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Mario und der Zauberer

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Strand von Viareggio am Ligurischen Meer mit Blick auf Hotels und Pensionen. Thomas Mann diente das benachbarte kleinere Forte dei Marmi als Vorlage für sein fiktives Torre di Venere. (Foto von 2012)

Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis ist eine Novelle von Thomas Mann, die den Sommerurlaub einer Familie im faschistischen Italien und den Auftritt eines dämonischen Varietékünstlers und Hypnotiseurs schildert. Der Künstler versteht es, Personen aus dem Publikum gegen ihren Willen zu bestimmten Handlungen zu bringen, bis ihn eines seiner Opfer nach einem es bloßstellendem Kunststück erschießt. Sowohl aus dem Text als auch aus nachträglichen Kommentaren des Autors wird deutlich, „dass die Novelle entschieden einen moralisch-politischen Sinn hat.“ Den Tod des Zauberers kommentiert der Erzähler als ein „befreiendes Ende“.

Die Novelle erschien 1930 zunächst in Velhagen und Klasings Monatsheften<ref>Velhagen und Klasings Monatshefte, Bielefeld und Leipzig (1930), Heft 8.</ref> und anschließend im S. Fischer Verlag.

Handlung[Bearbeiten]

Die Spätsommerferien, die der Ich-Erzähler mit seiner Gattin und seinen zwei Kindern am Tyrrhenischen Meer im faschistischen Italien verbringt, werden von Anfang an durch eine „atmosphärisch unangenehme Stimmung“ beeinträchtigt: Im Grand-Hotel wird der Familie verwehrt, auf der Veranda mit Meerblick zu speisen, da diese einer anderen Kundschaft vorbehalten sei. Der Hoteldirektor bittet den Erzähler obendrein um einen Zimmerwechsel, da sich eine Dame aus dem römischen Hochadel über den ausklingenden Keuchhusten des Jüngsten der Kinder beschwert hatte. Statt ins Nebenhaus wechselt die Familie in die Pension Eleonora, die von Signora Angiolieri betrieben wird, die ihr Gästehaus nach der italienischen Schauspielerin Eleonora Duse benannt hat, deren Begleiterin sie gewesen war. Doch eine Ferienstimmung stellt sich nicht mehr ein.

Ein zweiter Konflikt entsteht, als die achtjährige Tochter am Strand ihren Badeanzug auszieht und im Meer ausspült, wobei sie für kurze Zeit nackt zu sehen ist, „mager wie ein Spatz“. Das widerspricht der öffentlichen Moral, wird dann als „Missbrauch der Gastfreundschaft“ und schließlich als „Verstoß gegen die nationale Würde“ des neuen Italien verstanden. Der Familie wird ein polizeiliches Bußgeld auferlegt und sie überlegt abzureisen, aber vor allem die Kinder wollen einen Zauberer namens „Cavaliere Cipolla“ sehen. Der Auftritt findet in einem großen Saal statt, einer sonst für Kinovorführungen benutzten Bretterbude am Ende der Hauptstraße, „die gleichsam vom Feudalen über das Bürgerliche ins Volkstümliche“ führt. Auf den Stehplätzen haben sich viele Fischer, der Bootsvermieter und auch Mario, der Kellner des Cafés „Esquisito“, eingefunden. Cipolla betritt erst mit erheblicher Verspätung die Bühne: ein ältlicher Mann und selbstgefälliger Krüppel.

Sehr schnell wird dem Erzähler und seiner Gattin klar, dass Cipolla weniger ein Zauberkünstler als vielmehr eine Koryphäe auf dem Gebiet der Hypnose ist, „der stärkste Hypnotiseur, der mir in meinem Leben vorgekommen“. Einen vorlauten jungen Burschen bringt er dazu, „angestrengt-überlang“ seine Zunge herauszustrecken. Im Publikum wird eine spürbare Antipathie gegen ihn deutlich, doch seine rhetorische Überlegenheit und die „Anerkennung einer Berufstüchtigkeit“ erlauben keinen offenen Ausbruch des Unmuts. Es folgen Kunststücke wie Gedankenübertragung und Wahrsagen; Cipolla veranlasst Zuschauer, bestimmte Handlungen auszuführen, und findet Gegenstände, die sie versteckt haben. In der nachfolgenden Pause finden die Eltern nicht die Kraft, die Vorstellung zu verlassen. Im zweiten Teil der Veranstaltung wird ein junger Mensch per Hypnose zur Sitzbank versteift, eine ältere Dame erzählt im künstlichen Schlaf von Reiseeindrücken aus Indien, ein militärisch wirkender Herr kann den Arm nicht mehr heben, und Frau Angiolieri, die Leiterin der Pension Eleonora, folgt dem Zauberer in willenlosem Zustand auf die Bühne, ohne dass ihr Mann sie daran hindern könnte. Junge Menschen aus dem Publikum beginnen auf Cipollas Befehl hin zu tanzen, und schließlich fällt das gesamte Publikum wie in Trance mit in den Tanz ein.

Auf dem Höhepunkt der Veranstaltung befiehlt der Gaukler dem verträumten Kellner Mario, zu ihm zu kommen. Er diagnostiziert dessen Melancholie als Liebeskummer und spricht ihn auf seine heimliche Liebe zu Silvestra an. Er versetzt Mario in Trance und suggeriert ihm, die Geliebte stünde leibhaftig vor ihm, worauf Mario diese – tatsächlich aber den hässlichen Cipolla – auf die Wange küsst. Als Mario zu sich kommt und mit Entsetzen und Ekel feststellt, zu welch demütigender Szene er missbraucht wurde, stürmt er von der Bühne. „Unten in voller Fahrt, warf er sich mit auseinandergerissenen Beinen herum, schleuderte den Arm empor, und zwei flach schmetternde Detonationen durchschlugen Beifall und Gelächter.“ Cipolla wird von zwei Pistolenkugeln tödlich getroffen, ein Tumult bricht los und Mario wird entwaffnet. Als der Erzähler mit seiner Familie zum Ausgang drängt, fragen die Kinder: „‚War das auch das Ende?‘ […] ‚Ja, das war das Ende‘, bestätigten wir ihnen. Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende dennoch, – ich konnte und kann nicht umhin, es so zu empfinden!“

Der Zauberer als Ideologe[Bearbeiten]

Der Erzähler leitet die Novelle mit zwei Konflikten um Hierarchie und Unterordnung unter Normen der Ehre und Würde ein. Im ersten muss sich die Familie des Erzählers den Wünschen einer adligen Familie beugen, im zweiten der hysterischen Reaktion von Strandbesuchern auf die momentane Nacktheit der achtjährigen Tochter. Diese autoritäre Stimmung steigert sich in der Abendveranstaltung bis zur Unterwerfung des Publikums unter den Willen des diktatorischen Zauberkünstlers Cipolla. Sein verblüffendes und, je länger, desto grausameres Dutzend der Kunststücke begleitet er mit der Erwähnung eines neu erwachten Nationalismus und mit Kommentaren zur Notwendigkeit der Hierarchie von Führer und Gefolgschaft. Der Erzähler schildert diese ideologische Begriffsarbeit des Zauberers ausführlich:

Der Kern der Botschaft des Zauberers ist die Umdeutung des Gegensatzes von Befehl und Gehorsam. Diese aufeinander bezogenen und ohne ihren Gegenbegriff sinnlosen Bestimmungen werden dann problematisch, wenn sie sich als soziale Rollen für Gruppen der Bevölkerung verfestigen. Cipolla umgeht die Kritik an der für autoritäre Gesellschaften elementaren hierarchischen Struktur, indem er den Gegensatz zu einer „unauflöslichen Einheit“ erklärt. Als Werkzeug anderen zu gehorchen setze ja den Willen voraus, „sich seiner selbst zu entäußern“, also den eigenen Willen zur bedingungslosen Unterordnung unter einen fremden Willen: „Wer zu gehorchen wisse, wisse auch [sich selbst] zu befehlen“, gehorchen ist damit immer auch befehlen.

In der politischen Praxis würden zwar Befehl und Gehorsam, Wille und Tun getrennt, so Cipolla, aber das sei nur eine rationale „Arbeitsteilung“, die von aller Last der Verantwortung befreit und über die Täter nichts aussagt – die einen fremden Willen ausführenden Täter sind daher auch von aller nachträglichen moralischen Bewertung befreit. Eine Ablehnung von Gehorsam im Namen der „Willensfreiheit“, so Cipolla, bleibe „leer“, da sie sich auf bloße Negativität fixiere. Diese inhaltsleere Abwehr eines anderen Willens sei eine „Vergewaltigung [seiner] selbst“, während die Entscheidung zum Gehorsam, zum Tun, immer richtig sei, immer ein positives Ergebnis habe.

Der Erzähler schildert in diesen verallgemeinernden, sozialphilosophischen Kommentaren Cipollas Elemente faschistischer Ideologie, die sich mit dessen positiver Erwähnungen des „Bruders des Duce“, des Aufschwungs des Nationalismus sowie seinem zweimaligen faschistischen Gruß zu einer politischen Allegorie des Faschismus in der Figur des Zauberers verdichten. Aber der Zauberer tritt zugleich als großer Künstler vor sein Publikum: er fasziniert sowohl mit seinen verblüffenden Kunststücken, seinen großen hypnotischen und auch seinen intellektuellen Fähigkeiten der Begriffsverdrehung. Durch die Macht seiner Darstellung und seines Geistes ist der Verführer zugleich triumphierender Künstler, der den Erzähler bis zum Ende der Vorstellung in seinen Bann schlägt. Die dämonische Größe dieses Zauberers führt den Erzähler schließlich sogar dazu, den Mord an Cipolla als „befreiendes Ende“ gutzuheißen.

Interpretationen[Bearbeiten]

Im Mittelpunkt der Novelle Mario und der Zauberer steht die Frage nach der Willensfreiheit und der für jeden Künstler notwendigen Faszination seines Publikums. Nicht nur die zahlreichen hypnotischen Erfolge Cipollas thematisieren deren Grenzen, sondern auch das immer wieder (von ihm selbst) in Frage gestellte Verhalten des Erzählers, der eigentlich abreisen will, sich aber dennoch irgendwie mit einem merkwürdig gemischten Gefühl aus Angst, Spannung, Bewunderung, Neugier und Hass über seine eigenen Skrupel hinwegsetzt.

Die Novelle ist aber nicht nur eine Faschismusparabel, obwohl sich Verknüpfungen zur faschistischen Bewegung der 1930er Jahre erkennen lassen. Die heutige Forschung sieht in Cipolla auch „eine ex negativo überzeugend dargestellte Künstlerfigur, die ihre körperliche Verwachsenheit durch äußerste Willensanspannung mit zweifelhaftem Erfolg ausgleicht“,<ref>Ulrich Winter: Thomas Mann: „Mario und der Zauberer“. In: Deutsch betrifft uns. Heft 5 (2004), S. 1.</ref> und erkennt insofern in Mario und der Zauberer eine weitere Variation der typisch mannschen Künstlerproblematik.<ref>Diese These und Thomas Manns grundsätzliches Interesse an dieser Charakterfigur wird auch gestützt durch die Tatsache, dass er von seiner Familie bekanntlich den Beinamen „Der Zauberer“ erhielt und sich damit so sehr identifizierte, dass er seine internen Briefe nur noch mit „Z.“ zeichnete.</ref>

Angesichts des tödlichen Ausgangs der Novelle könnte man annehmen, Thomas Mann wolle den Lesern den Ratschlag geben, gegen eine Diktatur aktiv zum Befreiungsschlag auszuholen und sich notfalls auch mit drastischen Mitteln ihrer Demagogen zu entledigen. 1940 schreibt er in „On Myself“ über die von ihm gesehene Wirkung in Deutschland: „Die politisch-moralistische Anspielung, in Worten nirgends ausgesprochen, wurde damals in Deutschland, lange vor 1933, recht wohl verstanden: mit Sympathie oder Ärger verstanden, die Warnung vor der Vergewaltigung durch das diktatorische Wesen, die in der menschlichen Befreiungskatastrophe des Schlusses überwunden und zunichte wird.“ In späteren Briefen bekräftigt Thomas Mann die allgemeinen politischen Intentionen der Novelle. So heißt es in einem Brief aus dem Jahre 1941 an Hans Flesch: „Ich kann nur sagen, dass es viel zu weit geht, in dem Zauberer Cipolla einfach die Maskierung Mussolinis zu sehen, aber es versteht sich andererseits, dass die Novelle entschieden einen moralisch-politischen Sinn hat.“

Über die Entstehung der Idee zum Abschluss der Novelle äußert sich Mann in einem Brief an den Schriftsteller Otto Hoerth vom 12. Juni 1930: „Da es Sie interessiert: Der ‚Zauberkünstler‘ war da und benahm sich genau, wie ich es geschildert habe. Erfunden ist nur der letale Ausgang: In Wirklichkeit lief Mario nach dem Kuß in komischer Beschämung weg und war am nächsten Tage, als er uns wieder den Tee servierte, höchst vergnügt und voll sachlicher Anerkennung für die Arbeit ‚Cipollas‘. Es ging eben im Leben weniger leidenschaftlich zu, als nachher bei mir. Mario liebte nicht wirklich, und der streitbare Junge im Parterre war nicht sein glücklicherer Nebenbuhler. Die Schüsse aber sind nicht einmal meine Erfindung: Als ich von dem Abend hier erzählte, sagte meine älteste Tochter: ‚Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er ihn niedergeschossen hätte‘.“

Adaptionen[Bearbeiten]

Mit dem Ende des Nationalsozialismus wurde die Geschichte in abgewandelter Form unter dem Titel Hypnose 1945 als Hörspiel vertont.

Die Erzählung wurde 1978 von dem tschechischen Regisseur Miloslav Luther als Fernsehfilm verfilmt. Juraj Kukura spielte Cipolla.<ref>Miloslav Luther: Mário a kúzelník. Ceskoslovenská Televízia Bratislava (CST), 2. September 1979, abgerufen am 4. Mai 2021.</ref>

1979 las der Schauspieler Gert Westphal die Novelle im Auftrage des NDRs ein.

1988 vertonte der englische Komponist Stephen Oliver die Erzählung als einaktige Oper.

1994 diente Mario und der Zauberer Klaus Maria Brandauer als Vorlage für eine gleichnamige Verfilmung, in der er selbst neben der Regie auch Cipolla spielte. Seine Verfilmung geriet allerdings wenig werkgetreu, insbesondere was das Ende anbelangt.

Literatur[Bearbeiten]

Datei:RUB 148 (Leipzig, 1986, 21.Auflage) - Mann, Mario und der Zauberer.jpg
RUB-Nr. 148, Reclam Leipzig 1986
  • Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis. S. Fischer, Berlin 1930.
  • Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis.Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Alexander Košenina. Reclam-Verlag (RUB), Ditzingen 2026, ISBN 978-3-15-014704-7.
  • Mario und der Zauberer, Erzählung. Reclam-Verlag, Leipzig
  • Rolf Füllmann: Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Interpretation. In: Rolf Füllmann: Einführung in die Novelle. Kommentierte Bibliographie und Personenregister. Wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-21599-7, S. 125–133.
  • Helmut Koopmann: Führerwille und Massenstimmung: Mario und der Zauberer. In: Volkmar Hansen (Hrsg.): Thomas Mann. Romane und Erzählungen. Reclam, Stuttgart 1993, S. 151–185.
  • Jürgen Joachimsthaler: Politisierter Ästhetizismus. Zu Th. Manns „Mario und der Zauberer“ und „Doktor Faustus“. In: Edward Białek, Manfred Durzak, Marek Zybura (Hrsg.): Literatur im Zeugenstand. Beiträge zur deutschsprachigen Literatur- und Kulturgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hubert Orłowski. Frankfurt u. a. 2002, S. 303–332.
  • Holger Pils und Christina Ulrich: Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ (= Buddenbrookhaus-Kataloge). Lübeck 2010, ISBN 978-3-942310-00-0.
  • Norbert Tholen: Thomas Mann: Buddenbrooks. Mario und der Zauberer. Krapp & Gutknecht, Rot a. d. Rot 2010, ISBN 978-3-941206-32-8.
  • Wilhelm Große: Thomas Mann: Tonio Kröger/Mario und der Zauberer. Königs Erläuterungen: Textanalyse und Interpretation (Band 288). C. Bange Verlag, Hollfeld 2011, ISBN 978-3-8044-1920-9.
  • Roland Kroemer: Thomas Mann: Mario und der Zauberer ... verstehen. Herausgegeben von Johannes Diekhans und Michael Völkl. Paderborn 2011, ISBN 978-3-14-022497-0.
  • Dirk Jürgens: Tonio Kröger / Mario und der Zauberer. Oldenbourg-Interpretationen, Band 116, Oldenbourg-Verlag, München 2013, ISBN 978-3-637-01550-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

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