Johann Mirbeth

Johann Mirbeth, genannt Hans Mirbeth (* 18. März 1905 in München; † 8. November 1975 ebenda<ref>Lebensdaten nach Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. Frankfurt am Main 2013, S. 280f.</ref>) war ein deutscher SS-Oberscharführer, der Lagerführer von Außenlagern im KZ Auschwitz sowie KZ Mittelbau-Dora war und Todesmärsche von KZ-Häftlingen begleitete.
Leben[Bearbeiten]
Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]
Mirbeth war der Sohn eines Werkmeisters.<ref name="Klee280f">Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. Frankfurt am Main 2013, S. 280f.</ref> Nach dem Ende seiner Schulzeit machte er eine Ausbildung zum Tischler, musste diesen Beruf aber aufgrund einer Fußerkrankung aufgeben. Nachdem er zum 1. September 1931 der NSDAP (Mitgliedsnummer 621.343)<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/28761089</ref> und im selben Jahr der SS beigetreten war (SS-Nummer 15.585), arbeitete er bei der Reichszeugmeisterei der NSDAP in seiner Heimatstadt. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges folgten seine Einziehung zur Waffen-SS und eine militärische Ausbildung in Dachau. Aufgrund seiner Fußerkrankung wurde er frontuntauglich eingestuft entlassen.<ref>Gerhard Hoch: Von Auschwitz nach Holstein. Die jüdischen Häftlinge von Fürstengrube. Hamburg 1990, S. 95.</ref>
Angehöriger der Lager-SS im KZ Auschwitz und im KZ Mittelbau-Dora[Bearbeiten]
Im Januar 1941 wurde er in das KZ Auschwitz versetzt, wo er zunächst der Wachkompanie zugeteilt und anschließend als Kommandoführer eingesetzt war. Des Weiteren verrichtete er Dienst an der Rampe, als die ankommenden Transporte noch auf dem zwischen dem Stammlager des KZ Auschwitz und dem KZ Auschwitz-Birkenau gelegenen Bahngleis ankamen.<ref name="Klee280f"/> Am 20. August 1942 wurde er in einem Kommandanturbefehl belobigt, weil er zwei geflohene französische Häftlinge beim Bahnhof Prokocim entdeckt und festgenommen hatte.<ref>Norbert Frei (Mithg.): Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945. München 2000, ISBN 978-3-598-24030-0. S. 162</ref>
Lagerführer im Außenlager Golleschau[Bearbeiten]
Ab Anfang April 1943 war er Lagerführer im Außenlager Golleschau des KZ Auschwitz. Dort mussten die Häftlinge in einem Steinbruch und einer Zementfabrik Zwangsarbeit unter schwersten Bedingungen verrichten.<ref>Andrea Rudorff: Golleschau. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. S. 240.</ref> Mirbeth gab nach Kriegsende in einer Aussage an, dass er in Golleschau mehrmals eigenhändig die Prügelstrafe von 25 Stockschlägen an Häftlingen wegen Kartoffeldiebstahls usw. vollzogen hätte. Laut dem Auschwitzüberlebenden Franz Unikower war Mirbeth ein „brutaler Schläger, der immer wieder Häftlinge misshandelte.“<ref name="Klee280f"/> Mehrfach selektierte Mirbeth arbeitsunfähige Häftlinge aus, die in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überstellt wurden.<ref>Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Reinbek 1989, S. 827, 861, 881.</ref> Mirbeth äußerte sich nach Kriegsende über die Erhängung eines ungarischen Juden im Herbst 1944: „Bei der Erhängung habe ich selbst den Hocker weggezogen“.<ref>Zitiert bei Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. Frankfurt am Main 2013, S. 281, Blatt 16947 zum ersten Frankfurter Auschwitzverfahren</ref>
Lagerführer im Außenlager Althammer[Bearbeiten]
Zum 1. Oktober 1944 übernahm Mirbeth die Lagerführung des Außenlagers Althammer des KZ Auschwitz, wo Häftlinge ein Wärmekraftwerk errichten mussten. Am 4. Oktober 1944 wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet.<ref name="Klee280f"/> Unter Mirbeth verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Häftlinge, da er lange Häftlingsappelle abhalten ließ und für kleinste Vergehen schwere Strafen anordnete. Mirbeth erschoss dort auch zwei Häftlinge.<ref>Andrea Rudorff: Althammer. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. S. 177.</ref>
Nach der Räumung des KZ Auschwitz aufgrund des Anrückens der Roten Armee im Januar 1945 wurde der Großteil der Häftlinge des KZ Althammer auf einem Todesmarsch nach Gleiwitz verbracht und von dort größtenteils in das KZ Mittelbau transportiert.<ref>Andrea Rudorff: Althammer. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. S. 178.</ref>
Lagerführer im Außenlager Blankenburg-Oesig[Bearbeiten]
Mirbeth übernahm danach die Lagerführung im Außenlager Blankenburg-Oesig des KZ Mittelbau.<ref>Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora. Göttingen 2001, S. 653.</ref> Vor der Befreiung des KZ Mittelbau durch die US-Armee führte Mirbeth am 6. April 1945 einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen nach Magdeburg. Dort schloss er sich dem von Max Schmidt geleiteten Todesmarsch von Häftlingen aus dem KZ Fürstengrube mit der von ihm geleiteten Häftlingskolonne an. Die Häftlinge wurden mit einem Elbkahn nach Lübeck verbracht und wurden von dort in die Nähe von Ahrensbök getrieben, wo sie Mitte April 1945 ankamen. Während und nach dem Todesmarsch kamen viele Häftlinge um oder wurden erschossen. Die Überlebenden von Mirbeths geleiteter Häftlingskolonne kam in einer Scheune auf dem Gut Glasau bei Sarau unter.
Ende April 1945 brachte Mirbeth wenige Häftlinge aus westlichen Staaten nach Lübeck, wo sie durch das Schwedische Rote Kreuz nach Schweden ausgeschifft wurden. Ein Teil der Häftlinge wurde auf das Schiff Cap Arcona verbracht, das am 3. Mai 1945 irrtümlich nach Angriffen der Royal Air Force versenkt wurde.
Kriegsende, Nachkriegszeit und Verurteilung[Bearbeiten]
Mirbeth setzte sich anschließend als Zivilist getarnt aus Sarau ab und ging nach Hamburg. Ab dem 8. Mai 1945 arbeitete er auf den Ländereien von Otto von Bismarck und Gottfried von Bismarck-Schönhausen, zwei Enkel des Reichsgründers, als Gärtner in Friedrichsruh.<ref>Klaus Wiegrefe: Der zweite Mann. In: Der Spiegel 9/2005, S. 40ff.</ref> Im Herbst 1945 setzte er sich in das Ruhrgebiet ab, wo er als Bergarbeiter eine Anstellung fand. Infolge eines Wadenbeinbruchs wurde er entlassen und kehrte nach München zurück, wo er seinen Lebensunterhalt wieder als Tischler bestritt.<ref>Jörg Wollenberg: Zwischen Menschenhandel und Endlösung. Die „Endlösung der Judenfrage“ im Spiegel von Himmlers Geheimdienstverhandlungen in Holstein nach der Räumung von Auschwitz. S. 13.</ref>
Durch das Schwurgericht am Landgericht Bremen wurde Mirbeth am 27. November 1953 wegen Tötungsverbrechen im Außenlager Golleschau zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Am 21. Dezember 1956 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Mirbeth erhielt eine Invalidenrente und besserte sein Einkommen mit Hilfstätigkeiten in dem Büro eines Münchner Rechtsanwaltes auf.<ref name="Klee280f"/> Ein gegen ihn wegen Verbrechen im Außenlager Althammer eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde 1973 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.<ref>Andrea Rudorff: Althammer. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. S. 178.</ref> Seine Verbrechen in Blankenburg und während der Todesmärsche wurden nicht strafrechtlich verfolgt.
Literatur[Bearbeiten]
- Gerhard Hoch: Von Auschwitz nach Holstein. Die jüdischen Häftlinge von Fürstengrube. Hamburg 1990/1998. Rezension von Christine Weber-Herfort
- Jörg Wollenberg: Spurensuche von Ahrensbök nach Auschwitz und zurück. Die andere Erinnerung und die Grenzen der Wahrheitsfindung. In: Jahrbuch für Heimatkunde – Eutin. Eutin 2007, S. 257–298, (Auszüge Online)
- Jörg Wollenberg: Zwischen Menschenhandel und Endlösung. Die „Endlösung der Judenfrage“ im Spiegel von Himmlers Geheimdienstverhandlungen in Holstein nach der Räumung von Auschwitz.
- Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7: Niederhagen/Wewelsburg, Lublin-Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch (Vught), Bergen-Belsen, Mittelbau-Dora. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-52967-2.
- LG Bremen, 27. November 1953. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966. Bd. XI. Bearbeitet von Adelheid L. Rüter-Ehlermann, H. H. Fuchs, C. F. Rüter. University Press, Amsterdam 1974, Nr. 379, S. 497–657, Tötung sowie Misshandlung (teilweise mit Todesfolge) jüdischer Häftlinge im KL Golleschau, während der Evakuierung des KL Golleschau auf dem „Todesmarsch nach Loslau“, im KL Obertraubling und während des Evakuierungsmarsches von dem KL Obertraubling in das KL Dachau, hauptsächlich durch den Lagerältesten und einen Kapo.
- Klaus Wiegrefe: Der zweite Mann. Johann Mirbeth war SS-Unteroffizier in Auschwitz. 1945 versteckte er sich bei Otto von Bismarck, dem Enkel des »Eisernen Kanzlers«. In: Der Spiegel Nr. 9 / 22. Februar 2025, S. 40–43.
Weblinks[Bearbeiten]
- Kay Ingwersen: Stachel im Gewissen. Ein Dorf sträubt sich gegen die Erinnerung. In: Die Zeit, Ausgabe 8 vom 17. Februar 1989
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mirbeth, Johann |
| ALTERNATIVNAMEN | Mirbeth, Hans |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher SS-Oberscharführer im KZ Auschwitz |
| GEBURTSDATUM | 18. März 1905 |
| GEBURTSORT | München |
| STERBEDATUM | 8. November 1975 |
| STERBEORT | München |
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