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New Queer Cinema

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New Queer Cinema (deutsch „Neues queeres Kino“) bezeichnet eine Strömung von vorwiegend amerikanischen Independent-Filmen der frühen 1990er Jahre mit queerer Thematik.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Datei:B. Ruby Rich.jpg
B. Ruby Rich (2017)

Die Filmtheoretikerin B. Ruby Rich prägte den Begriff mit einem Aufsatz, der am 24. März 1992 als Titelgeschichte in der Zeitung The Village Voice erschien.<ref name="bob">Bob Nowlan: Queer Theory, Queer Cinema. In: JoAnne C. Juett, David Jones (Hrsg.): Coming Out to the Mainstream: New Queer Cinema in the 21st Century. Cambridge Scholars Publishing, 2010, S. 2.</ref> Sie bezog sich dabei auf eine Reihe von amerikanischen Filmen, die am Sundance Film Festival und anderen Filmfestivals weltweit gezeigt wurden: Todd Haynes’ Poison gewann 1991 den Großen Preis der Jury des Sundance-Festivals. Im Folgejahr wurden Tom Kalins Swoon, Gregg Arakis The Living End und Christopher Münchs The Hours and Times am Sundance aufgeführt. Diese vier Filme wurden von Christine Vachon (Swoon und Poison) und Andrea Sperling (The Living End und The Hours and Times) produziert, die gemeinsam mit den Regisseuren als wichtige Wegbereiterinnen der Strömung gelten.<ref name="glbtq">Daryl Chin: New Queer Cinema. (PDF) In: GLBTQ Archive. 2002, abgerufen am 6. Oktober 2016.</ref> Auch Gus Van Sants My Private Idaho (1991), Jennie Livingstons Paris brennt (1990), Derek Jarmans Edward II (1991), die Filme des britischen Regisseurs Isaac Julien und der deutschen Regisseurin Monika Treut sowie die Videoarbeiten von Sadie Benning werden als Beispiele genannt.<ref name="lex">Philipp Brunner: New Queer Cinema. In: Lexikon der Filmbegriffe. Abgerufen am 6. Oktober 2016.</ref><ref name="bens">Harry M. Benshof: Queer Cinema: The Film Reader. Psychology Press, 2004, S. 11.</ref><ref name="bob" /><ref name="mennel">Barbara Mennel: Queer Cinema: Schoolgirls, Vampires, and Gay Cowboys. Columbia University Press, 2012, S. 71 ff.</ref>

Stil[Bearbeiten]

Ein wichtiges Element des New Queer Cinema war die Selbstidentifikation seiner Filmemacher als schwul, lesbisch und/oder queer.<ref>Nowlan, S. 11.</ref> Für die Filmemacher waren LGBT-Aktivismus und eine lesbische, schwule bzw. queere Identität eine Selbstverständlichkeit. Einige waren in der LGBT-Bewegung aktiv, etwa in der Aktionsgruppe Act Up zur Bewusstseinsbildung für AIDS.<ref name="glbtq" />

Die Filme der Bewegung richten sich vorwiegend an ein queeres Publikum. Homosexualität wird in den Filmen als selbstverständlich wahrgenommen und nicht für eine heterosexuelle Zuseherschaft erklärt. Den Filmemachern geht es nicht um eine ausschließlich positive, politisch korrekte Darstellung von Schwulen und Lesben, sondern Klischees und Vorurteile über Homosexualität werden angeeignet und reklamiert,<ref name="glbtq" /><ref name="lex" /> queere Subkultur und Ablehnung des Mainstreams wird gefeiert.<ref name="21st">JoAnne C. Juett, David Jones (Hrsg.): Coming Out to the Mainstream: New Queer Cinema in the 21st Century. Cambridge Scholars Publishing, 2010, S. X.</ref> In Anlehnung an postmoderne Theorie lässt sich in den Filmen eine Ablehnung essentialistischer Darstellungen sexueller Identitäten festmachen; „schwule“ und „lesbische“ Identitäten alleine reichen nicht aus, um die Realität und Vielfalt sexueller Orientierungen und Identitäten abzudecken.<ref name="bens" /> Rich nennt diese Gemeinsamkeit der Filme „homo pomo“ (in Anlehnung an die Begriffe Homosexualität und Postmoderne).<ref name="bob" />

Die Ästhetik der Filme ist oft experimentell, sowohl aus künstlerischen als auch aus finanziellen Gründen. Einige der Filme haben nur eine begrenzte Anzahl an Schauspielern, spielen vorwiegend in Innenräumen oder sind Schwarzweißfilme.<ref name="glbtq" /> Die Strömung teilt sich in zwei Stilrichtungen: „Pflegen die einen das Unschöne (mit ruppiger Kameraführung, spröder Farbgebung, heruntergekommenen Settings), zelebrieren andere das Überschöne (mit makellosen Bildkompositionen, glamourösem Licht, exquisiter Ausstattung).“<ref name="lex" />

In ihrer Ästhetik ist die Strömung von schwulen europäischen Autorenfilmern der 1970er Jahre geprägt, etwa Pier Paolo Pasolini, Werner Schroeter und Rainer Werner Fassbinder.<ref>Alice Kuzniar: Schwul-lesbisches Kino aus Deutschland. In: filmportal.de. Abgerufen am 4. Juni 2024.</ref> Andere Vorläufer der Bewegung sind Gus Van Sants Mala Noche (1985) und Bill Sherwoods Abschiedsblicke (1986). Letzterer wurde, wie auch einige der Filme, die zur Entwicklung des Begriffs geführt haben, von Vachon produziert. Von Mala Noche und Abschiedsblicke unterscheiden sich die Filme des New Queer Cinema durch eine deutlichere Darstellung queerer Identität und Lebensstile.

Eigentlich aber hat schon Rosa von Praunheim, der weltweit produktivste Macher queerer Filme, noch vor Fassbinder international anerkannte schwule Filme gedreht und somit Grundlagen geschaffen.<ref>Visueller Exzess und erotische Ambiguität im queeren deutschen Kino. In: filmportal.de. 2022, abgerufen am 26. April 2025.</ref> Sein filmischer Output ist enorm, durch sein künstlerisches Schaffen über viele Jahrzehnte hinweg wurde Rosa von Praunheim zu dem Namen, der symbolisch für den deutschen queeren Film steht.<ref>Queer Nation. In: Queer Nation, Jeanette Roche, S. 93, Transcript Verlag, Bielefeld, 2023. Abgerufen am 10. Mai 2025.</ref>

Wirkung[Bearbeiten]

Der Erfolg der Filme, die den Begriff prägten, bei Kritikern und Publikum, ebnete den Weg für andere schwule und lesbische Independent-Filme. Hierzu zählen Rose Troches Go Fish (1994), Mary Harrons I Shot Andy Warhol (1996), Kimberly Peirce’ Boys Don’t Cry (1999), Steve McLeans Postcards from America (1994) und Nigel Finchs Stonewall (1995), die allesamt von Christine Vachon und teilweise von Tom Kalin produziert wurden.<ref name="glbtq" />

Das New Queer Cinema selbst gilt als relativ kurzlebige Strömung und mehr als Momentum denn als Bewegung.<ref name="lex" /> Wichtige Vertreter des New Queer Cinema wie Tom Kalin und Jennie Livingston schufen keine Folgefilme mit vergleichbarer Wirkung. Gleichzeitig gelangten schwule und lesbische Themen stärker in die amerikanische Mainstream-Filmindustrie.<ref>Mark Adnum: My Own Private New Queer Cinema. In: Senses of Cinema. Februar 2005, abgerufen am 6. Oktober 2016.</ref> B. Ruby Rich erklärte die Strömung 2004 in einem Interview endgültig für beendet. Sie kritisierte, durch den Eintritt queerer Themen in den Mainstream würden nun neoliberale Ideologien propagiert und heterosexuelle Zuseher mit leicht identifizierbaren Charakteren befriedigt, anstatt das radikale Potential queeren Films auszuschöpfen.<ref name="21st" />

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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