leitete Mellaart eigene Ausgrabungen, so führte er eine Geländeerhebung im Jordantal durch und schloss sich 1952–1954 den Ausgrabungen Kathleen Kenyons in Jericho an. In Kenyons zeitweiliger Abwesenheit grub er weiter nach unten, um zu demonstrieren, dass die Basis des Hügels tiefer lag als bisher angenommen.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 412; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Januar 2016 [Zugriff am 21. Juni 2026].</ref> Von 1954 bis 1959 arbeitete er mit Seton Lloyd in Beycesultan im oberen Einzugsgebiet des Menderes in Südwestanatolien, das Mellaart als bedeutenden und lang genutzten Siedlungsplatz erkannte. 1956 entdeckte Mellaart mit Hacılar, 15 km nördlich von Burdur in der Südwesttürkei, einen weiteren bedeutenden prähistorischen Fundplatz, den er 1957–1960 ergrub.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 412f.; ders.: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Januar 2016 [Zugriff am 21. Juni 2026]; Maime N. Brami: James Mellaart and Hacılar. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 277–291.</ref> Bereits in dieser Frühphase fertigte Mellaart erste Fälschungen an.<ref>Diether Schürr: Mellaarts erste Erfindung. Ein Hieroglyphen-Luwisches Siegel. In: Talanta 50 (2018), S. 83–85; John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier: S. 113.</ref>
Çatalhöyük und wachsende Anerkennung in der Fachwelt[Bearbeiten]
Entscheidend für Mellaarts weitere Forschung war allerdings letztlich nicht die Bronzezeit, sondern ein neolithischer Fundplatz. Im November 1958 entdeckte er gemeinsam mit David French und Alan Hall die neolithische Schichtung des großen Siedlungshügels von Çatalhöyük in der Konya-Ebene. Den Ort hatte Mellaart bereits Anfang der 1950er Jahre aus der Ferne erblickt, war jedoch durch Krankheit am Betreten gehindert worden. Ursprünglich auf der Suche nach Spuren aus der Bronzezeit, richtete sich sein Interesse nach der Entdeckung der Stätte zugleich auf die Neolithisierung Anatoliens, um die bislang vorherrschende Auffassung zu überprüfen, dass die wichtigsten neolithischen Entwicklungen in der Levante und dem fruchtbaren Halbmond stattgefunden hätten.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 131; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 413f.</ref>
Ab 1961 nahm Mellaart die Ausgrabungen auf und setzte sie 1962, 1963 und 1965 fort. Dabei erfasste er eine Vielzahl aufwendig ausgestatteter Bauten, die durch plastische Reliefs, Stierhorninstallationen und qualitätvolle Wandmalereien hervorstachen. Die künstlerische Ausführung dieser Funde überraschte die Fachwelt, da Vergleichbares im Vorderen Orient bislang nicht nachgewiesen war. Die Niederlassung, eine der frühesten agrarisch geprägten Gemeinschaften Anatoliens, existierte rund 1100 Jahre und zeichnete sich durch eng miteinander verbundene Raumeinheiten aus, die ausschließlich über Dachöffnungen betreten wurden und durchgehend sorgfältig verputzte Wandflächen besaßen.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 414.</ref>
Die Untersuchungen offenbarten 19 m mächtige Kulturschichten, die mindestens dreizehn Besiedlungsschichten dokumentierten. Über die vier Grabungskampagnen legte Mellaart mehr als 150 Gebäude frei und exhumierte 480 Skelette. Seine Rekonstruktionen der Bauten sowie Berichte in der Illustrated London News ermöglichten eine breitere Wahrnehmung des Fundplatzes jenseits wissenschaftlicher Fachpublikationen und trugen zu dessen internationaler Bekanntheit bei.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 414.</ref>
1967 erschien Mellaarts Monographie Çatal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia. Darin legte er dar, dass die zentralen Entwicklungen der sogenannten Neolithischen Revolution – Landwirtschaft und Viehzucht, das Leben in Dorfgemeinschaften sowie die Metallverarbeitung – ihren wesentlichen Ursprung in Anatolien hatten und sich über einen mehr als tausendjährigen, „schmerzhaft langsamen“ Prozess vollzogen. Seine Ergebnisse beleben bis heute die wissenschaftliche Debatte über frühe Siedlungsdichte und die soziale Organisation der ersten Dorfgemeinschaften und fanden auch interdisziplinär eine breite Rezeption – von Architektur über Kunst und Stadtforschung bis hin zur Anthropologie.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 414.; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 132.</ref>
Die Dorak-Affäre und ihre Folgen[Bearbeiten]
Die erste und folgenreichste Kontroverse in Mellaarts Laufbahn war die sogenannte Dorak-Affäre.<ref>Zu Dorak vgl. insbes.: Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123; David Stronach: One of Archaeology’s Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 437–43; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216.</ref> 1959 veröffentlichte er in der Illustrated London News einen populärwissenschaftlichen Artikel über einen königlichen Grabschatz aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., den er vor einiger Zeit in Karşıyaka gesehen haben wollte und der während des Griechisch-Türkischen Krieges beim Dorf Dorak nördlich des Uluabat-Sees ausgegraben worden sein soll. Seinen Schilderungen zufolge habe er 1951 oder 58 auf einer Zugfahrt nach Izmir eine junge, attraktive Griechin kennengelernt, die ihn zu sich nach Hause eingeladen habe, um ihm wertvolle archäologische Objekte aus Familienbesitz zu zeigen. Dort habe er, so seine Darstellung, ein langes Wochenende verbracht, die prähistorischen Stücke dokumentiert und dabei auch umfangreiche Grabungsnotizen in neugriechischer Sprache vorgefunden. Die publizierten Stücke suggerierten weitreichende bronzezeitliche Kontakte und stellten die etablierte Datierung der trojanischen Frühbronzezeit infrage.<ref>David Stronach: One of Archaeology’s Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 437–443.</ref> Auffällig im Hinblick auf Mellaarts spätere Erfindungen ist insbesondere der schlecht erhaltene, farbprächtige wollene Kelim, auf dem der König bei der Öffnung des Grabes gelegen habe. Aus seiner farbigen Rekonstruktion des angeblich gezeigten Stücks leitete Mellaart eine anatolische Kelim-Tradition bis ins 3. Jahrtausend v. u. Z. ab – dabei hätte, wie Fachkollegen rasch einwandten, ein derart altes Gewebe unmöglich Muster und Farben bewahren können. Verräterisch ist, dass sich in einer 1989 publizierten, farblosen Zeichnung desselben Kelim das Verhältnis von Erhaltenem und Ergänztem gegenüber der Fassung von 1959 genau umkehrt.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 204.</ref>
Bei Nachforschungen zeigte sich, dass weder die beschriebenen Objekte noch die junge Frau oder die angegebene Wohnadresse ausfindig zu machen waren. Im Mai 1962 erhob die türkische Presse den Vorwurf, Mellaart sei in kriminelle Machenschaften verstrickt und habe archäologische Schätze im Wert von einer Milliarde türkischer Lira außer Landes geschmuggelt.<ref>Kenneth Pearson/Patricia Connor: Die Dorak-Affäre. Schätze, Schmuggler, Journalisten, Wien/Hamburg 1968, S. 49f., 54 und 142.</ref> Dementgegen gingen die türkischen Behörden offenbar früh von einer Erfindung Mellaarts aus.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 93f.</ref> Da in Izmir zu jener Zeit nur eine Handvoll Griechen lebte, die zudem unter ständiger behördlicher Beobachtung standen, erscheint die Existenz der von Mellaart beschriebenen Frau kaum plausibel.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier: S. 92.</ref>
Eine 1968 von der BIAA eingesetzte Untersuchungskommission entlastete Mellaart; dennoch blieb die Kontroverse um die Affäre in der Fachwelt lebhaft. Der Vorfall markierte einen entscheidenden Einschnitt in seiner akademischen Karriere: 1964 verlor er die Grabungserlaubnis für Çatalhöyük, 1966 beendete die BIAA ihre Schirmherrschaft über seine Projekte.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82, hier: S. 133f.; Enrico Giannichedda: Il tesoro di Dorak, Archeo inchiesta, Bari 2023, S. 28; Sabrina Maras: David Stronach and British Archaeology in the Middle East, London 2026, S. 79.</ref>
Bereits in dieser frühen Kontroverse zeichnete sich ein Muster ab, das sich fortan immer wieder wiederholen sollte: Mellaart präsentierte spektakuläre Funde, an die er über dubiose Wege gelangt sein wollte – Wege die sich einer Überprüfung von vornherein entzogen.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessarily True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), 87–123, hier insbes. S. 97f., 118–120.</ref>
Weitere Fälschungen und wissenschaftliches Fehlverhalten[Bearbeiten]
Die deutliche Ablehnung, die Mellaart im Zuge der Dorak-Affäre entgegengeschlagen war, hinderte ihn allerdings nicht daran, in den folgenden Jahrzehnten erneut gefälschtes Material in die Fachöffentlichkeit einzubringen.
Der zweite große Täuschungskomplex Mellaarts in den 1980er Jahren verband angeblich von ihm entdeckte Kelim-ähnliche Wandmalereien mit der Idee einer uralten Tradition einer „Großen Göttin“. Bereits in seinem Buch von 1967 hatte er geometrische Wandmalereien aus Çatalhüyük als „Kelim-Muster“ interpretiert und die Hypothese aufgestellt, dass in Anatolien bereits seit dem späten 7. Jahrtausend v. u. Z. Kelims gewoben worden seien. Dieser anfangs vorsichtigen Hypothese erklärte er später zu einer Gewissheit. Der eigentliche Coup erfolgte 1983 bei einer Londoner Teppichkonferenz. Dort präsentierte Mellaart zahlreiche Wandmalereimotive aus Çatalhüyük, die frappierend modernen Kelims ähnelten. Nur eines der vorgestellten Motive war tatsächlich dokumentiert; die übrigen erklärte er als Fragmente, die zwar „mühsam aufgezeichnet“, aber nicht gerettet worden seien. Besonders grotesk war ein dort vorgestelltes Motiv einer angeblichen Göttin mit zwei Vögeln, die er als frühesten Prototyp eines modernen Kelimmusters deutete. Schon hier verband Mellaart die Idee einer 8000-jährigen Kelimtradition mit der Vorstellung einer ebenso alten ikonographischen Kontinuität einer „Großen Göttin“.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 204f.</ref> Die in der Konferenzschrift veröffentlichten monochromen Zeichnungen wurden in späteren Arbeiten weiterentwickelt. In The Goddess from Anatolia von 1989 steigerte sich diese Linie schließlich zu fast karikaturesken Darstellungen mit weißen, hockenden, schneemannähnlichen Göttinnen mit dicken Gesäßen vor quietschbuntem Hintergrund. Flankiert wurden die Figuren nun von neuen, in ihrer Deutlichkeit frappierenden Motiven – überdimensionierten Vulven, denen geflügelte Phalli in penetrierender Bewegung entgegenstreben.<ref>John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier S. 109f.; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 207; Abb. ebd.</ref>
Damit war Mellaart zu weit gegangen. Kelim-Experten wiesen auf die technische Unmöglichkeit der von ihm als Kelim-Imitationen interpretierten Wandmalereien mit der damals verfügbaren Webtechnik hin, Archäologen bemängelten fehlende Dokumentation und Widersprüche zu den Grabungsberichten.<ref>Dominique Collon: Subjective Reconstruction? The Çatal Hüyük Wall-Paintings. In: Hali 53 (1990), S. 119–123; Marla Mallett: The Goddess from Anatolia: An Updated View of the Catal Huyuk Controversy. In: Oriental Rug Review 13/2 (1992/93), S. 24–31; Murray L. Eiland: The Past Re-made. The Case of Oriental Carpets. In: Antiquity 67 (1993), S. 859–863</ref> Besonders unglaubwürdig erschienen die angeblichen Kelim-Imitationen gerade dort, wo Parallelen zu existierenden Kelim-Motiven bestanden: Die Motive waren um 90° gedreht, was ihre technische Umsetzung ausschloss.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 208.</ref> Spätere Ausgrabungen brachten keinerlei vergleichbare Malereien zutage.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 415f.</ref>
Parallel dazu erfand Mellaart weiteres Material. 1989 publizierte er eine angebliche neolithische „Chronik“ aus 200 Punktreihen, die 4000 Jahre Geschichte darstellen sollten, beginnend mit der Geburt der „Çatal people“ durch die Große Göttin 11.000 v. Chr. Diese Chronik war weder im Grabungsbericht erwähnt noch je zuvor gezeigt worden. 1990 präsentierte er auf einer Tagung angebliche paläolithische Kiesel vom Strand von Beldibi, einige mit Figurendarstellungen und andere mit „frühen Göttinnenmotiven“. Er illustrierte zudem nie publizierte Funde aus einer Sondage von 1963 – Tonfiguren, Mergel- und Knochenobjekte sowie zahlreiche Schieferplatten, mit „Luftaufnahmen“ von Landschaften, Vulkanausbrüchen und Götterszenen. Einige dieser Schieferplatten und Kiesel wurden in seinem Londoner Arbeitszimmer gefunden; es ist offensichtlich, dass es sich hierbei um Fälschungen handelt.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 208f.</ref>
Als Zweifel und Kritik zunahmen, lieferte Mellaart ab 1991 immer neue Ausflüchte: wichtige Zeichnungen und Fotos seien 1976 in der Villa seines Schwiegervaters<ref>Es handelte sich um eines der ältesten Herrenhäuser am Bosporus, um 1750 von einem unbekannten venezianischen Handwerksmeister vollständig aus Holz errichtet. Das gesamte Mobiliar, die Bibliothek, die Gemälde und die persönlichen Erinnerungsstücke wurden 1976 ein Raub der Flammen; Seton Lloyd: Old Waterside Houses on the Bosphorus – Safvet Paşa Yalisi at Kanlica. In: Anatolian Studies 7 (1957), S. 163–170; Burçak Tanman: Saffet Paşa Yalısı. In: Dünden Bugüne İstanbul Ansiklopedisi, Bd. 6, Istanbul 1994, S. 397f.; Arlette Mellaart: Bohemia on the Bosphorus [2002]. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 123–141.</ref> verbrannt,<ref>James Mellaart: James Mellaart Answers His Critics. In: Hali 55 (1991), S. 86f.</ref> die Rekonstruktionen deshalb zwangsläufig unvollständig.<ref>Dazu Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 210f.; John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127, hier: S. 107f.</ref> Zugleich behauptete er laut Ian Hodder um diese Zeit sogar, früheste Schrifttafeln in Çatalhüyük gefunden zu haben.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 415.</ref> 1993 setzte er seine Erfindungen schließlich mit dramatischen Vulkanlandschaften fort, die er französischen Amateurvulkanologen vorlegte. Diese Szenen – ausbrechende Vulkane, zerstörte Rundhüttensiedlungen, ergänzt durch identifizierbare anatolische Landmarken – knüpften an seine frühere Fehlinterpretation eines echten Wandgemäldes an. Auch sonst zeigten die neuen „Plaquettes“ und Wandbilder immer phantastischere und unwahrscheinliche Darstellungen, die offenkundig ausschließlich Mellaarts Imagination entsprangen.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 210–212.</ref>
Tod Mellaarts und Aufarbeitung seines Fälschungskorpus[Bearbeiten]
Mellaart starb am 29. Juli 2012 im Whittington Hospital in Islington an den Folgen eines Schlaganfalls und einer Lungenentzündung; die Trauerfeier fand am 13. August im Islington Crematorium in East Finchley statt. Nach seinem Tod wurde auf dem Gipfel des Hügels von Çatalhöyük eine Gedenkveranstaltung abgehalten, an der die 140 Mitglieder des Grabungsteams teilnahmen.<ref>Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420, hier: S. 418f.</ref> Im Jahr darauf, am 17. November 2013 verstarb auch seine Frau Arlette.<ref>Alan Mellaart: Arlette Mellaart. A Journey to Archaeology. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 103–120, hier: S. 120.</ref>
Die frühen Nachrufe betonten seine wissenschaftlichen Leistungen und erwähnten die seit Jahrzehnten kursierenden Fälschungsvorwürfe nicht oder nur am Rande.<ref>Vgl. Charles Burney: James Mellaart (1925–2012). In: Paléorient 38/1–2 (2012), S. 11–12; ders.: James Mellaart, Anatolische Studien 62 (2012), S. iii; Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420.</ref> Eine kritischere Auseinandersetzung setzte erst ab 2017 ein, angestoßen durch die publizistischen Aktivitäten des Geologen und PR-Beraters Eberhard Zangger. Dieser legte auf einer internationalen Konferenz in Izmir im Frühjahr 2017 gemeinsam mit Fred Woudhuizen zwei Schreiben Mellaarts aus den 1990er Jahren vor. Darin behauptete Mellaart, über Übersetzungen keilschriftlicher Bronzetafeln zu verfügen, die Ende des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in der der Provinz Ayfon gefunden worden seien und deren Inhalt die Geschichte Kleinasiens am Übergang zur Eisenzeit grundlegend revidieren würde.<ref>Für eine Zusammenfassung des Inhalts der Briefe siehe Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 146–151.</ref> Allein auf Basis dieser Briefe erklärten Zangger und Woudhuizen die Tafeln für authentisch und kündigten weitere Nachforschungen an.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197.</ref> Im Sommer desselben Jahres erhielt Zangger Zugriff auf die 67-seitige „Übersetzung“ der Tafeln aus Mellaarts Nachlass<ref>Der Nachlass Mellaarts lagert größtenteils in Kisten in seiner Wohnung in London. Die 2017 von Zangger an sich genommenen Materialien befinden sich hingegen in den Räumlichkeiten seiner Science Communications GmbH in Zürich, die von der Luwian Studies Foundation mitgenutzt werden; Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 309. Eine größere Auswahl in London verbliebener Nachlassstücke wurde 2020 in der Gedenkschrift The Journey to Çatalhöyük veröffentlicht – allerdings vornehmlich unproblematisches Material.</ref> sowie auf Zeichnungen hieroglyphenluwischer Blöcke, die Mellaart schon seit den 1980er Jahren Fachkollegen vorgelegt hatte und die diesen als weitere archäologische Fälschungen galten.<ref>Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg, Zürich 2017, S. 213ff.; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197. John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127.</ref> Dementgegen deutete Zangger das Material jedoch als genuin und publizierte es im Oktober 2017 in seinem Werk Die Luwier und der Trojanische Krieg, begleitet von erheblicher medialer Inszenierung.<ref>Frank Thadeusz: Die Rache des Sonnyboys. In: Der Spiegel 41 (2017), S. 130–132.</ref> Inkonsistenzen interpretierte er in bemerkenswert naiver Weise<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197.</ref> als Authentizitätsindizien<ref>Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 224, 310f.</ref> und erklärte Mellaarts Zurückhaltung bei der Veröffentlichung der Inschriften mit dessen Furcht vor erneuten Fälschungsvorwürfen.<ref>Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 301.</ref>
Mit der angekündigten Publikation der Inschrift in der Zeitschrift Talanta rückte das Thema in den Blick einer breiteren Fachöffentlichkeit. Mehrere Forscher wiesen darauf hin, dass ihnen die Inschriften bereits bekannt seien und es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Fälschungen handele. In ihrer 2017 online veröffentlichten Edition griffen Zangger und Woudhuizen diese Einwände auf, verteidigten Mellaart gegen den Vorwurf der Fälschung und betonten, dass ihm eine solche niemals eindeutig nachgewiesen werden konnte.<ref>Eberhard Zangger/Fred Woudhuizen: Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor. In: Talanta 50 (2018), S. 9–56 [bereits im Dezember 2017 online erschienen].</ref>
Zangger beabsichtigte zudem, Mellaarts Nachlass über fünf Jahre systematisch zu untersuchen; die erforderlichen Mittel waren vom Stiftungsrat seiner Stiftung bereits bewilligt worden. Bei einem Aufenthalt in London Anfang 2018 bestätigte sich jedoch, was Fachkollegen seit Langem vermutet hatten: Mellaarts Büro erwies sich als regelrechte Fälscherwerkstatt.<ref>Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–82.</ref> Auch diese „Enthüllung“ bereitete Zangger mit deutlicher medialer Dramatisierung auf.<ref>Eberhard Zangger: Der Nachlass von James Mellaart offenbart dessen Archäophantasien, auf Archäologie Online, August 2019 [Zugriff am 21. Juni 2026].</ref> In der Folge dieser Erkenntnis distanzierten sich sowohl Zangger als auch Woudhuizen von der zuvor behaupteten Echtheit der keilschriftlichen Tafeln, hielten jedoch mit teils abstrusen Argumenten weiterhin an der Authentizität der hieroglyphischen Inschrift Beyköy 2 fest.<ref>Fred Woudhuizen/Eberhard Zangger: Arguments for the Authenticity of the Luwian Hieroglyphic Texts from the Mellaart Files. In: Talanta 50 (2018), S. 183–212.</ref> Dieses pseudowissenschaftliche Agieren stieß in der Fachwelt auf Irritationen und scharfe Kritik.<ref>Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: Talanta 50 (2018), S. 87–124, hier: S. 88–90, 100, 118f.; John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 197–199.</ref> Im Talanta-Themenband des Jahres 2018 wurden die unterschiedlichen Fälschungen Mellaarts erstmals systematisch erschlossen.<ref>Michael Bányai: Der Beylöy Text: Eine Fälschung? In: Talanta 50 (2018), S. 57–82; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes. In: ebd., S. 87–124; Eberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: ebd., S. 125–182.</ref> In den darauffolgenden Jahren folgten weitere Untersuchungen zu seinem umfangreichen Fälschungskorpus.<ref>John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216.</ref>
Bewertung und Vermächtnis[Bearbeiten]
Obgleich Vertraute und Kollegen bereits früh die Fälschungen Mellaarts durchschauten und er sogar versuchte, seine Freunde in seine Lügenkonstrukte zu verwickeln,<ref>David Stronach: One of Archaeology’s Greatest Mysteries – Dorak. A New Look at the Long-Lived Dorak Puzzle. In: Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 437–443; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 209.</ref> wurde sein Treiben lange unter den Tisch gekehrt.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 213.</ref> Seine zunehmend umfangreichen und phantastischen Produktionen stießen teils auf deutliche Ablehnung von Fachkollegen und blieben letztlich sämtlich ohne nachhaltige Wirkung. Auf tatsächliche Plausibilität seiner Fälschungen legte er offenbar wenig Wert; andernfalls hätte er weder so fragile Erklärungen vorgebracht noch eine derart große Zahl angeblicher Belege produziert.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 213.</ref>
Zwischen 1959 und 1983 sowie nach 1999 lassen sich keine Erfindungen Mellaarts nachweisen.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 214.</ref> In welchem Umfang er in anderen Publikationen – wie bereits 1954 im Fall des Siegelabdrucks aus Ortakaraviran Hüyük II südlich von Seydişehir<ref>Diether Schürr: Mellaarts erste Erfindung. Ein Hieroglyphen-Luwisches Siegel. In: Talanta 50 (2018), S. 83–85.</ref> – erfundene Elemente einfließen ließ, bleibt offen. Dabei ergibt sich auch eine Grauzone zwischen weit interpretierenden Deutungen und klaren Erfindungen; mehrere spätere Konstruktionen entwickelten sich aus überzogenen Interpretationen realer Funde, während andere – etwa Dorak oder die Keilschrift- und Hieroglyphentexte – fehlende archäologische Belege ersetzen sollten.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 214.</ref>
Allen Erfindungen liegt zugrunde, dass sie der Absicherung bereits fragwürdiger Annahmen dienten. Ein durchgehendes Motiv ist die von Mellaart behauptete Kontinuität über lange Zeiträume – von Arzawa- zu lydischen Dynastien, von neolithischen zu modernen Kelims oder von einer „Großen Göttin“ des Paläolithikums bis in die Neuzeit. Dabei setzte Mellaart sein wissenschaftliches Ansehen gezielt ein, um frei erfundene Konstruktionen als reale Befunde erscheinen zu lassen, womit, so Diether Schürr, letztlich auch seine Leistungen restlos entwertet werden.<ref>Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 214.</ref>
Werke in Auswahl[Bearbeiten]
Mellaart hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere eine hohe zweistellige Zahl an Aufsätzen publiziert. Es folgt eine Auswahl wichtiger Arbeiten.<ref>Für eine vollständige Übersicht vgl. Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020, S. 468–473.</ref>
- Anatolian Chronology in the Early and Middle Bronze Age. In: Anatolian Studies 7 (1957), S. 55–88.
- (mit Seton Lloyd): Beycesultan, Bde. 1–2, London 1962/65.
- Çatal Hüyük Excavations 1961. In: Archäologischer Anzeiger 1962, S. 1–11.
- Excavations at Çatal Hüyük. First preliminary report, 1961. In: Anatolian Studies 12 (1962), S. 41–65.
- Deities and Shrines of Neolithic Anatolia. Excavations at Çatal Hüyük 1962. In: Archaeology 16/1(1963), S. 29–38.
- Excavations at Çatal Hüyük. Second Preliminary Report, 1962. In: Anatolian Studies 13 (1963), S. 43–103
- Early Cultures of the South Anatolian Plateau II. The Late Chalcolithic and Early Bronze Ages in the Konya Plain. In: Anatolian Studies 13 (1963), S. 199–236.
- Excavations at Çatal Hüyük. Third Preliminary Report, 1963. In: Anatolian Studies 14 (1964), S. 39–119.
- Earliest civilizations of the Near East, London 1965.
- Excavations at Çatal Hüyük. Fourth Preliminary Report, 1965. In: Anatolian Studies 16 (1966), S. 15–191.
- The Chalcolithic and Early Bronze Ages in the Near East and Anatolia, Beirut 1966.
- Çatal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia, London 1967.
- Excavations at Hacılar, 2 Bde., Edinburgh 1970.
- Western Anatolia, Beycesultan and the Hittites, Ankara 1974.
- The Neolithic of the Near East, London 1975.
- The Archaeology of Ancient Turkey. Rowman and Littlefield, Totowa NJ 1978.
- Some notes on the prehistory of Anatolian Kilims. In. Bertram Frauenknecht (Hrsg.): Early Turkish Tapestries, Nürnberg 1984, S. 25–41.
- (mit Udo Hirsch/Belkıs Balpınar): The Goddess from Anatolia, 4 Bde., Mailand 1989.
- The Earliest Representations of the Goddess of Anatolia and Her Entourage. In: Jürg Rageth (Hrsg.): Anatolische Kelims. Symposium Basel, Basel 1990, S. 27–46.
- (mit Ann Murray): Beycesultan, Bd. 3/2, Late Bronze Age and Phrygian Pottery and Middle and Late Bronze Age Small Objects, London 1995.
Literatur[Bearbeiten]
- Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420 [PDF-Version].
- Ian Hodder: Mellaart, James. In: Oxford Dictionary of National Biography Online, Januar 2016 [Zugriff am 21. Juni 2026].
- Jan Stronk/Maarten de Weerd (Hrsg.): Talanta 50 (2018) [Themenband als Reaktion auf die Entdeckungen und Thesen von Zangger und Woudhuizen].
- Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020 [Gedenkband; einige der Beiträge weisen stark verharmlosende Tendenzen auf].
- John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127.
- Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216 [PDF-Version].
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über James Mellaart im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
Anmerkungen[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mellaart, James |
| KURZBESCHREIBUNG | britischer Prähistoriker |
| GEBURTSDATUM | 14. November 1925 |
| GEBURTSORT | London |
| STERBEDATUM | 29. Juli 2012 |
| STERBEORT | Islington |