Martin Gutzeit
Martin Gutzeit (* 30. April 1952 in Cottbus; † 15. September 2026 in Berlin) war ein deutscher evangelischer Geistlicher und Politiker. Er gehörte 1989 zu den Gründern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, war von März bis Oktober 1990 Mitglied der frei gewählten Volkskammer, anschließend bis Dezember 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1993 bis 2017 war Gutzeit Berliner Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.
Leben[Bearbeiten]
Martin Gutzeit war Sohn eines Pfarrers. Nach Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) machte er von 1968 bis 1970 eine Lehre zum Elektromonteur in Calau. Anschließend arbeitete er zunächst als Relaismechaniker. 1971 legte er an einer Abendschule das Abitur ab. Er verweigerte den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee vollständig (d. h. auch den unbewaffneten Ersatzdienst als Bausoldat) und arbeitete 1971/72 als Diakoniehelfer in Rothenburg/Oberlausitz.<ref>Martin Gutzeit. In: Chronik der Wende. Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB), abgerufen am 17. September 2026.</ref> Von 1972 bis 1979 studierte er Theologie und Philosophie am evangelischen Sprachenkonvikt in (Ost-)Berlin.<ref name="WWW-DDR">Helmut Müller-Enbergs: Gutzeit, Martin. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 1. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4, S. Vorlage:VonBis (bundesstiftung-aufarbeitung.de).</ref>
Von 1977 bis 1981 bildete Gutzeit mit seinem Kommilitonen und späteren Amtsbruder Markus Meckel und weiteren einen Hegel-Kreis zu privaten philosophischen Studien und Diskussionen, der vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht wurde. Von 1980 bis 1982 war er Vikar in Berlin-Pankow und von 1982 bis 1986 Pastor in Schwarz bei Neustrelitz. Von 1983 bis 1987 nahm Gutzeit an den mobilen Friedensseminaren in Mecklenburg teil. Daneben arbeitete er 1984 im Arbeitskreis Theologie und Philosophie beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR in Ost-Berlin mit. Zwischen 1986 und 1990 war er Assistent bei Richard Schröder am Sprachenkonvikt Berlin und verfasste eine Arbeit über Hegels Logik und Religionsphilosophie.<ref name="WWW-DDR" />
Gutzeit und Meckel verfassten im Juli 1989 den Initiativaufruf zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP). In der Zeit der Wende und friedlichen Revolution organisierten er und Meckel das Gründungstreffen der SDP im Pfarrhaus von Schwante bei Berlin am 7. Oktober 1989 (dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR). Bei dieser Versammlung wurde er in den Vorstand der ersten Oppositionspartei in der DDR gewählt; später wurde er deren stellvertretender Geschäftsführer. In den folgenden Monaten nahm er an den Treffen der Kontaktgruppe der Opposition teil, die im November 1989 den Zentralen Runden Tisch initiierten. An diesem Diskussionsformat zwischen der bislang herrschenden SED, den vormaligen Blockparteien und staatsnahen Massenorganisationen sowie den neu entstandenen Gruppen der Bürgerrechts-, Friedens- und Umweltbewegung nahm Gutzeit ab dem 7. Dezember 1989 als einer der beiden Vertreter der SDP (neben Ibrahim Böhme) teil.<ref name="WWW-DDR" />
Nach der Legalisierung oppositioneller Parteien und der Änderung der Abkürzung von SDP zu SPD war Gutzeit von Januar bis September 1990 Mitglied des Parteivorstands der SPD. Er wurde bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 zum Abgeordneten gewählt. Er war parlamentarischer Geschäftsführer der sozialdemokratischen Fraktion und Mitglied des Präsidiums der Volkskammer. Die DDR-SPD vereinigte sich im September 1990 mit ihrer westdeutschen Schwesterpartei zur gesamtdeutschen SPD. Im Zuge der staatlichen Einheit, des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, zum 3. Oktober 1990 war Gutzeit einer der 144 Volkskammerabgeordneten, die übergangsweise zu Mitgliedern des Deutschen Bundestages kooptiert wurden. Nach der Bundestagswahl im Dezember 1990 schied er aus diesem aus.<ref name="WWW-DDR" />
Gutzeit arbeitete von Februar bis September 1991 als Assistent an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin und danach bis Dezember 1992 mit einem Werkvertrag bei der Friedrich-Ebert-Stiftung über die DDR-Opposition des Herbstes 1989. Von März 1992 bis Juni 1994 arbeitete er als Sachverständiger in der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“ des Deutschen Bundestags mit.
Das Berliner Abgeordnetenhaus wählte Gutzeit im Oktober 1992 zum Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Berlin. Er trat dieses Amt im Januar 1993 an und hatte es bis 2017 inne. Er wirkte als Mitglied des Beirats der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR (BStU).<ref name="WWW-DDR" /> Am 8. Oktober 1995 wurde ihm – zusammen mit anderen Bürgerrechtlern der früheren DDR – das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.
