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Neohistorismus

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Vorlage:Hinweisbaustein

Datei:Mainz Markt BW 2012-08-18 16-15-29.JPG
Markt 7–9, Mainz. Vor dem Krieg standen hier zwei schmale einfache Häuser. Wohl um eine repräsentativere Ansicht zu erhalten, wurden diese nicht rekonstruiert, sondern um 1979/91 dieses neu entworfene Gebäude errichtet

Neohistorismus bezeichnet eine Gestaltungsform der zeitgenössischen und zeitgeschichtlichen Architektur, bei der moderne Bauten in Formen vorangegangener Stilepochen gestaltet werden.<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 271. </ref>

Geschichte[Bearbeiten]

Immer wieder gab es in der Architekturgeschichte Strömungen, die sich Stilformen vergangener Epochen bedienten. Dies war im Langen 19. Jahrhundert mit dem Historismus der Fall. Über das Ende des eigentlichen Historismus hinaus kam es im 20. Jahrhundert zu neohistoristischen Strömungen etwa dem Neoklassizismus und dem Sozialistischen Klassizismus.

Dem Historismus wie Neohistorismus gingen immense Verluste an überkommener Bausubstanz voran, im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung, im 20. Jahrhundert durch den Zweiten Weltkrieg und die folgende Epoche, die historische Bausubstanz nicht sehr schätzte.<ref> Brichetti: Das heilende Versprechen, S. 136. </ref> Historismus, ebenso wie der Neohistorismus, entstanden so als Reaktion auf ein Verlustgefühl.<ref> Brichetti: Das heilende Versprechen, S. 137. </ref>

Der Neohistorismus richtete sich auch gegen den verbreiteten Brutalismus (ca. 1960 bis 1980), zusammen mit der Postmoderne und dem Neuen Urbanismus. Gleichzeitig nahmen auch Denkmalschutz und Denkmalpflege einen Aufschwung. Seit den 1970er Jahren entstanden wieder Bauten und ganze Stadtviertel, die dem Ideal der Europäischen Stadt verpflichtet sein sollten<ref>Europäische Stadt</ref>, historische Bauformen aufleben ließen und diese weiterzuentwickeln suchten.<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 271. </ref> Manche Architekturtheoretiker interpretieren dies als einen Teil der Retrokultur, die es auch in zahlreichen anderen Zweigen der Kultur gibt, andere als Kontinuität und Wiederaufnahme der Architekturtradition bis zum „harten Bruch“ durch industrialisierte modernistische Bauweisen.<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 275. </ref>

Form[Bearbeiten]

Einen Schwerpunkt des Neohistorismus bilden innerstädtische Bauten, die durch historisierendes Bauen ein vermeintlich historisches Stadtbild schaffen und so eine städtebauliche Erscheinung zurückholen sollen, die zuvor verloren gegangen ist.<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 275. </ref> Ziel ist es, dabei eine „historische“ Atmosphäre zu schaffen.<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 278. </ref> Die Reduktion auf das Atmosphärische ermöglicht es, eine historische Anmutung zu erzielen, ohne wesentliche Abstriche bei Nutzungsmöglichkeiten und technischem Komfort der Gebäude zu machen.

An der University of Notre Dame in den USA gibt es mit der School of Architecture eine Architekturfakultät, die sich der Lehre der traditionellen, vormodernen Architektur und Stadtplanung verschrieben hat (u. a. im Sinne des Neuen Urbanismus) und den Neohistorismus mitentwickelt.<ref>School of Architecture der University of Notre Dame „Twenty years ago the curriculum was reformed to focus on traditional and classical architecture and urbanism.“</ref> Sie vergibt einmal jährlich den hoch dotierten Driehaus-Architektur-Preis.<ref>Driehaus-Architektur-Preis (englisch)</ref><ref> Brichetti: Das heilende Versprechen, S. 136. </ref> Die Londoner Foundation for Building Community von Prinz Charles treibt den weltweiten akademischen Diskurs in diesem Bereich ebenfalls voran.<ref>Prince’s Foundation for Building Community in London, eine Stiftung für neue historisierende Architektur</ref> Auch verschiedene Architekten und Architekturbüros lehren ihre Mitarbeiter die Formensprache des Historismus und früherer Stilepochen und lassen sie entsprechend inspirierte Entwürfe umsetzen, so z. B. Hans Kollhoff, Patzschke Architekten Berlin, Léon Krier, Demetri Porphyrios, Andrés Duany, Michael Graves, Pier Carlo Bontempi und Quinlan Terry.

Begriff[Bearbeiten]

Am Begriff Neohistorismus wird Kritik geübt<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 280f. </ref>, weil er mit dem „klassischen“ Historismus des 19. Jahrhunderts wenig zu tun habe, der weit mehr an Ergebnissen der architekturhistorischen Forschung orientiert gewesen sei. Die Bezeichnung Postmoderner Historismus wurde vorgeschlagen.<ref> Brichetti: Das heilende Versprechen, S. 136. </ref>

Abgrenzung[Bearbeiten]

Zum Neohistorismus wird nicht gezählt

  • Traditionelle Architektur, Heimatstil, Heimatschutzarchitektur sowie die städtebaulichen Anlagen des New Urbanism, die historische Architekturformen zwar teilweise wiederaufnehmen, aber nicht bewusst und im Detail die Ornamentik und Stilformen spezieller Architektur-Epochen replizieren
  • die Rekonstruktion als „eine wissenschaftlich basierte und originalgetreue Wiedererrichtung zerstörter Gebäude in Material, Konstruktion und innerer Disposition, am Ursprungsort sowie unter Verwendung von Originalsubstanz“,<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 272. </ref>
  • die Restaurierung als Wiederherstellung eines bestehenden historischen Gebäudes.

Beispiele[Bearbeiten]

Beispiele neohistoristischer Architektur:

  • Hotel Adlon Kempinski, Berlin<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 272. </ref> (Nachbau mit veränderter Geschosshöhe)
  • Kathedrale von Brentwood, England, 1991
  • Einige Neubauten der Neumarktquartiere I bis VIII in Dresden<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 276. </ref> (überwiegend Fassadenrekonstruktionen)
  • Altstadtquartiere von Elbląg (Elbing), Polen (teilweise postmodern)<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 276. </ref>
  • Einige Neubauten am Dom-Römer-Projekt, Frankfurt am Main<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 276. </ref> (20 Neubauten sowie 15 Rekonstruktionen historischer Altstadthäuser)
  • St. Nikolai auf dem Wasser in Kiew, Ukraine, 2004
  • Teile der Altstadt von Kołobrzeg (Kolberg), Polen<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 276. </ref>
  • Markt (Mainz)<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 275</ref> (teils Fassadenrekonstruktionen, teils Neubauten)
  • Schermerhorn Symphony Center in Nashville, USA, 2006
  • Kapelle des Thomas Aquinas College in Santa Paula, USA, 2009
  • Altstadtquartiere von Szczecin (Stettin), Polen<ref> Engelberg-Dočkal: Historismus, S. 276. </ref> (überwiegend Fassadenrekonstruktionen)
  • Josefskapelle in Unterammergau, Deutschland, 1991

Bilder[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Katharina Brichetti: Das heilende Versprechen des Postmodernen Historismus. Historismus und Postmoderner Historismus im Vergleich. In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 1 (2/2009), S. 135–142.
  • Eva von Engelberg-Dočkal: Historismus oder „Neo-Historismus“ – Ein Versuch zur Charakterisierung der zeitgenössischen historisierenden Architektur. In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 9 (2/2017), S. 271–282
  • Eva von Engelberg-Dočkal, Gabi Dolff-Bonekämper, Hans-Rudolf Meier: Neo-Historismus? Historisierendes Bauen in der zeitgenössischen Architektur. Jovis Verlag. 2023. ISBN 978-3-86859-610-6

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />