Kirche Enge
Vorlage:Hinweisbaustein Vorlage:Infobox Aussichtsturm Die Kirche Enge ist ein evangelisch-reformiertes Kirchengebäude im Zürcher Quartier Enge. Der nach den Plänen des Architekten und Professors der ETH Zürich, Alfred Friedrich Bluntschli, erstellte Sakralbau gilt als einer der markantesten der Stadt und schweizweit wichtigster Kirchenbau im Stil der Neorenaissance. Er liegt erhöht auf der Bürgliterrasse, einer Moränenkuppe. Im Volksmund wird die Kreuzkuppelkirche mit ihrem kampanileartigen Turm scherzhaft auch Sacré-Cœur von Zürich genannt.<ref name="UB">Urs Bühler: Zürich und sein «Sacré-Cœur». In: Neue Zürcher Zeitung, 26. Februar 2011, abgerufen am 14. Juli 2025.</ref>
Geschichte[Bearbeiten]
Im Jahr 1880 zählte die damals noch selbständige politische Gemeinde Enge 3557 reformierte Einwohner. Deswegen war das bisherige, 1776 errichtete Bethaus mit seinen 350 Sitzplätzen zu klein für die reformierte Kirchgemeinde geworden. Überdies löste sich die Gemeinde 1882 von St. Peter und bildete eine eigene Kirchgemeinde,<ref>Zur Geschichte der Verselbständigung siehe Ewald Walter: 100 Jahre Kirchgemeinde Zürich-Enge. Das Werden einer Kirchgemeinde. Jubiläumsschrift. [ohne Ort] 1982, S. 38–46.</ref> was den Wunsch nach einem repräsentativen Gotteshaus nach sich zog. 1885 schenkte der damalige Kirchgemeindepräsident Conrad Escher der jungen Kirchgemeinde eine Wiese östlich des Bethauses, um die neue Kirche realisieren zu können. In der Gemeinde herrschte jedoch während Jahren keine Einigkeit, wo die Kirche gebaut werden sollte. In Frage kamen verschiedene Standorte, welche die Kirche entweder im Ortszentrum unten oder auf einer höheren Lage weithin sichtbar hätten entstehen lassen. Als sich die Kirchgemeindeversammlung 1887 für den heutigen Standort auf der Bürgliterrasse aussprach, folgte ein jahrelanger Rechtsstreit mit dem Besitzer des darauf stehenden Restaurants Bürgli-Terrassen, Adolf Guyer-Zeller. Während und auch noch nach dem laufenden Prozesse, der vor Bundesgericht zugunsten der Kirchgemeinde endete, wurden weitere Bauplätze diskutiert. In der Kirchgemeindeversammlung vom 27. September 1890 wurden die Bürgliterrassen definitiv zum Standort der neuen Kirche gewählt und dem enteigneten Adolf Guyer-Zeller eine von einer Schätzungskommission berechnete hohe Summe ausbezahlt.<ref>Zu Einzelheiten zur Suche und Wahl des Bauplatzes siehe Ewald Walter: 100 Jahre Kirchgemeinde Zürich-Enge. Das Werden einer Kirchgemeinde. Jubiläumsschrift. [ohne Ort] 1982, S. 46–49.</ref>
Auf Bitte der Kirchenpflege arbeitete der Architekt Alfred Friedrich Bluntschli, der einerseits ein Schüler und anderseits als Professor auch Nachfolger von Gottfried Semper an dem Zürcher Polytechnikum war, zwischen 1888 und 1890 konkrete Entwürfe für die neue Kirche aus. Schon dieser Entwurf sah eine Kreuzkuppelkirche mit angefügtem Kirchturm und einem dem Schiff vorlagerten Eingangsportikus vor, zu dem einen zweiläufige Treppe hochführte. Als Vorlage dienten Bluntschli möglicherweise zwei Projekte seines Lehrers Gottfried Semper: zum einen dasjenige für die Nikolaikirche in Hamburg von 1844 und zum andern dasjenige für die römisch-katholische Kirche St. Peter und Paul in Winterthur von 1863–1865; beide wurden schliesslich allerdings nach anderen Plänen realisiert wurden.<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 33.</ref> Überdies verbrachte Bluntschli gegen Ende seines Studiums ein Semester in Florenz, wo ihn die Renaissancebauten sehr beeindruckten.<ref>Ewald Walter: 100 Jahre Kirchgemeinde Zürich-Enge. Das Werden einer Kirchgemeinde. Jubiläumsschrift. [ohne Ort] 1982, S. 54.</ref> Zunächst tat sich die Kirchenpflege mit einem Bau, der so wenig den Konventionen entsprach, allerdings schwer, so dass sie im Jahr 1890 einen internationalen Wettbewerb ausschrieb. Da nur wenige der 22 eingereichten Projekte auf die örtliche Situation und die Terrainverhältnisse Rücksicht nahm, gar keines die künftige bauliche Entwicklung der Umgebung in Betracht zog und auch die reformierte Idee, dass der Gottesdienst wesentlich in Predigt und Gemeindegesang bestehe, keinen Widerhall in der Anordnung des Innenraums fand, erhielt keines den ersten Preis. Die Kirchenpflege empfahl in der Folge, das Projekt von Bluntschli weiterzuverfolgen. Bluntschli legte im Juli 1891 einen überarbeiteten Entwurf vor, dessen Ausführung die Kirchgemeindeversammlung am 16. August beschloss. Die Blauleitung übertrug der Architekt dem erst 22-jährigen Hermann Fietz. Die Grundsteinlegung fand am 14. Mai 1892 statt, und am 24. Juni 1894 wurde die Kirche eingeweiht.<ref>Zur Baugeschichte siehe Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 2–9.</ref>
Die beiden Pfarrhäuser wurden von Bluntschli in zwei Etappen errichtet: Das ältere, südliche Pfarrhaus an der Bürglistrasse 19 erbaute er 1894, das jüngere nördliche an der Bürglistrasse 11 im Jahr 1900.<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 14.</ref> Die Gartenanlage um die Kirche wurde in zwei Phasen gestaltet: die engere Umgebung der Kirche 1894 nach Plänen von Alfred Friedrich Bluntschli, 1925 der zweite Teil, nachdem im Gefolge des Baus des neuen Bahntunnels der alte Friedhof Enge aufgegeben worden war, nach Plänen von Hermann Herter und den Gebrüder Mertens.<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 12 f.</ref>
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Bethaus Enge auf einer Radierung von Johann Jakob Meyer am Ende des 18. Jahrhunderts
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Glockenaufzug, 1894
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Dem See zugewandte Seite der Kirche mit Grünanlage,
Foto: Johannes Meiner, 1898
1927 erfolgten eine Renovation des Inneren sowie der Freitreppe, 1945 wurden der Gurtbogen im Innern konsolidiert und 1954–1955 Erneuerungsarbeiten an Kuppel und Turm vorgenommen. 1963 wurde das ursprüngliche Unterrichtszimmer unter der Orgelempore in einen Besinnungsraum umgebaut, und 1976–1979 erfolgte eine Gesamtrenovation der Kirche. Der Turm wurde 1979 bis 1984 renoviert, das Äussere der Kirche in den Jahren 2002 bis 2003.<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 8.</ref><ref>Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Zürich 2006, S. 76 f.</ref>
Baubeschreibung[Bearbeiten]
Aussenbereich und Glocken[Bearbeiten]
Die Kirche liegt auf einer Hügelkuppe und ist auch von der Promenade des Zürichsees aus gut sichtbar. Wegen ihrer markanten Lage und ihrer repräsentativen Erscheinung gilt die Kirche Enge als eines der Wahrzeichen des Quartiers. Geschaffen wurde sie als Zentralbau mit kreuzförmigem Grundriss samt Kuppeltambour über der etwas erhöhten Vierung. Die Ost-West-Richtung des Gebäudes wird durch die grosse Vorhalle im Osten und dem rechteckigen Chorvorbau für die Orgel im Westen hervorgehoben. Verschiedene Baumaterialien (Gneis aus dem Tessin, Savonnière-Kalkstein aus Frankreich, Toggenburger Tuff und Baveno-Granit) gliedern das Äussere der Kirche. Die repräsentative Eingangsfront ist der Stadt und dem See zugewandt.<ref name="Stückelberger-Äusseres">Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 15–22.</ref>
Der Kirchturm wurde im nordwestlichen Winkel der Anlage als italienischer Campanile gestaltet. Er birgt fünf Glocken, die ursprünglich alle von der Glockengiesserei Keller (Zürich) im Jahr 1893 gegossen wurden. Die beiden kleinen Glocken wurden 1944 von der Giesserei H. Rüetschi AG ersetzt, da sie Qualitätsmängel aufwiesen; dabei wurde die Glockenzier übernommen. Die Schlagtonfolge lautet: b0 – d1 – f1 – g1 – b1. Alle Glocken hängen in einem Stahlglockenstuhl an verkröpften Stahljochen.<ref name="Stückelberger-Äusseres" />
Zum Haupteingang steigt von der Seestrasse eine grosszügige Treppenanlage aus Granit empor. Gerahmt wird der Fuss der Treppe durch die 1925 von Arnold Hünerwadel geschaffenen Statuen einer klugen und einer törichten Jungfrau. Von der Bürglistrasse führt eine geschwungene Auffahrt zum Kirchplatz.<ref name="Stückelberger-Äusseres" /><ref>Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Zürich 2006, S. 76.</ref>
Die Eingangsfront des markanten Sakralbaus auf dem Hügel, von weither gut sichtbar, die Ähnlichkeiten mit der Pariser Basilika aufweist, brachte der Kirche den Übernamen Zürcher Sacré-Cœur ein.<ref name="UB" /><ref>Reformiert Kirche Zürich: Besinnung in der Kirche Enge. In: Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich. 11. Oktober 2020, abgerufen am 13. Juli 2025.</ref><ref>Engemer Musikforum. Gesellschaft für Musik an der Kirche Enge. In: Engemer Musikforum. Abgerufen am 14. Juli 2025.</ref>
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Brunnen Kirche Enge, Bürglistrasse
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Aussicht auf den Zürichsee vom Glockenturm aus gesehen
Innenraum[Bearbeiten]
Alfred Friedrich Bluntschli gestaltete das Innere der Kirche als einheitlichen Zentralraum, der sich um den Taufstein, den Abendmahlstisch, die Kanzel und die Orgel gruppiert. Jeder Kreuzarm besitzt eine Empore um die Vierung, die Kuppel ruht auf grossen Vierungspfeilern. Über den Kreuzarmen spannen sich breite Tonnengewölbe. Die Wände sind mit Quadratmalereien verziert, das Gebälk und die Gurtenkassetten sind mit Ornamenten bemalt. Die Kapitelle und die Balustraden wurden mit Bildhauerarbeiten versehen.<ref name="Stückelberger-Inneres">Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 23–26.</ref>
Der Taufstein aus Pavonazzo-Marmor steht in der Mittelachse auf einem um zwei Stufen erhöhten Podium vor der Kanzelwand. Er hat die Gestalt eines Pokales oder Brunnens, ist jedoch flach wie ein Tisch. Um die Schale läuft in goldenen Kapitalen die Umschrift: «Lasset die Kindlein zu mir kommen». Mit einem hölzernen Umbau kann der Taufstein zum Abendmahlstisch erweitert werden. In den Kreuzkuppelzwickeln befinden sich vier Evangelistenmedaillons von Eugen Ott. In der flachen Kuppel, deren Scheitel als buntverglastes Rundfenster ausgebildet ist, prangt in der Mitte eine vielzackige Sonne vor blauem Grund als Symbol für das Licht des Glaubens. Die drei grossen Rundfenster über den Emporen sind floral dekoriert und zeigen in der Mitte je ein gleichschenkliges Kreuz. In drei der Zwillingsfenster, die man nur von der Ost- beziehungsweise der Westempore sieht, sind zu je zweien die Apostel Petrus und Paulus, die Reformatoren Zwingli und Luther sowie König David und zwei singende Engel dargestellt; sie wurden von Friedrich Berbig gestaltet. Die Kanzel wurde nach einer Vorlage aus der Renaissance gestaltet und trägt am Fuss die Jahreszahl 1894. Ihr Kanzelkorb besitzt Eichenholzschnitzereien von Josef Regli, nämlich Darstellungen von Jesus, Moses und Elias sowie musizierenden Engeln. Die Leuchter der Kirche wurden vom Architekt Alfred Friedrich Bluntschli entworfen.<ref name="Stückelberger-Inneres" /><ref>Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Zürich 2006, S. 78.</ref>
Die Kirche bietet gemäss Baubeschrieb von 1895 Platz für 1244 Personen, heute geht man von 850 Sitzplätzen aus.<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 29.</ref>
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Fenster mit Huldrych Zwingli und Martin Luther
Orgel[Bearbeiten]
Die Orgel wurde 1894 von dem Orgelbauer Th. Kuhn (Männedorf) erbaut und 1951 gemäss der Disposition von Organist Erich Vollenwyder erneuert. 1993 wurde anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Kirche auf Anregung des Organisten Ulrich Meldau das stillgelegte Fernwerk, das vom II. und III. Manual aus angespielt werden kann, von dem Orgelbauer Norbert Stengele wieder zum Leben erweckt. Das Schleifladen-Instrument hat 68 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind elektrisch. Weitgehend verschwunden sind die einst üppigen Schnitzereien des Gehäuses.<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 28.</ref><ref>Nähere Informationen zur Orgel</ref>
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- Koppeln: II/I, I/P, II/P
Architektonische und kirchenbaugeschichtliche Einordnung[Bearbeiten]
Bluntschlis Vorschlag zuhanden der Baukommission von 1888 musste fast zwangsläufig auf Widerstand stossen. Gemäss dem Eisenacher Regulativ von 1861, einem Vorschriftenkatalog für den evangelischen Kirchenbau in Deutschland, sollten protestantische Kirchen bevorzugt im gotischen Stil, den man als «germanisch» interpretierte, gebaut werden. Bluntschli legte deshalb seiner Skizze einen ausführlichen Erläuterungsbericht bei.<ref name="Stückelberger-Einordnung">Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 34–39.</ref><ref>Die folgenden Zitate aus Ewald Walter: 100 Jahre Kirchgemeinde Zürich-Enge. Das Werden einer Kirchgemeinde. Jubiläumsschrift. [ohne Ort] 1982, S. 56 f.</ref>
Zur Wahl des Zentralbaus schrieb er:
«Für den vorliegenden Fall [kommt] in Betracht, dass die wichtigste Kultushandlung in einer protestantischen Kirche die Predigt ist: es muss also zunächst gesorgt werden, dass hiefür die baulichen Bedingungen voll und ganz erfüllt werden. Da die Predigt von der Gemeinde sitzend angehört wird, so müssen die Sitzplätze so angeordnet werden, dass womöglich von jedem Sitzplatze aus der Geistliche gesehen und gehört werden kann.»
Den Kuppelbau begründete er wie folgt:
«Für die äussere Erscheinung ist die Lage der Kirche bestimmend: sie muss sowohl aus nächster Nähe als auch auf grössere Entfernung hin wirkungsvoll gestaltet sein und sich namentlich dem Landschaftsbilde gut anpassen. Es wurde deshalb der Kuppelbau in Verbindung mit einem seitlich stehenden Turm gewählt, welches Motiv eines der dankbarsten ist, das die Kirchenbaukunst früherer Zeiten erfunden hat und das seiner klaren und bestimmten Umrisslinien und seiner Masse wegen auch auf grössere Entfernung hin zu wirken vermag, das die Würde und Bestimmung der Kirche besser zur Erscheinung bringt als zum Beispiel ein blosser Langhausbau mit Turm. Für die Wirkung auf die Nähe fällt hauptsächlich in Betracht die Freitreppenanlage, die hohe Eingangshalle und der über ihr sich erhebende Giebelbau, während Kuppel und Turm mehr für die Wirkung aus der Ferne berechnet sind.»
Zur Wahl des Renaissancestils äusserte er sich wie folgt:
«Der Entwurf ist im Stile italienischer Frührenaissance gehalten, weil sich dieser Stil einmal für die Erfüllung des Zweckes und die formale Gestaltung des Innenraumes und des äusseren Aufbaus sehr gut eignet und sodann auch hauptsächlich aus dem Grunde, weil er sich besser der Umgebung anpasst als der häufig für Kirchen angewendete mittelalterliche Stil. Ist doch die Enge ein ganz moderner Stadtteil, in dem sozusagen kein Stein aus mittelalterlicher Zeit sich findet: so soll auch die Kirche billig Rücksicht nehmen auf ihre Umgebung und nicht ohne Not auf Stile entlegener Perioden zurückgreifen, infolgedessen der Kirchenbau sich mit allen andern Bauten de Gemeinde in einen gewissen Gegensatz setzen würde.»
Bluntschli war mit dieser Auffassung damals nicht allein. Um 1890 wurden auch in Deutschland Stimmen laut, die für protestantische Kirchen den Typus des Zentralbaus sowie einen neuen Stil empfahlen. Im Mai 1891 erschien in der Deutschen Bauzeitung ein Artikel über das Projekt einer evangelischen Kirche in Wiesbaden, der als «Wiesbadener Programm» rasch Verbreitung fand: Erstens soll die Kirche das Gepräge eines Versammlungshauses der feiernden Gemeinde sein; zweitens soll die Einheit der Gemeinde durch die Einheitlichkeit des Raums Ausdruck gegeben werden; drittens soll die Einrichtung der Kirche dergestalt sein, dass sich die Feier des Abendmahls inmitten der Gemeinde vollziehen kann; und viertens soll die Kanzel eine zentrale Position erhalten und mit der im Angesicht der Gemeinde anzuordnenden Orgel- und Sängerbühne organisch verbunden werden. In Zürich fand das Wiesbadener Programm, das im Einklang mit urreformatorischem Gedankengut stand, im Engemer Pfarrer und Baukommissionsmitglied Julius Ganz einen entschiedenen Verfechter. Bluntschlis erster Entwurf von 1888 entsprach schon in mehreren Punkten dem Wiesbadener Programm, und die Auflagen, welche die Baukommission 1891 im Vertrag mit dem Architekten machte, setzten dieses in jeder Hinsicht um.<ref name="Stückelberger-Einordnung" />
Die eben erst fertiggestellte Kirche Enge wurde im Mai 1894 am ersten «Kongress für den Kirchenbau des Protestantismus» in Berlin als Beispiel einer modernen protestantischen Kirche gewürdigt und auch in der Schweizer Bauzeitung gewürdigt. Gleichzeitig steht der Kuppelbau der Kirche Enge in einer Reihe mit anderen öffentlichen Repräsentationsbauten ihrer Zeit wie Museen, Universitäts- und Parlamentsgebäude, womit sich eine Überlagerung von christlicher Religion und Zivilreligion feststellen lässt.<ref name="Stückelberger-Einordnung" /> Der Kunsthistoriker Johannes Stückelberger resümiert:<ref>Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, S. 39.</ref>
«Die um 1900 nach dem Wiesbadener Programm errichteten protestantischen Kirchen sind Manifeste seines selbstbewussten, aus dem Kulturkampf hervorgegangenen modernen Kulturprotestantismus. Die Kirche Enge ist architekturhistorisch ein herausragendes Monument der Neurenaissancearchitektur, kirchengeschichtlich repräsentiert sie das Selbstverständnis des liberalen Protestantismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts.»
Würdigung[Bearbeiten]
Die Kirche Enge ist ein monumentales Bauwerk an markanter Lage. Sie gilt als einer der wichtigsten Kirchenbauten im Stil der Neurenaissance in der Schweiz. Zugleich ist die Kirche Enge eines der bekanntesten Werke des Architekten Alfred Friedrich Bluntschli. Nach dem Vorbild der Kirche Enge wurde von Otto Pfleghard und Max Haefeli, die beide bei Brunschli an der ETH diplomierten, wenige Jahre später auf der gegenüberliegenden Seeseite die Kreuzkirche in Hottingen erbaut.<ref>Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Zürich 2006, S. 77.</ref>
Aussicht und Aussichtsplattformen[Bearbeiten]
Die prominente Lage der Kirche bietet eine wunderschöne Sicht auf die Stadt, das Zürcher Seebecken und bei Föhnwetter auf die dann sichtbaren Glarner Alpen.
In den Monaten Mai bis August können jeden zweiten Donnerstagabend der Turm und die Kanzel besichtigt werden. 208 Treppenstufen führen zur Aussichtsplattform im Glockenturm auf 50 Meter Höhe.
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Aussichtsplattform Kanzel
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Aussichtsplattform Glockenturm
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Treppe zur Aussichtsplattform
Nutzung des Sakralbaus für Musikaufführungen[Bearbeiten]
Die Kirche verfügt über eine ausgezeichnete Akustik für die grosse Orgel und andere musikalische Vorführungen. Der Gönnerverein Engemer Musikforum, Gesellschaft für Musik an der Kirche Enge organisiert und betreut Konzerte im Sakralbau.
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- François Guex: Reformierte Kirche, Zürich-Enge (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 240). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Basel 1978.
- J. Hefti: Kirche Enge. Erinnerungs-Blätter zum 50jährigen Bestehen der Kirche Enge. 1894–1944. Kirchenpflege, Zürich 1944.
- Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Amt für Städtebau: Enge, Wollishofen, Leimbach (= Baukultur in Zürich. Band V). NZZ, Zürich 2006, ISBN 3-03823-074-X.
- Hochbaudepartement der Stadt Zürich: Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Zürich 2006.
- Johannes Stückelberger: Die reformierte Kirche Enge in Zürich (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 975). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2015, ISBN 978-3-03797-229-8.
- Ewald Walter: 100 Jahre Kirchgemeinde Zürich-Enge. Das Werden einer Kirchgemeinde. Jubiläumsschrift. [ohne Ort] 1982.
Weblinks[Bearbeiten]
- Website des Kirchenkreises 2 der Kirchgemeinde Zürich
- Die grosse Kuhn-Orgel in der Kirche Enge in Engemer Musikforum
- Die Orgel der Kirche Enge in der freien Orgeldatenbank Organ index
- Kirche Enge auf Youtube
- Architektur der Kirche Enge auf YouTube
- Glocken auf YouTube
- Gönnerverein Engemer Musikforum, Gesellschaft für Musik an der Kirche Enge
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
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- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Wikipedia:Seite mit Skriptfehlern
- Kirchengebäude in Zürich
- Kirche in der Reformierten Kirche Kanton Zürich
- Neorenaissancebauwerk in der Schweiz
- Kirchengebäude der Neorenaissance
- Erbaut in den 1890er Jahren
- Kulturgut von nationaler Bedeutung im Kanton Zürich
- Disposition einer Orgel
- Bauwerk des Historismus in Zürich