Pick-Sloan Missouri Basin Program
Das Pick-Sloan Missouri Basin Program, auch Missouri River Basin Project, war ein großangelegtes Staudammprojekt der Regierung der Vereinigten Staaten entlang des Missouri River in den Great Plains ab den 1940er Jahren.
Geschichte[Bearbeiten]
Nach den Dürrekatastrophen der 1930er Jahre in der „Dust Bowl“ entwickelten verschiedene Wasserbehörden (water management agencies) sowie Colonel Lewis A. Pick für das U.S. Army Corps of Engineers und Glen Sloan für das Bureau of Reclamation konkurrierende Pläne für ein Bewässerungssystem und eine Flutkontrolle des Missouri.<ref name="Capossela">Peter Capossela: Impacts of Army Corps of Engineers Pick Sloan Program on Indian Tribes. (Volltext online) In: Journal of Environmental Law and Litigation, Band 30, Nr. 1, Mai 2015</ref>
Der sogenannte Pick-Plan des Army Corps enthielt drei Hauptelemente: Flutdämme über eine Länge von 1.500 Kilometern entlang des gesamten Missouri von Sioux City bis zur Mündung in den Mississippi, außerdem fünf große Staudämme und -seen am Missouri sowie 18 Staudämme an Nebenflüssen des Missouri.
Der Sloan-Plan des Bureau war umfangreicher. Er enthielt 90 Staudamm-Projekte zur Regulierung des Missouri (und seiner Nebenflüsse) und zur Stromerzeugung. Rund 19.400 Quadratkilometer (4,8 Millionen Acres) sollten durch die Baumaßnahmen bewässert werden können.
Die Pläne betrafen – aus Kostengründen – überproportional viel indianisches Gebiet. An den Vorbereitungen und Planungen wurden keine indianischen Vertreter beteiligt. Die sieben betroffenen Indianerreservate erfuhren erst nach Genehmigung der Bauprojekte von den Planungen.<ref name="Capossela"/>
Nach der Flutkatastrophe 1943 in Omaha im Bundesstaat Nebraska, wo neben der Stadt auch der kriegswichtige Flughafen überschwemmt worden war, und unter dem Druck eines Vorschlags zur Einrichtung einer neuen zuständigen Aufsichtsbehörde stellten Army Corps und Bureau am 17. Oktober 1944 gemeinsam Picks und Sloans Pläne dem House Flood Control Committee vor.<ref name="Capossela"/> Von 113 ursprünglichen Staudammprojekten aus beiden Entwürfen wurden 107 zum Pick-Sloan-Plan zusammengefasst und vom Komitee befürwortet.<ref name="NPS1">National Park Service: Pick-Sloan Plan - Part One - The Background</ref>
Der US-Kongress verabschiedete am 22. Dezember 1944 ein Flutkontrollgesetz (Flood Control Act), mit dem die Staudammpläne rechtswirksam wurden. Franklin D. Roosevelt genehmigte $200 Millionen für das Projekt, welches nun offiziell Missouri River Basin Development Program genannt wurde. Es umfasste 107 Stauseen, die 1,6 Gigawatt Strom erzeugen und rund 19.400 Quadratkilometer (4,8 Millionen Acres) Land entlang des Missouri in Montana, North Dakota und South Dakota bewässern sollten, sowie 1.500 Kilometer Flussdeiche. Ziel des Programms war außerdem die Bändigung des Flusses zur Kontrolle von Überschwemmungen, zur Schiffbarmachung des Flusses sowie zur Förderung der Fischereiindustrie. Das House Flood Control Committee beauftragte das Army Corps of Engineers mit dem Bau von fünf Staudämmen des Pick-Sloan-Plans. Ein weiteres Bauprojekt wurde vom Bureau of Reclamation geleitet.<ref name="NPS1"/><ref name="Schneiders Diss">Robert Kelley Schneiders: Dams across the wide Missouri: Water transportation, the Corps of Engineers, and environmental change along the Missouri Valley, 1803-1993. In: Retrospective Theses and Dissertations. Nummer 12242, 1997</ref>
Mit dem Reclamation Project Authorization Act wurde 1972 eine weitere Staudamm-Bauphase des Pick-Sloan-Programms genehmigt.
Staudämme und -seen[Bearbeiten]
Zwischen 1946 und 1966 wurden entlang des Missouri sechs neue Staudämme im Rahmen des Pick-Sloan-Projektes gebaut, von denen einige zu den größten der Welt zählen:<ref name="Schneiders Diss"/>
- ab 1947 der Canyon Ferry Dam (Stausee: Canyon Ferry Lake) in Montana, in Betrieb seit 1954, Bauleitung: Büro für Landgewinnung (Bureau of Reclamation)<ref>Bureau of Reclamation: Canyon Ferry Project. Pick-Sloan Missouri Basin Program, 1994</ref>
- ab 1946 der Garrison Dam (Stausee Lake Sakakawea) in North Dakota, in Betrieb seit 1955, Bauleitung: US Army Corps of Engineers (USACE)<ref name="Corps">U.S. Army Corps of Engineers: Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Summary of Engineering Data - Missouri River Main Stem System ( des Vorlage:IconExternal vom 7. Februar 2012 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref>
- ab 1948 der Oahe-Staudamm (Lake Oahe) nahe Pierre in South Dakota, in Betrieb seit 1962, Bauleitung: USACE<ref name="Corps"/>
- ab 1959 der Big Bend Dam (Stausee Lake Sharpe) bei Lower Brule in South Dakota, in Betrieb seit 1964, Bauleitung: USACE<ref name="Corps"/>
- ab 1946 die Fort-Randall-Talsperre (Lake Francis Case) in South Dakota, in Betrieb seit 1953, Bauleitung: USACE<ref name="Corps"/>
- ab 1952 der Gavins Point Dam (Stausee Lewis and Clark Lake) nahe Yankton, in Betrieb seit 1955, Bauleitung: USACE<ref name="Corps"/>
In einer zweiten Phase des Pick-Sloan-Programms von 1976 bis 1994 baute das Bureau of Reclamation nach Genehmigung durch den Reclamation Project Authorization Act vom 20. Oktober 1972 sechs Staudämme am North Loup und Middle Loup in Nebraska im Einzugsgebiet des Missouri River:<ref>Bureau of Reclamation: Resource Management Plan: Calamus Reservoir, Nebraska Great Plains Region. In: U.S. Bureau of Land Management Papers. Paper 39, 2010 (auf der Website des Bureau of Reclamation: Resource Management Plan: Calamus Reservoir, Nebraska, Juni 2010)</ref>
- Davis Creek Dam mit dem Stausee Davis Creek Reservoir
- Virginia Smith Dam mit dem Stausee Calamus Lake (früher: Calamus Dam und Reservoir) am Calamus River
- Kent Diversion Dam
- Sherman Dam mit dem Stausee Sherman Reservoir
- Milburn Diversion Dam
- Arcadia Diversion Dam
Außerhalb des Pick-Sloan-Projektes gebaute Missouri-Staudämme sind (Reihenfolge flussabwärts): der Toston Dam (1940), die Hauser-Talsperre (1907), der Holter Dam (1908), Black Eagle Dam (1927), Rainbow Dam (1912), Cochrane Dam (1958), Ryan Dam (1915), Morony Dam (1930) und der Fort-Peck-Staudamm (1940), alle im Bundesstaat Montana.
Auswirkungen auf Indianerreservate[Bearbeiten]
Für die sieben angrenzenden Indianerreservate waren die fünf vom Army Corps in North und South Dakota gebauten Staudämme der ersten Pick-Sloan-Bauphase eine Katastrophe: Etwa 550 Quadratmeilen Land mit fruchtbarem Boden, Wäldern und angestammten Siedlungen wurden ohne angemessene Entschädigung enteignet und überflutet. Viele Siedlungen der Indianer mussten verlegt werden. Bis heute sind die Auswirkungen des Bauprojekts zu spüren. Die Indianer mussten ihre Friedhöfe verlegen, verloren kulturelle Stätten ebenso wie ihre wirtschaftliche Grundlage. Anstelle ihrer bisherigen Subsistenzwirtschaft waren sie jetzt zu Geldwirtschaft gezwungen und oft von Sozialleistungen der Bundesregierung abhängig. Durch die Zwangsumzüge wurden Dorfstrukturen gestört. Im Gegensatz zu betroffenen weißen Siedlern wurden ihre Verluste nur mit unzureichenden Entschädigungen kompensiert. Kein anderes Bauprojekt in Amerika hat indianischem Land soviel Schaden zugefügt wie das Pick-Sloan-Projekt.<ref name="Capossela"/><ref>Paul A. Olson: The Struggle for the Land: Indigenous Insight and Industrial Empire in the Semiarid World. University of Nebraska/Center for Great Plains Studies, 1990, ISBN 978-0-8032-3555-7 (online)</ref><ref name="Lawson">Michael L. Lawson: Dammed Indians: The Pick-Sloan Plan and the Missouri River Sioux, 1944-1980. University of Oklahoma Press, 1994, ISBN 978-0-8061-2672-2</ref><ref name="Schneiders GPQ">Robert Kelley Schneiders: Flooding The Missouri Valley The Politics Of Dam Site Selection And Design. In: Great Plains Quarterly 17, 1997. Seiten 237–491</ref><ref>Harriett Skye: Mini Nataka Pi: The Oahe Dam and the Standing Rock People, 1900--1960. Berkeley, 2007, ISBN 978-0-549-52831-9</ref>
Von Überflutungen ihrer Stammesgebiete betroffen waren:<ref name="Schneiders Diss"/><ref name="Schneiders GPQ"/>
- die Fort Berthold Reservation in North Dakota durch den Lake Sakakawea (Garrison Dam),
- in South Dakota die Standing Rock Reservation und die Cheyenne River Reservation durch den Oahe Lake (Oahe Dam),
- die Lower Brule Reservation und die Crow Creek Reservation durch den Lake Sharpe (Big Bend Dam),
- die Yankton Reservation durch den Lake Francis Case (Fort Randall Dam) und
- in Nebraska die Santee Sioux Reservation durch den Lewis and Clark Lake (Gavins Point Dam).
Erst ab Ende der 1990er Jahre beschloss der Kongress weitere Entschädigungen an betroffene Stämme zu zahlen.<ref>Compensation at last for tribes that lost lands to dams. In: Chicago Tribune, 15. Dezember 2002</ref>
Die jüngsten Proteste nahe der Standing Rock Reservation gegen die Dakota Access Pipeline werden in historischem Zusammenhang mit dem Pick-Sloan-Projekt gesehen.<ref>USA Today: 7 history lessons that help explain the Dakota Access Pipeline protests, 16. November 2016</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Peter Capossela: Impacts of Army Corps of Engineers Pick Sloan Program on Indian Tribes. (Volltext online) In: Journal of Environmental Law and Litigation, Band 30, Nr. 1, Mai 2015
- Michael L. Lawson: Dammed Indians: The Pick-Sloan Plan and the Missouri River Sioux, 1944-1980. University of Oklahoma Press, 1994, ISBN 978-0-8061-2672-2
- Michael L. Lawson: Dammed Indians Revisited: The Continuing History of the Pick-Sloan Plan and the Missouri River Sioux. South Dakota State Historical Society Press, 2009
- Robert Kelley Schneiders: Dams across the wide Missouri: Water transportation, the Corps of Engineers, and environmental change along the Missouri Valley, 1803-1993. In: Retrospective Theses and Dissertations. Nummer 12242, 1997
Weblinks[Bearbeiten]
- MSNBC: No Man's Land. The Last Tribes of the Plains (englisch)
- Bureau of Reclamation: An Overview of the Pick-Sloan Missouri River Basin Program (pdf/englisch)
- Robert Kelley Schneiders: Flooding The Missouri Valley The Politics Of Dam Site Selection And Design (pdf/englisch)
- Cody L. Knutson: Pick-Sloan Plan. Eintrag bei Encyclopedia of the Great Plains.
- Gesetze
- www.govtrack.us Lower Brule and Crow Creek Tribal Compensation Act
- Congressional Record - Senat vom 27. Mai 1999, Seite 11372. In: Congressional Record, V. 145, Pt. 8, May 24, 1999 to June 8, 1999
- Senate Report 110-505: Providing for compensation to the Lower Brule and Crow Creek Sioux Tribes Of South Dakota for damage to tribal land caused by Pick-Sloan projects along the missouri river
Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]
<references />