Myokine
Myokine sind hormonähnliche Botenstoffe, die von der Muskulatur der Säugetiere bei Bewegung und Kontraktion ausgeschüttet werden. Der Name leitet sich aus dem griechischen „Mys“: Muskel und „kinema“: Bewegung ab. Sie sind seit 2007 als Unterart der Interleukine (IL-x), zu den Zytokinen zählende Peptidhormone, eingestuft, d. h., sie sind als körpereigene Botenstoffe der Muskelzellen eingestuft. Ihre Entdeckung geht auf das Centre of Inflammation and Metabolism<ref>Centre of Inflammation and Metabolism: About CIM</ref>, Department of Infectious Diseases and Copenhagen Muscle Research Centre, Rigshospitalet, University of Copenhagen, Faculty of Health Sciences, in Dänemark zurück. Es werden über 600<ref>J. H. Lee, H. S. Jun: Role of Myokines in Regulating Skeletal Muscle Mass and Function. In: Frontiers in Physiology. Band 10, 2019, S. 42, doi:10.3389/fphys.2019.00042, PMID 30761018.</ref> verschiedene Arten angegeben, die nicht alle vollständig erforscht sind. Sie stellen ein aktuelles Forschungsgebiet der Zellbiologie dar.
Wirkung[Bearbeiten]
Bisher sind Wirkungen auf Typ-II-Diabetes, das Herzkreislaufsystem, den Stoffwechsel und die Dehnbarkeit von Gefäßen bekannt.<ref>Christa Broholm, Matthew J. Laye, Claus Brandt, Radhika Vadalasetty, Henriette Pilegaard, Bente Klarlund Pedersen, Camilla Scheele: LIF is a contraction-induced myokine stimulating human myocyte roliferation. In: Journal of Applied Physiology. 2011;111:251-259. doi:10.1152/japplphysiol.01399.2010</ref><ref>Bente Klarlund Pedersen, Thorbjörn C. A. Åkerström, Anders R. Nielsen and Christian P. Fischer: Role of myokines in exercise and metabolism. (PDF; 69 kB) In: J Appl Physiol 103:1093-1098, 2007. doi:10.1152/japplphysiol.00080.2007</ref><ref>E. Wolsk, H. Mygind, T. S. Grøndahl, B. K. Pedersen, G. van Hall: IL-6 selectively stimulates fat metabolism in human skeletal muscle. In: American Journal of Physiology-Endocrinology and Metabolism. 2010;299:S. E832–E840, doi:10.1152/ajpendo.00328.2010. PMID 20823453.</ref><ref>C. Brandt, B. K. Pedersen: The role of exercise-induced myokines in muscle homeostasis and the defense against chronic diseases. In: Journal of biomedicine & biotechnology. Band 2010, 2010, S. 520258, ISSN 1110-7251. doi:10.1155/2010/520258. PMID 20224659. PMC 2836182 (freier Volltext). (Review).</ref>
Diese systemische Interaktion wird als Muscle-Organ-Crosstalk (Muskel-Organ-Kreuzdialog) bezeichnet, da die hochstoffwechselaktive Muskulatur durch die Myokinausschüttung endokrine, parakrine oder autokrine Effekte in weit entfernten Geweben auslöst<ref name="Severinsen2020"></ref>. Werden ähnliche hormonelle Botenstoffe durch Bewegung aus anderen Organen freigesetzt, spricht man übergreifend von Exerkinen<ref name="Chow2022"></ref>.
Spezifische Myokine und ihre Funktionen[Bearbeiten]
Interleukin-6 (IL-6): IL-6 ist das am besten untersuchte Myokin und wird bereits bei moderater Alltagsbelastung wie ausdauerndem Gehen signifikant ausgeschüttet<ref name="Kistner2024"></ref>. Es fördert in der Erholungsphase nach dem Sport gezielt den Fettsäuretransport sowie die Fettakkumulation in der Muskulatur, ohne die Glykogenresynthese (das Auffüllen der Kohlenhydratspeicher) zu beeinträchtigen<ref name="Kistner2025"></ref>. Zudem kann muskuläres IL-6 in erhöhter Konzentration die Blut-Hirn-Schranke passieren und zentral den Appetit regulieren<ref name="Malandrino"></ref>. Es entfaltet ein starkes antientzündliches Profil, welches sich von dem in Ruhe produzierten, krankmachenden IL-6 unterscheidet. Letzteres wird als entzündungsförderndes Nicht-Myokin-IL-6 insbesondere vom Fettgewebe (Adipozyten) produziert und ausgeschüttet<ref name="Laube2023_Fett">W. Laube: Bewegungsmangel: Dekonditionierung, Krankheit, Schmerzen, Altern. Springer, Berlin/Heidelberg 2023, ISBN 978-3-662-67753-7, S. 242–243, 531, doi:10.1007/978-3-662-67753-7.</ref>.
Clusterin (CLU): Ein durch körperliche Aktivität stimuliertes Myokin, welches das Herz-Kreislauf-System schützt (beispielsweise vor schädlichen Umwelteinflüssen wie Feinstaub) und im Nervensystem antientzündlich wirkt, wodurch die kognitive Leistungsfähigkeit geschützt wird<ref name="Wu2023"></ref>.
Musclin und Osteonectin: Diese Botenstoffe reagieren unter anderem auf die Kombination aus Training und kalorienreduzierter Ernährung<ref name="Kysel2023"></ref>. Musclin wird durch Muskelaktivität angeregt und ist zentral für die Steigerung der physischen Ausdauerleistung, den Kraftzuwachs und die mitochondriale Biogenese<ref name="Kysel2023" />.
Interleukin-15 (IL-15) und Fibroblast Growth Factor 21 (FGF-21): Diese Myokine fördern die Fettoxidation, wirken einer mitochondrialen Dysfunktion entgegen und unterstützen die systemische Stoffwechselgesundheit sowie das Muskelwachstum<ref name="Zhang2023"></ref>.
Kommunikationsachsen (Crosstalks)[Bearbeiten]
Der Informationsaustausch zwischen den Organen findet über hochspezifische Kommunikationswege statt:
Gehirn (Muscle-Brain-Crosstalk): Myokine wie Irisin, Cathepsin B (CatB), BDNF und Clusterin beeinflussen das Gehirn direkt<ref name="Zhang2023" />. Sie fördern das Nervenwachstum (Neurogenese) im Hippocampus, schützen kognitive Funktionen und dämpfen Entzündungsprozesse im Nervensystem<ref name="Wu2023" />.
Fettgewebe und Leber: Myokine wie Irisin und FGF-21 stimulieren die Umwandlung von weißem in wärmeerzeugendes braunes Fettgewebe (Browning) und kurbeln den Energieverbrauch an<ref name="Malandrino" />. IL-6 stimuliert zudem die Lipolyse in den Fettdepots und hilft der Leber, die Glukoseproduktion bei Belastung zu steuern<ref name="Malandrino" />.
Knochen (Muscle-Bone-Crosstalk): Die Muskulatur und das Skelett agieren als funktionelle Einheit und tauschen sich aus, um dem Muskel- und Knochenabbau (sarkopenische Adipositas) entgegenzuwirken<ref name="Zhang2023" />. Muskeln kommunizieren mit dem Knochen, während dieser über Osteokine (wie Osteocalcin) auf die muskulären Anpassungsprozesse einwirkt<ref name="Kysel2023" />
Bedeutung des biologischen Kontextes[Bearbeiten]
Die gesundheitsfördernden Eigenschaften von Myokinen sind zwingend an den natürlichen physiologischen Auslöser der Muskelkontraktion gebunden<ref name="Laube2023_Fett" />. Das Doppelgesicht des Botenstoffs Interleukin-6 illustriert dies anschaulich: Während das bei körperlicher Belastung ausgeschüttete Myokin-IL-6 stark antientzündliche Eigenschaften besitzt, entfaltet das vom ruhenden Körper (beispielsweise von Fettzellen) produzierte Nicht-Myokin-IL-6 (insbesondere aus viszeralen Fett oder aus Immunzellen, z. B. Monozyten und Makrophagen) eine pro-entzündliche Wirkung<ref name="Laube2023_Fett" />. Dieses nicht-muskuläre IL-6 gilt als Schlüsselsubstanz bei chronischen Entzündungen, Makro- sowie Mikroangiopathien (wie Arteriosklerose) und onkologischen Pathologien. Eine künstliche, isolierte Zufuhr der Botenstoffe kann die exakt aufeinander abgestimmten Systemwirkungen des physiologischen Muskel-Organ-Crosstalks folglich nicht reproduzieren um positive Wirkungen entfalten zu wollen. Sie begünstigt im Gegenteil schwerwiegende Stoffwechselstörungen<ref name="Laube2023_Fett" />.
Weblinks[Bearbeiten]
- The Journal of Physiology – Grafiken vorhanden, die zur Visualisierung beitragen (engl.).
- Heilsame Eiweißstoffe Beitrag der Sendung nano im 3sat vom 21. September 2018
- Warum sind starke Muskeln beim Älterwerden so wichtig? Artikel vom 28. September 2023 im Der Standard
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references/>