Manfred Kohrs
Manfred Kohrs (* 24. Januar 1957 in Hannover) ist ein deutscher Ökonom, Künstler und Tätowierer. Während das Magazin Kunstleben Berlin festhält, dass Kohrs bereits Anfang der 1970er Jahre gemeinsam mit Timm Ulrichs und Horst Streckenbach die Absicht verfolgte, Tätowierung und Kunst miteinander zu verbinden, ordnet ihn der Schriftsteller Paul-Henri Campbell in einer biografischen Publikation als prägenden Akteur der Modernisierung der damaligen Szene ein.<ref name="KunstlebenBerlin2016">Romy Campe: GAT 2016 – Grüße Aus Tätowierungen in der Willner Brauere. In: KUNSTLEBEN BERLIN. 24. Oktober 2016, abgerufen am 29. Oktober 2016.</ref><ref name="Campbell2019"></ref><ref name="Inkers-2026" />
Medienberichte spiegelten diesen künstlerischen Anspruch früh wider; so porträtierte ihn die hannoversche Wochenzeitung *NaNa* im Jahr 1982 unter dem Titel „Er versteht seine Arbeit als Kunst“.<ref name="NaNa1982"></ref> In diesem Kontext gründete Kohrs 1977 die erste Vereinigung deutscher Tätowier-Künstler mit dem Ziel, das Handwerk organisatorisch von einer rein gewerblichen Einordnung abzugrenzen.<ref name="Vereinsgruendung1977">Oliver „Olli“ Lonien: Die Geschichte von Tätowierkunst e.V. (vormals National Tattoo Club Germany). In: Tätowierkunst e.V. Abgerufen am 21. Mai 2026.</ref> Als Mentee des Frankfurter Tätowierers Horst Streckenbach war er an der Weiterentwicklung von Rotations-Tätowiermaschinen<ref name="Maschinenbau"></ref> sowie an der frühen Fertigung von Barbell-Piercings mit Innengewinde beteiligt.<ref name="BarbellNo1"></ref> Seit 1997 bekleidet Kohrs den Vorstandsvorsitz des von ihm initiierten Instituts für deutsche Tätowier-Geschichte.<ref name="IDTG_Vorstand">Struktur und Vorstand des Instituts. In: Institut für deutsche Tätowier-Geschichte e.V. Abgerufen am 21. Mai 2026.</ref>
Biografie[Bearbeiten]
Manfred Kohrs wuchs in Hannover–Linden auf. Sein Vater war Kesselschmied, die Mutter Hauswirtschafterin. Ab 1963 besuchte er die Volksschule in Letter und von 1972 bis 1975 absolvierte er eine Ausbildung zum Betriebsschlosser bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft in Hannover. In den 1970er Jahren spielte er Rugby, in der Position des rechten Außendreiviertel, beim SC Germania List.<ref>Vereinsnachrichten des S.C. Germania List, Dezember 1971</ref> 1977 eröffnete Kohrs das erste Tätowierstudio in Hannover.<ref>Redaktion: Portrait eines Künstlers – Manfreds Bilder fahren Straßenbahn. In: NaNa – Hannoversche Wochenschau. Nr. 36, 23. Dezember 1982, S. 4.</ref> Es folgte 1977 bis 1981 eine Dienstzeit als SaZ beim Aufklärungsgeschwader 52 der Luftwaffe in Leck zuletzt als Stabsunteroffizier. Ab 1983 gründete er mehrere Kapitalgesellschaften, darunter ein Fuhrunternehmen<ref>Offenbach-Post, Nr. 180, 1984</ref> und eine Zahnarztgesellschaft.<ref>Registerauskunft – Registernummer 30503633. Deutsches Patent- und Markenamt, abgerufen am 14. Dezember 2014.</ref> Die Tätowiererei gab Manfred Kohrs um 1990 auf. Er absolvierte einen Studiengang der Betriebswirtschaftslehre, den er 1999 mit Erfolg abschloss; seit 1995 ist er in der Unternehmens- und Steuerberatung tätig.<ref>Tattoo Kulture Magazine Nr. 22, 2017, S. 51.</ref><ref>register.dpma.de Abgerufen am 12. April 2020</ref>
Im Sommer 2016 erschien Kohrs wieder in der Tätowiererszene. Nach einer Pause von 30 Jahren gab er mehreren Fachmagazinen ausführliche Interviews.<ref>Stadtkind Hannovermagazin, Ausgabe Juli 2016, S. 44–49: Nadelstiche. Im Interview: Manfred Kohrs.</ref><ref>Sabrina Ungemach in Tattoo Kulture Magazine No. 22, 2017, S. 44–52.</ref><ref>Tattoo Kulture Magazin: Nailed to the Cross by PMA Tattoo Hanover. #18 2016, S. 70–71.</ref> Im Frühjahr 2019 übernahm der Schriftsteller Paul-Henri Campbell ein umfangreiches Interview in das Buch Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. Unter dem Titel Anatomie einer Szene gibt Kohrs einen autobiografischen Einblick in die vergangenen 50 Jahre seines Wirkens.<ref>Paul-Henri Campbell: Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. (Interviews), Heidelberg 2019, ISBN 978-3-88423-606-2, S. 86–95.</ref>
„Wenn „eine Tätowierung zeigt, wer du bist“<ref>Maria Exner: "Ein Ed-Hardy-Tattoo soll beschützen". In: Die Zeit vom 22. November 2013. Abgerufen am 3. Juli 2016.</ref>, dann solltest du bei der Wahl des Motives und der Körperstelle bedenken, dass du in Zukunft vielleicht nicht jedermann zeigen willst, wer du einmal warst.“
In einem im Juni 2026 veröffentlichten, umfassenden Porträt-Interview für die historische Reihe Tattoopedia des Fachmediums Inkers Magazine blickte Kohrs im Gespräch mit dem Journalisten Pascal Bagot auf seine Pionierarbeit in den 1970er-Jahren zurück. Das Interview beleuchtet insbesondere seinen Einsatz für die gesellschaftliche Anerkennung des Tätowierens über die damaligen gesellschaftlichen Ränder hinaus sowie seine anhaltende Arbeit als Leiter des Instituts für deutsche Tattoo-Geschichte (IDTG).<ref name="Inkers-2026"></ref>
Tätigkeit als Tätowierer[Bearbeiten]
Das erste Tattoo stach sich Manfred Kohrs während seiner Schulzeit im Alter von zwölf Jahren auf den Arm und begann im Alter von 13 Jahren von Hand zu tätowieren, dem so genannten „Peikern“.<ref>Interview mit Manfred Kohrs, in: Paul-Henri Campbell (Hrsg.): Tattoo und Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-88423-606-2, S. 86–95.</ref><ref>Stadtkind Hannovermagazin, Ausgabe Juli 2016, S. 47.</ref> Im Januar 1975 ließ er sich von Herbert Hoffmann tätowieren<ref>Tattoo-History: Erlebnisse eines Pioniers der modernen Tätowiererszene von Manfred Kohrs Abgerufen am 25. Oktober 2024</ref> und erlernte die Grundlagen der Arbeit mit einer Tätowiermaschine. Am 26. Januar 1975 traf Kohrs, anlässlich eines Happenings im Kunstverein Hannover, auf Timm Ulrichs, Helmut R. Leppien<ref>HAZ, 27. Januar 1975, „Samy tätowierte sieben Häute“</ref> und Horst Streckenbach. Ulrichs hatte einige „Old-Skool“-Tätowiermotive auf Leinwand ausgestellt und Streckenbach tätowierte Kohrs vor laufender Kamera des NDR.<ref>HAZ, 23. April 1981, Manfred Kohrs - "Tätowieren eine besondere Kunst"</ref> In der Folgezeit erlernte Kohrs bei Streckenbach das Tätowieren und nach zweijähriger Arbeit als Reisetätowierer eröffnete er im Jahr 1977 das erste Tätowierstudio in Hannover.
In den späten 1970er Jahren hatte Kohrs aufgrund einer Vermittlung von Streckenbach ein Treffen mit Fukushi Katsunari.<ref>Sabrina Ungemach in Tattoo Kulture Magazine No. 22, 2017, S. 48.</ref> Im Jahr 1983 trat eine Braunschweiger Klinik für Plastische Chirurgie an Kohrs heran, um für eine Mamillenrekonstruktion den Brustwarzenhof zu tätowieren. In der Folgezeit führte er mehrfach derartige Arbeiten aus<ref>Medizinische Tattoos – für ein natürliches Hautbild MedSpecialists Magazin</ref>, belieferte Kliniken mit entsprechendem Gerät und schulte Mediziner an.<ref>Stadtkind Hannovermagazin, Ausgabe Juli 2016, S. 47.</ref><ref>Sabrina Ungemach in Tattoo Kulture Magazine No. 22, 2017, S. 48.</ref><ref>Paul-Henri Campbell: Manfred Kohrs – Geschichte machen, Geschichte schreiben. In: Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. Wunderhorn, Heidelberg 2019, S. 87.</ref> Ende der 1980er Jahre beendete Kohrs seine Laufbahn als aktiver Tätowierer.
Die Rotary-Tätowiermaschine[Bearbeiten]
Kohrs fertigte seine Maschinen und das Zubehör selbst an; die von Streckenbach ab 1965 angefertigte Tätowiermaschine<ref>Samuel M. Steward: Bad Boys and Tough Tattoos, Routledge London & New York, S. 190. ISBN 0-918393-76-0</ref> entwickelte er dabei ständig weiter.<ref>Xenia Miller: Mit heißer Nadel Süddeutsche Zeitung vom 30. März 2021, abgerufen am 31. März 2021.</ref> Von den gängigen Modellen, die Samuel O’Reilly sich hatte patentieren lassen, unterschieden sie sich beispielsweise durch die Antriebsart. So setzte Kohrs auf Rotation statt Magnetfelder.<ref name="Inkers-2026" /> Das Modell ’76 Manfred Kohrs kam auch in Australien in den Handel.<ref>Michael Peck in Midway Journal am 15. Juli 2014, Volume 8, Nr. 3, S. 2.</ref> Im Jahr 1978<ref>Nick Poole: T³: 3D Printing a Rotary Tattoo Machine. In: sparkfun.com. 16. August 2016, abgerufen am 9. Juni 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), Abschnitt: Navigation menu / History).</ref> stellte Kohrs ein neues Design für eine Rotationsmaschine vor, die mit einem Gleichstrommotor betrieben wurde. Laut Popular Mechanics war diese Version im Vergleich zu den damals üblichen Systemen „leichter, leiser und tragbarer“ und bot den Künstlern eine bessere Kontrolle bei der Handhabung. Während die Neuerung ein „rotierendes Revival“ auslöste, verblieben andere Künstler bei den gewohnten Spulenmaschinen.<ref>Courtney Linder: Getting Ink: The Entire History of Tattooing - Rotary Returns Popular Mechanics vom 7. Februar 2021. Abgerufen am 21. Februar 2021.</ref>
Barbell-Piercing[Bearbeiten]
Im Jahr 1978 fertigte Kohrs erstmals ein Piercing an, das aus einem Metallstift mit zwei verschraubbaren Kugeln mit Innengewinde im Stift (sogenanntes Internal) bestand. Dieses erste Exemplar wurde Horst Streckenbach im selben Jahr von Jim Ward in die Zunge gesetzt. Es ist seit 2018 Teil der Sammlung Kohrs, die sich im Institut für deutsche Tätowier-Geschichte befindet. Es ist dort unter „Barbell No. 1“ archiviert. Zudem wird es in Museen gezeigt, wie von November 2019 bis Mai 2020 in der Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ im Museum für Hamburgische Geschichte innerhalb der Abteilung Streckenbach-Kohrs-Ulrichs.<ref>Ole Wittmann (Hrsg.): Christian Warlich: Tattoo Flash Book. Vorlagealbum des Königs der Tätowierer. Prestel, München 2019, ISBN 978-3-7913-5896-3 (Begleitband zur Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ im Museum für Hamburgische Geschichte).</ref><ref>BMXnet e.V.: Conference Speakers: Manfred Kohrs. In: bmxnet.org. Abgerufen am 19. Mai 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Auf der damals noch in Essen ausgetragenen BMXnet-Konferenz 2022 begleitete Mark Benecke die Vorstellung des historisch ersten, im Jahr 1978 von Kohrs angefertigten Barbell-Zungenpiercings; dabei übernahm er die kriminalbiologische Dokumentation sowie die forensisch-messtechnische und farbliche Erfassung des Exponats.<ref>Mark Benecke: First tongue barbell piercing ever made (on earth) shown at BMXnet 2022. 18. September 2022, abgerufen am 23. Juni 2026.</ref>
Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden. Verbands- und Vereinsarbeit[Bearbeiten]
Im Jahr 1977 initiierte Manfred Kohrs ein erstes Informationstreffen in Hannover, zu dem er mehrere in Deutschland und der Schweiz ansässige Tätowierer einlud. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem Horst Streckenbach, Edward Szustak („Tattoo Eddy“), Herbert Hoffmann, Heinrich Dietz, Theodor Vetter sowie Dietmar Gehrer.<ref>Patrick Kitzel: Interview mit Manfred Kohrs: Die Anfänge der organisierten Tätowierszene in Deutschland und die Gründung des VDTK. In: Tattoo Kulture Magazine, Heft 41, November 2020, S. 22–25.</ref> Das primäre Ziel dieses Treffens bestand im Aufbau einer nationalen Vereinigung, um verbindliche technische sowie hygienische Standards innerhalb des Handwerks zu etablieren. Zu diesem Zeitpunkt gehörten Kohrs und Streckenbach zu den wenigen Akteuren in Deutschland, die in ihren Betrieben bereits Autoklaven zur obligatorischen Gerätesterilisation einsetzten.<ref>Phillipp Schaab: Wie Hygiene und das Piercing in Deutschland Bekanntheit erlangten. In: Tätowier Magazin, Heft 07/20 (Nr. 293), 19. Juni 2020, S. 80–81.</ref>
Aus dieser gewerblichen Initiative heraus gründete Kohrs noch im selben Jahr den National Tattoo Club Germany.<ref name="TKV-Historie">History of the Association: From National Tattoo Club Germany to Tätowierkunst e.V. In: Webpräsenz des Tätowierkunst e.V. Abgerufen am 19. Mai 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> In der Folgezeit knüpfte er internationale Kontakte zu dem US-amerikanischen Tätowierer „Philadelphia Eddie“ Funk, um sich im National Tattoo Club of the World einzubringen, welcher im Jahr 1984 per Mitgliederbeschluss in National Tattoo Association (N.T.A.) umbenannt wurde.<ref>Offenbach-Post, Nr. 180, August 1984: Manfred Kohrs, ein Tätowierer mit künstlerischen Ambitionen auf US-Conventions.</ref>
Zwischen 1976 und 1984 unternahm Kohrs regelmäßige Arbeits- und Informationsreisen in die Vereinigten Staaten, besuchte dortige Tattoo-Conventions und publizierte Beiträge in verschiedenen Verbandsmedien.<ref>Paul-Henri Campbell: Tattoo & Religion. Die Körperkunst aus religionsethnologischer Sicht. fwp-Verlag, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-945768-11-2, S. 142–145.</ref> Er nahm im Januar 1976 an der ersten Convention des National Tattoo Club of the World in Houston (Texas) sowie im März 1979 an der Folgeveranstaltung in Denver (Colorado) teil. Im Rahmen dieser internationalen Treffen kam es zum fachlichen Austausch mit Akteuren wie David Yurkew, Don Ed Hardy und Arnold Rubin. Zudem wurde Kohrs von Terry Wrigley als 25. Mitglied in die European Tattoo Artist Association (E.T.A.A.) aufgenommen.<ref>François Chauvin: Mondial du Tatouage. Les pionniers du tatouage moderne en Europe. Hachette Pratique, Paris 2018, ISBN 978-2-01-625602-2, S. 15.</ref>
Der im Jahr 1977 begründete National Tattoo Club Germany durchlief in den Folgejahrzehnten mehrere strukturelle Veränderungen. Im Rahmen der Expo 2000 in Hannover wurde die Organisation als KUNSTverein 2000 Wedemark e. V. neu in das Vereinsregister eingetragen.<ref name="TKV-Historie" /> Am 2. Dezember 2018 erfolgte unter dem neuen Vorsitz von Heiko Gantenberg eine grundlegende Neuausrichtung sowie die offizielle Umbenennung in Tätowierkunst e. V.<ref>Vereinsgeschichte und amtliche Satzungsänderung vom 2. Dezember 2018. In: Tätowierkunst e.V. Abgerufen am 19. Mai 2026.</ref> Mit dieser Reformierung der Satzung wird das Tätowieren seither gezielt im Kontext der bildenden Kunst gefördert, wodurch dem Verein heute neben aktiven Tätowierern auch Personen aus der Kunstgeschichte, der Rechtswissenschaft und anderen akademischen Disziplinen angehören.<ref name="TKV-Historie" /> Im Rahmen der Hauptversammlung am 15. März 2026 wurde Kohrs gemeinsam mit Heiko Gantenberg und Tanina Palazzolo die Ehrenmitgliedschaft des Vereins verliehen.<ref>Protokoll der ordentlichen Hauptversammlung des Tätowierkunst e.V. vom 15. März 2026.</ref>
Künstlerisches Wirken[Bearbeiten]
Im Rahmen der Ausstellung „Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder“, die vom 12. Januar bis zum 9. März 1975 im Kunstverein Hannover stattfand, wurde am 26. Januar 1975 eine Tätowier-Aktion durchgeführt. Bei dieser Aktion tätowierte Horst Streckenbach seinen späteren Schüler Manfred Kohrs vor laufender Kamera. Am 28. Januar 1975 berichtete der NDR in der Sendung Nordschau-Magazin über dieses Ereignis im Kunstverein.<ref>NDR-Fernsehbeitrag: Happening im Kunstverein Hannover. Sammy aus Frankfurt über seine Kunst und das Tätowieren. In: Nordschau-Magazin, 28. Januar 1975.</ref> Kohrs, der von 1977 bis 2013 Mitglied des Kunstvereins Hannover war, verlagerte ab 1981 seinen Schwerpunkt verstärkt auf die Malerei und die Konzeptkunst. Neben der Erstellung von Cartoons, die unter anderem im US-amerikanischen National Tattoo Magazine veröffentlicht wurden,<ref>National Tattoo Magazine, Ausgabe Juni/Juli 1978, S. 13: Cartoon by Kohrs.</ref> entwarf er gegen Ende der 1980er Jahre verschiedene Bildmotive für Rudolf Schenker, den Gitarristen der Rockband Scorpions. Aus dieser Zusammenarbeit ging im Jahr 1987 das grafische Werk „Zukunftsmusik“ hervor.<ref>Archivdaten und Ausstellungsdokumentation zum Werk „Zukunftsmusik“ (1987).</ref>
Im August 2025 führte Kohrs im Rahmen der europäischen Body-Modification-Fachkonferenz BMXnet in Berlin ein als Konzeptkunst-Happening deklariertes Projekt durch. Er tätowierte dabei den Kriminalbiologen Mark Benecke manuell im traditionellen Hand-Poked-Verfahren. Die Arbeit mit dem Titel „Richtungsweisend“ – ein minimalistischer Pfeil auf Beneckes rechtem Unterarm – stellte die erste aktive Tätowierarbeit von Kohrs seit 1974 dar. Das Happening versteht sich im Kontext der Aktionskunst als relatives Zeichensystem, bei dem der menschliche Körper als Medium dient. Das vor Fachpublikum durchgeführte Ereignis wurde unter anderem durch Ines Benecke sowie das Institut für deutsche Tätowier-Geschichte durch Diana Kohrs, Dennis Soo<ref>Hand Poke (Dennis Soo, Manfred Kohrs, Mark Benecke) In: YouTube, 2. September 2025, abgerufen am 18. Juni 2026.</ref> und den US-amerikanischen Body-Modification-Historiker Shawn Porter<ref>Snippets from day 4 of the Berlin conference: Manfred Kohrs performing his first tattoo since 1974 Instagram-Veröffentlichung @shawnporter / Dr. Mark Benecke, 16. August 2025, abgerufen am 18. Juni 2026.</ref> dokumentiert.<ref>Dokumentationsarchiv: BMXnet Konferenzberichte Dr. Mark Benecke, 16. August 2025, abgerufen am 18. Juni 2026.</ref>
Ausstellungen[Bearbeiten]
Historische Exponate aus der Sammlung von Kohrs sowie seine technischen Entwicklungen werden regelmäßig in Kunsthallen und Museen präsentiert. Vom 9. Oktober bis zum 8. November 2015 zeigte die Kunst Galerie Fürth die Ausstellung „Skin Stories. Tattoo und Kunst“.<ref>Hans-Peter Miksch (Hrsg.): Skin Stories. Tattoo und Kunst. Ausstellungskatalog der Kunstgalerie Fürth, Fürth 2015, S. 14–17.</ref> In dieser Ausstellung waren unter anderem Arbeiten von Timm Ulrichs, Wim Delvoye sowie Simone Pfaff und Volker Merschky zu sehen. Kohrs war dort mit einer von ihm im Jahr 1978 konstruierten Rotations-Tätowiermaschine in einer Vitrine vertreten, die das funktionale Werkzeug für Ulrichs’ konzeptkünstlerisches Werk „THE END“ bildete. Vom 27. November 2019 bis zum 25. Mai 2020 zeigte das Museum für Hamburgische Geschichte die von Ole Wittmann kuratierte Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“.<ref>Ole Wittmann (Hrsg.): Christian Warlich: Tattoo Flash Book. Vorlagealbum des Königs der Tätowierer. Prestel Verlag, München 2019, ISBN 978-3-7913-5896-3 (Begleitband zur gleichnamigen Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte).</ref> Innerhalb der Abteilung „Streckenbach-Kohrs-Ulrichs“ wurden dort historische Objekte und Dokumente aus Kohrs’ Schaffen als Tätowierer präsentiert, darunter eine funktionstüchtige Reise-Tätowier-Ausrüstung aus den frühen 1970er Jahren.<ref>Stiftung Historische Museen Hamburg: Exponatverzeichnis und Ausstellungsführer zur Sonderausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli. Hamburg 2019, S. 32–35.</ref>
Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden. Forschung und historische Aufarbeitung[Bearbeiten]
Kohrs widmet sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Dokumentation der Tätowiergeschichte im deutschsprachigen Raum. Seit 1997 fungiert er als erster Vorsitzender des von ihm gegründeten Instituts für deutsche Tätowier-Geschichte e.V. (IDTG).<ref name="Inkers-2026" /> Die kunsthistorische und wissenschaftliche Leitung der Institution liegt seit 2019 bei Ole Wittmann, der als zweiter Vorsitzender amtiert, während der Kunsthistoriker Klaus Gier die stellvertretende Forschungsleitung innehat. Das Institut verfolgt den Zweck, Forschungsvorhaben zur Tattoo-Historie im internationalen Kontext durchzuführen sowie Studierende und akademische Arbeiten mit Quellenmaterial zu unterstützen.<ref>Forschungsschwerpunkte und Struktur des IDTG. In: Institut für deutsche Tätowier-Geschichte e.V. Abgerufen am 19. Mai 2026.</ref> Eigene Forschungsergebnisse und biografische Erinnerungen publiziert Kohrs regelmäßig in Fachmedien wie dem Tattoo Kulture Magazine sowie in verschiedenen Onlinemagazinen.<ref>Manfred Kohrs: Quellenforschung zur deutschen Tattoo-Geschichte. In: Tattoo Kulture Magazine, Heft 44, 2021, S. 30–33.</ref>
Von Mai 2018 bis November 2019 begleitete Kohrs das Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich (1891–1964)“ unter der Kuration von Ole Wittmann beratend. Die Ergebnisse flossen in die Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ (2019–2020) im Museum für Hamburgische Geschichte ein.<ref>Ole Wittmann (Hrsg.): Christian Warlich: Tattoo Flash Book. Prestel Verlag, München 2019, ISBN 978-3-7913-5896-3, S. 5–8.</ref> Nach der pandemiebedingten Schließung der analogen Ausstellung im März 2020 konzipierte das IDTG einen virtuellen Rundgang, um die Inhalte digital zugänglich zu machen. Dieses Onlinemedium wurde im Oktober 2020 mit dem Annual Multimedia Award in Gold in der Kategorie „Events im Internet“ ausgezeichnet. Im November 2020 folgte mit „Christian Warlich. Digital Exhibit Pt II“ eine digitale Fortsetzung, die Einzelobjekte fokussierte.<ref>Virtuelle Ausstellung: Christian Warlich. Digital Exhibit. In: Stiftung Historische Museen Hamburg. Abgerufen am 19. Mai 2026.</ref>
Im Jahr 2018 übernahm Kohrs den Nachlass seines ehemaligen Mentors Horst Streckenbach von Herry Nentwig, der die Dokumente nach Streckenbachs Tod im Jahr 2001 verwahrt hatte. Das Archivmaterial wird vom IDTG ausgewertet und schrittweise publiziert; ausgewählte Exponate wurden bereits in der Hamburger Warlich-Ausstellung im Bereich „Streckenbach-Kohrs-Ulrichs“ gezeigt.<ref>Ausstellungskatalog Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2019, S. 40.</ref> Darüber hinaus übernahm Kohrs den Nachlass von Hans und Ruth Ullrich, die in den 1940er und 1950er Jahren in der deutschen Tätowierszene aktiv waren. Deren Biografie erschien 2026 unter der Herausgeberschaft von Kohrs und Wittmann, mit Beiträgen von Julia Pucher, Matt Lodder und Marcus Schäfer, dessen Mitgliedschaft nach dem Abschluss des Buchprojekts Anfang 2026 endete.<ref>Nach dem Abschluss des Ullrich-Buchprojekts endete Anfang 2026 Schäfers redaktionelle Mitarbeit und Mitgliedschaft beim IDTG. Brandenburg Museum: Tattoos in der DDR, abgerufen am 9. Juni 2026.</ref><ref>Manfred Kohrs, Ole Wittmann (Hrsg.): Hans und Ruth Ullrich: Eine Biografie der frühen Tätowiersubkultur. IDTG Schriftenreihe, Band 3, Hannover 2026, ISBN 978-3-00-076184-3, S. 12–45.</ref>
Zur Quellensichtung des Tätowierers und Fotografen Herbert Hoffmann, den Kohrs in den 1970er Jahren persönlich kennengelernt hatte, reiste er in den Jahren 2018 bis 2025 mehrfach zur Auswertung des dort hinterlegten Nachlasses in die Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden nach Trogen.<ref>Archivverzeichnis der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Nachlass Herbert Hoffmann, Trogen 2025.</ref> Kohrs referiert regelmäßig im Rahmen öffentlicher Kunst- und Kulturerausstellungen, unter anderem im städtischen Ausstellungsraum KiZ in Gießen zum Thema „Tätowierungen in der bildenden Kunst“.<ref>Geschichten aus der Tätowiernadel. In: Gießener Allgemeine. 12. August 2025, abgerufen am 9. Juni 2026.</ref> Er hält Fachvorträge, unter anderem zur historischen Erforschung der „tätowierten Damen“ des Zirkus- und Varietémilieus an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg,<ref>Kulturanalyse des Instituts für Kunst und Visuelle Kultur: Forschungsprojekte zu Körper, Gender und Subjektivierung: Manfred Kohrs über die Genese der tätowierten Damen. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oldenburg.</ref> bei Kunstausstellungen sowie im Rahmen der jährlichen Fachkonferenz des BMXnet e.V.<ref>Stephan „Peng“ Kraft: Manfred Kohrs – Referenten-Profil und Vortragshistorie. In: BMXnet e.V. 2023, abgerufen am 19. Mai 2026.</ref>
Werke (Auswahl)[Bearbeiten]
- Manfred Kohrs (Hrsg.), Ole Wittmann (Hrsg.) et al.: Ruth & Hans Ullrich. Aus der Stube in die Welt – Tätowier-Kultur in der Mitte des 20. Jahrhunderts. IDTG, Wedemark 2025, ISBN 978-3-00-076184-3. (deutsch/englisch)
- Tätowier-Vorlagenbuch Horst "Samy" Streckenbach (1925–2001). Manifest Gallery 2024. ISBN 978-3-00-077932-9.
- Tätowier-Vorlagenbuch 1920 Großbritannien/Schottland. Manifest Gallery 2024. ISBN 978-3-00-076408-0. (deutsch/englisch)
- TATTOO-HISTORY No.1 -Tattoo-Artists go Public-. IKARUS GmbH, Wedemark 2025. ISBN 978-3-911819-00-8.(deutsch/englisch)
Fachartikel (Auswahl)[Bearbeiten]
- European Tattoo Artist Association 1980 Frankfurt. In: Tattoo Kulture Magazine 51, 28. Mai 2023, S. 12–17.
- Tattoo-Clubs und Vereine - Ein europäischer Rückblick. In: Tattoo Kulture Magazine 49, März 2022, S. 12–20.
- Elizabeth Weinzirl, the tattoed Grandma. In: Tattoo Kulture Magazine Dezember/Januar vom 22. Dezember 2021, S. 12–22. (mit einem Kommentar von Jim Ward).
- Die tätowierten Damen der Belle Époque. In: Tattoo Kulture Magazine 46, August/September vom 30. Juli 2021, S. 10–25.
- Die tätowierten Damen der Belle Époque. In: feelfarbig | Tattoo Magazin. 1. März 2025.
- Ove Skog „Doc Forest“ Schwedens Tattoo-Pionier. In: Tattoo Kulture Magazine 45, Juni/Juli vom 10. Juni 2021, S. 14–29.
- Mit Sabrina Ungemach: Flammend’ Herz - Eine freundschaft, die unter die Haut geht, In: Tattoo Kulture Magazine 44, April/Mai 2021, S. 14–19.
- Tätowierungen in der bildenden Kunst des späten 20. Jahrhunderts. In: Tattoo Kulture Magazine 42, Januar/Februar 2021, S. 24–29.
- Mit Heiko Gantenberg: Lyle Tuttle Tattoo Pioniere im Fort Notch. In: Tattoo Kulture Magazine 38, Mai/Juni 2020, S. 38–47.
- Der vergessene Pionier – Horst H. Streckenbach. Tattoo-Samy. In: Tattoo Kulture Magazine 32, Mai/Juni 2019, S. 28–40.
Zitate[Bearbeiten]
„Ein Self-made Künstler, dessen Werke nicht im Museum hängen, sondern essen, schlafen, rauchen und Straßenbahn fahren.“
„In einem Kreis um Horst Streckenbach gehörte Kohrs zu einer Avangarde von jungen Tätowier-Künstlern der 1970er Jahre...“
Literatur[Bearbeiten]
- Caroline Rosenthal, Dirk Vanderbeke: Probing the Skin: Cultural Representations of Our Contact Zone. Cambridge Scholars Publishing 2015, ISBN 1-4438-7518-X.
- Björn Brocks: Abnorm (Hannover-Krimi). Niemeyer, Hameln 2011, ISBN 3-8271-9452-0.
- François Chauvin: Mondial du tatouage Hors Collection Loisirs. Hachette Pratique 2018, ISBN 2-01-625602-8, S. 15.
- Paul-Henri Campbell: Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. (Interviews) S. 86–95: Manfred Kohrs – Geschichte machen, Geschichte schreiben, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-88423-606-2.
- Oliver Paaß: Jahreshauptversammlung Tätowierkunst e. V. In: Tattoo Kulture Magazine 50, Juni 2022, S. 48–50.
Sekundärliteratur
- Lars Rieck: Tätowierungen und Urheberrecht. dfv Mediengruppe 2025, ISBN 978-3-8005-1980-4, S. 19.
Film[Bearbeiten]
- 1975: Tatueringar är tvättäkta schwedischer Kurzfilm (mit Manfred Kohrs, Ove Skog u. a.)<ref group="Anm.">„Ein lustiger und gruseliger Dokumentarfilm über die Kunst des Tätowierens aus medizinischer, kultureller, historischer und künstlerischer Sicht.“ Stiftelsen Svenska Filminstitutet (schwedisch)</ref>
- 2024: Tinte im Blut - Gesellschaft und Körperkunst. Jette Müller | h1 - Fernsehen
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Manfred Kohrs im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Offizieller Internetauftritt der Tattoo Collection Kohrs Abgerufen am 6. Oktober 2018
- BodyModification eXchange NETwork: Dozenten
- SparkFun 3D Printed Tattoo Machine (Manfred Kohrs Rotary Tattoo Machine from 0:23 to 0:36)
- First tongue barbell piercing ever made (on earth) shown at BMXnet 2022 Mark Benecke's Official Youtube Channel
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references responsive />
Anmerkungen[Bearbeiten]
<references group="Anm." />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kohrs, Manfred |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Tätowier-Künstler und Ökonom |
| GEBURTSDATUM | 24. Januar 1957 |
| GEBURTSORT | Hannover |
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- Bildender Künstler (Hannover)
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Hamburgische Geschichte
- Tätowierer
- Ökonom
- Person (Wedemark)
- Deutscher
- Geboren 1957
- Mann