Otjisumeit
| Otjisumeit | |
|---|---|
| Allgemeines und Klassifikation | |
| IMA-Nummer |
1978-080<ref name="IMA-Liste">Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: July 2024. (PDF; 3,6 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Juli 2024, abgerufen am 13. August 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> |
| IMA-Symbol |
Otj<ref name="Warr"></ref> |
| Andere Namen |
|
| Chemische Formel |
|
| Mineralklasse (und ggf. Abteilung) |
Silikate und Germanate |
| System-Nummer nach Strunz (8. Aufl.) Lapis-Systematik (nach Strunz und Weiß) Strunz (9. Aufl.) Dana |
IV/C.08 IV/C.08-070 9.JA.15 07.10.03.01 |
| Ähnliche Minerale | Willemit |
| Kristallographische Daten | |
| Kristallsystem | triklin |
| Kristallklasse; Symbol | triklin-pedial; 1 oder triklin-pinakoidal; 1 |
| Raumgruppe | P1 (Nr. 1) oder P1 (Nr. 2) |
| Gitterparameter | a = 6,945 Å; b = 6,958 Å; c = 9,279 Å α = 102,94°; β = 103,05°; γ = 114,77°<ref name="Keller et al 1981" /> |
| Formeleinheiten | Z = 2<ref name="Keller et al 1981" /> |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mohshärte | ≈ 3 |
| Dichte (g/cm3) | 5,77 (berechnet)<ref name="Keller et al 1981" /> |
| Spaltbarkeit | undeutlich nach {001} |
| Bruch; Tenazität | keine Angaben; keine Angaben |
| Farbe | farblos-wasserklar, weiß |
| Strichfarbe | weiß |
| Transparenz | durchscheinend bis durchsichtig |
| Glanz | Fettglanz bis Halbdiamantglanz |
| Kristalloptik | |
| Brechungsindizes | nα = 1,920 nβ = [1,922] (berechnet) nγ = 1,943 |
| Brechungsindex | n = 1,93 (gemessen); 1,90 (berechnet) |
| Doppelbrechung | δ = 0,023 |
| Optischer Charakter | zweiachsig positiv |
| Achsenwinkel | 2V = 20° |
| Weitere Eigenschaften | |
| Chemisches Verhalten | gut löslich in heißer HNO3 |
Otjisumeit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ (ehemals Oxide und Hydroxide). Es kristallisiert im triklinen Kristallsystem mit der chemischen Formel PbGe4O9,<ref name="Keller et al 1981" /> ist also chemisch gesehen ein Blei-Germanat.
Otjisumeit bildet idiomorphe, pseudohexagonale, mehr oder weniger stark nach der c-Achse [001] gestreckte Kristalle bis zu maximal 1 mm Länge und weniger als 0,1 mm Durchmesser, die einen langsäuligen bis nadeligen Habitus aufweisen oder auch faserig ausgebildet sind. Sie sind meist zu radialstrahligen Aggregaten verwachsen. Das Mineral wurde – zusammen mit Chalkosin, Siderit und Schaurteit – in kleinen Hohlräumen in korrodiertem Germanit-Renierit-Tennantit-Erz in der Tsumeb Mine im Norden Namibias gefunden.<ref name="Keller et al 1981" />
Etymologie und Geschichte[Bearbeiten]
Als Entdecker<ref name="Gebhard_II" /> des Otjisumeit gilt Bruno Herrmann Geier (1902–1987), der ehemalige Chefmineraloge der Tsumeb Corporation, dem das Mineral unter anderen Stufen aus Tsumeb schon Mitte der 1970er Jahre aufgefallen war. Entsprechende Untersuchungen an Material, welches der Mineraliensammler Walter Richard Kahn zur Verfügung gestellt hatte, führten zur Feststellung des Vorliegens eines neuen Minerals, welches 1978 von der International Mineralogical Association (IMA) unter der Nummer „IMA 1978-080“ anerkannt und 1981 von einem deutsch-US-amerikanischen Forscherteam mit Paul Keller, Heinz Hess und Pete J. Dunn im deutschen Wissenschaftsmagazin „Neues Jahrbuch für Mineralogie, Monatshefte“ als Otjisumeit beschrieben wurde.<ref name="Keller et al 1981" />
Benannt wurde das Mineral nach dem Fundort Tsumeb, der in der Sprache der Herero, dem Otjiherero, „Otjisume“ lautet, was „Platz der Frösche“ oder auch „Platz der grünen Algen“ bedeutet.<ref name="Keller 1984" />
Typmaterial des Minerals befindet sich im Archiv der Universität Stuttgart in der „Mineralogischen Sammlung von Professor Keller“ (Register-Nr. TM-78.80-TI-(B76) am Standort 0/824-s27/2, Holotyp) sowie im zur Smithsonian Institution gehörenden National Museum of Natural History, Washington, D.C. (Register-Nr. 145746, 149053, Cotyp).<ref name="Typkatalog" /><ref name="smmp.net" />
Klassifikation[Bearbeiten]
In der mittlerweile veralteten, aber noch gebräuchlichen 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Otjisumeit zur Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort zur Abteilung der „Oxide mit dem Stoffmengenverhältnis Metall : Sauerstoff = 2 : 3“, wo er zusammen mit Bartelkeit, Batiferrit, Haggertyit, Hawthorneit, Hibonit, Lindqvistit, Magnetoplumbit, Nežilovit, Plumboferrit, Yimengit und Zenzénit die Magnetoplumbit-Gruppe mit der System-Nr. IV/C.08 bildete.
Die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) verwendete 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Otjisumeit dagegen in die Klasse der „Silikate und Germanate“ und dort in die Abteilung der „Germanate“ ein. Hier ist er als einziges Mitglied der unbenannten Gruppe 9.JA.15 innerhalb der bisher ebenfalls unbenannten Unterabteilung „A“ zu finden.
Die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Otjisumeit wie die veraltete Strunz’sche Systematik in die Klasse der „Oxide und Hydroxide“, dort allerdings in die Abteilung der „Mehrfachen Oxide“ ein. Hier ist er einziges Mitglied der unbenannten Gruppe 07.10.03 innerhalb der Unterabteilung der „Mehrfachen Oxide“ zu finden.
Chemismus[Bearbeiten]
Mikrosondenanalysen an Otjisumeit führten zu Gehalten von 35,5 % PbO und 64,7 % GeO2. Auf der Basis von 9 Sauerstoffatomen pro Formeleinheit ergab sich daraus die empirische Formel Pb2+1,03Ge4+3,99O9, die zu PbGe4O9 idealisiert wurde und Gehalte von 34,8 % PbO und 65,2 % GeO2 verlangt.<ref name="Keller et al 1981" />
Es existiert eine synthetische Verbindung mit der identischen Zusammensetzung PbGe4O9, die aber hexagonale Struktur aufweist, womit es sich um einen Polymorph des Otjisumeits handelt.<ref name="Keller et al 1981" /> Möglicherweise stellt Otjisumeit die Tieftemperaturmodifikation dieser hexagonalen synthetischen Phase dar.<ref name="Keller et al 1981" />
Kristallstruktur[Bearbeiten]
Otjisumeit kristallisiert triklin in der Raumgruppe P1 (Raumgruppen-Nr. 1) oder P1 (Nr. 2) mit den Gitterparametern a = 6,945 Å; b = 6,958 Å; c = 9,279 Å; α = 102,94°; β = 103,05° und γ = 114,77° sowie zwei Formeleinheiten pro Elementarzelle.<ref name="Keller et al 1981" />
Die Struktur des Otjisumeits ist noch ungeklärt.<ref name="StrunzNickel" /> Der synthetische hexagonale Polymorph des Otjisumeits ist isotyp zu hexagonalem Benitoit, d. h., er kristallisiert mit der gleichen Struktur wie Benitoit.<ref name="Keller et al 1981" />
Eigenschaften[Bearbeiten]
Morphologie[Bearbeiten]
Otjisumeit findet sich in idiomorphen, mehr oder weniger stark nach der c-Achse [001] gestreckten Kristallen, die maximal 1,0 mm lang sind und Durchmesser von weniger als 0,3 mm besitzen. Der Kristallhabitus der pseudohexagonalen Kristalle ist langsäulig bis nadelig, oft sind sie auch faserig ausgebildet. Charakteristisch ist eine Verwachsung zu garben- und büschelförmigen bis radialstrahligen Aggregaten. Die pseudohexagonalen Formen der Otjisumeitkristalle konnten nicht indiziert werden, weil sie für eine optische Vermessung zu klein waren.<ref name="Keller et al 1981" />
Physikalische und chemische Eigenschaften[Bearbeiten]
Otjisumeitkristalle sind farblos oder weiß, ihre Strichfarbe ist dagegen immer weiß.<ref name="Keller et al 1981" /> Die Oberflächen der je nach Färbung wasserklar-durchsichtigen bis durchscheinenden Kristalle zeigen einen deutlichen halbdiamantartigen bzw. fettartigen Glanz.<ref name="Keller et al 1981" />
Die Kristalle des Otjisumeits zeigen eine undeutliche Spaltbarkeit nach {001}. Das Mineral weist eine Mohshärte von ≈ 3 auf und gehört damit zu den mittelharten Mineralen, die sich ähnlich wie das Referenzmineral Calcit mit einer Kupfermünze ritzen lassen.<ref name="Keller et al 1981" /> Gemessene Werte für die Dichte des Otjisumeits existieren nicht, die berechnete Dichte für das Mineral beträgt 5,77 g/cm³.<ref name="Keller et al 1981" />
Otjisumeit ist in heißer Salpetersäure HNO3 gut löslich.
Bildung und Fundorte[Bearbeiten]
Otjisumeit entsteht als typische Sekundärbildung im stark korrodierten Germaniumerz einer in Carbonatgesteinen sitzenden komplexen Cu-Pb-Zn-Lagerstätte.<ref name="Handbookofmineralogy" /> Blei und Germanium stammen dabei aus der Zersetzung primärer Germanium-Erze sowie sulfidischer Erzminerale wie Germanit, Renierit, Tennantit und Galenit. Begleitminerale in den Zersetzungshohlräumen sind unter anderem Germanit, Renierit, Tennantit und Galenit sowie Chalkosin, Schaurteit, Siderit, Calcit, Gips und Quarz.<ref name="Keller et al 1981" /><ref name="Handbookofmineralogy" /> Ursprünglich waren nur zwei Stufen mit Otjisumeit bekannt, deren genauer Fundort in der Tsumeb Mine nicht zu lokalisieren war. Die Altersfolge der auf einer der beiden Stufen identifizierten Minerale ist Erz → Siderit → Otjisumeit → Schaurteit. Bei der anderen Probe wurde kein Schaurteit festgestellt. Hier ist die Altersfolge: Erz → Chalkosin → Siderit → Otjisumeit. Später wurde Otjisumeit auch bei der Erstbeschreibung von Calvertit, Gallobeudantit und Galloplumbogummit identifiziert und gehört damit zur Paragenese der Typstufen dieser drei Minerale.
Als sehr seltene Mineralbildung konnte Otjisumeit bisher (Stand 2016) nur von einem Fundpunkt beschrieben werden.<ref name="MindatAnzahl" /><ref name="Fundorte" /> Seine Typlokalität ist die weltberühmte Cu-Pb-Zn-Ag-Ge-Cd-Lagerstätte der „Tsumeb Mine“ (Tsumcorp Mine)<ref name="Bartelke" /> in Tsumeb, Region Oshikoto, Namibia. Der genaue Fundpunkt innerhalb der „Tsumeb Mine“ ist nicht bekannt.<ref name="Keller et al 1981" /><ref name="Gebhard_II" />
Verwendung[Bearbeiten]
Otjisumeit ist aufgrund seiner Seltenheit nur für Mineralsammler interessant.
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Paul Keller, Heinz Hess, Pete J. Dunn: Bartelkeit, PbFe2+Ge3O8, ein neues Germanium-Mineral von Tsumeb, Namibia. In: Chemie der Erde. Band 40, 1981, ISSN 0009-2819, S. 201–206.
- Otjisumeit. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (PDF, 69 kB)
Weblinks[Bearbeiten]
- Mineralienatlas:Otjisumeit (Wiki)
- Webmineral - Otjisumeit (englisch)
- Mindat – Otjisumeit (englisch)
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references> <ref name="Bartelke"> Wolfgang Bartelke: Die Erzlagerstätte von Tsumeb/Südwestafrika und ihre Mineralien. In: Der Aufschluss. Band 27, 1976, S. 393–439. </ref> <ref name="Handbookofmineralogy"> Otjisumeit. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (PDF, 69 kB) </ref> <ref name="Fundorte"> Fundortliste für Otjisumeit beim Mineralienatlas und bei Mindat </ref> <ref name="Gebhard_II"> Georg Gebhard: Tsumeb. 1. Auflage. GG Publishing, Grossenseifen 1999, S. 275 + 322. </ref> <ref name="Keller 1984"> Paul Keller: Tsumeb/Namibia – eine der spektakulärsten Mineralfundstellen der Erde. In: Lapis. 9 (Heft 7/8), 1984, S. 13–63. </ref> <ref name="Keller et al 1981"> Paul Keller, Heinz Hess, Pete J. Dunn: Otjisumeit, PbGe4O9, ein neues Mineral aus Tsumeb, Namibia. In: Neues Jahrbuch für Mineralogie, Monatshefte. 1981 (Heft 2), 1981, S. 49–55. </ref> <ref name="MindatAnzahl"> Mindat – Anzahl der Fundorte für Otjisumeit </ref> <ref name="smmp.net"> Catalogue of Type Mineral Specimens – O. (PDF 37 kB) In: docs.wixstatic.com. Commission on Museums (IMA), 12. Dezember 2018, S. 6, abgerufen am 1. Mai 2020. </ref> <ref name="StrunzNickel"> Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 716. </ref> <ref name="Typkatalog"> Typmineral-Katalog Deutschland – Aufbewahrung der Holotypstufe Otjisumeit </ref> </references>