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Nikolaus von Ballestrem

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Nikolaus Wolfgang Friedrich Franz Graf von Ballestrem-Plawniowitz (* 29. November 1900 in Ober-Gläsersdorf, Landkreis Lüben, Provinz Schlesien; † 13. Februar 1945 in Dresden) war ein deutscher Adeliger, Industrieller und Politiker der Deutschen Zentrumspartei.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

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Schloss Ober Gläsersdorf (2008)
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Schloss Plawniowitz (2007)

Nikolaus von Ballestrem entstammte dem Haus Ballestrem, einem alten schlesischen Adelsgeschlecht. Er wurde 1900 als Sohn des Valentin Graf von Ballestrem (* 21. Dezember 1860; † 17. Mai 1920) und dessen Ehefrau Agnes Gräfin zu Stolberg-Stolberg (* 11. Mai 1874; † 26. März 1940) geboren. Carl Wolfgang Graf von Ballestrem war ein jüngerer Bruder. Sein Großvater war der Zentrumspolitiker und langjährige Präsident des Reichstags Graf Franz von Ballestrem.

In seiner Jugend erhielt Ballestrem zunächst bis Ostern 1913 Privatunterricht und besuchte anschließend das Breslauer Matthias-Gymnasium, an dem er das Abitur bestand.

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Als Erbe des Ballestrem’schen Familienvermögens galt Nikolaus von Ballestrem nach dem Tod seines Vaters 1920 als einer der reichsten Männer Deutschlands.<ref>Erich Matthias, Rudolf Morsey: Das Ende der Parteien 1933. 1. Auflage, In: Veröffentlichung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Teil der: Anne-Frank-Shoah-Bibliothek, Droste, Düsseldorf 1960, S. 327.</ref> Als oberschlesischer Magnat war er Eigentümer von Kohlengruben, Fabriken und ausgedehntem Grundbesitz. So umfasste sein Besitz insbesondere den Stammsitz seiner Familie, das Schloss Plawniowitz (1936 in Flössingen umbenannt) bei Gleiwitz, sowie die dazugehörigen Familienfideikommisse Plawniowitz, Ruda und Biskupitz. Auch war er „Herr auf Obergläsersdorf“ mit Böckei, Oberau und Costa und zudem Eigentümer umfangreicher Aktienpakete. Die „Ballestrem’sche Güterdirektion“ in Gleiwitz diente als zentralisierte Stelle zur Verwaltung seines Besitzes.

Nach dem Schulbesuch studierte Ballestrem Rechtswissenschaften in Breslau, Freiburg, München und Göttingen, wo er sein Studium 1925 mit dem Referendarexamen und einer Promotion mit der Dissertation „Das Materielle Bergbauliche Grundabtretungsrecht Preussens in Seinen Grundzügen“ abschloss. Während der Studienzeit wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KDStV Winfridia Breslau, KDStV Hercynia Freiburg und AV Palatia Göttingen.

Als frommer Katholik war Ballestrem Mitglied der Deutschen Zentrumspartei. Innerhalb der Partei unterhielt er unter anderem enge Beziehungen zu Heinrich Brüning und Franz von Papen.<ref>Franz von Papen: Der Wahrheit eine Gasse, In: Memoirs, Verlag André (in engl.); Deutsche Fassung, Verlag List; 1952, S. 285.</ref> Ballestrems wichtigstes Instrument der parteiinternen Meinungsbildung war die Parteizeitung Germania, an der er große Aktienanteile hielt, wodurch er ihre politische Richtung beeinflussen konnte.<ref>Werner Imig: Streik bei Mansfeld 1930. Der Streik der Mansfeldarbeiter im Jahre 1930 und seine Unterdrückung mit Hilfe des Staatsapparates der Weimarer Republik. 1. Auflage, In: Geschichte der Fabriken und Werke, Band 5; Verlag Tribüne, Berlin 1958, S. 36.</ref>

NS-Zeit[Bearbeiten]

Datei:Gliwice - Wojewódzki Sąd Administracyjny - 05.10.2025 08-20-29.jpg
Ehemaliger Sitz der Graf von Ballestrem’schen Güterdirektion in Gleiwitz (2025)

Auf die Entscheidung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung zu ernennen, reagierte Ballestrem zunächst ablehnend. Da auch sein Freund Papen – der maßgeblichen Anteil an der Entscheidung hatte, Hitler mit der Regierungsbildung zu beauftragen – der neuen Regierung als Vizekanzler und preußischer Ministerpräsident angehörte, besaß Ballestrem Einfluss auf die Regierung. Diesen nutzte er, indem er im Februar 1933 den Plan entwickelte, die Nationalsozialisten „aus dem Apparat“ heraus „von innen“ zu bekämpfen.

Zu diesem Zweck lancierte Ballestrem im Frühling/Frühsommer 1933 mehrere junge gleichgesinnte Männer in die Umgebung Papens, der diese als seine Mitarbeiter einstellte. Namentlich konnte Ballestrem Wilhelm Freiherr von Ketteler, Fritz Günther von Tschirschky, Friedrich Carl von Savigny und Herbert von Bose als „subversive Elemente“ in die Regierung Hitler einschleusen. Von der Schlüsselstellung der Vizekanzlei aus, sollten diese das Wirken der Nationalsozialisten „beaufsichtigen“, Untaten verhindern (oder zumindest abmildern) und im gegebenen Augenblick die Staatsmacht gegen die Nationalsozialisten wenden. Als Hebel für dieses Ziel sollte der Oberbefehl des Reichspräsidenten über die Reichswehr als der stärksten Macht im Staat dienen: Da Papen über großen Einfluss auf Hindenburg verfügte, sollten die „Maulwürfe“ in der Vizekanzlei Papen systematisch einrahmen und fest für ihre Pläne einspannen, um so den Reichspräsidenten zum Einsatz der Reichswehr gegen die Nationalsozialisten zu bewegen.<ref>Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, ISBN 3-421-01602-X, S. 95.</ref>

Die durch Ballestrems Idee und Mitwirkung ins Leben gerufene „Vizekanzlei-Gruppe“ agierte vom Frühling 1933 bis zum Sommer 1934 und konnte unter anderem die Gleichschaltung der Presse durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda um einige Monate verzögern. Ballestrem selbst spielte allerdings nach dem Frühjahr 1933 für ihre Widerstands- und Sabotagetätigkeit keine Rolle mehr. Spätestens nach der Reichstagswahl im März 1933 wurden in allen seinen Werkzeitungen ganz andere Töne angeschlagen.<ref>Nach der Schicht. Werkzeitschrift der Ballestrem-Gruben von 1931 bis 1941 Schlesische Digitale Bibliothek, abgerufen am 3. Mai 2026.</ref><ref>Oberhütten-Werks-Zeitung von 1927 bis 1941 Schlesische Digitale Bibliothek, abgerufen am 3. Mai 2026.</ref> Um Aufträge zu erhalten und von der Rüstungskonjunktur zu profitieren, passte sich Ballestrem den Anforderungen der Nationalsozialisten an und unterstützte damit deren Politik. Sein Vermögen wurde im Januar 1934 auf 50 Millionen RM geschätzt,<ref>Neues Wiener Tagblatt vom 27. Januar 1934, S. 4: Der Hochadel ANNO, abgerufen am 27. April 2026.</ref> was inflationsbereinigt heute 277.548.119 Euro entspricht. In der Folgezeit konnte Ballestrem seinen Reichtum extrem steigern, indem er eine Vielzahl neuer Unternehmen, Kapitalbeteiligungen und vor allem ab September 1939 polnische Besitztümer erwarb.<ref>Library of Congress Legislative Reference Service: Facism in Action. A Documented Study and Analysis of Fascism in Europe. 1947, S. 88.</ref>

Obwohl der Ballestrem-Konzern seinen Ursprung im schlesischen Steinkohlebergbau hatte, wandelte er sich im Zuge der nationalsozialistischen Wehrwirtschaft zu einem zentralen Akteur der nationalsozialistischen Rüstungswirtschaft in Oberschlesien. Über Tochtergesellschaften und Beteiligungen war der Konzern fest in die Produktion von Waffen- und Munitionsteilen eingebunden. Unter anderem wirkte der Konzern über die Ferrum AG ab 1943 an den Vorbereitungen zur Fertigung von Bauteilen für die A4-Rakete (V2) mit.<ref>Mirosłav Sikora: Die Waffenschmiede des „Dritten Reiches“. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges . In: Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte 3 , Klartext Verlag, 2014, S. 19 ff.</ref>

Bereits eine Woche nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, ordnete Ballestrem am 8. September 1939 die Wiederaufnahme der Arbeit in all seinen Bergwerken auf dem bisherigen polnischen Staatsgebiet an. In einer Rede vor Arbeitern betonte er, dass „Ostoberschlesien nun wieder in den Schutz des starken deutschen Reiches zurückgekehrt“ und dass „im Staate Adolf Hitlers für eine disziplinierte und fleißige Arbeiterschaft ein sicherer Platz sei und jedermann mit der Gewissheit an die Arbeit gehen könne, dass für ihn gesorgt werde“.<ref>Volksstimme vom 9. September 1939, S. 2: Ostoberschlesien schafft wieder für deutsche Wirtschaft ANNO, abgerufen am 27. April 2026.</ref>

