Petinesca
Petinesca ist der Name einer römischen Siedlungagglomeration und eines vorherigen keltischen Oppidums auf dem Gebiet der Gemeinde Studen BE im Verwaltungskreis Seeland des schweizerischen Kantons Bern.
Lage, Geologie, Geomorphologie, Etymologie, Quellen und Forschungsgeschichte[Bearbeiten]
Petinesca liegt auf dem Jensberg, einem sich bis auf 611 m ü. M. aus dem Seeland erhebenden und sich westöstlich erstreckenden Sandsteinhügelkamm und an dessen östlichem und südöstlichem Rand im Tal der Alten Aare (431 m ü. M.). Der Jensberg besteht aus glaukonitischem und glimmerhaltigem, von mergeligen Schichten durchzogenem Sandstein.<ref>Jensberg-Schichten im Lithostratigraphischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 5. September 2026.</ref> Die Alte Aare, deren Verlauf dem der Aare bis zur Juragewässerkorrektion entspricht, die aber heute im Bereich von Studen verlandet ist, war in der antiken Zeit noch schiffbar. In der römischen Verkehrsgeographie bildete Petinesca einen Knotenpunkt, bei dem eine von Basilia (Basel) und Augusta Raurica (Augst/Kaiseraugst) heranführende und weiter nach Brenodunum (Bern) führende Strasse die Fernstrasse von Vindonissa (Windisch AG) nach Aventicum (Avenches) kreuzte. Der Ortsname Petinesca ist wahrscheinlich keltischen Ursprungs, bezieht sich möglicherweise auf einen Herrscher und Gründer des Oppidums namens Petinius<ref>Leana Catalfamo, Jonas Kissling, Ludivine Marquis: Pädagogisches Dossier Petinesca. Aus dem Innern eines Hügels. Neues Museum Biel, Biel 2017 (Digitalisat).</ref> und ging später auf die römische Siedlung über.
Der Ort war im Itinerarium Antonini und auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet und die baulichen Reste auf dem Gebiet von Studen waren schon früh bekannt. Bereits 1656 identifizierte der Historiker Jean-Baptiste Plantin (1624–1700) Suden mit Petinesca.<ref>Jean-Baptiste Plantin: Helvetia antiqua et nova. Sonnleitner, Bern 1656 (Digitalisat).</ref> Nachdem sich die Befunde im ausgehenden 18. Jahrhundert gehäuft hatten, wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erste Ausgrabungen durch Kantonalregierung und an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert systematische Untersuchungen durch die historische Gesellschaft «Pro Petinesca» durchgeführt. Weitere Ausgrabungen erfolgten in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre durch den staatlichen Arbeitsdienst.<ref>Webauftritt des Vereins Pro Petinesca, abgerufen am 5. September 2026.</ref><ref name="DF 519">Walter Drack, Rudolf Fellmann: Studen BE. In: Dies.: Die Römer in der Schweiz. Theiss/Raggi, Stuttgart/Jona (SG) 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 519.</ref>
Archäologische Befunde und Siedlungsgeschichte[Bearbeiten]
Zuerst als keltische Befestigung, danach als römischer Vicus mit Tempelbezirk und bewachter Strassenstation, bildete Petinesca vom 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis zum Ende des 4. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung das Zentrum der Region Seeland.
Vorrömische Besiedlung[Bearbeiten]
Zu Petinesca gehört eine vorrömische Wallanlage, von der der westlich gelegene Keltenwall am besten erhalten ist. Der Wall ist eine durch Baumstämme und eine Trockenmauer verstärkte Erdaufschüttung. Er schützte einst ein Oppidum.
Die Wallanlage wurde 1898 untersucht und als keltisches Befestigungswerk (Murus Gallicus) erkannt. Nord-, Süd- und Ostseite des Oppidums waren durch die natürlichen, steilen Hügelflanken gut geschützt. Zur Befestigung begnügte man sich dort wohl mit Palisaden. Spuren von Palisadenterrassen sind über weite Strecken immer noch sichtbar. Die Innenfläche der gesamten Anlage betrug rund 35 ha.
Bisher fehlen nähere Kenntnisse zur Entstehungszeit, zur Besiedlungsdauer und -struktur dieses Oppidums. Von vergleichbaren Anlagen weiss man, dass nur ein kleiner Teil der umwehrten Fläche bebaut war. Solche Festungen dienten vermutlich als Fluchtburgen. Zudem machte eine derart imposante Anlage auch Macht und Reichtum der herrschenden Oberschicht sichtbar.
Der um die Zeitwende entstandene römische Vicus lag grösstenteils ausserhalb des Oppidums. Eine Siedlungskontinuität konnte bisher nicht nachgewiesen werden, ist jedoch wahrscheinlich. Immerhin behielt das römische Dorf den keltischen Namen Petinesca.
Im Bereich des Oppidums wurden bisher kaum keltische Objekte gefunden. Zahlreiche latènezeitliche Metallgegenstände kamen jedoch während der ersten Juragewässerkorrektion in alten Zihlläufen zwischen Port und Schwadernau zum Vorschein. Sie wurden wohl als Opfergaben dem Fluss übergeben.
Römische Besiedlung[Bearbeiten]
Die römische Besiedlung Petinescas untergliedert sich in mehrere Bereiche: das «Unterdorf», das Quartier «Vorderberg» und den Siedlungsbereich «Oberdorf»/«Ried», die durch die Störungen einer ehemaligen großen Kiesgrube voneinander getrennt sind, den Fundstellen am «Wydenpark» und den Tempelbezirk «Gumpboden».
Vicus, Mansio, Toranlage und Strassenkastell «Unterdorf»[Bearbeiten]
Den Kern des Vicus, dessen Gebäude in der frühkaiserzeitlichen Besiedlungsphase aus Holzbauten bestand, entwickelte sich längs des heutigen Rebenwegs in einem Bereich, in dem die von Nordwest nach Südost verlaufende Strasse von Aegerten nach Brenodunum die Strasse von Vindonissa nach Aventicum kreuzte. Das markanteste Bauwerk in diesem Bereich war eine rund 50 m mal 60 m (= 3000 m²) messende Mansio (Herberge), möglicherweise mit integrierter Mutatio (Pferdewechselstation). Die Herberge existierte vom frühen ersten bis zum späten dritten Jahrhundert. Der Gebäudekomplex war in zahlreiche Räume untergliedert und verfügte über einen fünfräumigen, hypokaustierten Badetrakt und eine eigene Bäckerei. Die Be- und Entwässerung der Anlage erfolgte über aufwändige Installationen im Nordwesten mit Wasserstollen, Kanälen, Sammlern und Schlämmbecken. Das Fundmaterial setzte sich aus Keramik, Schmuck, Toilettenutensilien, Schlüssel, Werkzeuge sowie je einem bronzenen Wassermischhahn und einem Deichselbeschlag zusammen. Die Münzreihe beginnt um das Jahr 14 u. Z. und reicht bis zum Jahr 285 u. Z. Unmittelbar östlich und südlich der Mansio fanden sich die Spuren der Wohngebäude des Vicus. Am nach Aventicum führenden Straßenabschnitt bildete sich, quasi als Verlängerung der eben beschriebenen Befunde, der Siedlungsbereich des Quartiers «Vorderberg» (siehe weiter unten).<ref name="DF 519"/><ref name="Holz">Rudolf Zwahlen: Die Holzbauphasen im römischen Vicus Petinesca. In: Archäologie der Schweiz, Mitteilungsblatt der SGUF, Band 16, Heft 2, S. 71–77 (Digitalisat).</ref>
(Zustand 2001)
Aus dem dritten Jahrhundert stammt eine Toranlage, die von der Gesellschaft Pro Petinesca systematisch ausgegraben wurde.<ref>Toranlage bei 47° 6′ 33,85″ N, 7° 17′ 59,95″ O