Ab 1997 warnte er mit anderen Begründern der SDP vor Bündnissen mit der PDS. Zur 2009 gebildeten Brandenburger Koalition mit der Linkspartei (Kabinett Platzeck III) sagte er:
„Die Beteuerung der Linken, sie habe mit der Stasi gebrochen, drückt sich nicht in ihren Personalentscheidungen aus. Die Partei versteht sich auf die Kunst grober Tabubrüche. Sie will eine Spitzelkarriere als normalen Teil einer ostdeutschen Biografie salonfähig machen.“<ref>Stasi-Spitzel drängen für Linke in die Parlamente. In: Die Welt. 24. September 2009.</ref>
Gutzeit starb am 15. September 2026 im Alter von 74 Jahren in einem Berliner Krankenhaus.<ref>Daniel Friedrich Sturm: Martin Gutzeit ist tot: Ein Sozialdemokrat mit Mut und Machtwillen. In: tagesspiegel.de. 16. September 2026, abgerufen am 16. September 2026.</ref><ref>Pfarrer und DDR-Bürgerrechtler Martin Gutzeit ist tot. In: Zeit.de. 16. September 2026, abgerufen am 16. September 2026.</ref>
Werke[Bearbeiten]
- mit Markus Meckel: Opposition in der DDR. Bund-Verlag, 1996, ISBN 978-3-7663-2498-6.<ref>Rezension (PDF; 54 kB) in Horch und Guck</ref>
- Eberhard Kuhrt u. a. (Hrsg.): Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft (= Am Ende des realen Sozialismus, 3. Hrsgg. im Auftrag des Bundesministers des Innern). Opladen 1999 (darin ein Essay mit Stephan Hilsberg über die Gründung der SDP/SPD in der DDR)
- Mit.-Hrsg.: Opposition und SED in der Friedlichen Revolution. Organisationsgeschichte der alten und neuen politischen Gruppen 1989/90. Düsseldorf 2011.
- Der Weg in die Opposition. Über das Selbstverständnis und die Rolle der „Opposition“ im Herbst 1989 in der ehemaligen DDR. In: Walter Euchner (Hrsg.): Politische Opposition in Deutschland und im internationalen Vergleich. Göttingen 1993, S. 84–114.
Literatur[Bearbeiten]
- Helmut Müller-Enbergs: Gutzeit, Martin. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 1. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4, S. Vorlage:VonBis (bundesstiftung-aufarbeitung.de).
- Ilko-Sascha Kowalczuk, Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos. Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2006, ISBN 3-938857-02-1.
- Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58357-5.
- Peter Gohle: Von der SDP-Gründung zur gesamtdeutschen SPD. Die Sozialdemokratie in der DDR und die Deutsche Einheit 1989/90. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2014, ISBN 978-3-8012-4227-5.
- Wolfgang Herzberg, Patrik von zur Mühlen (Hrsg.): Auf den Anfang kommt es an – Sozialdemokratischer Neubeginn in der DDR 1989. J. H. W. Dietz-Verlag, Bonn 1993, ISBN 3-8012-0198-8.
- Matthias Köckert: Vom Sprachenkonvikt zum Theologischen Konvikt. In: Berliner Theologische Zeitschrift. (BThZ) 26 (2009), S. 256–272.
- Wolf Krötke: Das Profil des Berliner Sprachenkonvikts für die selbständige Theologenausbildung in der DDR. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche (ZThK). 107 (2010), S. 123–138.
- Rudolf Mau: Das „Sprachenkonvikt“. Theologische Ausbildungsstätte der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg („Kirchliche Hochschule Berlin-Brandenburg“) 1950–1991. In: Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ). Band 9, 1992, S. 107–118. Wiederabdruck in: Der Wahrheit Gottes verpflichtet. Theologische Beiträge aus dem Sprachenkonvikt Berlin. Festschrift für Rudolf Mau. Hrsg. von Matthias Köckert. Berlin 1993.
- M. Waechter, A. K. Kauf, A. Formozov, M. Daues: Ein wirklicher Freiraum. Ehemalige berichten aus dem Sprachenkonvikt und dem Theologischen Konvikt 1950–2007. Berlin 2008.
- Festschrift zum 65. Geburtstag und 25. Jubiläum als Landesbeauftragter, herausgegeben von Klaus Bästlein unter Mitarbeit von Markus Meckel, Armin Mitter und Falco Werkentin: Martin Gutzeit. Ein deutscher Revolutionär. Die Umwälzung in der DDR 1989/90. Metropol, Berlin 2017, ISBN 978-3-86331-358-6.
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Martin Gutzeit im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Martin Gutzeit auf chronikderwende.de (rbb)
- Irmgard Zündorf: Martin Gutzeit. Tabellarischer Lebenslauf im LeMO (DHM und HdG)
- Interview zur Überprüfungspraxis in: taz, 30. November 2006
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gutzeit, Martin |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Geistlicher und Politiker (SPD), MdV, MdB |
| GEBURTSDATUM | 30. April 1952 |
| GEBURTSORT | Cottbus |
| STERBEDATUM | 15. September 2026 |
| STERBEORT | Berlin |
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