Auch in späteren Geschäftsberichten und Werkzeitungen des Ballestrem-Konzerns wurden regelmäßig die „glänzenden Waffentaten unserer überragenden Wehrmacht“ gelobt, womit „im neugebildeten Gau Oberschlesien die Voraussetzungen geschaffen wurden, die uns zugedachten Aufgaben bei der Erschließung der gewonnenen Gebiete einer sicheren Lösung zuzuführen“.<ref>Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939–1945. K.G. Sauer, 1999, S. 204–205.</ref><ref>Oberhütten-Werkszeitungen Wirtschaft Schlesische Digitale Bibliothek, abgerufen am 27. April 2026.</ref>

Bei seinen Industriebetrieben handelte es sich fast ausnahmslos um Rüstungsunternehmen. Das größte war mit rund 20.000 Arbeitern die Vereinigte Oberschlesische Hüttenwerke AG (Oberhütten).<ref>Vereinigte Oberschlesische Hüttenwerke Aktiengesellschaft Forschung Gieseler, abgerufen am 27. April 2026.</ref> Ferner sind hervorzuheben: ab

Ballestrem arbeitete eng mit dem NS-Regime zusammen, um seine wirtschaftliche Macht zu sichern und von der Aufrüstung zu profitieren. In nahezu allen seiner Unternehmen wurden Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesetzt, oft in Kooperation mit der SS.<ref>Klaus Tenfelde, Hans-Christoph Seidel, Jens Adamski: Zwangsarbeit im Bergwerk. Forschungen. Klartext, 2005, S. 376.</ref><ref>Maud von Ossietzky, Hans Leonhard (Hrsg.): Die Weltbühne. Ausgaben 1–24. Verlag der Weltbühne, 1947, S. 90.</ref> Für die Oberhütten AG in Hindenburg O.S. erfolgte Anfang August 1944 die Errichtung eines Außenlagers des KZ Auschwitz.<ref>Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5. C.H.Beck, 2005, S. 251–254.</ref> 17 britische Kriegsgefangene aus Stalag VIII-B beschäftigte Ballestrem direkt auf seinem Anwesen in Plawniowitz (Flößingen, Arbeitskommando E218).<ref>Piotr Stanek: Niewola powstańców warszawskich (1944–1945). in: Dzieje Najnowsze. XLIV (2). Warszawa 2012, S. 54–55.</ref><ref>Dokumente zur Verwaltung des Lagerkomplexes Stalag VIII-B Zentrales Kriegsgefangenenmuseum Łambinowice (Polen), abgerufen am 3. Mai 2026.</ref> Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gebot Ballestrem über ein Heer von 50.000 Arbeitskräften und ein Imperium aus hunderten Fabriken, Bergwerken, vier Rittergütern mit Herrenhäusern nebst 31.000 Hektar Ländereien.<ref>Rainer Orth: „Der Amtssitz der Opposition?“ Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934. Böhlau, 2016, S. 44–45.</ref>

Als die Rote Armee im Januar 1945 die Grenze zu Schlesien überschritt, begann auch für die Familie Ballestrem bei eisiger Kälte die Zeit der Flucht. Nikolaus von Ballestrem kam einen Monat später bei den Luftangriffen auf Dresden ums Leben. Während aus älteren Quellen hervorgeht, dass mit ihm drei seiner Kinder den Tod fanden,<ref>Suzanna Wycisk-Müller: Schöpferisches Schlesien von A bis Z. Band 2. Engelsdorfer Verlag Leipzig, 2016, S. 20.</ref> konkretisierte 2025 der polnische Historiker Arkadiusz Kuzio-Podrucki diese Darstellung: Demnach starb Ballestrem am 13. Februar 1945 im Brandbomben-Inferno am Dresdner Hauptbahnhof, wo hunderte Menschen im Feuer verbrannten oder in den Schutzräumen erstickten. Bei den getöteten Kindern handelte es sich jedoch nicht um seine eigenen, sondern um vier Kinder seines Bruders – das jüngste war gerade erst 20 Monate alt.<ref>Arkadiusz Kuzio-Podrucki: Ballestremowie,czyli trzy dni roku 1945. In: Śląsk. Miesięcznik społeczno-kulturalny Nr. 9 (360). Rok XXXI. WRZESIEŃ 2025, S. 10–11. Schlesische Digitale Bibliothek, abgerufen am 4. Mai 2026.</ref>

Ehe und Nachkommen[Bearbeiten]

Aus Ballestrems am 8. September 1927 in München geschlossenen Ehe mit Anna Gräfin von Walderdorff (* 19. Juli 1901; † 31. August 1965 in Landshut) gingen acht Kinder hervor, darunter der Geschäftsmann Valentin Graf von Ballestrem (* 1. November 1928; † 20. Januar 2006 Straubing), der Kapuziner P. Caspar (* 6. Januar 1930; † 9. Juni 2008 Ruhpolding) und Teresa Gräfin von Ballestrem (* 1936).

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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Weblinks[Bearbeiten]

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