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Pseudo-Apuleius

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Als Pseudo-Apuleius, Apuleius Platonicus oder Apuleius Barbarus wird der unbekannte Autor bzw. Kompilator eines illustrierten Kräuterbuches (Pseudo-Apuleius Herbarius) genannt, dessen ältestes erhaltenes Manuskript in lateinischer Sprache (Leiden, Ms. Voss Q. 9) aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammt und dessen Urtext im 4. Jahrhundert entstand. Er ist nicht identisch mit Apuleius von Madaura, dem aus Nordafrika stammenden römischen Dichter und Philosophen des 2. Jahrhunderts. In der medizinhistorischen Fachsprache bezeichnet „Pseudo-Apuleius“ je nach Kontext auch das über nahezu ein Jahrtausend weitgehend stabil tradierte Korpus aus dem Herbar (genannt auch Herbarium Apulei) und den regelmäßig mitüberlieferten Traktaten.

Pseudo-Apuleius Herbarius, auch De herbarum virtutibus (medicaminibus)[Bearbeiten]

Abbildungen[Bearbeiten]

Vom 6. bis ins 15. Jahrhundert bewahrten die Pflanzen-Abbildungen in Pseudo-Apuleius-Herbarius-Ausgaben eine Grundcharakteristik, die sie als Sinnbilder von Pflanzengruppen, nicht als naturstudienhafte Abbildungen von Pflanzenarten im heutigen Sinn kennzeichneten. Inhalte des Pseudo-Apuleius fanden bezüglich der Heilpflanze trachontê („Drachenwurz“) Aufnahme in den Parzival des Wolfram von Eschenbach.<ref>Bernhard D. Haage: Zu „Mars oder Jupiter“ (789,5) im ‘Parzival’ Wolframs von Eschenbach. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/13, S. 189–205, hier: S. 191 f.; Arthur Groos: Wolframs Schlangenliste (‘Parzival’ 481) und Pseudo-Apuleius. In: Josef Domes u. a. (Hrsg.): Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung. Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 585). Kümmerle, Göppingen 1994, ISBN 3-87452-829-4, S. 129–148; Howald/Sigerist (1927), S. 48.</ref>

Texte[Bearbeiten]

Medizin- und Kunsthistoriker sind sich einig, dass der Urtext (Archetyp) dieses Herbarius im 4. Jahrhundert entstand. Nach Sigerist (1930, S. 200), Hunger, Howald und Bierbaumer<ref>Peter Bierbaumer: Der botanische Wortschatz des Altenglischen. 3 Bände. Band 2. Frankfurt am Main 1976, S. X.</ref> sowie Irmgard Müller speiste er sich aus lateinischen, nach Singer (1927, S. 37 f. und 43–47) und Felix Baumann<ref>Felix Andreas Baumann: Das Erbario Carrarese und die Bildtradition des Tractatus de herbis. Ein Beitrag zur Geschichte der Pflanzendarstellung im Übergang vom Spätmittelalter zur Frührenaissance. Bern 1974 (= Berner Schriften zur Kunst. Band 12), S. 15.</ref> aus griechischen Quellen. Ein großer Teil der Rezepte im Pseudo-Apuleius Herbarius stimmt mit Rezepten aus der Naturalis historia des Plinius<ref>Kai Brodersen. Apuleius, Heilkräuterbuch / Herbarius, lateinisch und deutsch. Marix, Wiesbaden 2015, S. 111: Konkordanz zu Plinius‘ Naturalis Historia.</ref> bzw. der sogenannten Medicina Plinii überein. In – je nach Handschrift – 128 bis 131 Kapiteln wird je eine Pflanze behandelt. Nach der Nennung des Namens der Pflanze werden die Indikationen in Rezeptform abgehandelt. Im Gegensatz zu anderen Kräuterbüchern enthält der deshalb oft als Rezeptsammlung bezeichnete Text keine ausführlichen Beschreibungen der Pflanzen.<ref>Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 155.</ref> Die Anzahl der Rezepte pro Kapitel schwankt zwischen 1 und 24. Den Abschluss bilden eine Synonymenliste und – bei den Texten der β-Klasse – erweiternde Zusätze (Interpolationen) aus der Materia Medica des Dioskurides. Inhalte aus Pseudo-Apuleius finden sich bei Marcellus Empiricus und Walahfrid Strabo<ref>Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 19.</ref> wieder.

Beispiel: Kapitel 89, Herba Millefolium (nach der Edition von Howald und Sigerist 1927):

Text nach Howald/Sigerist Übersetzung
Herba millefolium Das Kraut „Tausendblatt“ [Millefolium wurde später meist als Achillea millefolium - Schafgarbe gedeutet.]
1. Ad dentium dolorem. Herbae millefolium radicem ieiunus conmanducet. 1. Zum Zahnschmerz. Die Wurzel des Krautes Millefolium soll nüchtern gekaut werden.
2. Ad uulnera de ferro facta. Herba millefolium cum axungia pistata et inposita uulnera purgat et sanat. 2. Zu Wunden, die durch Eisen zugefügt wurden. Wenn man das mit Fett zerstampfte Kraut Millefolium auflegt, so reinigt und heilt es Wunden.
3. Ad tumores. Herbam millefolium contusam cum butiro inpone. 3. Zu Geschwulsten. Lege das in Butter zerstossene Kraut Millefolium auf.
4. Ad urinae difficultatem. Herbae millefolium sucus cum aceto bibitur, mire sanat. 4. Zu Harnentleerungsstörungen. Der in Weinessig getrunkene Saft des Krautes Millefolium heilt wunderbar.
Nomina herbae. A Graecis dicitur miriofillon, alii ambrosiam, alii ciliofillon, alii crisitis, Galli mulicandos, alii uigentia, Daci diodela, Itali millefolium, alii militaris, alii Achillion, alii supercilium Veneris, alii cereum siluaticum. Hanc herbam Achilles inuenit, unde ferro percussus sanabat, quae ob id Achillea uocatur... Die Namen des Krautes. Die Griechen nennen es miriofillon, andere ambrosia, andere ciliofillon, andere crisitis. Die Gallier (nennen es) mulicandos, andere vigentia. Die Dacer (nennen es) diodela. Die Italer (nennen es) millefolium, andere militaris, andere Achillion, andere supercilium Veneris, andere cereum silvaticum. Dieses Kraut hat Achilles entdeckt, weil es durch Eisen geschlagene Wunden heilte. Es wurde daher Achillea genannt...
[Interpolationes ex Diosc.] Nascitur in palustris locis … [Erweiternde Zusätze aus der Materia Medica des Dioskurides] Es wächst an sumpfigen Stellen …

Manuskripte[Bearbeiten]

Datei:Howald-sigerist.png
Klassifizierung der Apuleius-Hand­schriften nach Howald / Sigerist 1927.
Datei:Singer-a.png
Vereinfachtes Schema nach Singer 1927 (mit Anleh­nung an Howald / Sigerist).

In den Pseudo-Apuleius-Codices des Mittelalters war der „Pseudo-Apuleius Herbarius“ mit anderen Werken kombiniert:

  1. „De herba vettonica“. Abhandlung über die Echte Betonie mit falscher Zuschreibung an Antonius Musa, den Leibarzt des römischen Kaisers Augustus.
  2. „De taxone liber“. Anonyme Abhandlung über die Verwendung des Dachses in der Medizin.
  3. „Pseudo-Apuleius Herbarius“.
  4. Sextus Placitus Papyrensis: „Liber medicinae ex animalibus“, basierend auf der Naturalis historia des Plinius.<ref>Druck: Sexti Placiti Papyriensis, de medicamentis ex animalibus, libellus. Johann Petri, Nürnberg 1538 (Digitalisat).</ref>
    • A-Version mit 12 Kapiteln über Vierfüßler.
    • B-Version mit 31 Kapiteln über Vierfüßler, Vögel, Reptilien, Spinnen, Insekten und Menschen.
  5. Pseudo-Dioskurides
    • A-Version: „Curae herbarum“ (Kräuterbuch mit 64 Kapiteln und Dioskurides als Hauptquelle)<ref>Arsenio Ferraces Rodríguez: Problemas de edición y límites en la enmienda de recetarios de tradición difusael "De herbis femininis y las Curae herbarum". In: Ders.: Fito-zooterapia antigua y altomedieval: textos y doctrinas. Universidade da Coruña, 2009. S. 61–78</ref>
    • B-Version: „Ex herbis femininis“ (Kräuterbuch mit 71 Kapiteln und Dioskurides als Hauptquelle)<ref>H. F. Kästner (Hrsg.): Pseudo-Dioscorides de herbis femininis. In: Hermes. Zeitschrift für Classische Philologie. Band 31, 1896, S. 578–636 (Digitalisat); J. M. Riddle: „Dioscorides“. In: F. Q. Cranz, P. O. Kristeller (Hrsg.): Catalogus translationum et commentatorium, 4: Medieval and Renaissance Latin translations and commentaries. Washington DC 1980, S. 125–126.</ref>
  6. „Precatio terrae matris“ und „Precatio omnium herbarum“. Anrufung der Erdmutter und Anrufung aller Kräuter.<ref>In englischer Übersetzung nach dem Manuskript Harley 1585 (London, British Museum, 12. Jahrhundert) in: Singer 1927, S. 48. Dazu auch: Georg Swarzenski: Mittelalterliche Kopien einer antiken medizinischen Bilderhandschrift. In: Jahrbuch des kaiserlichen deutschen archäologischen Instituts. Band 17, 1902, S. 45–53 (Digitalisat).</ref>

Aufgrund der wechselnden Zusammensetzung der Codices aus diesen Einzelwerken teilten Howald und Sigerist (1927, S. V-XVI) die Codices in drei Klassen (α, β und γ) auf. Danach

  • enthält die α-Klasse die Teile 1, 2, 3, 4a und 5a oder 5b. - Außerdem längere und bessere Synonyme als in den Texten der β-Klasse.
Die α-Klasse gilt als die Klasse mit der besten Textüberlieferung;
Die β-Klasse gilt als die Klasse mit der reichhaltigsten Illustration. In Bezug auf den Text ist sie der α-Klasse unterlegen;
  • enthält die γ-Klasse die Teile 1, 2 und 6.
Die γ-Klasse enthält die ältesten Handschriften.

Die Codices der β-Klasse und der γ-Klasse stammen nach Howald/Sigerist vom gleichen Urtext (Archetyp) ab. Auf der Grundlage der Illustrationen wies Grape-Albers (1977, S. 164–166) darauf hin, dass die Codices aller Klassen (α, β und γ) vom selben Archetyp abstammen müssen.

Klasse Kürzel (Howald/Sigerist) Bezeichnung des Kodex Jahrhundert
α Ca Montecassino, Archivo de la Badia, Codex Casinensis 97<ref>F. W. T. Hunger. The Herbal of Pseudo-Apuleius. From the ninth-century manuscript in the abbey of Monte Cassino (Codex Casinensis 97) together with the first printed edition of Joh. Philippus de Lignamine (Edition princeps Romae 1481) both in facsimile, described and annotated. Brill, Leyden 1935.</ref> 9. Jahrhundert
α M München, Bayrische Staatsbibliothek, Fragmenta Emeranensia, Clm 14672, 14766 und 15028, insgesamt 8 Blätter.<ref>Leonhard v. Spengel (1803–1880). Codex Monac. Emer. E XLIII. In: Philologus. Band 21, (Göttingen) 1864, S. 119 ff.; Karl Sudhoff: Die Fragmenta Emmeranensia des Pseudo-Apuleius in München und der Leidener Sammelkodex Cod. Voss. lat. Q. 9. In: Sudhoffs Archiv. Band 8, 1915, S. 446–450.</ref> 7. Jahrhundert
α L Lucca, Biblioteca Statale, ms. 296<ref>Lucca, Biblioteca Statale (olim Biblioteca Governativa) 296</ref> 9. Jahrhundert
α Hal Halberstadt, Domschatz (Bibliothek des Domgymnasiums), Inv.-Nr. 465–466 fol. Ir-IIv, Palimpsest (Obere Schrift). 7. Jahrhundert
α Be Berlin, Staatsbibliothek Fragmentum Berolinense Ms. Lat. fol. 381 no. 1 8. Jahrhundert
α Ha London, British Museum, MS Harley 4986<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Harley MS 4986 (Digitalisat) (Memento vom 10. November 2019 im Internet Archive)</ref> 12. Jahrhundert
α V Wien, Codex Vindobonensis 187 (nach Grape-Albers 1977, S. 3: Eton College MS. 204)<ref>Rainer Reiche. Deutsche Pflanzenglossen aus Codex Vindobonensis 187 und Codex Stuttgart HB XI 46. In: Sudhoffs Archiv. Band 57, 1973, Heft 1, S. 1–14.</ref> 12. Jahrhundert
α A London, British Library, MS Cotton Vitellius C. iii<ref>Oswald Cockayne. Leechdoms Wortcunning, and Starcraft of Early England … 1864. Darin London, British Library, MS Cotton Vitellius C. iii (11. Jahrhundert) als Leithandschrift (Digitalisat).</ref> 11. Jahrhundert
β Hil Hildesheim, Beverinsche Bibliothek, MS. 658<ref>Paul Lehmann: Apuleiusfragmente. In: Hermes. Band 49, 1914, S. 612–620, hier: S. 616.</ref> 8. Jahrhundert
β Vr Breslau (Wrocław), Codex Vratislaviensis Bibl. univ. III F 19 9. Jahrhundert
β Bodley 130 Oxford, Bodleian Library, MS. Bodley 130<ref>R. T. Gunther. The herbal of Apuleius Barbarus, from the 12th century manuscript formerly in the abbey of Bury St. Edmunds (Oxford, MS. Bodl. 130). The Roxburgh Club, Oxford 1925 (Oxford, MS. Bodl. 130 Digitalisat).</ref> 11. Jahrhundert
β He Herten, Codicis medici Hertensis, verbrannt<ref>Karl Sudhoff. Codex medicus Hertensis (Nr. 192). Handschriftenstudie. In: Sudhoffs Archiv. Band 10, 1917, Heft 6, S. 265–313.</ref> 9. Jahrhundert
β B Bamberg, Codex Bambergensis med 8 (L III.15) 13. Jahrhundert
β Laur. 7341 Florenz, Bibliotheca Laurenziana, MS. 73,41 9. Jahrhundert
β Va Vatican, Codex Vaticanus Barberinus 160 11. Jahrhundert
β Vat. Lat. 6337 Codex Vaticanus lat. 6337 15. Jahrhundert
β Laur. 73.16 Florenz, Bibliotheca Laurenziana, MS. 73,16<ref>Varii auctores De re medica (Digitalisat)</ref> 13. Jahrhundert
β Vi Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Codex Vindobonensis 93<ref>Hans Zotter. Kommentar zur Faksimileausgabe des Codex Vindobonensis 93. Akad. Dr.- und Verl.-Anstalt, Graz 1996. ISBN 3-201-01659-4</ref> 13. Jahrhundert
β Arsenal 1031 Paris, Bibliothèque de l’Arsenal, Codex 1031 15. Jahrhundert
β Paris 6862 Paris, Bibliothèque Nationale, MS. lat. 6862 10. Jahrhundert
β Ber Codex Berolinensis Hamil. 307 15. Jahrhundert
γ E Fragmentum Epporigiense 7. Jahrhundert
γ Vo Leiden, Universitätsbibliothek, MS. Voss. Q. 9<ref>Herbarium / Pseudo-Apuleius, and other text(s), VLQ 9 (Digitalisat)</ref> 6. Jahrhundert
γ C Kassel, Landesbibliothek, 2° MS. phys. et hist. nat. 10<ref>2° Ms. phys. et hist. nat. 10, Kassel. (Digitalisat)</ref> 9. Jahrhundert

Singer (1927), Grape-Albers (1977, S. 2–5) und Collins (2000) erwähnten noch weitere Manuskripte (Auswahl):

Frühe Übersetzungen[Bearbeiten]

Der Kodex Cotton Vitellius C III<ref>Oswald Cockayne: Leechdoms, wortcunning and starcraft of early England. Band 1. London 1864 (= Rerum britannicarum medii aevi scriptures, Rollo Series, XXV. Band 1); Neudruck Vaduz 1965.</ref> (um 1050), eine frühe altenglische Übersetzung des etwa im 4. Jahrhundert entstandenen Herbars, gilt als eine der frühesten landessprachigen Manuskripte des Mittelalters in Europa überhaupt.<ref>Linda E[hrsam] Voigts: Anglo-Saxon plant remedies and the Anglo-Saxons. In: ISIS. Band 70, 1979, S. 250–268, hier: S. 251.</ref> Ein illustriertes lateinisches Manuskript aus England (Ms. Bodley 130)<ref>Robert T. Gunther: The Herbal of Apuleius Barbarus (MS. Bodley 130). Oxford 1925.</ref> aus dem 12. Jahrhundert ist möglicherweise eine Rückübersetzung aus dem Altenglischen.<ref>Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 156 und 158.</ref> Im deutschsprachigen Raum hatte das bebilderte Herbar keinen so frühen Einfluss auf die Medizin wie im angelsächsischen Raum.<ref>Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 11.</ref>

Anrufungstexte[Bearbeiten]

In einige Texte der β-Klasse und der γ-Klasse sind Anrufungstexte antik-heidnischen Ursprungs eingefügt:

  1. eine „Precatio terrae matris“ („Anrufung der mütterlichen Erde“) bzw. der „Dea sancta Tellus“. Christliche Glaubenseiferer haben in der Wiener Ausgabe des 13. Jh. Teile des Textes der „Precatio terrae matris“ abgekratzt und neu überschrieben. So wurde aus „Dea sancta Tellus…“ neu: „Deo sancto …“
  2. eine „Precatio omnium herbarum“ („Anrufung aller Kräuter“).<ref>L. Müller. Zu den scriptores rei medicae. In: Rheinisches Museum für Philologie. J. D. Sauerländer, Frankfurt am Main Band 23 (1868), S. 187–190 (Digitalisat); Emil Baehrens: Miscellanea Critica. Groningen 1878, S. 107–113 (Digitalisat) – Precatio terrae. Precatio omnium herbarum. In: Poetae Latini Minores. Teubner, Leipzig 1879–1883 S. 136–141 (Digitalisat); Alexander Riese. Anthologia Latina. Teubner, Leipzig 1894, S. XI–XII. (Digitalisat); Georg Swarzenski. Mittelalterliche Kopien einer antiken medizinischen Bilderhandschrift. In: Jahrbuch des kaiserlichen deutschen archäologischen Instituts. Band 17, 1902, S. 45–53, hier: S. 51 (Digitalisat); Charles Singer. The Herbal in the Antiquity. In: The Journal of Hellenic Studies. Band 47, 1927, S. 1–52, hier: S. 37–48; Heide Grape-Albers. Spätantike Bilder aus der Welt des Arztes. Medizinische Bilderhandschriften der Spätantike und ihre mittelalterliche Überlieferung. G. Pressler, Wiesbaden 1977, S. 146–150; John I. McEnerney. Precatio terrae and Precatio omnium herbarum. In: Rheinisches Museum für Philologie. Köln, Band 126, 1983, S. 175–187 (Digitalisat, PDF).</ref>

Anrufungstexte sind enthalten in den folgenden Codices der

  • γ-Klasse:
    • Leiden. Universitätsbibliothek. MS. Voss. Q. 9 (6. Jh.)
  • β-Klasse:
    • Breslau, Codex Vratislaviensis Bibl. univ. III F 19 (9. Jh.)
    • London. British Museum, MS. Harley 1585 (Drittes Viertel 12. Jh.)
    • Florenz. Bibliotheca Laurenziana, MS. Plut. 73,16 (13. Jh.)
    • Wien. Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 93 (13. Jh.)
    • New Haven. Yale Medical Library. MS. 18 (Erstes Drittel 15. Jh.)
London MS. Harley 1585<ref>London. MS. Harley 1585 Orant London. British Museum, MS. Harley 1585 (Drittes Viertel 12. Jh.)</ref> Florenz MS. Plut. 73,16 Wien Nat. Bib. Cod. 93 New Haven MS. 18
Anrufung aller Kräuter. Abbildung
Datei:Harley 1585 Tellus Bild.jpg
Datei:Florenz Omnium herbarum Bild.jpg
Datei:Wien Omnium herbarum Bild.jpg
Anrufung aller Kräuter. Text
Datei:MS. Harley 1585 Omnium herbarum Text.jpg
Datei:Wien Omnium herbarum Text.jpg
Orant, Erdmutter und Wassergott. Abbildung
Datei:Florenz Tellus.jpg
Datei:Wien Tellus.jpg
Datei:New Haven, Yale Medical Library, MS. 18, fol. 5v.jpg
Anrufung der Erdmutter. Text
Datei:MS. Harley 1585 Tellus Text.jpg
Datei:Wien Tellus Text.jpg

Inkunabeln und Frühdrucke[Bearbeiten]

1481 (bis 1483) wurde in Rom auf Veranlassung von Johannes Philippus de Lignamine ein Erstdruck des Pseudo-Apuleius (-Komplex) nach einer<ref>Vgl. hierzu Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 156.</ref> Handschrift des Klosters Montecassino aus dem 9. Jahrhundert herausgegeben.<ref>Franzesco Gonzaga. Herbarium Apulei Platonici. Rom 1481/82 (Digitalisat); F. W. T. Hunger: The Herbal of Pseudo-Apuleius. From the ninth-century manuscript in the abbey of Monte Cassino (Codex Casinensis 97) together with the first printed edition of Joh. Philippus de Lignamine (Edition princeps Romae 1481) both in facsimile, described and annotated. Brill, Leyden 1935.</ref> Dieser Druck ist die erste bebilderte Kräuterbuch-Inkunabel.<ref>Gundolf Keil: ‘Gart der Gesundheit’. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 2. Aufl., Band 2, Berlin / New York 1980, ISBN 3-11-007699-3, Sp. 1072–1092; hier: Sp. 1073.</ref> Den ersten Druck in Nordeuropa besorgte Gabriel Humelberg 1537 in Zürich.<ref>Pseudo-Apuleius-Druck Gabriel Humelberg 1537 (Digitalisat)</ref>

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Johann Christian Gottlieb Ackermann: Parabilium medicamentorum Scriptores antiqui. … Monath, Nürnberg und Altdorf 1788, S. 39–112: Sexti Placiti Papyrensis De medicamentibus ex animalibus liber (Digitalisat); S. 115–124: Constantini Africani Medici De animalibus liber (Digitalisat); S. 125–294: L. Apuleii De medicamentibus herbarum liber (Unter Einschluss von: Nomina et virtutes herbae vetonicae) (Digitalisat); S. 295–350: L. Apuleii De medicamentibus herbarum librum notae (Digitalisat)
  • Oswald Cockayne: Leechdoms, wortcunning and starcraft of early England (Being a Collection of Documents, for the Most Part Never Before Printed Illustrating the History of Science in this Country Before the Norman Conquest). 3 Bände. London 1864–1866, hier: Band 1, London 1864 (= Rerum britannicarum medii aevi scriptores, Rolls Series, XXV. Band 1. London, Digitalisat); Neudruck Vadzu 1964. – British Library, MS Cotton Vitellius C. iii (11. Jh.) als Leithandschrift.
  • Hugo Berberich: Das Herbarium Apuleii nach einer frühmittelenglischen Fassung. Heidelberg (1901) 1902 (= Anglistische Forschungen. Band 5); Neudruck Amsterdam 1966, S. 65 ff.
  • Ernst Howald, Henry E. Sigerist: Antonii Musae De herba vettonica liber. Pseudo-Apulei Herbarius, Anonymi De taxone liber, Sexti Placiti liber medicinae ex animalibus (= Corpus Medicorum Graecorum/Latinorum. Band 4). Teubner, Leipzig/Berlin 1927 (Digitalisat).
  • F.W.T. Hunger: The Herbal of Pseudo-Apuleius. From the ninth-century manuscript in the abbey of Monte Cassino (Codex Casinensis 97) together with the first printed edition of Joh. Philippus de Lignamine (Edition princeps Romae 1481) both in facsimile, described and annotated. Brill, Leyden 1935.
  • Erminio Caprotti, William T. Stearn: Herbarium Apulei 1481, Erbolario volgare 1522. 2 Bände. Mailand 1979 (= Libri rari. Collezione di ristampe con nuove apparati. Band 3).
  • Kai Brodersen: Apuleius, Heilkräuterbuch / Herbarius, lateinisch und deutsch. Marix, Wiesbaden 2015. ISBN 978-3-7374-0999-5.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 154–160 (Pseudo-Apuleius, ‘Herbarium’ (bzw. ‘Herbarium’ Apulei Platonici)) und 180 (Darstellungstypen der Pseudo-Apuleius-Manuskripte) sowie 235 (Scribonius Largus als direkte Quelle) und 243.
  • Minta Collins: Medieval Herbals. The Illustrative Traditions. The British Library, London 2000, S. 165–220.
  • Paul Diepgen: Zur Tradition des Pseudoapuleius. In: Janus. Band 29, 1925, S. 55–70.
  • Günther Goldschmidt: Ein Pseudo-Apuleiusfragment in einer Zürcher Handschrift. In: Gesnerus. Band 1, 1943, Heft 2, S. 59–63 (doi:10.5169/seals-520417).
  • Heide Grape-Albers: Spätantike Bilder aus der Welt des Arztes. Medizinische Bilderhandschriften der Spätantike und ihre mittelalterliche Überlieferung. Pressler, Wiesbaden 1977, ISBN 3-87646-037-9 (zugleich Philosophische Dissertation Wien 1973: Die spätantiken Illustrationen zu den medizinischen Schriften von Pseudo-Apuleius und Sextus Placitus und ihre mittelalterliche Überlieferung).
  • Gundolf Keil: Pseudo-Apuleius. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 11, 2000, Sp. 12–125.
  • Irmgard Müller: Pseudo-Apuleius. In: Lexikon des Mittelalters. Band 7. Stuttgart 1999, Sp. 306.
  • Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 11–12.
  • Henry E. Sigerist: Zum Herbarius Pseudo-Apuleius. In: Sudhoffs Archiv. Band 23, 1930, S. 197–204.
  • Charles Singer: The Herbal in the Antiquity. In: The Journal of Hellenic Studies. Band 47, 1927, S. 1–52, hier: S. 37–48.
  • Karl Sudhoff: Szenen aus der Sprechstunde und bei Krankenbesuchen des Arztes in mittelalterlichen Handschriften. In: Sudhoffs Archiv. Band 10, 1916, S. 71–90.
  • Georg Swarzenski: Mittelalterliche Kopien einer antiken medizinischen Bilderhandschrift. In: Jahrbuch des kaiserlichen deutschen archäologischen Instituts. Band 17, 1902, S. 45–53 (Digitalisat).
  • Linda E. Voigts: The significance of the name Apuleius to the Herbarium Apulei. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 52, 1978, S. 214–227.

Weblinks[Bearbeiten]

Commons: Pseudo-Apuleius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

<references />

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