Zum Inhalt springen

Julius Markschiess van Trix

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Julius "Jonny" Markschiess-van Trix.jpg
Jonny Markschiess-van Trix (2002)

Julius „Jonny“ Markschiess-van Trix (eigentlich Julius Markschiess, * 29. November 1920 in Berlin; † 4. September 2017<ref>Informationsrundbrief des Magischen Zirkels Berlin vom 10. September 2017</ref> ebenda) war ein deutscher Artistenkenner und Autor. Sein selbst gewählter Namenszusatz van Trix war der Name der Artistentruppe, der er in seiner Jugend angehörte.<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002 (von Markschiess-van Trix durchgesehenes, unveröffentlichtes Manuskript)</ref>

Julius Markschiess-van Trix war der Begründer des größten Artistenmuseums Deutschlands,<ref>Leidenschaftlicher Sammler und Begründer der „documenta artistica“ verstorben. Website Stadtmuseum Berlin, abgerufen am 7. Mai 2021</ref> das 1990 als documenta artistica als Außenstelle des Märkischen Museums in eigenen Räumen eröffnete und innerhalb der Sammlung Varieté, Zirkus, Kabarett der Stiftung Stadtmuseum Berlin ohne eigene Räume weiterhin existiert.<ref> Sammlung Varieté, Zirkus, Kabarett. Website Stadtmuseum Berlin, abgerufen am 7. Mai 2021</ref>

Leben[Bearbeiten]

Kindheit[Bearbeiten]

Julius Markschiess wuchs in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Rohrlegers und einer Reinemachefrau<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. In: Festschrift zum 80. Geburtstag von Jonny Markschiess-van Trix. 2002, S. 19.</ref> im Arbeiterviertel an der Singerstraße auf.<ref>Klaus Pfützner: Allez Hopp wird 85. In: Neues Deutschland. 12./13. November 2005, S. 19.</ref> In der Gegend um den nahen Boxhagener Platz im damaligen Berliner Stadtbezirk Friedrichshain kam er früh mit Rummelplätzen und mit Schaustellern in Kontakt.<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002.</ref> Seine allein stehende Mutter unterstützte er bereits in seiner Kindheit durch abendliche Verkäufe von Süßigkeiten an Reisende am Bahnhof Friedrichstraße. Außerdem leistete er sich mit den Einnahmen Varieté-Eintrittskarten.<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002</ref>

Prägend für ihn war die Begegnung mit Charlie Chaplin 1931, als der berühmte Schauspieler eine Kinder- und Jugend-Sozialeinrichtung in der Waisenstraße im damaligen Stadtbezirk Mitte besuchte. Der zehnjährige Markschiess erfuhr von dem damals groß angekündigten Besuch und sprach den Filmstar an. Von dem Zusammentreffen existiert ein Foto, das er sich als Postkarte drucken ließ und gern zeigte.<ref>David Ensikat: Applaus für Jonny! In: Der Tagesspiegel. 6. Oktober 2017. Abgerufen am 6. Mai 2021.</ref> Der persönliche und schriftliche Kontakt soll bis zum Tod Chaplins bestanden haben.<ref>Klaus Pfützner: Allez Hopp wird 85.</ref>

Die Begegnung soll Anlass dafür gewesen sein, dass Markschiess selbst Artist werden wollte.<ref>Oliver Ohmann: Ich traf Charlie Chaplin vor 84 Jahren. In: BZ online. 27. November 2015. Abgerufen am 7. Mai 2021</ref> Mit elf Jahren<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002.</ref> trat er dem Neuköllner Artistenverein Union-Victoria bei.<ref>Tagesspiegel</ref>

Jugend[Bearbeiten]

Sein fehlender „Ariernachweis“ verhinderte die Wahl des Artistenberufs.<ref>Klaus Pfützner: Allez Hopp wird 85. </ref><ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 19</ref> Er begann eine Lehre als Mechaniker in einer Fahrradwerkstatt. Markschiess, der eher der Roten Hilfe als den Nationalsozialisten nahestand<ref>Klaus Pfützner: Allez Hopp wird 85.</ref><ref>Dolores Kummer: Jonny und die Artisten. In: Tagesspiegel vom 30. November 2010. Abgerufen am 7. Mai 2021.</ref> verlor die Stelle, weil er den Sohn des Chefs wegen dessen Mitgliedschaft in einer SA-Fahrradstaffel hänselte.<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002.</ref>

In Hotels, Revue- und Artistenshows avancierte er zum „Mann für alles“.<ref>Klaus Pfützner: Allez Hopp wird 85.</ref> Bei seiner Tätigkeit als Hotel-Boy vom damaligen „Europäischen Hof Berlin“ lernte er den Direktor des benachbarten alten Varietés Wintergarten, Ludwig Schuch, kennen. Dieser schenkte ihm hin und wieder Programmhefte und Plakate, die später die Zirkus- und Artistik-Sammlung von Markschiess-van Trix begründeten.<ref>Anna-Luise Zimmermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 19.</ref>

Mit 19 Jahren wurde er als Soldat an die russische Front eingezogen.<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002.</ref> Dort baute er eine Soldaten-Bühne auf.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft.</ref><ref>Dolores Kummer: Jonny und die Artisten.</ref>

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er 1946 für kurze Zeit nach Braunschweig und eröffnete ein Kabarett.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft.</ref> Er selbst trat dort mit der Artisten-Truppe Van Trix mit einer Hängeperch-Darbietung auf. Eine bei einem Sturz vom Trapez zugezogene unheilbare Knieverletzung machte seiner Bühnen-Karriere ein Ende.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft.</ref><ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002.</ref> Daraufhin gründete er 1947 eine Künstlervermittlung.

Arbeit als Artistik-Historiker und Kulturmanager[Bearbeiten]

Von 1952 bis 1955 war er am Friedrichstadtpalast in Berlin für Werbung zuständig.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 20.</ref> Nebenher erforschte er anhand der Unterlagen die Geschichte dieses traditionsreichen Varieté-Theaters,<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 19</ref> womit seine systematische Arbeit als autodidaktischer Historiker begann. Außerdem sammelte er weiter privat Dokumente, Werbung, Fotos, Fachzeitschriften, Requisiten und Andenken.

1955 war er ein Mitbegründer der ersten staatliche Artistenschule, der damaligen Fachschule für Artistik, im Haus des späteren Kunsthauses Tacheles an der Friedrichstraße in der Nähe des alten Friedrichstadt-Palasts.<ref>taz</ref> In seiner Funktion als dortiger Dozent verfasste er als Lehrmaterial die umfangreiche Geschichte der Artistik.<ref>Berliner Kurier</ref> Außerdem begann er die DEFA bei Dreharbeiten zu Artistenthemen zu beraten.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 20.</ref>

Von 1959 bis 1961 arbeitete er als Programmgestalter bei der Konzert- und Gastspieldirektion Berlin. Ab 1961 wurde er Mitarbeiter der Berliner Festtage<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 20.</ref> und arbeitete ab 1969 am Aufbau des staatlichen Freizeitparks der DDR, des Kulturparks Plänterwald, mit.<ref>David Ensikat: Applaus für Jonny!</ref>

Gründung eines Artistenmuseums[Bearbeiten]

Im Gartenhaus des von ihm bewohnten Mietshauses in der Linienstraße 147 in Berlin-Mitte baute Markschiess-van Trix ab 1975 sein Privatmuseum und Archiv auf. Erstmals feierte er 1977 zusammen mit Anwohnern das Sommerfest „Ringelpitz im Hinterhof“, das später Fortsetzung mit regionaler Aufmerksamkeit fand. Außerdem hielt er dort Vorträge.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 20.</ref>

Ab 1957 richtete er eigene thematische Ausstellungen vor allem in Berlin aus, aber auch in Städten der DDR und Städten von damals sozialistischen Ländern wie Warschau, Kraków, Budapest, Sofia und Prag.<ref>Festschrift zum 80. Geburtstag von Jonny Markschiess-van Trix. 2002, S. 9.</ref> 1981 gab es Ausstellungen in Städten von Schweden, 1987 in Moss, 1988 in Zürich und 1989 Kotka.<ref>Festschrift zum 80. Geburtstag von Jonny Markschiess-van Trix. 2002, S. 25</ref>

Nach langjährigen Bemühungen verkaufte er 1979 für 100.000 Mark<ref>Matthias Busse: Spaziergang durch Berlin mit Markschiess-van Trix. 30. Juli 2002</ref> seine aus allen Nähten platzende Sammlung dem Magistrat von Berlin (Ost). Zusammen mit der bereits 1972 vom Westberliner Sammler Fritz Dillenberg erworbenen Sammlung bildete sie die documenta artistica beim Märkischen Museum von Berlin.<ref>Matthias Busse: Stars der Manege im Ephraim-Palais. In: Neues Deutschland, Berlin-Kultur. 19. Februar 2005.</ref> Markschiess-van Trix fand in der Nähe des Märkischen Museums an der Fischerinsel an der Inselstraße 7, Ecke Wallstraße – fußläufig zu seiner letzten Wohnung – freie Räume, die er nun als beim Magistrat angestellter Leiter der documenta artistica zu einem eigenen Museum ausbaute.

An seinem 70. Geburtstag wurde ihm im November 1990 kurz vor der Eröffnung der Museumsräume gekündigt, angeblich weil er das Höchstalter für die Stelle überschritten hatte. Das Museum wurde der neu gegründeten Stiftung Stadtmuseum angegliedert und 1994 aus Geldmangel geschlossen.<ref>Anna-Luise Zimermann: Vom Hobby zur Wissenschaft. S. 21.</ref> Die insgesamt 200.000 Objekte, Bücher und Kunstwerke umfassende Sammlung lagert nun unter dem Titel Varieté, Zirkus, Kabarett im Depot des Stadtmuseums.<ref>Sammlung Varieté, Zirkus, Kabarett. Abgerufen am 6. Mai 2021</ref> Sie gehört weltweit zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art.<ref>Leidenschaftlicher Sammler und Begründer der „documenta artistica“ verstorben. Website des Stadtmuseums, abgerufen am 7. Mai 2021</ref> Bisher letztmals wurde im Frühjahr 2005 ein umfangreicherer Teil davon in einer Sonderausstellung im Ephraim-Palais gezeigt.<ref>Matthias Busse: Stars der Manege im Ephraim-Palais. In: Neues Deutschland, Berlin-Kultur. 19. Februar 2005.</ref>

Nach langjähriger schwerer Krankheit<ref>https://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/ich-traf-charlie-chaplin-vor-84-jahren-in-berlin Abgerufen am 6. Mai 2021</ref> verstarb Julius Markschiess-van Trix am 4. September 2017 und wurde am 17. Oktober 2017 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt. Seine Ehe mit Ruth Markschiess war kinderlos geblieben. Erben seiner immer noch umfangreichen Privatsammlung gab es keine.<ref>David Ensikat: Applaus für Jonny!</ref>

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • mit Jan Brabec: Artistik. Auswahlbibliographie. Deutsche Staatsbibliothek Berlin, 1968 (DNB 456171096)
  • mit Bernhard Nowak: Artisten- und Zirkusplakate. Ein internationaler historischer Überblick. 1975, ISBN 978-3-7611-0452-1.
    • mit Bernhard Nowak: Les affiches du cirque. Un apaercu historique international. Edition Leipzig, 1976.
    • mit Bernhard Nowak: Circus People and Posters. Edition Leipzig, 1977.
  • Artisten und Zirkusplakate – Magie. 12 Postkarten in Sammelbildmappe mit einem Text des Autors. Planet-Verlag, Berlin 1985.
  • Artisten und Zirkusplakate – Äquilibristik und Akrobatik. 12 Postkarten in Sammelbildmappe mit einem Text des Autors. Planet-Verlag, Berlin 1985.
  • Raritäte seyn su sehn ... Museum für Geschichte der Stadt Leipzig. Leipzig 1988, ISBN 3-910034-00-4.
  • Daneben zahlreiche Beiträge für Lexika, Sammelbände und für die Zeitschrift Artistik.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein