Ludwig Albert
Ludwig Albert (* 8. Juli 1900 in Frankfurt am Main; † 15. Juli 1955 in Bruchsal<ref name="Koch">Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt. Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise. Salzburg 2011, S. 132.</ref>) war ein höherer deutscher Polizeibeamter und ab 1940 Mitglied der Geheimen Feldpolizei. Von den späten 1940er-Jahren bis zu seinem Tod war er Geheimdienstmitarbeiter der Organisation Gehlen.
Leben[Bearbeiten]
Bis 1945[Bearbeiten]
Über den Lebenslauf von Ludwig Albert bis 1945 ist wenig bekannt. Die wesentlichen Akten der Geheimen Feldpolizei gelten seit Kriegsende als verschollen,<ref name="Geßner">Klaus Geßner: Geheime Feldpolizei – die Gestapo der Wehrmacht. In: Hannes Heer, Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Hamburg 1995, S. 343–356, hier: S. 343.</ref> auch der amerikanische Geheimdienst verweist in seinen Dokumenten zu Albert nicht auf NS-Unterlagen.<ref name="NWCDA 1/1">NWCDA 1/1, Albert, Ludwig, 0001-0064; CIA FOIA Electronic Reading Room, Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Special Collection Nazi War Crimes Declassification Act ( vom 25. August 2018 im Internet Archive) (freigegebene Dokumente aus dem Bestand der CIA; abgerufen am 2. September 2014).</ref> Alberts deutsche Personalakten aus der Nachkriegszeit wurden bislang wissenschaftlich noch nicht ausgewertet.<ref name="BA">vgl. Bundesarchiv B 206/1977 Selbsttötung des BND-Mitarbeiters Ludwig Albert (Deckbezeichnung 'Arthur').</ref>
Den wenigen verfügbaren Angaben zufolge war Albert zu Beginn der 1930er-Jahre Beamter der Kriminalpolizei, bei der Kriminalpolizeileitstelle Halle (Saale).<ref name="Befehlsblatt">Befehlsblatt des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Ausgabe A. Nr. 33 v. 19. August 1944, S. 179.</ref> Von dort wechselte er zum Kriminalpolizeiamt (KKA) nach Frankfurt/Oder. Ab Sommer 1933 nahm er an einem Lehrgang zur Ausbildung von Kriminalisten am Polizei-Institut Charlottenburg in Berlin teil, den er im März 1935 als Kriminalkommissar abschloss. Einer seiner Kommilitonen war in dieser Zeit der damalige Kriminalsekretär Heinrich Schmitz. Am 24. August 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.474.743).<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/260640</ref> 1940 wurde er Angehöriger der Geheimen Feldpolizei (GFP), der „Gestapo der Wehrmacht“.<ref name="Geßner"/> 1941 war er Mitglied einer Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD in der besetzten Sowjetunion und damit an Kriegsverbrechen und der Judenvernichtung beteiligt.<ref name="Koch"/> Albert, der Kommandant einer GFP-Gruppe war, führte bis mindestens August 1944 den Dienstgrad Kriminalkommissar, danach wurde er noch zum Kriminalrat befördert. Im Sommer 1944 erhielt er das Kriegsverdienstkreuz I. Klasse.<ref name="Befehlsblatt"/>
Nach 1945[Bearbeiten]
Ludwig Albert wurde als NS-Mitläufer entnazifiziert und trat schon vor 1949 in die Organisation Gehlen (OG) ein. Dort führte er die Decknamen Anders<ref>Research Aid: Cryptonyms and Terms in Declassified CIA Files Nazi War Crimes and Japanese Imperial Government Records Disclosure Acts (IWG, Juni 2007), S. 50. (PDF 412 kB; abgerufen am 2. September 2013).</ref> und Arthur.<ref name="BA"/> Dem US-Geheimdienst gegenüber bezeichnete man den in Frankfurt am Main lebenden Albert als einen der fähigsten Kriminalisten, der für den Aufbau einer möglichen westdeutschen Politischen Polizei verwendet werden könnte.<ref name="NWCDA 0027">NWCDA 1/1, Albert, Ludwig, 0027: UJ-Dredger Report Albert, Ludwig 1955 (freigegebenes Dokument aus dem Bestand der CIA; PDF 4 MB, abgerufen am 2. September 2014).</ref>
Innerhalb der OG-Generalvertretung L wurde Albert 1950 Chef des Regionalbüros BV 2600/Nord in Frankfurt, das für die Überwachung von legalen und illegalen kommunistischen Aktivitäten der KPD und ihrer Organisationen in Hessen und der Britischen Besatzungszone zuständig war. 1952 war er Leiter der BV 2600/West und ab April 1953 der Gesamtleiter der BV 2600. Im Dezember 1953 wurde Albert in der Zentrale der Generalvertretung L in Karlsruhe einer der Leiter der internen Sicherungsgruppe Waldkapelle. 1954 wurde Albert stellvertretender Leiter der jetzt in Dienststelle 142 umbenannten Generalvertretung.<ref name="NWCDA 0027"/><ref>Zur Generalvertretung L s. Heinz Felfe: Im Dienst des Gegners. Autobiographie. Berlin (Ost) 1988, S. 194ff., 271ff.</ref>
Gleichzeitig arbeitete Albert jahrelang für das amerikanische Counter Intelligence Corps (CIC), das mit seiner Operation „Campus“ – ohne die CIA zu informieren – östliche Agenten in der deutschen Geheimorganisation aufspüren wollte. Reinhard Gehlen war darüber durch Albert selbst informiert. Albert lieferte dem CIC gegen Bezahlung Informationen über Personal und weitere Interna der Organisation.<ref name="NWCDA 0064">NWCDA 1/1, Albert, Ludwig, 0064: Memorandum v. 27. August 1976 (freigegebenes Dokument aus dem Bestand der CIA; PDF 483 kB, abgerufen am 2. September 2014).</ref><ref name="Critchfield">James H. Critchfield, KGB-Felfe documents. James H. Critchfield Papers, Special Collections Research Center, Swem Library, College of William & Mary, insb. Part 5 (4,5 MB) & Part 8 (6,3 MB) (abgerufen am 2. September 2014); James H. Critchfield: Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948-1956. Hamburg 2005; s. a. Reinhard Leube: Die lautlose Affäre Ludwig Albert. In: Ders.: Intimfeinde. Teil 2: 1950 bis 1959. Mering 2009, S. 542f.</ref>
Verhaftung und Suizid[Bearbeiten]
Nachdem ein ehemaliger Agent des Staatssekretariats für Staatssicherheit wegen Schwarzmarktgeschäften festgenommen wurde, beschuldigte er bei seinen Vernehmungen unter anderem Ludwig Albert der Zusammenarbeit mit dem ostdeutschen Geheimdienst. Daraufhin wurde der seit 1951 in Neu-Isenburg lebende Albert am 4. Juli 1955 von der Sicherungsgruppe Bonn verhaftet. Bei der Durchsuchung seines Hauses fand man belastende Hinweise, darunter zahlreiche OG-Akten und ein angeblich ostdeutsches Mikrofilm-Lesegerät. Albert leugnete aber jeglichen Geheimnisverrat an einen östlichen Dienst. Am 15. Juli 1955 erhängte er sich in der Landesstrafanstalt Bruchsal in seiner Zelle.<ref name="NWCDA 0027"/><ref name="NWCDA 0064"/>
Zur Erleichterung der Organisation Gehlen kam der Fall nicht an die Öffentlichkeit. Erst nach der Veröffentlichung von US-Geheimdienstakten nach dem Freedom of Information Act und Nazi War Crimes Disclosure Act wurde der Fall Albert im Jahr 2006 in einem Spiegel-Artikel erwähnt.<ref>Axel Frohn, Georg Bönisch: Schweinehunde willkommen. In: Der Spiegel Nr. 13 v. 27. März 2006, S. 32f.</ref> Ob Ludwig Albert tatsächlich für einen östlichen Geheimdienst tätig war, ist bis heute umstritten. Der langjährige CIA-Mitarbeiter James H. Critchfield<ref>vgl. Harold Jackson: Obituary James Critchfield. In: The Guardian v. 26. April 2003.</ref> kam bei seiner späteren Auswertung der Unterlagen zu dem Schluss, dass Albert als Dreifach-Agent gearbeitet habe.<ref name="Critchfield"/> Bei den deutschen Ermittlungen nach Alberts Tod prüfte man dagegen auch, ob der Spionageverdacht gegen ihn durch den KGB gesteuert worden war – ohne dass die Untersuchungen zu einer Klärung führten.<ref name="BA"/>
Neuere Veröffentlichungen aufgrund von Analysen des BND im Jahr 1992 weisen darauf hin, dass Albert eher ein Opfer war, um den KGB-Agenten Heinz Felfe zu schützen, der von Albert verdächtigt wurde. Auch der Auslöser der Verhaftung von Albert, der MfS-Agent Herbert Weinmann, gab später zu, die Vorwürfe nur erfunden zu haben.<ref>Klaus-Dietmar Henke: Geheime Dienste - Die politische Inlandsspionage des BND in der Ära Adenauer. Ch. Links, Berlin 2022, ISBN 978-3-96289-157-2, S. 195, 201–203.</ref>
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Albert, Ludwig |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Kriminalpolizist und Geheimdienstmitarbeiter |
| GEBURTSDATUM | 8. Juli 1900 |
| GEBURTSORT | Frankfurt am Main |
| STERBEDATUM | 15. Juli 1955 |
| STERBEORT | Bruchsal |
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- Kriminalpolizist (Deutsches Reich)
- Militärperson (Heer der Wehrmacht)
- NSDAP-Mitglied
- Angehöriger der GFP (Wehrmacht)
- Person (Organisation Gehlen)
- Deutscher
- Geboren 1900
- Gestorben 1955
- Mann