Omar Khadr
Omar Ahmed Said Khadr (* 19. September 1986 in Toronto) ist ein Kanadier, der 2002 im Alter von 15 Jahren in Afghanistan bei einem Feuergefecht von der US-Army mit al-Qaida gefangen genommen wurde und von den Vereinigten Staaten in der Guantanamo Bay Naval Base inhaftiert wurde. Während seiner Haft wurde Khadr sowohl von kanadischen als auch von US-amerikanischen Geheimdienstmitarbeitern verhört. In der zehnjährigen Haft bekannte er sich des Mordes an einem US-Soldaten sowie weiterer Anklagepunkte schuldig. Später focht er seine Verurteilung an und gab an, das Schuldbekenntnis nur abgelegt zu haben, um nach Kanada zurückkehren zu können. Nach seiner Rückkehr nach Kanada blieb er drei weitere Jahre in Haft. Khadr verklagte die kanadische Regierung wegen der Verletzung seiner Rechte gemäß der Kanadischen Gesetze. Im Mai 2015 wurde Khadr gegen Kaution freigelassen, nachdem das Berufungsgericht von Alberta einen von der kanadischen Regierung beantragten Stopp der Freilassung abgelehnt hatte. Im Jahr 2017 kündigte die kanadische Regierung eine Einigung mit Khadr über eine Entschädigungszahlung in Höhe von 10,5 Millionen Kanadischen Dollar an, um Schäden auszugleichen, die durch den früheren Umgang mit dem Fall entstanden waren.
Nach Angaben der Vereinten Nationen war Khadr die erste Person seit dem Zweiten Weltkrieg, die vor einer Militärkommission wegen Kriegsverbrechen angeklagt wurde, die sie als Minderjährige begangen hatte. Seine Verurteilung und das Strafmaß stießen bei einigen Bürgerrechtsgruppen sowie beim UN-Sonderbeauftragten für Kinder und bewaffnete Konflikte auf Kritik.
Leben bis zur Gefangennahme[Bearbeiten]
Omar Khadr wurde als viertes Kind der fundamentalistischen muslimischen Familie Khadr in Kanada geboren. Seine Eltern waren ein Ägypter und eine Palästinenserin, die die kanadische Staatsbürgerschaft angenommen hatten. Die Familie Khadr war 1985 nach Peschawar in Pakistan gezogen, wo sein Vater für Hilfsorganisationen arbeitete, die afghanische Flüchtlinge unterstützten. Nach Angaben der US-Geheimdienste nutzte Omars Vater Wohltätigkeitsorganisationen als Tarnung, um Gelder für Al-Qaida zu beschaffen und zu waschen. Omar verbrachte seine Kindheit damit, zwischen Kanada und Pakistan hin- und herzuziehen. Er hatte sechs Geschwister, und seine Mutter wollte die Familie außerhalb Kanadas großziehen, da ihr einige der dortigen westlichen gesellschaftlichen Einflüsse missfielen. Omar verbrachte einen Großteil seiner Jugend in Lagern von Al-Qaida. Seine Eltern erzogen ihn in dem Glauben, dass das religiöse Martyrium das höchste Ziel sei, das er anstreben könne. Im Jahr 1992 wurde Khadrs Vater in der afghanischen Provinz Lugar schwer verletzt. Nach der Verletzung zog die Familie nach Toronto, damit er genesen konnte. Omar wurde für die erste Klasse an der ISNA Elementary School angemeldet. 1995, nach der Rückkehr der Familie nach Pakistan, wurde Omars Vater Ahmed festgenommen und beschuldigt, den Ägyptischen Islamischen Dschihad finanziell bei dem Bombenanschlag auf die ägyptische Botschaft in Pakistan unterstützt zu haben. Während seiner Haft musste Ahmed nach einem Hungerstreik im Krankenhaus behandelt werden, bevor er ein Jahr später aus Mangel an Beweisen freigelassen wurde. 1996 zog Ahmed Khadr mit seiner Familie nach Dschalalabad in Afghanistan, wo er für eine Nichtregierungsorganisation arbeitete. Dort hatte die Familie Kontakt zu Osama bin Laden und seiner Familie.<ref>CBC.ca, "Khadr has right to burial in Canada: son", January 24, 2004</ref> Laut der Anklageschrift der Militärkommission erhielt Omar Khadr im 1999 im Alter von Zwölf Jahren eine militärische Grundausbildung – im Bombenbau, im Umgang mit Sturmgewehren und in Kampftaktiken. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA befürchteten Omars Mutter und seine Geschwister US-amerikanische Bombenangriffe auf Afghanistan und zogen sich in die Berge Pakistans in Wasiristan zurück, wo der Vater sie nur selten besuchte. Sein Vater erlaubte Omar Anfang 2002, eine Gruppe von Arabern nach Afghanistan zu begleiten, die mit Abu Laith al-Libi in Verbindung standen und während ihres Aufenthalts in Chost einen Paschtu-Übersetzer benötigten.<ref name="unending">The Unending Torture of Omar Khadr. In: Rolling Stone. 24. August 2006, S. 60–64, 102–104, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 3. Dezember 2007; abgerufen am 29. September 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Gefangennahme und Gefangenschaft[Bearbeiten]
Omar Khadr wurde im Alter von 15 Jahren von amerikanischen Streitkräften nach einem US-Angriff auf ein Haus bei Khost am 27. Juli 2002, in Afghanistan in US-Militärgewahrsam genommen. Die US-Truppen setzen bei dem Angriff Boeing AH-64 und Fairchild-Republic A-10 ein, nachdem sich die Kämpfer im Haus weigerten, sich zu ergeben. Omar Khadr soll nach einem Bombenabwurf eine Handgranate geworfen haben, die einen US-amerikanischen Soldaten einer Spezialeinheit tötete. Beim Kampf wurde Khadr selbst von Explosionen schwer verletzt, verlor die Sehfähigkeit seines linken Auges und wurde am Boden liegend von zwei Kugeln in den Rücken getroffen. Am 2. Oktober 2003 wurden Khadrs Vater und sein 14 jähriger Bruder Abdullah Karim von pakistanischen Sicherheitskräften während eines Schusswechsels mit Kämpfern von Al-Qaida und den Taliban nahe der afghanisch-pakistanischen Grenze getötet. Nach dem Tod des Vaters kehrten seine Familienangehörigen nach Kanada zurück. Khadrs Bruder Abdurahman war ebenfalls, nach Gefangennahme in Afghanistan bis 2003 im Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base.<ref>CBC News, Canadian al-Qaeda suspect dead: Pakistan, January 24, 2004</ref>
Zunächst wurde Omar Khadr drei Monate lang im Militärgefängnis Bagram festgehalten. Die nächsten 8 Jahre wurde Omar Khadr ohne Anklage und Gerichtsverfahren in Guantanamo auf Kuba gefangen gehalten und erlitt psychische wie physische Folter. Anstatt als Minderjähriger angesehen und entsprechend behandelt zu werden, wie es das Völkerrecht vorschreibt, wurde Omar Khadr als feindlicher Kämpfer eingestuft und es wurde ihm verweigert, die Rechtmäßigkeit seiner Haft anzufechten. Erst im November 2004 – über zwei Jahre nach seiner Gefangennahme – durfte er mit einem Anwalt sprechen.
Omar Khadr war 2005 zum ersten Mal für ein Verfahren vor einer Militärkommission vorgesehen worden. Das von Präsident George W. Bush eingerichtete System der Militärkommissionen wurde jedoch 2006 vom Obersten US-Bundesgericht für verfassungswidrig erklärt. Ersetzt wurde es durch ein ähnliches System auf Grundlage des Military Commissions Act (MCA) von 2006. Seine Anklage bezog sich auf eine abgeänderte Version des MCA von 2006, die Präsident Barack Obama im Oktober 2009 unterzeichnete.
Am 26. Mai 2010 forderte UNICEF ein Ende des Militärverfahrens gegen Omar Khadr. Der UN-Ausschuss über die Rechte des Kindes forderte bei einer Prüfung der Einhaltung des Fakultativprotokolls „Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“ der UN-Kinderrechtskonvention die USA auf, keiner Person vor einem Militärgericht den Prozess zu machen, die als Kind in einem bewaffneten Konflikt inhaftiert wurde. Radhika Coomaraswamy, die UN-Sonderbeauftragte für das Programm Kinder und bewaffnete Konflikte warnte die USA davor, mit der Fortsetzung von Omar Khadrs Militärverfahren einen gefährlichen Präzedenzfall zu schaffen, und forderte die Behörden in den USA und in Kanada auf, gemeinsam eine geeignetere Lösung zu finden.
Erst am 10. August 2010 konnte sich Omar Khadr vor einem Militärtribunal verantworten. Sein Anwalt hatte es geschafft, eine Freigabe des ursprünglich als geheim eingestuften Videos zu bewirken, in dem man Omar Khadr bei einem Verhör durch kanadische Geheimdienstexperten sieht. Dort berichtet Khadr unter anderem, von Amerikanern gefoltert worden zu sein, und beklagt mangelnde medizinische Versorgung in Guantanamo sowie die Gleichgültigkeit der kanadischen Behörden. Sein Anwalt schaffte die Zulassung der Videoaufnahme beim Prozess, um nachzuweisen, dass Omar Khadr unter Druck gesetzt worden war und somit seine Geständnisse erpresst worden waren.
Am 31. Oktober 2010 wurde Khadr symbolisch zu 40 Jahren Haft verurteilt, wovon er noch acht Jahre in Guantanamo Bay absitzen sollte. Er hatte sich schuldig bekannt in den Anklagepunkten Mord, versuchter Mord, Verschwörung, Spionage und der Unterstützung einer „terroristischen Vereinigung“. Unter anderem gab er zu, 2002 den US-Soldaten mit einer Handgranate getötet zu haben. Sein Schuldbekenntnis war Teil einer strafmildernden Vereinbarung mit den US-Behörden.<ref>40 Jahre Gefängnis für kanadischen Guantanamo-Häftling in: Tages-Anzeiger vom 1. November 2010</ref><ref>Guantanamo detainee Khadr to serve 8 more years in prison in: CNN vom 1. November 2010</ref>
Der Oberste Gerichtshof in Kanada ordnete an, dass Omar Khadr von der kanadischen Regierung entschädigt werden müsse. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war, dass sich kanadische Beamte an den Verhören im Lager Guantanamo beteiligt hatten, obwohl sie wussten, dass er während seiner unrechtmäßigen Haft eine menschenunwürdige Behandlung erfahren hatte. Die auf diese Weise gewonnenen Aussagen wurden an die US-Behörden weitergegeben und trugen somit zur Verlängerung der unrechtmäßigen Haft bei.
Nach zehn Jahren Haft auf Kuba wurde Khadr Ende September 2012 im Alter von 26 Jahren aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo in das Hochsicherheitsgefängnis Millhaven Institution in Bath in der Provinz Ontario verlegt. Dort sollte er den Rest seiner Haftzeit von sieben Jahren absitzen.<ref>Guantanamos Jüngster darf ausreisen. Khadr-Rückkehr nach Kanada in: Spiegel Online vom 29. September 2012</ref>
Am 7. Mai 2015 wurde Omar Khadr unter Bewährungsauflagen aus der Haft entlassen.<ref>Freilassungsmeldung in: freeomar vom 7. Mai 2015</ref> Im Jahre 2017 erhielt er von der kanadischen Regierung eine Entschädigung von 10,5 Millionen Kanadischen Dollar (etwa 7,1 Millionen Euro).<ref></ref>
Sein Schicksal ist einzigartig, er ist der jüngste Mensch, der sich je als Kriegsverbrecher vor einem Gericht zu verantworten hatte. Khadr, der kanadischer Staatsbürger ist, war der letzte noch in Guantanamo befindliche Bürger eines „westlichen Landes“. Sein Heimatland Kanada weigerte sich, trotz des Drängens von Amnesty International, einen Auslieferungs- oder Rückführungsantrag zu stellen.
Die Ereignisse im Leben von Khadr wurden im Dokumentarfilm Guantanamo's Child unter der Regie von Patrick Reed, Michelle Shephard und Peter Raymont verfilmt.
Literatur[Bearbeiten]
- Michelle Shephard: Guantanamo's Child: The Untold Story of Omar Khadr. John Wiley & Sons, New York 2008. ISBN 0-470-84117-6
Weblinks[Bearbeiten]
- Fall Omar Khadr Guantanamo-Video alarmiert Menschenrechtler Spiegel Online, 15. Juli 2008
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Khadr, Omar |
| KURZBESCHREIBUNG | kanadischer Gefangener |
| GEBURTSDATUM | 19. September 1986 |
| GEBURTSORT | Toronto |
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