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}}</ref> Die Anlage besteht aus dem eigentlichen Tor mit einem 3,60 m weiten Durchgang und einem Turm mit einem quadratischen Grundriss von etwa 13 m Seitenlänge. Im vierten Jahrhundert wurden Toranlage und Turmbau in ein Strassenkastell mit Unterkunftsräumen integriert.<ref>Strassenkastell bei 47° 6′ 33,5″ N, 7° 17′ 59,32″ O
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|name=Strassenkastell
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}}</ref> Das Fundmaterial beinhaltet Werkzeuge, Lanzenspitzen und eine Münzprägung des Kaisers Gratian (367–383).<ref name="Geophysik">Manuel Buess, Rudolf Zwahlen: Studen-Petinesca, Ried. Geophysikalische Untersuchung im Oberdorf des römischen Vicus.In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2018, S. 102–106 (Digitalisat).</ref><ref name="Päda">Leana Catalfamo, Jonas Kissling, Ludivine Marquis: Pädagogisches Dossier Petinesca. Aus dem Innern eines Hügels. Neues Museum Biel, Biel 2017 (Digitalisat).</ref><ref name="DrackFellmann">Walter Drack, Rudolf Fellmann: Studen BE. In: Dies.: Die Römer in der Schweiz. Theiss/Raggi, Stuttgart/Jona (SG) 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 519–523.</ref>
Quartier «Vorderberg»[Bearbeiten]
Im Südostende des Vicus setzte sich dieser nördlich längs der heutigen Jensstrasse, die in ihrem Verlauf in etwa dem der römischen Strasse nach Aventicum entspricht, im Quartier «Vorderberg» fort.<ref>Quartier Vorderberg weitläufig um 47° 6′ 30,65″ N, 7° 17′ 49,65″ O
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}}</ref> Die Bebauung auf den untersuchten 3800 m² weist zwei Holzbauphasen und zwei Steinbauphasen auf. Die erste Holzbauphase A zeigt mehrere Umbauphasen bei bis zu vier Häusern auf und lässt sich aufgrund diverser Münz- und anderer Funde (beispielsweise Terra sigillata des Typs Drag. 29) auf die augusteische und tiberische Zeit datieren. Der Übergang zur zweiten Holzbauphase B erfolgte in spätneronisch/frühflavischer Zeit, sie bestand bis zum Ende des ersten Jahrhunderts (Terra sigillata der Typen Drag. 37 und Drag. 35/36). Die Häuser weisen nun eine massivere Bauweise auf, die Schwellbalken sind breiter. Grosse Mengen Hüttenlehm weisen auf Wände mit Lehmbewurf. An der Ausrichtung der Häuser und der Struktur des Vicus ändert sich jedoch nichts. Dies gilt auch für die folgenden beiden Steinbauphasen C und D mit insgesamt sechs Gebäuden ab dem Ende des ersten/Beginn des zweiten Jahrhunderts, die bis zum Ende des dritten Jahrhunderts existierten. Ein Zusammenhang zu dem nördlich oberhalb befindlichen Siedlungsbereich «Oberdorf»/«Ried» (siehe weiter unten) ist denkbar, aber durch die dazwischen liegende großflächige Störung durch eine Kiesgrube nicht mehr nachvollziehbar.<ref name="Holz"/>
Im Quartier «Vorderberg» fanden sich drei Sodbrunnen, die als Ziehbrunnen ausgeführt waren. Die Entstehungszeiten der bis zu zwölf Meter tiefen Brunnen wurden zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert datiert. Ihre Aufgabe und Verfüllung erfolgte im 3. Jahrhundert. Die gefundene Keramik reiht sich in die bekannten Referenzkomplexe des 3. Jahrhunderts aus dem schweizerischen Mittelland ein. Deutlich zeigt sie die sich im 3. Jahrhundert vollziehende Entwicklung der Glanztonware. Die Archäozoologie kann aufgrund der Zusammensetzung der Tierreste die Sämischgerberei nachweisen. Die Funde zeigen, dass etwa ab der Zeitenwende Feingerber tätig waren. Während ein Grubeninhalt aus dem 1. Jahrhundert auf das Gerben von Schaffellen hinweist, belegen die Brunnenfunde aus dem 3. Jahrhundert die Produktion von Ziegenleder. Die benötigten Tiere wurden aus den umliegenden Gutshöfen (Villae rusticae) angeliefert, so wurde im nahe gelegenen Port bei Grabungen, die seit 2014 dort stattfinden, eine luxuriöse Villa rustica gefunden.<ref name="Holz"/><ref>Rudolf Zwahlen et al.: Vicus Petinesca, Vorderberg. Band 4: Die Ziehbrunnen. Rub Media, Bern 2007, ISBN 978-3-907663-11-0 (Digitalisat).</ref>
Siedlungsbereich «Oberdorf»/«Ried»[Bearbeiten]
Der Siedlungsbereich «Oberdorf»/«Ried», rund 50 Höhenmeter oberhalb des Quartiers «Vorderberg» und von diesem durch die Störungen einer ehemaligen Kiesgrube und späteren Deponie abgetrennt, und etwa 50 Höhenmeter unterhalb des Tempelbezirks «Gumpboden» gelegen,<ref>Siedlungsbereich «Oberdorf»/«Ried» weitläufig um 47° 6′ 36,95″ N, 7° 17′ 40,85″ O
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}}</ref> war schon im 19. Jahrhundert entdeckt und lange Zeit als zweiter Tempelbezirk missinterpretiert worden. Tatsächlich kann aber gesichert nur ein Umgangstempel nachgewiesen werden, während es sich bei den übrigen Bebauungsspuren um weitere Siedlungsgebäude handelt. Im Jahr 2017 wurden im Vorlauf zu geplanten Umgestaltungs- und Aufschüttungsmassnahmen geophysikalische Prospektionen durchgeführt. Bei einigen dabei festgestellten dunklen Flächen konnte ein natürlicher Ursprung ausgeschlossen werden. Es muss sich vielmehr um im Boden verborgene römische Gebäude beiderseits des hangparallel verlaufenden Weges handeln, die partiell bereits bei früheren Grabungen erfasst und dokumentiert worden waren. Im Fundmaterial befanden sich außer Keramik-, Glas- und Metallfragmenten und Knochen vor allem vier Münzen, die zwischen den Jahren 119 und 184 geprägt worden waren.<ref name="Geophysik"/><ref>Walter Drack, Rudolf Fellmann: Studen BE. In: Dies.: Die Römer in der Schweiz. Theiss/Raggi, Stuttgart/Jona (SG) 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 522 f.</ref>
Strassen und Hafen am «Wydenpark»[Bearbeiten]
Ein wichtiger Faktor dafür, dass Petinesca überregionale Bedeutung erlangte, war der Umstand seiner überaus verkehrsgünstigen Lage. Hier kreuzte die Römerstrasse von Basilia (Basel) und Augusta Raurica (Augst/Kaiseraugst) nach Brenodurum (Bern) die Fernstrasse, die von Vindonissa (Windisch AG) über Solodurum (Solothurn) nach Aventicum (Avenches) führte.<ref>Stefan Aebersold, Christiane Kissling: Studen, Rebenweg 23. Ein weiterer Strassenabschnitt und Gebäudereste aus der römischen Kleinstadt Petinesca. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2022, S. 90–93 (Digitalisat).</ref>
Beim Wydenpark, gleich neben dem Bahnhof in Studen, sind die Archäologen im Jahr 2010 auf die Überreste einer Brücke, der Strasse nach Vindonissa und eines Dammes mit Holzpfählen und massiven Holzverbauungen gestossen.<ref>Fundstelle Wydenpark bei 47° 6′ 45,45″ N, 7° 18′ 5,15″ O
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}}</ref> Der Damm folgt dem Verlauf der bis zu sieben Meter breiten Strasse, die ebenfalls teilweise freigelegt wurde. Parallel zum Damm wurden sechs Gräber mit teilweise gut erhaltenen Skeletten gefunden. Weitere Grabungen ergaben, dass sich am alten Aarelauf ein römischer Hafen oder zumindest eine befestigte Landestelle befunden haben muss.<ref>Regula Gubler, Rudolf Zwahlen: Studen-Petinesca, Wydenpark. Per Schiff nach Petinesca. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2011, S. 76–81 (Digitalisat).</ref>
Tempelbezirk «Gumpboden»[Bearbeiten]
Der Tempelbezirk liegt auf der kuppenförmigen Terrasse «Gumpboden», etwa 100 Höhenmeter oberhalb der Befunde im «Unterdorf». In den Jahren 1937 bis 1939 dort durchgeführte Grabungen führten zur Freilegung von sieben nach Osten ausgerichteten größeren Tempeln und zwei sogenannter «Kapellen» in der Flur Gumpboden des Jensberges.<ref>Tempelbezirk bei 47° 6′ 44″ N, 7° 17′ 29,5″ O
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}}</ref> Die Tempelanlage gliedert sich in zwei Gruppen zu je drei beieinander stehenden gallorömischen Umgangstempeln, einem dazwischen liegendem Tempel, sowie zwei seitlich davon liegenden, «Kapellen» genannten Schreinen und einem weiteren, zweistöckigem Gebäude im Norden der Anlage, das als mögliches Haus der Priesterschaft angesprochen wurde. Ferner konnten ein Findling und ein Brunnen ausfindig gemacht werden, die eine kultische Rolle gespielt haben könnten. Die nordöstliche Seite des Geländes war offenbar nicht bebaut, könnte aber als sakraler Hain gedient haben. Der Tempelbezirk wurde um die Mitte des ersten Jahrhunderts errichtet und wurde bis um die Mitte des vierten Jahrhunderts genutzt.
Die trapezförmige, rund 200 m mal 70 m messende und damit 1,4 Hektar umfassende Anlage war ursprünglich von einer Temenosmauer umgeben, in der sich auf der Nordostseite, Südostseite und Südwestseite je ein 1,55 m bis 1,80 m breites Zugangstor befand. Ein Abschnitt der südöstlichen Mauer ist noch im Gelände erhalten. Von einzelnen Gebäudeteilen der Tempel konnten die Ausgräber keine Spuren mehr finden, da die Ruinen seit dem Mittelalter zur Gewinnung von Baumaterial ausgebeutet wurden. So wurden in der Stephanskirche von Biel-Mett Architekturfragmente identifiziert, die wahrscheinlich aus Petinesca stammen. Das Fundmaterial des Tempelbezirks wurde von Kleinfunden kultischen Charakters, wie Glöckchen, kleinen Löffeln und Zierblechen, sowie Fibeln und Münzen des ersten bis vierten Jahrhunderts dominiert.
Infolge von Nachgrabungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts mussten einige Erkenntnisse der 1930er Jahre relativiert werden. Im Jahr 2012 wurde der römische Tempelbezirk umfassend saniert. Die Mauerzüge wurden mit Markiersteinen nachgezogen und die Tempelinnenflächen wurden mit Mergelsteinen erkennbar gemacht. Dabei wurden, wo möglich, die Markierungen von 1937/1939 belassen. Die neue Anlage bietet daher kein einheitliches Bild.<ref name="Päda"/><ref name="DrackFellmann"/><ref name="Nachgrabung">Christof Balser, Myriam Camenzind, Anaïs Corti, Urs Rohrbach: Studen-Petinesca, Gumpboden. Nachgrabungen im römischen Tempelbezirk.In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2018, S. 100 f (Digitalisat).</ref><ref>Jacqueline Lauper, Markus Peter, Urs Rohrbach: Neue Untersuchungen zum Tempelbezirk von Studen-Petinesca.In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2019, S. 199–213 (Digitalisat).</ref><ref>Rudolf Zwahlen: Studen-Petinesca, Gumpboden. Instandstellung des römischen Tempelbezirks. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2012, S. 80–83 (Digitalisat).</ref>
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Sanierter Tempelbezirk (2014)
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Tempelbezirk (2011)
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Tempelnahaufnahme (2014)
Gräberfelder[Bearbeiten]
Aufgrund eines geplanten Neubaus wurde im Jahre 1991 die Parzelle 560 am Keltenweg 1/3 in Studen mit Sondierungen untersucht. Dabei wurden römische Brandgräber entdeckt.<ref>Gräberfeld Keltenweg 1/3 bei 47° 6′ 58,6″ N, 7° 17′ 53″ O
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|name=Gräberfeld Keltenweg 1/3
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}}</ref> Daraufhin wurde das Gebiet archäologisch untersucht. Dabei konnten eine in Nord-Süd-Richtung verlaufende römische Strasse sowie 52 Gräber freigelegt werden. Darunter befanden sich 5 beigabenlose Gräber, 3 römische Kinderskelette und 44 Brandschüttungsgräber. Durch die Grabbeigaben, darunter südgallische Terra Sigillata der Typen Drag. 18 und Drag. 27 liessen sich die Gräber in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts datieren.<ref>René Bacher: Das Gräberfeld von Petinesca. In: Archäologie der Schweiz, Mitteilungsblatt der SGUF, Band 16, Heft 2, S. 78–81 (Digitalisat).</ref><ref name="GLR">Regula Gubler, Sandra Lösch, Domenic Rüttimann et al.: Die römischen Bestattungen der Grabung Wydenpark in Studen. Eine anthropologische Untersuchung. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2013, S. 120–134 (Digitalisat).</ref>
Weitere sechs Bestattungen aus dem zweiten Jahrhundert wurden bei den Ausgrabungen im Wydenpark freigelegt, darunter ein Säuglingsgrab, vier Körperbestattungen von Erwachsenen, was für die Zeitstellung ungewöhnlich ist, und lediglich ein Brandgrab. Bei den Körperbestattungen handelt es sich ausschliesslich um Männer in einem Alter von 30 bis 50 Jahren, bei der Brandbestattung um ein Bustum mit unvollständig verbranntem Skelett, vermutlich auch eines Mannes derselben Altersgruppe.<ref name="GLR"/>
Präsentation und Denkmalschutz[Bearbeiten]
Die Reste des Tempelbezirks sowie die Toranlage sind konserviert und teilrekonstruiert und können im Gelände besichtigt werden. Die Funde werden im Neuen Museum Biel verwahrt und präsentiert.
Petinesca wurde als Kulturgut von nationaler Bedeutung mit der KGS-Nummer 01247 unter besonderen Schutz gestellt. Für den Denkmalschutz, die wissenschaftliche Aufarbeitung und die Dokumentation der Befunde und Funde zeichnet der Archäologische Dienst des Kantons Bern verantwortlich.<ref>Webpräsenz des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern auf der offiziellen Webseite des Kantons, abgerufen am 6. September 2026.</ref> Die Ergebnisse werden aktuell im «Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern» publiziert.<ref> Archiv des Jahrbuchs des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern, abgerufen am 6. September 2026.</ref> Vorläufer des Jahrbuchs waren die «Fundberichte und Aufsätze».<ref>Archiv der Fundberichte und Aufsätze, abgerufen am 6. September 2026.</ref> Ehrenamtlich kümmert sich zudem der Verein Pro Petinesca um das kulturelle Erbe Studens.<ref>Webauftritt des Vereins Pro Petinesca, abgerufen am 6. September 2026.</ref>
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Stefan Aebersold, Christiane Kissling: Studen, Rebenweg 23. Ein weiterer Strassenabschnitt und Gebäudereste aus der römischen Kleinstadt Petinesca. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2022, S. 90–93 (Digitalisat).
- René Bacher: Studen-Rebenweg / Petinesca 1987/88. Römische Siedlungsschichten und Töpfereiabfälle. In: Archäologie im Kanton Bern. Fundberichte und Aufsätze, Band 2, 1992, S. 359–394 (Digitalisat).
- René Bacher: Das Gräberfeld von Petinesca. In: Archäologie der Schweiz, Mitteilungsblatt der SGUF, Band 16, Heft 2, S. 78–81 (Digitalisat).
- René Bacher, Peter J. Suter: Archäologie im Kanton Bern. Fundberichte und Aufsätze. Band 6, 2005, S. 263–272 (Digitalisat).
- Christof Balser, Myriam Camenzind, Anaïs Corti, Urs Rohrbach: Studen-Petinesca, Gumpboden. Nachgrabungen im römischen Tempelbezirk.In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2018, S. 100 f (Digitalisat).
- Manuel Buess, Rudolf Zwahlen: Studen-Petinesca, Ried. Geophysikalische Untersuchung im Oberdorf des römischen Vicus.In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2018, S. 102–106 (Digitalisat).
- Leana Catalfamo, Jonas Kissling, Ludivine Marquis: Pädagogisches Dossier Petinesca. Aus dem Innern eines Hügels. Neues Museum Biel, Biel 2017 (Digitalisat).
- Walter Drack, Rudolf Fellmann: Studen BE. In: Dies.: Die Römer in der Schweiz. Theiss/Raggi, Stuttgart/Jona (SG) 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 519–523.
- Regula Gubler, Rudolf Zwahlen: Studen-Petinesca, Wydenpark. Per Schiff nach Petinesca. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2011, S. 76–81 (Digitalisat).
- Regula Gubler, Sandra Lösch, Domenic Rüttimann et al.: Die römischen Bestattungen der Grabung Wydenpark in Studen. Eine anthropologische Untersuchung. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2013, S. 120–134 (Digitalisat).
- Daniel Gutscher, Peter J. Suter (Red.): Archäologie im Kanton Bern. Fundberichte und Aufsätze, Band 1, 1990, S. 48–57 (Digitalisat).
- Daniel Gutscher, Peter J. Suter (Red.): Archäologie im Kanton Bern. Fundberichte und Aufsätze, Band 3, 1994, S. 125–140 (Digitalisat).
- Jacqueline Lauper, Markus Peter, Urs Rohrbach: Neue Untersuchungen zum Tempelbezirk von Studen-Petinesca.In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2019, S. 199–213 (Digitalisat).
- Jakob Wiedmer-Stern: Petinesca. In: Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde. Band 3, Heft 2, 1907, S. 87–106 (Digitalisat).
- Rudolf Zwahlen: Die Holzbauphasen im römischen Vicus Petinesca. In: Archäologie der Schweiz, Mitteilungsblatt der SGUF, Band 16, Heft 2, S. 71–77 (Digitalisat).
- Rudolf Zwahlen et al.: Vicus Petinesca, Vorderberg. Bd. 1–4. Staatlicher Lehrmittelverlag, Bern 1995–2007.
- Rudolf Zwahlen et al.: Vicus Petinesca, Vorderberg. Band 4: Die Ziehbrunnen. Rub Media, Bern 2007, ISBN 978-3-907663-11-0 (Digitalisat).
- Rudolf Zwahlen: Studen-Petinesca, Gumpboden. Instandstellung des römischen Tempelbezirks. In: Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2012, S. 80–83 (Digitalisat).
Weblinks[Bearbeiten]
- Studen-Petinesca, Jensberg – Archäologischer Dienst des Kantons Bern
- Verein Pro Petinesca – Verein zur Erhaltung der archäologischen Stätte Petinesca
- Studen (Petinesca) auf ostia-antica.org (englisch)
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Wikipedia:Seite mit Skriptfehlern
- Römischer Vicus
- Archäologischer Fundplatz in der Schweiz
- Archäologischer Fundplatz in Europa
- Geschichte (Kanton Bern)
- Geographie (Kanton Bern)
- Kulturgut von nationaler Bedeutung im Kanton Bern
- Studen BE
- Römische Befestigungsanlage (Maxima Sequanorum)
- Germania superior
- Römischer Tempel