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Miss.Tic

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Datei:Miss.Tic 2012.jpg
Miss.Tic in der Galerie Lelia Mordoch in Paris (Juli 2012)

Miss.Tic, bürgerlich Radhia Aounallah,<ref>Compte rendu du conseil d'arrondissement. (PDF; 1,4 MB) In: cdn.paris.fr. Ville de Paris (Stadt Paris) Mairie du dix, 22. Juni 2022, S. 47, abgerufen am 31. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> auch Radhia Novat (* 20. Februar 1956 in Paris; † 22. Mai 2022 ebenda<ref>Miss Tic, princesse du graffiti, est morte à l’âge de 66 ans. In: Le Monde.fr. 22. Mai 2022 (lemonde.fr [abgerufen am 22. Mai 2022]).</ref>), war eine französische Streetartkünstlerin, Grafikerin, Performancekünstlerin, bildende Künstlerin und Lyrikerin. Ihre Arbeiten sind seit 1985 im öffentlichen Raum von Paris und in Galerien zu sehen. Sie arbeitete mit Schablonen (Pochoir) und fertigte ihre Stencils ausschließlich in den Farben Schwarz und Rot auf unterschiedlichen Hintergründen bzw. im öffentlichen Raum. Sie zeigen meist eine weibliche Person, in direkter Nähe dazu eine mehrdeutige Wortgruppe, und sind mit ihrem Signet Miss.Tic versehen. Der Zeichensatz von Texten und Signet ist charakteristisch, wurde von ihr selbst entworfen und handgeschnitten.

Leben[Bearbeiten]

Miss.Tic wurde im Montmartre, dem 18. Arrondissement, im migrantisch geprägten Quartier um den Boulevard Barbès geboren. Ihr Vater war ein tunesischer Immigrant und Arbeiter, ihre Mutter stammte aus bäuerlichen Verhältnissen in der Normandie. Ihre Eltern wurden mit rassistischen Stereotypisierungen konfrontiert, da sie eine mariage mixte (französisch für Mischehe) eingegangen waren.<ref name=maxi>Maxi Leinkauf: Bombig. In: Der Freitag, 6. Mai 2011</ref> Miss.Tic wuchs im Pariser Viertel Butte aux Cailles auf, einem Arbeiterviertel, in dem auch Dichter, Künstler und Sexarbeitende wohnen. In den 1960er Jahren zog die Familie nach Orly.<ref name=jorindekp>Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus</ref>

1966 erlitt ihre Familie einen Autounfall, der zum Tod ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihres Bruders führte. Sie selbst und ihr Vater mussten das folgende Jahr im Krankenhaus verbringen.<ref name=jorindekp />

Ab 1968 besuchte Miss.Tic das Collège in Orly. Dort wurde sie von ihren Lehrern mit Theater, Literatur und bildender Kunst in Verbindung gebracht, sie besuchte Schauspielkurse. 1972 starb ihr Vater an einem Herzinfarkt. Ihre Stiefmutter forderte von ihr, nach der 10. Klasse die Schule abzubrechen, um in ihrem Restaurant zu arbeiten. Sie zog heimlich von zu Hause aus, brach die Schule ab und finanzierte ihren Lebensunterhalt selbst.<ref name=jorindekp />

Im Verlauf der 1970er Jahre hielt sich Miss.Tic im Dunstkreis der späten Situationisten auf. Sie las Bücher wie Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord und La Société de consommation (französisch für Die Konsumgesellschaft) von Jean Baudrillard, die Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Warenförmigkeit des Lebens und Regierungstechniken kritisieren.<ref name=maxi /> Sie spielte Straßentheater, Performances bzw. Provokationstheater mit der Gruppe Zéro de Conduite (wörtliche Bedeutung Betragen ungenügend) und schrieb lyrische Texte. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie parallel dazu als Kellnerin.

Ab 1981 lebte sie für zweieinhalb Jahre in den USA, zuerst in Los Angeles, später in San Francisco. Die dort blühende Hip-Hop-Bewegung mit ihren Graffiti und legal gemalten großen Wandbildern – den murals – beeinflussten Miss.Tic stark. Sie war in dieser Zeit in Künstlerkreisen unterwegs und rezipierte viel Kunst, ohne selbst künstlerisch aktiv zu sein. Sie finanzierte ihr Leben weiterhin mit wechselnden kleinen Jobs.<ref name=jorindekp />

Nach ihrer Rückkehr 1983 fand Miss.Tic auch im Pariser Stadtbild Streetart von Künstlern wie Blek le Rat vor, die für sie inspirierend wirkte. Sie nahm zu den auf der Straße Wirkenden Kontakt auf, sah zu oder half ihnen bei ihrer Arbeit.<ref name=maxi /><ref name=jorindekp />

In dieser Zeit entschloss sie sich, als Grafikerin und Layouterin zu arbeiten, und absolvierte eine kurze Ausbildung dafür.<ref name=jorindekp /> Mit ihrem arabischen Familiennamen Jamil bekam sie auf Bewerbungen selten eine Antwort oder gar ein Vorstellungsgespräch. Nachdem sie geheiratet und den Namen ihres Mannes angenommen hatte, war sie als Layouterin und Grafikerin bei verschiedenen Magazinen tätig.<ref name=maxi />

Ab 1985 machte Miss.Tic Streetart.<ref name=jorindekp /> Sie bezog sich positiv auf die feministische Autorin Virginie Despentes<ref name=jorindekp /> und sah sich als Anarchistin.<ref name=coralie>Coralie Jacquier: Miss.Tic – Die Diva der französischen Street Art in Berlin. In: La Gazette de Berlin, 28. Juli 2011</ref> Sie lebte in Paris.<ref name=jorindekp />

Miss.Tic versuchte, ihren bürgerlichen Namen nicht zu deutlich in der Öffentlichkeit erscheinen zu lassen:

„Von Anfang an habe ich mich Miss.Tic genannt. Niemand nennt mich mehr mit meinem richtigen Namen. Nur die Bullen und der Fiskus kennen ihn.“

– Die Seite Vorlage:Person/styles.css hat keinen Inhalt.Miss.Tic: In: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 72<ref name=jorindekp />

Werk[Bearbeiten]

„Ich bin Poetin. Ich verdichte den urbanen Raum.“

– Die Seite Vorlage:Person/styles.css hat keinen Inhalt.Miss.Tic: In: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 11<ref name=jorindekp />

Im Jahr 1985 entschied sich Miss.Tic, selbst als Streetartkünstlerin aktiv zu werden. Sie schrieb inzwischen kürzere Texte, konzentrierte deren Aussage und radikalisierte ihre Sprache. Ihr erstes Motiv, das sie im öffentlichen Raum in Paris schablonierte, enthielt den lautmalerisch doppeldeutigen Text: J’enfile l’art mur pour bombarder des mots coers. (franz. ‚Ich ziehe die Rüstung/Mauer-Kunst über, um mit Herz-Wörtern die Spötter zu bombardieren.‘)<ref>Christophe Génin in: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 39</ref> Diesem Text ordnete sie ein Selbstporträt zu, das sie am Boden sitzend, die Knie haltend mit nachdenklichem Gesicht zeigt. Sie nutzte ihr Selbstporträt in der Anfangsphase, um ihre Texte zu verbildlichen. Miss.Tic verfeinerte in dieser Zeit außerdem die Typografie ihrer Schablonenschrift. Ihren Künstlernamen entlehnte sie von Miss Tick, der Zauberin aus dem Donald-Duck-Comic in der französischen Übersetzung, der gleichzeitig lautmalerisch an das Wort mystique (franz. ‚mystisch‘) anschließt.<ref name=coralie /><ref name=jorindekp /> Mit fortschreitender Zeit entschied sich Miss.Tic aufgrund des technischen Aufwands gegen das Selbstporträt und verwendete stattdessen Fotos aus Frauenzeitschriften als Vorlage. Durch die Anwendung der Schablonentechnik, durch das Verwenden schwarzer Farbe und besonders durch den hinzugefügten Text bekommen diese Bilder ein anderes Aussehen und eine andere Bedeutung. Sie wurden als provozierend, aggressiv und störend wahrgenommen. Miss.Tic reflektierte das in den Medien dargestellte Frauenbild zunehmend und arbeitete diese Reflexionen in ihre Texte und Darstellungen von Frauen ein.<ref name=jorindekp /><ref name=coralie />

Durch eine Zufallsbegegnung wurde die französische Modedesignerin agnès b. auf Miss.Tic aufmerksam. Sie zeigte 1986 in ihrer Galerie eine Gemeinschaftsausstellung verschiedener Streetartkünstler – darunter Miss.Tic – unter dem Motto vite fait – bien fait (schnell gemacht – gut gemacht) aus.<ref name=maxi /> Zur von der Le Monde postulierten Ecole de Blek le Rat wurden außer Miss.Tic die Pochoiristen Jérome Mesnager, Marie Rouffet, Thierry Gauthé, Etherno, Epsilon und Surface Active gezählt.<ref name=julia>Julia Reinecke: Street-Art: eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz. Bielefeld 2012, Transkript Verlag, 2. Auflage</ref> Miss.Tic – aus proletarischem Milieu stammend – fühlte sich von diesen akademisch gebildeten Künstlern nicht richtig akzeptiert.<ref name=maxi /> Sie hat sich daher nie in einem Kollektiv formiert, sondern immer allein gearbeitet.<ref name=jorindekp />

Ab 1991 war Miss.Tic mit ihren Werken auch in Galerien bzw. in der Kunstwelt vertreten. Ab 1993 veröffentlichte Miss.Tic ihre Texte bzw. Texte und Fotos ihrer Werke in Büchern, zuerst im Selbstverlag, ab 1998 in regulären Verlagen. Weiterhin illustrierte sie diverse Buchwerke.

Im Jahr 1999 wurde Miss.Tic wegen ihrer Tätigkeit als Streetartkünstlerin bzw. wegen „Sachbeschädigung öffentlichen und privaten Eigentums“ zu 22.000 Francs Geldstrafe verurteilt.<ref name=coralie /> Da eine weitere Verurteilung eine Gefängnisstrafe nach sich gezogen hätte, entschloss sie sich, ihr folgendes Projekt Muses e Hommes als Auftragsprojekt durchzuführen und dafür wie für alle weiteren vorher Genehmigungen einzuholen. Für Muses e Hommes (2000) verwendete sie Werke aus dem Louvre oder dem Musée d’Orsay als Vorlagen. Ihre Texte kommentieren die Geschichte des Bildes oder die Geschichte der Maler. Muses et Hommes kritisiert männliche Dominanz in Museen. Mit Muses et Hommes machte Miss.Tic einen Karrieresprung.<ref name=jorindekp /> 2009 wiederholte Miss.Tic Muses et Hommes mit Werken aus dem Ingres-Museum in Montauban.

Miss.Tic eröffnete sich im Lauf ihrer Karriere immer wieder neue Arbeitsfelder und Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Sie gestaltete das Plakat für den Film Die zweigeteilte Frau von Claude Chabrol (2007),<ref name=maxi /> das Plakat des Dokumentarfilms Les Travailleu(r)ses du sexe über Sexarbeiterinnen von Jean-Michel Carré (2010)<ref name=jorindekp /> und eine Reihe von Briefmarken für die französische Post anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März (2011).<ref>Nautilus bringt "Bomb it, Miss.Tic!" und die französische Post Briefmarken der Straßenkünstlerin. In: Buchmarkt, 23. Februar 2011</ref> Weiterhin gestaltete sie Produkte (eine Designer-Handtasche für die Firma Lamarthe), Werbung (für einen Mietwagen-Verleih)<ref name=maxi /> und das Design der Straßenbahnlinie 5 von Montpellier.<ref>Y. PO.: Montpellier: un design tout en rupture pour la ligne 5 du tramway. In: MidiLibre, 18. Oktober 2013</ref> Ihre Aktivitäten in der Werbung stießen in der auf Nichtkommerzialität, Glaubwürdigkeit und Street Credibility basierenden Streetartszene auf Kritik, sie betreibe damit den Ausverkauf ihrer Ideale, sei mittlerweile nur noch dekorativ statt provokativ.<ref name=maxi /> Miss.Tic betonte dagegen die Vergänglichkeit von Gegenkulturen. Für sie war es eine Möglichkeit, mit ihrer Kunst ihren Lebensunterhalt zu verdienen:

„Ja, auch ich bin eine Arbeiterin, nur wird mein Beruf ‚Malen und Schreiben‘ genannt.“

– Die Seite Vorlage:Person/styles.css hat keinen Inhalt.Miss.Tic: In: Maxi Leinkauf: Bombig. In: Der Freitag, 6. Mai 2011

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Werke in Museen[Bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten]

Miss.Tic und der Feminismus[Bearbeiten]

Durch die Bearbeitung gängiger medialer Bilder von Frauen und deren Konnotierung mit Texten wandelte Miss.Tic die Aussagen der Vorlagen in kritische Aussagen um.<ref name=coralie /> Ihre Kritik dreht sich um den Platz der Frau in der Gesellschaft, männliche Dominanz im Kunstbetrieb. Für ihre sexpositive Perspektive auf Bilder von Frauen wurde sie von Feministinnen kritisiert und teilweise sogar angegriffen, so z. B. von Fadela Amara, einer Mitgründerin der französischen postmigrantischen feministischen Gruppe Ni Putes Ni Soumises.<ref name=jorindekp /> Ihre Werke im öffentlichen Raum wurden von pornografiekritischen Feministinnen mit Sprüchen übersprüht wie „Le porno ras-le-bol“ („Nase voll von Porno“), mit Plakaten überklebt, sie wurde in Diskussionen verbal angegriffen, ihr Werk wurde als vulgär, sexistisch und manchmal sogar pornografisch bezeichnet.<ref name=jorindekp /><ref name=coralie /> Es wurde kritisiert, dass Miss.Tic die Frauen als Objekt darstelle und ihre Werke ein erniedrigendes Bild der Frau repräsentieren würden.<ref name=coralie /> Dabei nahmen diese nicht wahr, dass Miss.Tic diese Frauenbildnisse aus Mode und Werbung nicht einfach nur wiederholte, sondern sie umdeutete, kritisch hinterfragte, sie in ihren gesellschaftlichen Zusammenhang setzte und ihnen eine kritische Aussage verlieh. Ihr ging es um eine größere Sichtbarkeit von Frauen und um das Spiel mit den klischeehaften Geschlechterrollenbildern.<ref name=maxi />

„Aus einer Provokation heraus habe ich eine literarische Fiktion aus dem Schwarz der Wimperntusche geschaffen und Frauen gemalt, um der Sprache einen Körper zurückzugeben. Aus Frauenzeitungen stammen die Frauenbilder, die von mir verfremdet werden. Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art von Inventur.“

Aufgrund der Verkennung des feministischen Gehalts von Miss.Tics Werk und aufgrund der Anfeindungen grenzte sich Miss.Tic vom Feminismus ab,<ref name=coralie /> Miss.Tic bezog sich dennoch positiv auf sexpositive feministische Autorinnen wie Virginie Despentes<ref name=jorindekp />, auf George Sand und Marguerite Duras.<ref name=maxi /> Anlässlich ihrer Ausstellung Femme de l'être (2011) zeigte sie Bildnisse von Patti Smith, Albertine Sarrazin, Marguerite Duras, Françoise Sagan, Colette, Christine Angot, Anaïs Nin, Amélie Nothomb, Régine Deforges, Virginia Woolf, Virginie Despentes und Simone de Beauvoir<ref name="femmesdeletre" />, die ihren ideengeschichtlichen Kosmos skizzierten. Sie sah sich selbst als Anarchistin.<ref name=coralie />

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jorinde Reznikoff, KP Flügel (Hrsg.): Bomb ist, Miss.Tic!. Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Edition Nautilus, Hamburg 2011, ISBN 978-3-89401-738-5 (= Kleine Bücherei für Hand und Kopf. Band 62).
  • Christophe Génin: Miss.Tic, femme de l’etre. Editions Impressiones Nouvelle, Paris 2009.
  • neopostdadasurrealpunkshow: Die Graffiti-Poetin Miss.Tic in Situ – situationistisch-fragmentarische Revue. Radiosendung auf dem Freien Sender Kombinat Hamburg (FSK), 14. September 2012.
  • Marie-Pierre Massé, Nicolas Deville: Vite fait, bien fait. Edition Alternatives, Paris 1986.
  • Solange Pierson: Pochoir à la une. Edition Parallèles, Paris 1986.

Weblinks[Bearbeiten]

Commons: Miss.Tic – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />

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