Kolonialreich
Als Kolonialreich wird die Gesamtheit der Kolonien bzw. kolonial beherrschten Gebiete einer Kolonialmacht bezeichnet. Im engeren historischen Sprachgebrauch bezieht sich der Begriff insbesondere auf die während des neuzeitlichen Kolonialismus und Imperialismus entstandenen Kolonialreiche. Im Duden ist der Begriff als „großes Kolonialgebiet“ definiert.<ref>Kolonialreich ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden. Abgerufen am 2. August 2025.</ref>
Das erste globusumspannende europäische Kolonialreich errichtete Portugal ab dem 15. Jahrhundert, das zudem am längsten bestand.<ref name=":0">Themenseite: Kolonialismus. Abgerufen am 2. August 2025.</ref> Das Vereinigte Königreich verfügte mit dem Britischen Empire über das größte Kolonialreich<ref name=":0" />, gefolgt von Frankreich, während hingegen das Deutsche Kaiserreich, Italien, Belgien und andere Staaten über vergleichsweise kurzzeitige oder kleinere Kolonialreiche verfügten.
Der Begriff Kolonialreich überschneidet sich mit dem weiter gefassten Begriff des Imperiums, ist mit diesem jedoch nicht bedeutungsgleich. Als Kolonialreich werden insbesondere die einer Kolonialmacht unterstehenden Kolonien und sonstigen kolonial beherrschten Gebiete bezeichnet. Imperien konnten darüber hinaus unterschiedliche Formen territorialer und informeller Herrschaft umfassen; die Abgrenzung zwischen Kolonialreich und Imperium ist daher je nach historischem Zusammenhang nicht immer eindeutig.
Der Begriff wird teilweise auch auf koloniale Herrschaftsformen früherer Epochen angewandt, etwa auf die genuesischen und venezianischen Kolonien. In der vergleichenden Kolonialismusforschung werden darüber hinaus auch außereuropäische Expansionen und Herrschaftssysteme unter kolonialgeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht. Dazu zählen unter anderem die frühen arabisch-muslimischen Eroberungen, die mit militärischer Eroberung, der Ansiedlung von Angehörigen der Eroberergesellschaft, der Errichtung eigener Herrschaftszentren und der Abschöpfung materieller Ressourcen und Sklaven verbunden waren. Bei vormodernen Reichen wird allerdings differenziert, inwieweit der moderne Begriff des Kolonialismus auf das jeweilige Herrschaftssystem als Ganzes übertragen werden kann.<ref name="Hoyland2020">Robert G. Hoyland: Were the Muslim Arab Conquerors of the Seventh-Century Middle East Colonialists? In: Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung. Band 30, Nr. 3/4, 2020, S. 262–273, doi:10.26014/j.comp.2020.03-04.04.</ref> In der Neuzeit umfassten die Kolonialreiche europäischer Staaten insgesamt immer größere Teile der Erde. Im Jahr 1492, bei der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, kontrollierten die Europäer nur etwa neun Prozent der weltweiten Landfläche. 1801 war es bereits rund ein Drittel und 1880 waren es zwei Drittel. Im Jahr 1935 wurden schließlich ca. 85 Prozent der Landfläche und 70 Prozent der Weltbevölkerung politisch von Europa aus kontrolliert.<ref>Alvin Toffler: Die Dritte Welle – Zukunftschance. Goldmann, München 1980, ISBN 3-442-11350-4, S. 103.</ref>
Liste bekannter europäischer Kolonialreiche[Bearbeiten]
Die folgende Tabelle vermittelt einen Überblick zu den bekannten Kolonialreichen europäischer Kolonialmächte der Neuzeit. Außerdem bestanden instabile oder kleinflächige Reiche außereuropäischer Mächte, etwa das japanische und US-amerikanische. Nicht aufgeführt sind ferner kleinere Reiche wie das der Balten, Brandenburger, Norweger, Österreicher und Schweden. Eine Sonderform bildet der Binnenkolonialismus des zaristischen Russlands, bei dem Mutterland und Kolonialreich räumlich nicht trennscharf voneinander zu unterscheiden sind.
Außereuropäische Kolonialreiche und koloniale Herrschaftssysteme[Bearbeiten]
Koloniale Expansion und Herrschaft waren historisch nicht auf europäische Mächte und die Neuzeit beschränkt.<ref>Sarah Croucher: The Archaeology of Colonial Encounters in Eastern Africa. In: Peter Mitchell, Paul Lane (Hrsg.): The Oxford Handbook of African Archaeology. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-956988-5, S. 1013–1022, doi:10.1093/oxfordhb/9780199569885.013.0070.</ref><ref name="Deringil2003">Selim Deringil: “They Live in a State of Nomadism and Savagery”: The Late Ottoman Empire and the Post-Colonial Debate. In: Comparative Studies in Society and History. Band 45, Nr. 2, 2003, S. 311–342, doi:10.1017/S001041750300015X.</ref> In der vergleichenden Kolonialismusforschung werden auch die arabisch-muslimischen Eroberungen seit dem 7. Jahrhundert unter kolonialgeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht. Die arabisch-muslimischen Eroberer unterwarfen große Gebiete des Byzantinischen- und des Sassanidenreiches sowie Nordafrikas und weiterer Regionen, siedelten sich in den eroberten Territorien an, errichteten eigene militärische und administrative Zentren und schöpften aus den beherrschten Gebieten materielle Ressourcen und Sklaven ab. Die Eroberer bildeten eine privilegierte Herrschaftsschicht gegenüber der unterworfenen einheimischen Bevölkerung.<ref name="Hoyland2020" /> Nichtmuslime wurden im sich herausbildenden System der Dhimma rechtlich und fiskalisch gegenüber Muslimen untergeordnet. Als Dhimmīs mussten insbesondere Christen, Juden und Zoroastrier die muslimische Herrschaft anerkennen und die Jizya entrichten. Hinzu kamen je nach Zeit und Ort weitere rechtliche und gesellschaftliche Beschränkungen. Auch eine (Zwangs-)Konversion zum Islam führte zunächst nicht notwendig zur vollständigen gesellschaftlichen Gleichstellung mit arabischen Muslimen; nichtarabische Konvertiten, die sogenannten Mawālī, blieben vielfach sozial und politisch benachteiligt.<ref>Milka Levy-Rubin: Non-Muslims in the Early Islamic Empire: From Surrender to Coexistence. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-1-107-00433-7, S. 41–43, 100–128.</ref><ref>William F. Tucker: Mahdis and Millenarians: Shiite Extremists in Early Muslim Iraq. Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-88384-9, S. 4 f.</ref> Ob der moderne Begriff des Kolonialismus auf vormoderne Reiche als Ganzes oder nur auf Aspekte übertragen werden kann, wird in der Forschung diskutiert.<ref name="Hoyland2020" />
Zu den bedeutenden außereuropäischen kolonialen Herrschaftssystemen der Neuzeit gehörte das omanisch-sansibarische Kolonialreich in Ostafrika. Omanische Herrscher kontrollierten seit dem 17. Jahrhundert Teile der ostafrikanischen Küste und machten Sansibar im 19. Jahrhundert zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum eines weitreichenden Herrschafts- und Handelsraums. Dessen Wirtschaft war eng mit dem Handel mit Elfenbein und versklavten Menschen sowie einer auf Sklavenarbeit beruhenden Plantagenwirtschaft verbunden.<ref>Abdul Sheriff: Slaves, Spices and Ivory in Zanzibar: Integration of an East African Commercial Empire into the World Economy, 1770–1873. Ohio University Press / James Currey, Athens/Oxford 1987, ISBN 978-0-8214-0871-1.</ref>
Auch das Osmanische Reich wird unter kolonialgeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht. Ein Beispiel für die gewaltsame Abschöpfung menschlicher Ressourcen aus unterworfenen Gebieten war die Devşirme. Dabei wurden vor allem auf dem Balkan Jungen aus ihren Familien entführt, versklavt, zum Islam zwangskonvertiert und für den Dienst im Militär und in der staatlichen Verwaltung verwendet; ein erheblicher Teil wurde dem Janitscharenkorps zugeführt. Die Devşirme war damit ein staatlich organisiertes System der Zwangsrekrutierung, Versklavung und kulturell-religiösen Umformung von Kindern aus der beherrschten nichtmuslimischen Bevölkerung.<ref>Gülay Yılmaz: Body Politics and the Devşirmes in the Early Modern Ottoman Empire: The Conscripted Children of Herzegovina. In: Gülay Yılmaz, Fruma Zachs (Hrsg.): Children and Childhood in the Ottoman Empire: From the 15th to the 20th Century. Edinburgh University Press, Edinburgh 2021, ISBN 978-1-4744-5538-1, S. 239–263, doi:10.3366/edinburgh/9781474455381.003.0011.</ref><ref>Gülay Yılmaz: Janissaries in the Making: Coerced Labor and Chivalric Masculinity in the Early Modern Ottoman Empire. In: Labor History. Band 64, Nr. 3, 2023, S. 238–255, doi:10.1080/0023656X.2023.2180626.</ref> Insbesondere im 19. Jahrhundert versuchte die osmanische Zentralregierung zudem, bislang nur lose kontrollierte Randgebiete stärker militärisch und administrativ zu kontrollieren. Dabei entwickelten osmanische Eliten gegenüber Teilen der imperialen Peripherie eine eigene „Zivilisierungsmission“ und beschrieben deren Bevölkerungen als rückständig und unzivilisiert. Die Forschung hat diese osmanischen Herrschaftspraktiken unter anderem für den Jemen ausdrücklich unter kolonialgeschichtlichen Gesichtspunkten analysiert.<ref name="Deringil2003" /><ref>Thomas Kuehn: Empire, Islam, and Politics of Difference: Ottoman Rule in Yemen, 1849–1919. Brill, Leiden/Boston 2011, ISBN 978-90-04-21131-5.</ref>
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- David Kenneth Fieldhouse: Die Kolonialreiche seit dem 18. Jahrhundert (= Fischer Weltgeschichte. Band 29). Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1965.
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />