Pizzagate
Unter dem Schlagwort Pizzagate wurden im Jahr 2016 Fake News auf 4chan und Reddit zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gestreut, wonach in einer Pizzeria in Washington, D.C. ein Kinderpornoring agiere, in den auch die Kandidatin Hillary Clinton verwickelt sei. Es handelt sich dabei um eine Verschwörungstheorie und Verleumdungsaktion.<ref name="faz-rehfeld">Nina Rehfeld: Verleumdungsaktion „Pizzagate“ – In Amerika herrscht die Lüge. In: FAZ.net, 9. Dezember 2016</ref>
Vorgeschichte[Bearbeiten]
Der Besitzer der Pizzeria Comet Ping Pong, James Alefantis, stand in E-Mail-Kontakt mit John Podesta, dem Wahlkampfmanager Clintons. Als Unbekannte illegal auf Podestas Mails zugegriffen und sie über WikiLeaks veröffentlicht hatten, meinten Nutzer der Website 4Chan, in gastronomisch alltäglichen Wörtern wie „Pizza“ und „Sauce“ Codewörter für „Mädchen“ bzw. „Orgie“ zu erkennen, wie Pädophile sie im Internet nutzen würden.<ref>Oliver Kühn: Mann stürmt Pizzeria wegen Pädophilievorwürfen. FAZ.NET vom 5. Dezember 2016</ref> Um den Inhalt der Mails sowie Fotos auf Alefantis’ Instagram-Account<ref name="nytimes">Gregor Aisch, John Huang und Cecilia Kang: Dissecting the #PizzaGate Conspiracy Theories. In: nytimes.com, 10. Dezember 2016; abgerufen am 2. Januar 2017.</ref> wurde die Verschwörungstheorie konstruiert, Clinton stünde im Zentrum eines Kinderpornorings, der aus dem Keller der Pizzeria heraus agiere. Auch Präsident Barack Obama und die Musikerin Lady Gaga seien in diese Verbrechen verwickelt.<ref>Carolina Schwarz: Verschwörungstheorie über Clinton. #Pizzagate geht weiter. In: taz, 8. Dezember 2016; abgerufen am 25. Dezember 2016.</ref> Weiterhin wurden Podesta und sein als Lobbyist tätiger Bruder Tony mittels Phantombildern fälschlich mit dem Kriminalfall McCann verbunden.<ref>Gregor Aisch, John Huang und Cecilia Kang: Dissecting the #PizzaGate Conspiracy Theories. In: nytimes.com , 10. Dezember 2016; abgerufen am 2. Januar 2017.</ref>
Verbreitung über soziale Medien[Bearbeiten]
Diese Verschwörungstheorie wurde über Twitter von menschlichen Benutzern und dort auch von Bots<ref name="The Verge" /> sowie über Reddit und 4chan weiter verbreitet.<ref>Matt Zapotosky: Why law enforcement can’t get ahead of Pizzagate and other online conspiracy theories. In: Washington Post, 8. Dezember 2016; Amelia Tait: Pizzagate: How a 4Chan conspiracy went mainstream. In: The New Statesman, 8. Dezember 2016</ref> Nach Einschätzung des Nachrichtensenders CNN hatten Anfang Dezember 2016 bereits Millionen Menschen von dieser „verrückten Verschwörungstheorie“ erfahren.<ref>Brian Stelter: Fake news, real violence: ‘Pizzagate’ and the consequences of an Internet echo chamber. In: CNN.com, 6. Dezember 2016.</ref>
Die falsche Anschuldigung wurde auch mit dem Logo einer anderen Pizzeria aus demselben Häuserblock des Comet Ping Pong begründet. Deren Logo ähnele einem Pädophilensymbol, das vom FBI im Jahre 2007 dokumentiert worden war.<ref name="nytimes" />
Der rechte Verschwörungstheoretiker Alex Jones war mit seiner Website Infowars an der Verbreitung dieser Fake News beteiligt.<ref>JohnThomas Didymus: Hillary Clinton Did Not ‘Personally Murder, Chop Up, Rape’ Children neither has anyony produced photo evidence that she raped a 9 year old girl (debunked). Inquisitr.com, 9. Dezember 2016; Rebecca Morin: Armed man arrested near D.C. pizzeria targeted by fake news. Politico, 4. Dezember 2016.</ref> Am 24. März 2017 entschuldigte sich Jones auf seiner Website beim Inhaber und den Angestellten der Pizzeria für seine Äußerungen, die auf einem „unzutreffenden Narrativ“ beruht hätten.<ref>Alex Jones: „the Pizzagate narrative, as least as concerning Mr. Alefantis and Comet Ping Pong, we have subsequently determined was based upon what we now believe was an incorrect narrative.“ A Note to Our Listening, Viewing and Reading Audiences Concerning Pizzagate Coverage. Infowars.com, 24. März 2017, archiviert am 25. März 2017 zitiert von Paul Farhi: Conspiracy theorist Alex Jones backs off ‘Pizzagate’ claims. In: The Washington Post, 24. März 2017.</ref> Laut Rolling Stone sollen viele derjenigen, die in den sozialen Medien die Spekulationen verbreiteten, Kontakte zu Donald Trumps Wahlkampagne oder Verbindungen nach Russland haben.<ref>Amanda Robb: Anatomy of a Fake News Scandal. In: Rolling Stone, 16. November 2017.</ref>
Die Verschwörungstheorie knüpfte an eine moralische Panik der 1980er Jahre an, als die amerikanische Öffentlichkeit durch mehrere sensationalistische Berichte über angebliche massenhafte rituelle Gewalt im Zusammenhang mit satanistischen Sekten beunruhigt wurde.<ref>Roger Lancaster: What the Pizzagate conspiracy theory borrows from a bogus satanic sex panic of the 1980s. In: The Washington Post, 8. Dezember 2016.</ref>
Angriff auf die Pizzeria und Folgen[Bearbeiten]
Am 4. Dezember 2016 drang ein mit einem Gewehr vom Typ AR-15 bewaffneter Mann in die Pizzeria ein, um die angeblich dort festgehaltenen und missbrauchten Kinder im Keller zu befreien. Dabei gab er zwei Schüsse auf ein Türschloss und einen Computer ab.<ref>Frank Herrmann: Wie "Pizzagate" in Washington plötzlich real wurde. Der Standard, 9. Dezember 2016, abgerufen am 13. September 2019.</ref> Nachdem der Angreifer nichts gefunden und festgestellt hatte, dass es in dem Gebäude keinen Keller gibt, ließ er sich widerstandslos festnehmen. Verletzt wurde niemand.<ref>Bewaffneter Mann stürmt Pizzeria, um Verschwörungstheorie zu „untersuchen“. In: stern.de. 5. Dezember 2016 (stern.de [abgerufen am 31. Mai 2017]).</ref><ref>Amanda Robb: Anatomy of a Fake News Scandal. rollingstone.com, 16. November 2017; abgerufen am 12. September 2019.</ref> Der Schütze wurde am 22. Juni 2017 zu vier Jahren Gefängnis und einem Schadenersatz von 5.744 Dollar an die Pizzeria verurteilt.<ref>Grace Hauck: 'Pizzagate' shooter sentenced to 4 years in prison. In: CNN.com, 22. Juni 2017.</ref> Am 4. Januar 2025 versuchte die Polizei, den Schützen wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen und nach Vorliegen eines entsprechenden Haftbefehls festzunehmen. Nachdem der Mann dabei eine Waffe gegen die Polizisten erhoben hatte, eröffneten diese das Feuer und verletzten den Schützen so schwer, dass er zwei Tage später im Krankenhaus verstarb.<ref>»Pizzagate«-Schütze bei Verkehrskontrolle tödlich verletzt, Der Spiegel vom 11. Januar 2025.</ref>
Michael G. Flynn, der Sohn von Trumps zwischenzeitlichem Nationalen Sicherheitsberater Michael T. Flynn, wurde aufgrund des Verbreitens von Unwahrheiten zu Pizzagate über Twitter aus Trumps Übergangsteam entlassen.<ref>sk: Trump schmeißt Verschwörungstheoretiker aus seinem Team, vom 7. Dezember 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016</ref> Allerdings hatte vor ihm auch sein Vater diese Verschwörungstheorie über soziale Medien weiterverbreitet, ohne dass es für diesen zu Konsequenzen führte.<ref>Matthew Rosenberg: Trump Adviser Has Pushed Clinton Conspiracy Theories. In: The New York Times, 5. Dezember 2016</ref><ref name="faz-rehfeld" />
Bei der Affäre wurden noch eine andere Pizzeria in Washington, D.C. und eine weitere in New York City genannt, die dort zu Drohanrufen führten. Hierbei wirkten auch YouTube-Videos verbreitend.<ref name="The Verge">Lizzie Plaugic: As it spreads online and off, Pizzagate gets weirder and more dangerous, The Verge, 7. Dezember 2016</ref>
Weitere Entwicklung seit 2017[Bearbeiten]
Ab Oktober 2017 griff der anonyme Benutzer Q (QAnon) auf Imageboards die Geschichte auf, aktualisierte und erweiterte sie.
Die scherzhaft gemeinte Bemerkung des isländischen Präsidenten Guðni Th. Jóhannesson, er würde Ananas als Pizzabelag verbieten, so er es denn könnte, wurde 2017 ebenfalls „Pizzagate“ genannt.<ref>Paul Fontaine: “Pizzagate” Had No Effect On Support For President. In: The Reykjavík Grapevine, 27. Februar 2017</ref>
Im April 2017 erwähnte der deutsche Sänger Xavier Naidoo die Fake News zustimmend in seinem Lied Marionetten. Dabei erntete er Zustimmung von verschiedenen Rechtspopulisten und Rechtsextremen.<ref>Leonie Feuerbach: Xavier Naidoo hat eine Reichsbürger-Hymne geschrieben. In: faz.net, 3. Mai 2017; abgerufen am 8. Mai 2017.</ref>
In einem Interview verbreitete Robbie Williams am 24. Juni 2020, dass die Theorien von Pizzagate nicht widerlegt seien.<ref>Robbie Williams hält „Pizzagate“ nicht für widerlegt. In: Spiegel Online, 26. Juni 2020; abgerufen am 26. Juni 2020</ref>
Die The New York Times schrieb 2020, dass sich die Verschwörungstheorie weiterentwickelt habe: Sie sei mittlerweile weniger parteipolitisch und allgemein politisch geprägt; statt des Ehepaars Clinton stehe in neueren Pizzagate-Verschwörungstheorien nunmehr eine angebliche weltweite Elite von Kinder-Sexhändlern im Vordergrund.<ref>Cecilia Kang, Sheera Frenkel: ‘PizzaGate’ Conspiracy Theory Thrives Anew in the TikTok Era. In: The New York Times. 27. Juni 2020, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 31. März 2026]).</ref> The Daily Beast schrieb im selben Jahr, dass auf Plattformen wie TikTok auch viele junge Menschen, die nicht dem rechten Lager zuzuordnen waren, die Pizzagate-Theorien verbreiteten.<ref>Will Sommer Politics Reporter: TikTok Teens Are Obsessed With Pizzagate. 22. Juni 2020, abgerufen am 31. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Im Dezember 2023 kam eine Variation der Verschwörungstheorie auf, nach der Download-Angebote hochpreisiger Fotos von Pizzas auf Etsy als Deckmantel für den Handel mit Kinderpornografie dienen sollten.<ref>Melissa Goldin: Claims that pizza listings on Etsy are selling child pornography are baseless. In: The Associated Press. 14. Dezember 2023, abgerufen am 21. Dezember 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
In den Anfang 2026 veröffentlichten Epstein-Akten tauchten regelmäßige Bezugnahmen auf Gerichte wie Pizza oder Pasta auf, die laut FBI-Erkenntnissen wohl teils als Codewörter für Verbrechen genutzt wurden.<ref>Stuttgarter Zeitung: „Pizzagate-Skandal“ – was er mit Epstein zu tun hat. Abgerufen am 31. März 2026.</ref> Dies führte zu einer Wiederbelebung der Pizzagate-Verschwörungstheorie. Die Tatsache, dass es zwischen den Orten und Personen von Pizzagate und denen im Zusammenhang mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein kaum Schnittmengen gab, konnte einige Personen nicht davon abbringen, auf einer Verbindung zwischen den beiden zu beharren.<ref>Robert Draper: The Epstein Files and the Hidden World of an Unaccountable Elite. In: nytimes.com, 12. Februar 2026, abgerufen am 19. Februar 2026.</ref>
Weblinks[Bearbeiten]
- The saga of 'Pizzagate': The fake story that shows how conspiracy theories spread. In: BBC, 2. Dezember 2016.
- Gerüchte um Hillary Clinton: Mann will Verschwörungstheorie nachgehen – und stürmt Pizzeria mit Waffe. In: Spiegel Online, 5. Dezember 2016.
- Cecilia Kang: Fake News Onslaught Targets Pizzeria as Nest of Child-Trafficking. The New York Times, 21. November 2016.
- Eric Lipton: Man Motivated by ‘Pizzagate’ Conspiracy Theory Arrested in Washington Gunfire. In: The New York Times, 5. Dezember 2016.
- Brian Stelter: Fake news, real violence: 'Pizzagate' and the consequences of an Internet echo chamber. In: CNN, 6. Dezember 2016.
- Elizabeth Williamson: Fake News Brings a Gunman to Washington. In: The New York Times, 5. Dezember 2016.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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