Psychasthenie
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| F48.8 | Psychasthenie |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Psychasthenie ist eine psychische Störung, die derzeit als („andere“) neurotische Störung (ICD-10 F48.8; ICD-9-CM 300.89) klassifiziert wird.
Der Terminus wurde von Pierre Janet 1903 durch Abwandlung aus „Neurasthenie“<ref name="thp-lex">Dieter Wälte, Miriam Stein, Michael Zaudig: Neurasthenie. In: Michael Zaudig, Rolf Dieter Trautmann-Sponsel (Hrsg.): Therapielexikon Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2006, ISBN 978-3-540-25606-9, S. 500 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.): „Janet (1903) gliederte aus dem breiten Neurastheniekonzept die →Hysterie aus und fasste einige dem ursprünglichen klinischen Bild zugehörige phobische oder zwanghafte Symptome zum Konzept der ‚Psychasthenie‘ zusammen.“</ref><ref name="zaudig-neur" /><ref name="ellenberger-511" /> eingeführt. Er gilt heute als veraltete Bezeichnung für geringe körperliche und psychische Belastbarkeit (als neurotische Störung),<ref>Jürgen Margraf, Wolfgang Maier (Hrsg.): Pschyrembel Psychiatrie, Klinische Psychologie, Psychotherapie. 2., überarbeitete Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-026258-2, Eintrag Psychasthenie, S. 700.</ref> die trotz ihres ICD-Codes in der Praxis nur noch selten verwendet wird<ref>Gerhardt Nissen: Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-608-94104-3, S. 283 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> oder gar „in Vergessenheit geraten“ ist.<ref name="schott-tölle">Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen. C.H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-53555-0, S. 574, Anmerkung 379 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref><ref name="haack">Hans-Peter Haack: Depressive Kernsymptome. Zeitgemäßes zum Begriff Depression. WFB-Verlagsgruppe, Bad Schwartau 2012, ISBN 978-3-86672-065-7, S. 58 (Volltext bei der DNB [PDF; 2,5 MB]): „Die Diagnose wird in der psychiatrischen Fachsprache nicht mehr verwendet wegen ihrer unscharfen Kontur.“</ref> Sprachlich ist er aus {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) psȳchḗ ‚Hauch, Atem, Leben, Lebenskraft, Seele, Geist, Gemüt‘<ref>Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch, zitiert nach Vorlage:Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache</ref> und ἀσθένεια<ref>Joh. Friedrich Jacob Reichenbachs allgemeines griechisch-deutsches und deutsch-griechisches Handwörterbuch zum Schulgebrauche. Band 2: M. Joh. Friedrich Jacob Reichenbachs allgemeines deutsch-griechisches Handwörterbuch zum Schulgebrauche: A–Z. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1818, Eintrag Kraftlosigkeit, S. 216 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> asthéneia ‚Schwäche, Kraftlosigkeit, Krankheit‘<ref>Asthenie. In: Wahrigs Herkunftswörterbuch. Abgerufen am 2. Februar 2020.</ref> (zu ἀσθενής asthenḗs ‚kraftlos, schwach‘)<ref>Asthenie. In: Duden online. Abgerufen am 2. Februar 2020.</ref> zusammengesetzt.
Janets Neurosentheorie[Bearbeiten]
In seiner Darstellung der Neurosen stellte Janet die Psychasthenie und die Hysterie – die beiden Begriffe standen zusammen mit der Neurasthenie im Zentrum der Diskussion der Neurosen zum Anfang des 20. Jahrhunderts – als „Hauptneurosen“ einander gegenüber<ref name="hauptneurosen" /> und ordnete Zwangsneurosen (Zwangsvorstellungen), Phobien, Gefühle der Unvollkommenheit, Skrupelhaftigkeit, Schüchternheit sowie Willens-/Antriebsschwäche der Psychasthenie zu.<ref name="thp-lex" /><ref name="zaudig-neur" /><ref name="ellenberger-511" /><ref name="schott-tölle" /><ref>Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. Mit einem englisch-deutschen Wörterbuch im Anhang. 6., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, München/Jena 2007, ISBN 978-3-437-15062-3, Eintrag Psychasthenie, S. 425.</ref><ref name="haack" /><ref></ref>
Weiterentwicklungen[Bearbeiten]
Carl Gustav Jung postulierte in seiner Persönlichkeitstheorie einen Zusammenhang zwischen Psychasthenie und Introversion. Im Falle des Ausbildens einer Neurose sollten Introvertierte zur Psychasthenie neigen, während Extravertierte typischerweise die gemäß Janet „entgegengesetzte Hauptneurose“ Hysterie entwickelten.<ref name="hauptneurosen" /><ref></ref><ref name="boerner">Reinhard J. Boerner: Temperament. Theorie, Forschung, Klinik. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2015, ISBN 978-3-642-39505-5, Abschnitt 4.3.1 Die Theorie von Eysenck, S. 73 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref>
Hans Jürgen Eysenck wiederum nahm in seiner Persönlichkeitstheorie, die er mit empirisch-statistischen Untersuchungen (Psychometrie, Faktorenanalyse) untermauerte, Jungs Gedanken auf. Den Ausdruck „Psychasthenie“ ersetzte er dabei durch „Dysthymie“.<ref name="boerner" /> („Dysthymie“ erlangte in der Folge eine andere, im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders und im ICD anders als die Psychasthenie eingeordnete Bedeutung, nämlich als depressive Störung.)
Über Emil Kraepelins Klassifikation psychiatrischer Störungen anhand möglichst objektiver Merkmale gelangte die Psychasthenie als eigene Skala (Kürzel Pt)<ref>MMPI-2 Scales. University of Minnesota Press, abgerufen am 5. Februar 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> in das Minnesota Multiphasic Personality Inventory.<ref name="krohne-hock">Heinz W. Krohne, Michael Hock: Psychologische Diagnostik. Grundlagen und Anwendungsfelder. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019080-1, S. 285 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Trotz der veralteten zugrundeliegenden Terminologie handelt es sich dabei um ein aktuell in Diagnostik und Forschung verwendetes psychologisches Testverfahren, nicht nur im ursprünglich ins Auge gefassten klinischen, sondern auch im Normalbereich.<ref name="krohne-hock" />
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Emil Kraepelin (1856–1926)
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Hans J. Eysenck (1916–1997) mit Gattin Sybil
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Pierre Janet, (Band 2 zusammen mit) Fulgence Raymond: Les obsessions et la psychasthénie. Alcan, Paris 1903, OCLC 14811139 (französisch, 2 Bände; 2. Auflage 1908/1911, OCLC 800168791).
- Nicolas Hoffmann: Zwänge und Depressionen. Pierre Janet und die Verhaltenstherapie. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1998, ISBN 978-3-642-64345-3, Kapitel 2: Psychasthenie, S. 23–163.
Weblinks[Bearbeiten]
- Psychasthenie im Duden online
- Psychasthenie im Lexikon der Neurowissenschaft von Spektrum.de
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references> <ref name="hauptneurosen"></ref> <ref name="zaudig-neur">Michael Zaudig: Entwicklung des Hysteriekonzepts und Diagnostik in ICD und DSM bis DSM-5. In: Regine Scherer-Renner, Thomas Bronisch, Serge K. D. Sulz (Hrsg.): Hysterie. Verständnis und Psychotherapie der hysterischen Dissoziationen und Konversionen und der histrionischen Persönlichkeitsstörung (= Psychotherapie. Band 20, Heft 1). CIP-Medien, München 2015, ISBN 978-3-86294-028-8, S. 29: „Er gab das Wort ‚Neurasthenie‘ auf, da es auf einer neurophysiologischen Theorie basierte, für die es seiner Ansicht nach keine Beweise gab. […] Die Psychasthenie wird aber ähnlich definiert wie die Neurasthenie von Beard (1881).“</ref><ref name="ellenberger-511"></ref> </references>