Marco Camenisch
Marco Camenisch (* 21. Januar 1952 in Campocologno, Graubünden) ist ein Schweizer Anarchist und Ökoterrorist.<ref name="zeit-242015">Ulrich Ladurner: Das Leben des Marco Camenisch. In: Die Zeit. 24. April 2015, abgerufen am 13. Juni 2015.</ref> Er wurde 2004 wegen Mordes verurteilt.
Leben[Bearbeiten]
Der Sohn eines Zollbeamten besuchte das Gymnasium in der Evangelischen Mittelschule in Schiers und verliess die Schule ohne Abschluss. Er begann eine landwirtschaftliche Lehre im Plantahof in Landquart, konnte sich jedoch mit der fortgeschrittenen Tierzucht und der Nutzung von Kunstdüngern nicht anfreunden und zog auf eine Alp.
In den 1970er Jahren war er in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv und entwickelte sich zu einem militanten Gegner der Kernenergie. In den Jahren 1979 und 1980 beging er zusammen mit Mittätern mehrere Sprengstoffanschläge auf Hochspannungsmasten und Transformatoren der Nordostschweizerischen Kraftwerke.<ref>Die Saboteure. In: WOZ, 15. Mai 2003, Archiv (Seite nicht abrufbar).</ref> Camenisch wurde vom Kantonsgericht Chur zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Dezember 1981 gelang ihm und fünf Mitgefangenen die Flucht aus der Strafanstalt Regensdorf. Dabei erschossen die Flüchtenden einen Wärter und verletzten einen weiteren. Im Nachhinein wurde festgestellt, dass er im Falle des Gefängnisausbruchs nicht der Schütze war. Camenisch wurde zu einer der meistgesuchten Personen der Schweiz. Am 3. September 1989 wurde er in Brusio gesichtet, als er das Grab seines kurz zuvor verstorbenen Vaters besuchte. Als kurz darauf ein Grenzwächter erschossen aufgefunden wurde, fiel der Verdacht auf Camenisch.
Im November 1991 wurde Camenisch in der Toskana verhaftet. Der Festnahme ging ein Schusswechsel mit der italienischen Polizei voran, bei dem ein Polizist leicht verletzt und Camenisch an Knie und Beinen schwer verletzt wurde. 1993 wurde er in Italien wegen Körperverletzung und Sprengstoffdelikten zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt und am 18. April 2002 an die Schweizer Behörden ausgeliefert.<ref>Medienmitteilung des Bundesamtes für Justiz vom 18. April 2004 (Archiv).</ref> Der zuständige Zürcher Staatsanwalt beantragte wegen des Mordes am Grenzwachtbeamten eine Verwahrung. Das Geschworenengericht verurteilte Camenisch 2004 zu 17 Jahren Zuchthaus.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Zuchthaus für Camenisch ( vom 14. Juli 2014 im Internet Archive), SRF, vom 4. Juni 2004.</ref> Die Echtheit der Beweise in dem Indizienprozess wurde von der Verteidigung angezweifelt<ref>Marco Camenisch bleibt in Haft. In: Zürcher Unterländer, 11. Februar 2006.</ref> und Camenisch stritt die Tat ab.<ref>Patricia D’Incau: Kein Komplize werden. In: Junge Welt. 29. Mai 2015, archiviert vom Vorlage:IconExternal; abgerufen am 13. Juni 2015.</ref> Dieses Urteil wurde vom Bundesgericht auf acht Jahre reduziert, da Camenisch einen Teil seiner Strafe schon in Italien abgesessen hatte.<ref>Camenisch: Schlappe für den Staatsanwalt. In: 20 Minuten, 13. März 2007 (Seite nicht abrufbar).</ref>
In Italien wurde er in einem zweiten Prozess freigesprochen, bei dem 47 Anarchisten der insurrektionalistischen Organizzazione rivoluzionaria anarchica insurrezionale vor Gericht gebracht wurden.<ref>Anarchici, un ergastolo e sette condanne. In: La Repubblica, vom 1. Februar 2003.</ref> Eine bedingte Haftentlassung wurde ihm 2012 nicht gewährt, seit 2015 befand er sich im offenen Vollzug in der Strafanstalt Saxerriet.<ref>Camenisch soll bis 2018 in Haft bleiben. In: Tages-Anzeiger, 24. Januar 2012 (Archiv).</ref><ref>«Öko-Terrorist» ist nicht mehr eingesperrt. In: Tages-Anzeiger 20. November 2015 (Archiv).</ref> Am 10. März 2017 wurde er bedingt aus der Haft entlassen.<ref>SDA: Der «Öko-Terrorist» ist frei. In: Neue Zürcher Zeitung. 14. März 2017, abgerufen am 8. Juli 2026.</ref>
Demonstrationen und Anschläge[Bearbeiten]
2002 und 2003 fanden Kundgebungen für Camenisch statt, so z. B. am 1. Juni 2002 vor dem Zürcher Bezirksgebäude<ref>Andrea Stauffacher droht erneut Gefängnis. In: Neue Zürcher Zeitung. 8. Juni 2005, abgerufen am 8. Juli 2026.</ref> und am 9. Februar 2003 vor dem Gefängnis in Chur, wo er damals inhaftiert war.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Südostschweiz zu Marco-Camenisch-Demo ( des Vorlage:IconExternal vom 14. Juli 2014 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Indymedia, 10. Februar 2003.</ref> In Italien wurden die Relais-Station der RAI in Bergamo, sowie die Talstation der Gondelbahn von Abetone zerstört und mit dem Slogan «Feuer für die Zerstörer, Freiheit für Marco» begleitet.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Freispruch für Marco Camenisch in Italien ( des Vorlage:IconExternal vom 26. August 2009 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Indymedia, 4. Februar 2003.</ref>
Am 8. Mai und am 13. Juni 2004 fanden in Zürich<ref>Verhaftungen bei Camenisch-Demonstration. In: SWI swissinfo.ch. 9. Mai 2004, abgerufen am 8. Juli 2026.</ref> bzw. Regensdorf<ref>Keine «Knastspaziergänge» mehr. In: Zürcher Unterländer, 17. Juni 2004.</ref> unbewilligte Kundgebungen für ihn statt. In der Nacht von Montag auf Dienstag, 24./25. Mai 2004, wurde ein Brandanschlag auf eine Mehrzweckanlage der Swisscom in Zürich verübt, wobei die Täter im Bekennerschreiben und einem Graffito die Freiheit von Marco Camenisch forderten. Die Gerichtsverhandlung bezüglich seiner möglichen Verwahrung am 12. März 2007 wurde von Sympathisanten gestört.<ref>Randale am Camenisch-Prozess. In: Blick. 12. März 2007, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 14. Juli 2014; abgerufen am 8. Juli 2026.</ref> Im September 2007 steckten Camenisch-Anhänger zwei fabrikneue Reisebusse auf dem Areal der MAN Nutzfahrzeuge Schweiz AG in Otelfingen in Brand. Vier weitere Fahrzeuge wurden beschädigt. Ein anonymes Bekennerschreiben ging an verschiedene Medien.<ref>Brand bei Lastwagenkonzern MAN richtet Millionenschaden an. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. September 2007, abgerufen am 8. Juli 2026.</ref>
In der Nacht vom 28. auf den 29. Februar 2008 wurde das Auto von Regierungsrat Markus Notter in Dietikon angezündet, so dass auch die Hausfassade in Mitleidenschaft gezogen wurde. In einem anonymen Bekennerschreiben wurde das Vorgehen mit Camenischs Hungerstreik begründet.<ref>Brandanschlag auf das Auto von Justizdirektor Markus Notter. In: Neue Zürcher Zeitung. 29. Februar 2008, abgerufen am 8. Juli 2026.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Kurt Brandenberger: Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand. Echtzeit-Verlag, Basel 2015, ISBN 978-3-905800-92-0.
- Marco Camenisch: Résignation et complicité, Entremonde, Genf 2011.
- Piero Tognoli (Hg.): ACHTUNG BANDITEN! Marco Camenisch e l’ecologismo radicale (Texte von und über Marco Camenisch), Natilius, Turin 2004.
- Davide Scruzzi: Sprengstoff in der Weihnachtsnacht. In: Neue Zürcher Zeitung vom 22. Dezember 2014.
Weblinks[Bearbeiten]
- Texte von Marco Camenisch: Medienmitteilungen 2002–2004, Prozesserklärung vom 10. Mai 2005 und Petition vom April 2006
- Bericht mit Bild bei watson.ch, 16. April 2015.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Camenisch, Marco |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Ökoterrorist |
| GEBURTSDATUM | 21. Januar 1952 |
| GEBURTSORT | Campocologno |