Kipptischuntersuchung
Die Kipptischuntersuchung (auch Tilt-Test [englisch: to tilt = „neigen, kippen, schräg stellen“], Kipptisch-Test oder Kipptischversuch<ref>Klaus-Dieter Scheppokat: Funktionelle kardiovaskuläre Störungen: In: Walter Siegenthaler, Werner Kaufmann, Hans Hornbostel, Hans Dierck Waller (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. 3., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1992, ISBN 3-13-624303-X, S. 145–155.</ref>) ist ein Untersuchungsverfahren in der Humanmedizin. Sie ermöglicht die Beurteilung der Anpassung des Blutdrucks an passive Lageänderungen des Patienten und kann eine orthostatische Hypotonie (fehlende Anpassung des Blutdrucks an schnelle Lageänderungen) oder vasovagale Synkopen (Ohnmacht etwa nach einem längeren Zeitraum in aufrechter Position) als Ursache wiederholter plötzlicher Bewusstlosigkeit (Synkope) aufklären helfen.<ref>Wolfgang Piper: Innere Medizin. Springer Verlag, Springer-Lehrbuch, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-33725-6, S. 17.</ref> Ursachen einer orthostatischen Dysregulation können Fehlsteuerungen des Herzens und der Blutgefäße oder ein Funktionsverlust des vegetativen Nervensystems sein.<ref>Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch. 270. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2026, ISBN 978-3-11-131898-1, S. 910.</ref><ref>David D. Spragg, Gordon F. Tomaselli: Grundlagen der Elektrophysiologie. In: Norbert Suttorp, Martin Möckel, Britta Siegmund, Manfred Dietel (Hrsg.): Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, ABW Wissenschaftsverlag, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, Band 2, Kapitel 238, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 2136, doi:10.1055/b000000107.</ref>
Der Kipptisch kann auch für die Analyse von Geräten in der Medizintechnik hergenommen werden, dort jedoch nicht als Mittel für die Diagnostik → Kipptisch (Messtechnik)
Indikation[Bearbeiten]
Synkopen sind häufige Ereignisse in der Allgemeinbevölkerung. Bei älteren Personen liegt die Inzidenz bei 6 % pro Jahr, 1/3 davon erleiden mehrere Synkopen hintereinander. Die Gefahren und Folgen von daraus resultierenden schweren Verletzungen sind evident.
Eine umfassende Diagnostik ermöglicht in bis zu 70 % der Fälle, die Ursache von Synkopen zu klären. Bei einigen Ursachen können Maßnahmen gegen ein Rezidiv die Morbidität und Mortalität günstig beeinflussen. Eine Kipptischuntersuchung wird in der Regel durchgeführt, wenn die vorhergehenden Untersuchungen wie Echokardiographie, Ergometrie, Langzeit-Blutdruckmessung (ABDM), Langzeit-EKG und einfache Kreislauftests kein schlüssiges Ergebnis erbracht haben.
Die Kipptischuntersuchung kann Hinweise für die Klassifikation der Synkope ergeben, ohne diese unbedingt auslösen zu müssen.
Durchführung[Bearbeiten]
Das Prinzip der Kipptischuntersuchung beruht darauf, die Pathomechanismen, die zur erlebten Synkope geführt haben, unter kontrollierten Bedingungen nachzuvollziehen. Der auf einem speziellen Untersuchungstisch gesicherte Patient wird dazu aus dem waagerechten Liegen langsam auf 60–70° „aufgekippt“, wobei es zu einem „Versacken“ des Blutes in den unteren Extremitäten kommt (venöses Pooling). Nach anderen Autoren betragen der Kippwinkel 60 bis 80 Winkelgrad und die Versuchsdauer bis zu 45 Minuten.<ref>Gerd Harald Herold: Innere Medizin 2026. Eigenverlag, Köln 2026, ISBN 978-3-9821166-5-5, S. 316.</ref>
Dadurch steht dem Herzen weniger Blut zur Verfügung, das Schlagvolumen nimmt ab und es kommt zum Blutdruckabfall. Um die dadurch ausgelösten Kompensationsmechanismen beurteilen zu können, werden während des Versuchs regelmäßig Blutdruck und Herzfrequenz bestimmt. Anhand dessen kann zwischen normaler und krankhafter Kreislaufreaktion unterschieden und bei einigen Patienten eine spezifische Behandlung eventueller Kreislaufreaktionsschwächen ermöglicht werden. Genügt das „Aufkippen“ nicht, um einen Kreislaufstress auszulösen, kann zusätzlich eine pharmakologische Provokation mit Nitroglycerin durchgeführt werden („Italienisches Protokoll“).<ref name="Erdmann2009">Fikret Er, Erland Erdmann: Die Kipptischuntersuchung. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 134, Heft 30, 2009, S. 1535–1538. doi:10.1055/s-0029-1233977. PMID 19603371.</ref>
Beim gesunden Probanden kommt es nach dem „Aufkippen“ zu einem kurzzeitigen Blutdruckabfall, der über die Aktivierung von Barorezeptoren eine Engstellung der Gefäße und eine Steigerung der Herzfrequenz nach sich zieht. Ist diese Reaktion gestört, wird der Blutdruckabfall nicht ausreichend kompensiert und es kommt zur Bewusstlosigkeit (positives Testergebnis). Von einer sekundären Fehlregulation oder neurokardiogenen Dysregulation spricht man, wenn der Kompensationsmechanismus zunächst erfolgreich war, es aber verzögert zu einem Blutdruckabfall kommt. Weiter wird hier unterschieden in einen kardioinhibitorischen Typ, bei dem Blutdruck und Herzfrequenz abfallen, und einen vasodepressorischen Typ, bei dem die Herzfrequenz unbeeinträchtigt bleibt.<ref name="Erdmann2009" />
Für ein positives Test-Ergebnis kann es mehrere Ursachen geben. Um nachvollziehen zu können, ob ein Absacken des Blutdrucks oder der Herzfrequenz zur Bewusstlosigkeit geführt hat, wird in moderneren Durchführungsprozeduren der Blutdruck kontinuierlich während des Experiments gemessen. Werden diese Daten protokolliert, kann der Test bereits während der Präsynkope als positiv abgebrochen werden. Auf diese Weise werden eine Synkope und damit verbundene potentielle Komplikationen vermieden.<ref>Roland D. Thijs, Michele Brignole, Cristian Falup-Pecurariu, Alessandra Fanciulli, Roy Freeman, Pietro Guaraldi, Jens Jordan, Mario Habek, Max Hilz, Anne Pavy-Le Traon, Iva Stankovic, Walter Struhal, Richard Sutton, Gregor Wenning, J. Gert van Dijk: Recommendations for tilt table testing and other provocative cardiovascular autonomic tests in conditions that may cause transient loss of consciousness. Consensus statement of the European Federation of Autonomic Societies (EFAS) endorsed by the American Autonomic Society (AAS) and the European Academy of Neurology (EAN). In: Autonomic Neuroscience: Basic and Clinical. Band 233, 2021, Artikel 102792. doi:10.1016/j.autneu.2021.102792.</ref>
Komplikationen[Bearbeiten]
Insgesamt ist die Kipptischuntersuchung sehr sicher. Es gibt keine Berichte über Todesfälle durch die Untersuchung.<ref>The Task Force for the Diagnosis and Management of Syncope of the European Society of Cardiology (ESC): Guidelines for the diagnosis and management of syncope (version 2009). In: European Heart Journal. Band 30, 2009, S. 2631–2671, doi:10.1093/eurheartj/ehp298.</ref> Das Auftreten einer Synkope wird als positives Testergebnis und nicht als Komplikation gewertet. Dabei kann es, abhängig von der Art der Dysregulation, zu einem starken Abfall der Herzfrequenz bis hin zur selbstlimitierenden Asystolie kommen.<ref>Thomas Weber: Stellenwert der Kipptischuntersuchung in der Synkopenabklärung. In: Journal für Kardiologie. Band 10, Nr. 11. Krausse & Pachernegg, Gablitz 2003, S. 473–480 (kup.at [PDF; abgerufen am 25. November 2015]).</ref> Unter pharmakologischer Provokation zur Vergrößerung der Sensitivität kann es in seltenen Fällen zu weiteren unerwünschten Nebenwirkungen kommen.
Auch deswegen muss während der Untersuchung ein zuständiger Arzt unmittelbar erreichbar sein; eine Reanimationsausrüstumg ist erforderlich.<ref>Consilium Cedip: Practicum 2006. 28. Auflage, JMS Verlag und Industrieservice GmbH, Dortmund 2005, ISBN 3-9810440-1-0, S. 654.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Michele Brignole, Paolo Alboni, David G. Benditt, Lennart Bergfeldt, Jean-Jacques Blanc, Poul Erik Bloch Thomsen, J. Gert van Dijk, Andrew Fitzpatrick, Stefan H. Hohnloser, Jan Janoušek, William N. Kapoor, Rose Anne Kenny, Piotr Kułakowski, Ángel Moya, Alessandro Raviele, Richard Sutton, Georgios Theodorakis, Wouter Wieling: Task Force on Syncope, European Society of Cardiology: Guidelines on management (diagnosis and treatment) of syncope. In: European Heart Journal, Band 22, Heft 15, 2001, S. 1256–1306, doi:10.1053/euhj.2001.2739, PMID 11465961.
- Martin H. Hust, Karl F. Heck, Matthias W. Keim: Kipptisch-Test zur Diagnostik vasovagaler Synkopen. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 96, Nr. 22, 1999, S. A-1488–A-1492 (cardio-med.de [PDF; 109 kB]).
- Andrea Ungar, Chiara Mussi, Attilio Del Rosso, Gabriele Noro, Pasquale Abete, Loredana Ghirelli, Tommaso Cellai, Annalisa Landi, Gianfranco Salvioli, Franco Rengo, Niccolò Marchionni, Giulio Masotti; Italian Group for the Study of Syncope in the Elderly: Diagnosis and Characteristics of Syncope in Older Patients Referred to Geriatric Departments. In: Journal of the American Geriatrics Society. Band 54, Heft 10, 2006, S. 1531–1536, doi:10.1111/j.1532-5415.2006.00891.x, PMID 17038070.
- Herbert Löllgen: Kardiopulmonale Funktionsdiagnostik. 4. Auflage, Novartis, Nürnberg 2005, ISBN 3-933185-67-X, Kapitel »Kipptischuntersuchung: Orthostaseprüfung«, S. 49–52.
Siehe auch[Bearbeiten]
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />