Krenweiberl

Krenweiberl (sprich: [Grä:waiwàl]; Krenweiber, im Dialekt auch Krenweible oder Kreeweibla, von Kren, bairisch für Meerrettich) ist die Bezeichnung für Frauen aus vorwiegend von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben geprägten Gebieten Frankens, die in Herbst und Winter Hausierhandel mit geflochtenen Huckelkörben – oft in Tracht – und später auch ganzjährig Markthandel mit Meerrettich und Gewürzen in größeren Städten betrieben. Der bairische Diminutiv der Grundform Weib ist nicht wie diese mit einer abschätzigen Bedeutung, sondern eher mit einer Verniedlichung und Wertschätzung belegt.
Die Ursprünge der Krenweiberl lassen sich nicht genau bestimmen, aber verändertes Kaufverhalten ihrer Kunden und Verlagerung des Meerrettichanbaus in andere Länder haben Anfang des 21. Jahrhunderts zum Ende dieses historischen Berufs geführt.
Regionaler Hintergrund[Bearbeiten]
Zwischen Bamberg und Nürnberg lagen die früher bedeutenden Anbaugebiete für Meerrettich. |
Krenweiberl<ref name="Schamberger-Hirt2005">Andrea Schamberger-Hirt: Wald und Holz ; Zäune ; Transport ; Körbe, Gefäße und Traggestelle: Regionalteil 1, Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben 13 : Wortgeographie ; 6. Universitätsverlag Winter, 2005, ISBN 3-8253-1661-0, S. 461 (google.de).</ref> oder Krenweible<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Mit Meerrettich von Tür zu Tür ( vom 23. Juni 2013 im Internet Archive) (Video), BR, 18. Dezember 2012.</ref> waren Frauen aus ländlichen Gegenden in Franken (beispielsweise aus Baiersdorf/Mittelfranken,<ref>Bayerisches landwirtschaftliches Jahrbuch: Sonderheft. BLV Verlagsgesellschaft, 1963, S. 331 (google.de).: Baiersdorfer "Krenweiberl" an der Isar. In: Bayer. Landw. Wochenblatt. Band 148, Nr. 1, 1958.</ref> Bamberg/Oberfranken<ref name="RothBittner1984">Elisabeth Roth, Franz Bittner: Oberfranken in der Neuzeit bis zum Ende des alten Reiches. Bayer. Verlag-Anstalt, 1984, ISBN 3-87052-990-3, S. 118 (google.de).</ref> und Forchheim/Oberfranken (im „Krenland“)<ref name="BeckerRichter1995">Hellmut Becker, Gert Richter: Bayern, Baden-Württemberg, Saarland. Bertelsmann Lexikothek Verlag, 1995, ISBN 3-577-08718-8, S. 202 (google.de).</ref>), die im Herbst und Winter<ref>Berichte zur deutschen Landeskunde. Anton Hain, 1963, S. 229 (google.de).</ref> zuerst Hausierhandel mit Meerrettich (Stangen und gerieben in Gläsern), Knoblauch, Gewürzen, Tees etc. trieben und später auf Märkten der großen Städte an ihren bunten Trachten ausgemacht werden konnten.<ref name="Becker1929">Josef Becker: Handbuch des gesamten Pflanzenbaues einschließlich der Pflanzenzüchtung (gleichbedeutend mit: Handbuch des gesamten Gemüsebaues, 2., neubearb. Auflage). P. Parey, 1929, S. 362 (google.de).</ref><ref name="Video" /><ref>Berichte zur deutschen Landeskunde. Anton Hain, 1963, S. 229 (google.de).</ref> Verkauften sie ihre Waren auf Großstadtmärkten – beispielsweise auf dem Viktualienmarkt in München –, wohnten sie während dieser Zeit gemeinsam in traditionell überlieferten Unterkünften.<ref>Münchner geographische Hefte. Im Verlag M. Lassleben, 1960, S. 139 (google.de).</ref> Auf ihre Waren machten sie gegebenenfalls mit lauten Rufen – „Kren macht scheen“<ref>Schreibvarianten: „Kreen macht scheen“; „Kren macht scheen“.</ref> (Kren macht schön)<ref name="Monatsschrift" /><ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Weltgenusserbe - Bayerischer Meerrettich ( vom 29. Juli 2013 im Internet Archive)</ref> und ähnlichem – aufmerksam.<ref name="Wilhelm1999">Kurt Wilhelm: Richard Strauss persönlich: eine Bildbiographie. Henschel, 1999, ISBN 3-89487-326-4, S. 21 (google.de).</ref>
Anfänge[Bearbeiten]
Frühe Erwähnungen dieser Meerrettich verkaufenden Frauen lassen sich in einem Handbuch des Pflanzenbaus 1929 („Krenweiber“)<ref name="Becker1929" /> und in einer landwirtschaftlichen Monatsschrift 1938 („Krenweiberl“)<ref name="Monatsschrift">Gartenbau im Reich: Eine Monatsschrift mit Bildern für den Garten- und Blumenfreund, Liebhaber und Fachmann. Gärtnerische Verlagsgesellschaft, 1938, S. 237 (google.de).</ref> finden, obwohl sie nach der Überlieferung zu urteilen bereits spätestens im ausklingenden 19. Jahrhundert hausierend unterwegs waren. Mit zunehmender Bekanntheit ihres regionalen Vorkommens wurden sie auch international erwähnt.<ref>Bon Appétit. Bon Appétit Publishing Corporation, Januar 1995, S. 41 (google.de).: … and the Krenweiberl, the rosy-cheeked horseradish sellers clad in flower-sprigged dimdls and matching kerchiefs tied over hair coiled in buns …; dt. etwa … und die Krenweiberl, rotbäckige Meerrettichverkäuferinnen in Dirndln mit Blumenmustern und passenden Kopftüchern über dem hochgesteckten Haar …</ref>
Trachten und Traditionen[Bearbeiten]
Baiersdorfer Kren-Markt
Honoratioren, Krenkönigin und Krenweiberl (2011)
(Bitte Urheberrechte beachten)
Beim Hausierhandel und auf Märkten trugen die Krenweiberl die traditionellen Trachten ihrer Heimatorte,<ref name="FranzScience1978">Ch. Franz, International Society for Horticultural Science: First International Symposium on Spices and Medicinal Plants, [held at] Freising-Weihenstephan, Fed. Rep. Germany, 31 July-4 August 1977. International Society for Horticultural Science, 1978, S. 18 (google.de).</ref><ref name="Richter1988">Gert Richter: Deutschland: Porträt einer Nation. Bertelsmann Lexikothek Verlag, 1988, ISBN 3-570-08718-2, S. 202 (google.de).</ref> die sogenannte „Laaftracht“,<ref name="RothGuth1990">Elisabeth Roth, Klaus Guth: Oberfranken im 19. und 20. Jahrhundert. Bayerische Verlagsanstalt, 1990, ISBN 3-87052-992-X, S. 525 (google.de).</ref> oder „Festtochitracht“,<ref>Markt Neunkirchen am Brand: Laura trägt die „Festtochi Tracht“ ihrer Oma, 29. April 2008.</ref> d. h. die repräsentative Ausgehtracht. Diese Tradition wird – auch nach dem Verschwinden der echten Krenweiberl – aus ortshistorischen oder touristischen Gründen, beispielsweise beim seit 2003 stattfindenden Baiersdorfer Kren-Markt,<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Krenstadt Baiersdorf - Kren-Markt ( vom 27. Mai 2014 im Internet Archive)</ref> aufrechterhalten.
Kommunikation[Bearbeiten]
Während der Zeit des Hausierhandels von Tür zu Tür<ref name="Video">Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Damals - Unterwegs mit den Krenweiberl ( vom 28. März 2014 im Internet Archive), Bayerisches Fernsehen, 10. Januar 2014, 19:00 Uhr.</ref> ergab es sich, dass Krenweiberl auch Neuigkeiten mit ihren Kunden und untereinander austauschten. Dieses konnte sich auf praktische Haushaltsinformationen, kirchliche Ereignisse wie Termine von Wallfahrten,<ref name="Gesellschaft1971">Fränkische Geographische Gesellschaft: Mitteilungen. Selbstverlag der Fränkischen Geographischen Gesellschaft, 1971, S. 139 (google.de).</ref> gesellschaftliche Informationen (beispielsweise Heiratskandidaten und -kandidatinnen) oder auch Gerüchte beziehen. Diese Kommunikationsbereitschaft der Krenweiberl, Wahres und Gerüchte weiterzugeben (süddeutsch/österreichisch: ratschen<ref>Duden: ratschen</ref>) war legendär, und in München legte man gerne – teils berechtigt, teils unberechtigt – den Ursprung von neuen Gerüchten den Viktualienmarkt-Krenweiberln in den Mund.<ref>Tilman Spengler: Die Virtuosität zu trauern. In: Die Zeit. Nr. 42, 14. Oktober 1988.</ref>
Das Ende der Krenweiberl[Bearbeiten]
Es gibt mehrere Gründe, warum die Krenweiberl aus dem Stadtbild verschwunden sind: Der Hausierhandel wurde nach und nach immer weniger, da diese Art des Erwerbs durch verändertes Kaufverhalten (Supermärkte, später auch das Internet) und die immer häufigere Abwesenheit aller Personen in den Wohnhäusern tagsüber nicht mehr kostendeckend war und junge Frauen sich andere und weniger anstrengende Berufe suchten. Auch wird der sehr arbeitsintensive Meerrettichanbau (Bauernweisheit: „Ein Acker mit Kren will seinen Herrn jeden Tag sehn!“), der früher im Familienbetrieb mit Kindern und „geländegängigen Großmüttern“<ref name="Gasser">Hans Gasser: Ganz schön scharf. In: Die Zeit. Nr. 40, 28. September 2006.</ref> betrieben wurde, nun in Ländern mit kostengünstigeren Arbeitskräften betrieben; in Baiersdorf gab es 2006 nur noch einen Krenbauern.<ref name="Gasser" />
Im März 2010 endete diese bayerisch-fränkische Tradition, als mit Helga Kraus das letzte Krenweiberl in den Ruhestand ging.<ref>Ende einer Münchner Verkaufskultur: Das letzte Weiberl. In: Abendzeitung. 17. März 2010.</ref> Sie hatte in den letzten drei Jahren ihren Standort rechts vor dem Eingang zum Kaufhaus Karstadt am Dom in der Neuhauser Straße in München (danach abgerissen und ersetzt durch das Joseph-Pschorr-Haus) gehabt. Der genaue Zeitpunkt ihrer Aufgabe ergab sich aus der Schließung dieses Kaufhauses. Sie wollte sich im Alter von 70 Jahren keinen neuen Standort mehr suchen. Am 4. August wurde sie von Oberbürgermeister Christian Ude im Münchener Rathaus offiziell verabschiedet.<ref>OB Ude verabschiedet das letzte "fränkische Krenweiberl". In: Rathaus-Umschau der Landeshauptstadt München. Ausgabe 146, S. 4, 4. August 2010.</ref>
Theaterstücke[Bearbeiten]
Krenweiberl werden auch in komödiantischen Volkstheaterstücken als typische Charaktere porträtiert, so in Umdraaht von Peter Landstorfer aus dem Jahr 2002<ref>Umdraaht im Verband deutscher Bühnen- und Medienverlage</ref> und in D'Eisheiligen und die kalt' Sophie, einem Theaterstück von Georg Harrieder aus dem Jahr 1985,<ref name="Harrieder1985">Georg Harrieder: D' Eisheiligen und die kalt' Sophie: ländl. Lustspiel in 3 Akten. Köhler, 1985 (google.de).</ref> das 1997 für das Fernsehen aufgezeichnet wurde.<ref>D'Eisheiligen und die kalt' Sophie, Bayerisches Fernsehen</ref> In letzterer Komödie tritt ein Krenweiberl auf, das sein Wissen und die Bereitschaft zum Kontaktmachen bezüglich verfügbarer lokaler Heiratskandidaten verwendet.
Weblinks[Bearbeiten]
- Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Unterwegs mit den Krenweiberl ( vom 28. März 2014 im Internet Archive) (erstmals ausgestrahlt am 27. Dezember 1961 vom Bayerischen Fernsehen)
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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