Karolingische Minuskel
Die karolingische Minuskel (auch Carolina, selten auch karlingische Minuskel) ist eine frühmittelalterliche Buchschrift, die ab dem 9. Jahrhundert sehr weite Verbreitung im gesamten Fränkischen Reich fand. Sie gilt als sehr gut lesbar und ästhetisch ansprechend. Die Minuskelschrift entstand in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts; verbreitet wurde sie auch durch den Hof Karls des Großen, nach dem sie benannt wurde. In Variationen war sie in großen Teilen Westeuropas bis ins Hochmittelalter weit verbreitet. Im Spätmittelalter wurde sie zum Ausgangspunkt der gotischen Buchschriften und damit zahlreicher gebrochener Schriften. Auch die Minuskeln der Antiqua sind aus dieser Schrift entstanden, so dass die karolingische Minuskel indirekt auch zahlreiche Satz- und Bildschirmschriften geprägt hat (darunter z. B. gängige Schriftarten wie Times New Roman und Arial).
Merkmale[Bearbeiten]
Die karolingische Minuskel gilt allgemein als eine ökonomische, gut lesbare und ästhetisch sehr ansprechende Schrift.
Fast alle Buchstaben der karolingischen Minuskel werden mit nur einem Zeichen geschrieben, Allographe sind selten. Die wichtigsten Ausnahmen sind a, d und n: In frühen Handschriften tritt neben dem aus der Unziale übernommenen a oft noch das aus der Kursive stammende sogenannte ‚cc-a‘ auf, das später aber verschwindet. Neben das aufrechte d (‚d‘) tritt manchmal das runde, aus der Unziale stammende d (‚ꝺ‘). Etwas häufiger ist eine zweite, aus der Unziale stammende Form des n (‚N‘).
Die beiden unzialen Buchstaben a und n gelten dabei zusammen mit dem relativ variantenreichen g als Leitbuchstaben der karolingischen Minuskel.
Die Buchstaben werden meist unverbunden geschrieben, wobei manche Buchstaben (e, f, g, r, t) sich häufiger mit den folgenden verbinden als andere. Ligaturen sind allgemein eher selten, mit Ausnahme der et-Ligatur (aus der das bis heute gebräuchliche Zeichen ‚&‘ entstanden ist) und der st-Ligatur. Je nach Skriptorium können auch ct-, nt- (teils mit unzialem n), ri-, rt- und andere Ligaturen auftreten; tendenziell nimmt die Häufigkeit im Lauf der Zeit zu. Das r kann in Ligaturen ins Oberband ragen, auch die ct-Ligatur ragt (anders als c oder t) in der Regel ins Oberband.
Als Minuskelschrift können ihre Buchstaben mit einem Vier-Linien-Schema beschrieben werden, das heißt, einer Grundlinie mit zwei darüberliegenden und einer darunterliegenden Linie; der Raum zwischen der zweiten und dritten Linie heißt Mittelband, die Bereiche darüber bzw. darunter sind das Ober- und Unterband. Die meisten Buchstaben (a, c, i, m, n, o, r, t, u, z) sind in das Mittelband eingepasst. Hingegen ragen b, d, h, k und l weit in das Oberband und berühren die oberste Linie des Vier-Linien-Schemas, während g, p, q und x ähnlich weit nach unten ragen und die unterste Linie berühren. Das e (und die et-Ligatur) ragt oft ein wenig ins Oberband, ist also etwas höher als das ansonsten ähnliche c. Das f und das s passen oft ebenfalls nicht perfekt in das Vier-Linien-Schema, insofern sie deutlich ins Oberband ragen, aber nicht so weit wie zum Beispiel b oder d; beide stehen normalerweise auf der Grundlinie, können aber auch leicht ins Unterband ragen. Das y kann mit und ohne Unterlänge vorkommen und trägt oft einen Punkt.
Typisch für die Buchstaben der karolingischen Minuskel ist die Kombination von Bögen und Schäften (z. B. bei b, d, p, q), die An- und Abstriche an den Enden vieler Schäfte (z. B. bei i, m, n), die keulenartigen Verdickungen der Oberlängen (vor allem bei b, d, h, k, l), der dicke Knauf auf der linken Seite von f und s. Die meisten Züge, mit denen die Buchstaben geschrieben werden, haben eine mittlere Breite, zugleich enthalten viele Buchstaben sowohl sehr feine als auch breitere Züge (z. B. Rücken und Bauch des a oder die beiden Balken des x).
Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten]
Die karolingische Minuskel entstand über einen längeren Zeitraum und an mehreren Orten durch eine Fortentwicklung der jüngeren römischen Kursive unter Einfluss der Unziale und der Halbunziale. Als wichtige Skriptorien, die zur Entwicklung beigetragen haben, gelten vor allem das der Abtei Corbie, aber auch das von Saint-Martin de Tours und anderen Klöstern im Frankenreich. An zahlreichen Orten wurde dabei die römische Kursive, eine Gebrauchsschrift, durch immer kalligraphischere Ausführung, die Trennung der Buchstaben und Auflösung von Ligaturen zu einer Buchschrift weiterentwickelt, die ein buchstabenweises Schreiben (statt einer flüssigen Verbindung jeweils mehrere Buchstaben) voraussetzte. Als eine der wichtigsten Innovationen gilt die Ersetzung des oben offenen kursiven a (‚cc-a‘) durch ein aus der Unziale übernommenes a mit einem schrägen Rücken.
Für die Vereinheitlichung und Verbreitung der neuen Schrift wird dem Hof Karls des Großen eine wichtige Rolle zugesprochen. Die sogenannten Alkuin-Bibeln, die in Saint-Martin de Tours geschrieben und an viele Klöster und Kirchen des Frankenreichs verschickt wurden, machten neben dem Inhalt auch die hier verwendete karolingische Minuskel weithin bekannt.
Ursprungsort und -zeitpunkt[Bearbeiten]
Die meisten Paläographen betonen, dass die karolingische Minuskel in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts allmählich und an mehreren Orten entstand.<ref name=":0" /><ref name=":11">Ludwig Bieler: [Rezension zu:] E. A. Lowe. Codices Latini Antiquiores. A Palaeographical Guide to Latin Manuscripts Prior to the Ninth Century. In: The American Journal of Philology 75.3 (1954), S. 323–326.</ref><ref name=":3" /><ref name=":7">Jacques Stiennon: Paléographie du Moyen Age. (= Collection U : Histoire médiévale), Paris 1973, hier S. 96–97.</ref><ref>David Ganz: The Study of Caroline Minuscule 1953-2004. In: Archiv für Diplomatik 50 (2004), S. 387–398. Online.</ref><ref>Malcolm Beckwith Parkes: Their hands before our eyes: a closer look at scribes. The Lyell lectures delivered in the University of Oxford, 1999 (The Lyell lectures), Aldershot 2008.</ref><ref>David Ganz: Early Caroline: Germany and France. In: Frank T. Coulson / Robert Gary Babcock (Hrsg.): The Oxford Handbook of Latin Palaeography, Oxford 2020, S. 237–261. Online.</ref> Oft wird betont, dass die Quellenlage keine sichere Rekonstruktion der genauen Entstehung erlaube.<ref name=":0">Elias A. Lowe: Introduction. In: Codices Latini Antiquiores. Part VI: France: Abbeville-Valenciennes, Oxford 1953, S. v–xxx, hier vor allem S. xxiv. Online.</ref><ref name=":3">Bernhard Bischoff: La minuscule caroline et le renouveau culturel sous Charlemagne. In: Bulletin d’information de l’Institut de Recherche et d’Histoire des Textes 15.1967 (1969), S. 333–336.</ref> Die Frage nach ‚dem‘ Ursprung der neuen Schrift wird überwiegend als unzulässig oder sinnlos verworfen.<ref name=":5" /><ref name=":6" /><ref>Hans Foerster: Abriss der lateinischen Paläographie. 3. überarbeitete und um ein Zusatzkapitel Die Schriften der Neuzeit erweiterte Auflage von Thomas Frenz. Hiersemann, Stuttgart 2004, S. 204.</ref>
Früheste Beispiele[Bearbeiten]
Unabhängig von der Frage nach dem Ursprung der neuen Schrift werden aber verschiedene Handschriften genannt, die das früheste datierbare Auftreten der neuen Schrift belegen sollen.
Im Anschluss an Elias Avery Lowe wird oft die sogenannte Maurdramnus-Minuskel als die älteste Form der karolingischen Minuskel angesehen.<ref name=":0" /><ref name=":11" /><ref name=":7" /><ref name=":2">Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. (= Grundlagen der Germanistik Band 24), 4. Auflage. Berlin 2009, hier S. 136–160.</ref> Sie ist nach Abt Maurdramnus von Corbie benannt, der die Bibel von Amiens in Auftrag gab, die in dieser für Corbie typischen Minuskelschrift geschrieben ist. Insgesamt sind etwa 60 Handschriften erhalten, die in der Maurdramnus-Minuskel geschrieben sind; die meisten können aber nicht genauer als in die zweite Hälfte des achten Jahrhunderts datiert werden.<ref name=":1">Elias A. Lowe: Codices Latini Antiquiores: A Palaeographical Guide to Latin Manuscripts Prior to the Ninth Century. 11 Bände. Oxford 1934–72.</ref><ref name=":4">David Ganz: Scripts of Merovingian Gaul. In: The Oxford Handbook of Latin Palaeography, Oxford 2020, S. 193–202, hier S. 199. Online.</ref> Bei der Bibel von Amiens hingegen ist sicher, dass sie während Maurdramnus’ Abbatiat (771–781) angefertigt wurde. Meist wird sie daher als älteste datierbare Handschrift in karolingischer Minuskel angesehen;<ref name=":7" /> teilweise gilt sie aber auch als Beispiel der letzten Vorstufe zur karolingischen Minuskel.<ref name=":5">Paul Lehmann: Lateinische Paläographie bis zum Siege der karolingischen Minuskel. In: Alfred Gercke / Eduard Norden (Hrsg.): Einleitung in die Altertumswissenschaft, Band 1, 10. Heft, Leipzig und Berlin 1925, S. 38–68.</ref><ref name=":6">Françoise Gasparri: Introduction à l’histoire de l’écriture. (= Reference works for the study of mediaeval civilization), Turnhout 1994. ISBN 2-503-50394-2.</ref><ref name=":4" />
Eine besondere Bedeutung für die Forschungsgeschichte zur karolingischen Minuskel hat die seit dem 19. Jahrhundert intensiv erforschte Handschrift Berlin, SBPK, Theol. lat. fol. 354 (= CLA VIII, 1067a) aus Corbie. Die Minuskel-Passagen auf drei Seiten (fol. 1v–2v) der Berliner Handschrift beschrieb Loew nicht zuletzt aufgrund des hier zu findenden unzialen a als eine „frühe karolingische Minuskel“, die offenbar älter als die Maurdramnus-Minuskel sei, ohne sie aber genauer als „2. Hälfte 8. Jahrhundert“ und älter als die Amiens-Bibel zu datieren.<ref>Elias A. Lowe: Codices Latini Antiquiores. Part VIII: Germany. Altenburg – Leipzig, Oxford 1959, hier Nr. 1067a (online): "A rather well-developed early Caroline minuscule, apparently antedating the Maurdramnus type, is used on foll. 1v–2v: a is the rule."</ref> Bieler wertete dies als Beweis, dass älteste erhaltene Beispiel der karolingischen Minuskel unter Abt Leutchar entstanden sei.<ref name=":11" /> Auch Bischoff hat Loews Datierung von fol. 1v–2v vorsichtig zugestimmt und sprach zurückhaltend von einer „der Maurdramnus-Minuskel wahrscheinlich vorausgehende Minuskel“.<ref>Bernhard Bischoff: Paläographie. Mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Kulturgebietes. In: Wolfgang Stammler (Hrsg.): Deutsche Philologie im Aufriss Band 1, 2. Auflage Berlin 1957, S. 379–452, hier S. 413.</ref> Tino Licht hat 2012 die Entstehung der Berliner Handschrift in den 760er Jahren plausibel gemacht und fol. 1v–2v als frühestes datierbares Beispiel der karolingischen Minuskel hervorgehoben.<ref name="Tino Licht 2012">Tino Licht: Die älteste karolingische Minuskel. In: Mittellateinisches Jahrbuch, Nr. 47, 2012, S. 337–346.</ref>
Ebenfalls häufig genannt werden das Widmungsgedicht des Godescalc-Evangeliars (geschrieben zwischen 781 und 783) und der Dagulf-Psalter (nach 783); sie gelten als sehr frühe, teils als früheste datierbare Beispiele der karolingischen Minuskel. Zugleich belegen sie die Aufwertung der neuen Schrift am Hofe Karls des Großen, da es sich um ungewöhnlich prächtige Handschriften aus der unmittelbaren Umgebung des Kaisers handelt. Eine Aufwertung der karolingischen Minuskel ist auch daran zu erkennen, dass im Fall des Dagulf-Psalters auch der Bibeltext selbst in dieser Schrift geschrieben wurde.
Forschungsgeschichte[Bearbeiten]
Die Bezeichnung der Schrift als karolingische Minuskel geht auf Jean Mabillon zurück, der ihre Entstehung in die Regierungszeit Karls des Großen setzte und die Schrift daher Carolina nannte,<ref>Jean Mabillon: De re diplomatica libri VI. 2. Auflage. Paris 1709, hier S. 51. Online.</ref> was in allen westeuropäischen Sprachen bis heute die übliche Bezeichnung blieb.
Mit dem Aufschwung der modernen Paläographie setzte im späteren 19. Jahrhundert eine Debatte über Entstehungsort und -zeit ein.<ref name=":7" /><ref name=":8">Hans Foerster: Abriß der lateinischen Paläographie. 3. überarbeitete und um ein Zusatzkapitel Die Schriften der Neuzeit erweiterte Auflage von Thomas Frenz. Stuttgart 2004, S. 204–209.</ref><ref name=":9">Christian Rohr: Historische Hilfswissenschaften. Eine Einführung. Wien/Köln/Weimar 2015, S. 156–157.</ref> Zunächst wurden dabei monogenetische Thesen vertreten, die Entwicklung der karolingischen Minuskel im Wesentlichen als Leistung eines einzelnen Skriptoriums ansahen. Deutsche Gelehrte wie Wilhelm Wattenbach favorisierten die Entstehung der Schrift am Hofe Pippins oder Karls des Großen und gingen daher oft von Aachen als dem Geburtsort der neuen Schrift aus.<ref name=":7" /> Léopold Delisle hingegen vertrat in einem einflussreichen Aufsatz die Ansicht, dass Alkuin von York in seiner Zeit in Saint-Martin de Tours die neue Schrift geschaffen habe.<ref>Léopold Delisle: Mémoire sur l’école calligraphique de Tours au IX siècle. In: Mémoires présentés par divers savants à l’Académie des inscriptions et belles-lettres de l’Institut de France. Première série, Sujets divers d’érudition, Band 32, 1885, S. 29–56.</ref> Theodor von Sickel argumentierte wenig später, im Wesentlichen auf Basis der Frühdatierung der vatikanischen Abschrift des Liber diurnus, für eine bedeutende Rolle der römischen Skriptorien.<ref>Theodor von Sickel: Prolegomena zum Liber diurnus (= Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Philosophisch-historische Klasse Band 117), Tempsky, Wien 1888. (Online.)</ref> Vor allem Philippe Lauer vertrat die Ansicht, dass das Kloster Corbie den größten Anteil an der Entwicklung der karolingischen Minuskel gehabt habe, betonte aber auch parallele Entwicklungen an anderen Orten.<ref>Philippe Lauer: La réforme carolingienne de l’écriture latine et l’école calligraphique de Corbie. In: Mémoires présentés par divers savants à l’Académie des inscriptions et belles-lettres de l’Institut de France. Première série, Sujets divers d’érudition Band 13, 1933, S. 417–440. Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Handle“ ist nicht vorhanden.</ref>
Gleichzeitig machten in den Jahrzehnten um 1900 paläographische Tafelwerke (Faksimiles) und einzelne paläographische Forschungen die Handschriften des achten und neunten Jahrhunderts besser bekannt. Zunehmend wurde dabei deutlich, dass viele Elemente der neuen Schrift schon seit Mitte des achten Jahrhunderts an verschiedenen Orten auftraten (z. B. die Auflösung von Ligaturen, die Verwendung des unzialen a neben cc-a), während umgekehrt das ganze neunte Jahrhundert hindurch auch viele „überholte“ Elemente (z. B. ältere Formen des g) relativ häufig blieben.
Vor allem die Entgegnungen auf Sickels Thesen führten dazu, dass in der Paläographie nicht nur ein römischer Ursprung der karolingischen Minuskel überwiegend verworfen wurde, sondern grundsätzlich die Entstehung an nur einem Ort zu einer Zeit bezweifelt wurde. In den 1920er Jahren setzte sich zunehmend die Auffassung durch, dass die karolingische Minuskel über einen längeren Zeitraum in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und an mehreren Orten im Frankenreich entstanden sei.<ref name=":10">Wilhelm Weinberger: Minuskel. In: Georg Wissowa (Hrsg.): Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Band XV,2, Stuttgart 1932, Sp. 1989–2009, hier Sp. 2005.</ref> Soweit einzelnen Skriptorien eine besondere Rolle bei der Entwicklung der karolingischen Minuskel zugeschrieben wurden, wurde meist Corbie als besonders experimentierfreudig genannt, daneben aber auch Tours, Sankt Gallen und der Hof Karls des Großen. Als Leistung der Gelehrten am Hofe Karls des Großen wurde zunehmend nicht mehr die ‚Erfindung‘, sondern die Synthese und Vereinheitlichung der neuen Schrift, vor allem aber ihre Aufwertung und zügige Verbreitung im Frankenreich gesehen. Die von Delisle vertretene Auffassung einer direkten Einflussnahme durch Karl den Großen und/oder Alkuin wurde am deutlichsten von Paul Lehmann an prominenter Stelle verworfen.<ref>Leo-Cunibert Mohlberg: [Rezension zu:] H. Dessau. Lateinische Epigraphik. — P. Lehmann. Lateinische Paläographie [...] Teubner, 1925. In: Archivum Latinitatis Medii Aevi 3 (1927), S. 34–38.</ref><ref name=":10" />
Statt Ort und Zeit der Entstehung war für die Paläographie die Frage wichtiger, aus welcher Schrift sich die karolingische Minuskel entwickelt hatte. Die Forschung von Delisle über Sickel bis Loew hatte vor allem die Halbunziale als Vorbild angesehen. Zunächst hatte Loew sich dabei auf die Minuskel-Passagen in Berlin, SBPK, Theol. lat. fol. 354, fol. 49v gestützt;<ref>Elias A. Lowe: Introduction. In: Codices Latini Antiquiores. Part VI: France: Abbeville-Valenciennes, Oxford 1953, S. v–xxx, hier S. xii.</ref> als er diese als spätere Ergänzungen erkannte, hielt er aber explizit an seiner These fest.<ref>Elias A. Lowe: Introduction. In: Codices Latini Antiquiores. Part VIII: Germany. Altenburg – Leipzig, Oxford 1959, S. v–xii, hier S. x.</ref> Bischoff hingegen plädierte für eine Entwicklung aus der jüngeren römischen Kursive.<ref>Bernhard Bischoff: Paläographie. Mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Kulturgebietes. In: Wolfgang Stammler (Hrsg.): Deutsche Philologie im Aufriss Band 1, 2. Auflage Berlin 1957, S. 379–452 (zuerst 1952). DigitalisatVorlage:WartungsURL.</ref>
Das Modell der polyzentrischen Entstehung der neuen Minuskel in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurde vor allem seit seiner Übernahme durch Bernhard Bischoff in den 1950er Jahren dominant.<ref>Bernhard Bischoff: Paläographie. Mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Kulturgebietes. In: Wolfgang Stammler (Hrsg.): Deutsche Philologie im Aufriss Band 1, 2. Auflage Berlin 1957, S. 379–452 (zuerst 1952). DigitalisatVorlage:WartungsURL.</ref><ref name=":9" /> Auch hinsichtlich der Ableitung vor allem aus der Kursive setzte sich Bischoffs Ansicht durch, der sich auch Loew anschloss.<ref>Elias A. Lowe: Handwriting: Our Medieval Legacy. Rom 1969, hier S. 28.</ref> In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es Konsens, dass die Frage nach dem einen Ursprung falsch gestellt und die nach der Rolle Karls des Großen bei der Ausbildung der Schrift uninteressant sei.<ref name=":7" /><ref name=":8" />
Literatur[Bearbeiten]
- Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. Mit einer Auswahlbibliographie 1986–2008 von Walter Koch (= Grundlagen der Germanistik Band 24), 4. Auflage Berlin 2009. ISBN 978-3503098842.
- Bernhard Bischoff (†) / Thomas Frenz: Art. Karolingische Minuskel. In: Severin Corsten / Günther Pflug / Friedrich Adolf Schmidt-Künsemüller (Hrsg.): Lexikon des gesamten Buchwesens Band 4. 2. Auflage Stuttgart 1995, S. 165–166.
- Horst Enzensberger: Karolingische Minuskel. In: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Stuttgart 2016. ISBN 978-3-476-02641-5, S. 307.
- David Ganz: Caroline Minuscule. In: Frank T. Coulson / Robert Gary Babcock (Hrsg.): The Oxford Handbook of Latin Palaeography, Oxford 2020, S. 237–261.
- Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Literatur“ ist nicht vorhanden.Skriptfehler: Ein solches Modul „TemplatePar“ ist nicht vorhanden.
- Herrad Spilling: Die Entstehung der karolingischen Minuskel. In: Johannes Fried / Liselotte Esther Saurma-Jeltsch (Hrsg.): 794: Karl der Grosse in Frankfurt am Main. Ein König bei der Arbeit. Ausstellung zum 1200-Jahre-Jubiläum der Stadt Frankfurt am Main, Sigmaringen 1994, S. 51–53.
Weblinks[Bearbeiten]
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- Johannes Saltzwedel: Schreibstil: Normlettern auf Pergament spiegel.de, 27. November 2012
- Visuelle Geschichte des Lateinischen Alphabets, interaktive Grafik der Fachhochschule Potsdam. Per Klick auf das Alphabet bei Karolingische Minuskel (etwa in der Mitte der Grafik) werden deren Abstammungsbeziehungen hervorgehoben und Beispiele angezeigt, zu denen jeweils weitere Informationen abrufbar sind.
- Pfeffer Mediæval, eine karolingische Minuskel mit umfangreichem Zeichensatz als Unicode-Schriftart
Anmerkungen[Bearbeiten]
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